Artikel erschien am 4. August 2013 auf Westnetz.ch

ZHDK Filmleiter Markus Imboden, erklärt warum es gegeünber Stoffen Brutalität braucht

Schauspielführung ist eine grosse Kunst. Einer der sie gut beherrscht ist der Regisseur Markus Imboden, der seit einem Jahr ausserdem den Studiengang Film an der ZHDK leitet. Im Herbst kommt sein neuer Film „Am Hang“ ins Kino. Imboden über jammernde Männer und was er sich vom Regienachwuchs wünscht.

Markus Imboden, die Fachrichtung Film der ZHDK ist noch bis zum Umzug ins Toniareal an der Limmatstrasse 65, mitten im Kreis 5. Was verbindet Sie persönlich noch mit diesem Stadtteil von Zürich?

Der Kreis 5 war Schauplatz meines ersten Kinofilms, der an der Langstrasse spielte. „Bingo“ mit Ruedi Walter, Mathias Gnädinger und Robert Hunger-Bühler. Damals, um 1990 arbeitete ich mit Vega-Film von Ruth Waldburger zusammen, die ihr Büro an der Josefstrasse 106 hatte.

Sie sind seit Herbst 2012 Leiter des Masterstudiengangs Film an der ZHDK. Was macht der Studienleiter?

Die Hauptaufgabe ist die inhaltliche Strukturierung des Studiums: was bieten wir an, wie und wann. Wie findet man eine gute Balance zwischen Input für die Studenten und Selbststudium, welche Gastdozenten soll man engagieren. Und so weiter. Daneben gebe ich selbst Seminare in Schauspielführung. Hier lernen die Studenten szenisch zu arbeiten.

Wie war das erste Schuljahr für Sie?

Es ist spannend zu sehen, ob ein Ausbildungskonzept aufgeht oder nicht. Und es gibt Dissonanzen zwischen Vorstellungen und Realität. Das ist aufregend. Ich weiss jetzt schon, was ich das nächste Mal besser machen möchte und wie man etwas optimieren könnte.

Sie sind bekannt für Ihr Know-How bei der Schauspielführung? Wie bringt man das Schülern bei?

Die sechs Regiestudenten bekommen Szenen von mir und müssen diese mit professionellen Schauspielern konkret im Raum umsetzen, auf Video aufnehmen und diese kleinen Szenen zu einer Filmszene schneiden. Wir schauen uns das Resultat an, diskutieren, sehen Fehler und Gelungenes, und weil wir oft parallel die gleiche Szene machen, sehen wir auch unterschiedliche Möglichkeiten der Umsetzung. Das Wichtigste hierbei ist aber die Arbeit mit den Schauspielern. Die Studenten müssen mit ihnen arbeiten, mit ihnen reden und lernen, wie sie sich den Schauspielern verständlich mitteilen können. Und man muss lernen, szenische Lösungen zu finden.

Was ist Ihnen aufgefallen bei den Regie-Novizen?

Die Studenten wollen am Anfang immer viel zu viel. Nehmen wir eine simple Szene: Wir treffen uns hier und wollen ein Gespräch führen. Ich versuche keinen Mist zu erzählen, und Sie versuchen etwas herauszufinden. Und das ist eigentlich das, was wir in einer Szene spielen müssten. Die Studenten kommen aber dann noch mit Regieanweisungen, dass die Grossmutter von mir krank wäre, diese gerade beim Arzt war und auf die Diagnose warte, Sie eine Reise nach Marokko planen, aber nicht sicher sind, ob es denn mit dem neuen Freund gut gehen wird. Mit solchen Regieanweisungen überfordert man die Schauspieler. Man kann keine Geschichten spielen, sondern nur Zustände, Emotionen. Man will was, wie beispielsweise keinen Mist erzählen und merkt, dass das nicht gelingt, das löst ein Gefühl aus, zum Beispiel, dass ich mich schäme. Aber das will ich mir nicht anmerken lassen. Also versuche ich eloquent zu wirken. Sowas lässt sich spielen. Und das macht die Figur natürlich interessanter. Die Grossmutter hat mit der Situation überhaupt nichts zu tun. Das muss ich erkennen und darf die Schauspieler nicht auf den falschen Weg führen. Das ist etwas vom Schwierigsten.

Was beschäftigt Sie als Studiengangleiter am meisten?

Mental und emotional beschäftigt mich die Frage: Wie kann ich überhaupt Studenten beibringen, gute Filme zu machen. Das ist gar nicht so einfach. Vor allem weil die Studenten sehr eigenständig sind oder sein wollen. Das ist ab und zu auch etwas anstrengend. Da will man beratend zur Seite stehen, weil man ja viel Erfahrung hat und ihre Antwort ist dann: Das sehe ich anders, das will ich anders machen. Dieses „Anders- machen“ ist aber gar nicht inhaltlich begründet, sondern nur dem Ego geschuldet. In solchen Momenten frage ich mich manchmal schon, warum ich diesen Job mache und warum sie überhaupt zu mir kommen, um zu lernen. Wenn ich ihre ersten Filme anschaue, dann sind die auch nicht gut, oder noch nicht gut. Sie wissen eben noch nicht wirklich, wie es geht. Toll ist, wenn ich dann beobachten kann, wie sie Fortschritte machen. Die einen verbessern sich, andere stehen sich selber im Weg, bleiben stehen.

Ist ihre Aufgabe als Dozent auch, den Schülern zu helfen, ihre eigenen Visionen zu realisieren?

Wenn es Visionen sind, gerne. Nur müssen wir unsere Visionen auch überprüfen lernen. Bringt diese uns, den Film oder die Szene weiter? Macht das im Kontext der Geschichte Sinn? Ist eine andere Sicht auf den Stoff nicht eventuell interessanter? Hat mehr Potential? Passiert dann nicht mehr? Kann man den Zuschauer so nicht besser auf eine Reise mitnehmen? Oft wird nur das Nächstliegende in Betracht gezogen, das Gewöhnliche, das nicht überrascht. Figuren denken oft das Gleiche. Das macht Filme träge. Es wird nicht dramatisch erzählt, die Begegnungen zwischen den Personen führen die Geschichte nicht weiter, sie dienen reinen Zustandsbeschreibungen.

Was heisst dramatisch?

Dass Figuren was wollen vom anderen, was fordern, sich auch überfordern. Konflikte sichtbar werden. Und die Figuren sprechen. Die Geschichte entwickelt sich durch Dialog und Handlung und nicht durch Regieanweisungen. Dialoge spannend zu inszenieren kann man üben, indem man beispielsweise gute Theaterstücke inszeniert. Das versuche ich meinen Studenten zu vermitteln und lasse sie im ersten Semester beispielsweise den ersten Akt von Virginia Woolf inszenieren.

Was für ein Stellenwert hat das Drebuchschreiben?

Seit ich Studienleiter bin, bieten wir im Master neu den Studiengang Drehbuch an. Diese fünf Studenten machen nichts anderes als schreiben. Und die sind alle ziemlich lässig, sie wollen und können Geschichten erzählen, die sehr reichhaltig sind. Es ist erstaunlich zu sehen, welche Fortschritte diese Studenten bereits in einem Jahr gemacht haben. Wie sie geschickter werden im Erzählen und ein besseres Bewusstsein darüber haben. Jasmine Hoch, die Chefin der Sektion Drehbuch pflegt im übrigen eine sehr schöne Kultur: die Leute in der Gruppe lernen, über ihre Bücher zu reden und sie zu kritisieren ohne sich gegenseitig fertig zu machen.

Daniel Waser von der Zürcher Filmstiftung attestiert den Schweizer Filmstoffen, dass sie zu wenig radikal sind. Dass ein Konflikt nicht richtig ausgetragen wird. Wie sehen Sie das?

Ja, manche haben Angst vor Übertreibungen oder extremen Situationen, sie sind schon ziemlich brav.

Warum hört man hierzulande so oft, wie schlecht der Schweizer Film sei?

Weil wir offensichtlich den Hang haben, uns zu demütigen. Ich verstehe diese Haltung nicht und finde sie schwachsinnig. Schlechte Filme sind kein Schweizer Phänomen sondern ein weltweites. Wir sollten etwas unternehmen gegen dieses schlechte Selbstbild, zum Beispiel PR-Aktionen. Das erste, was Journalisten mich fragen ist: Warum ist der Schweizer Film so schlecht? Diese Frage kommt, bevor man überhaupt über etwas anderes redet. Da hat man als Schweizer Filmemacher schon von Beginn weg schlechte Karten.

Ihre Regie-Studenten beschäftigen sich mit dem Projekt „Käufliche Liebe in Zürich“, bei denen sie die Drehbücher der Autorenstudenten umsetzen. Worum geht‘s?

Es ist ein Episodenprojekt. Wir hatten ursprünglich den Drehbuchstudenten das Thema „Liebe in Zürich“ vorgeschlagen. Sie bekamen die Aufgabe realistisch erzählte Geschichten, die heute spielen, zu schreiben. Und keine Märchen. Die Drehbuchklasse hatte das Bedürfnis, das Thema einzuschränken, und hat über Prostitution, also käufliche Liebe geschrieben. Und so sind sechs ganz unterschiedliche Geschichten entstanden, die verschiedene Aspekte der käuflichen Liebe auf dem Schauplatz Zürich untersuchen.

Die eine Geschichte handelt von der Begegnung einer jungen Frau mit dem Rotlicht Milieu und ihrer inneren Ambivalenz zwischen Frivolität und enttäuschter Liebe. In einer anderen Geschichte gehen gelangweilte Teenager mit dem geklauten Cadillac eines Vaters auf Spritztour und gabeln im Suff eine Sexworkerin auf. Was war die Überlegung einen Episodenfilm zu machen?

Ich wollte, dass man sich gemeinsam einem Thema stellt und zwischen den Studenten ein Diskurs stattfindet darüber, mit welchen Mitteln man Geschichten erzählt, und wie. Dazu kommt, dass Kurzfilme kaum eine Chance haben ein grösseres Publikum zu erreichen. Das war auch der Grund, weshalb wir uns überlegt hatten, die Filme zu einem Langspielfilm in Episoden zusammen zu setzen.

Die Schweiz pflegt die Tradition des Autorenkinos. Spürt man das auch an der Schule?

Ja, und die Regiestudenten haben auch immer noch ein „Gstürm“ im Kopf, weil sie denken, als Regisseure müsste man auch Autor sein. Es fällt nicht allen leicht, fremde Stoffe zu akzeptieren. Das ist eine falsche Haltung. Ich muss mich doch als Regisseur generell für Geschichten interessieren. Es ist doch unwesentlich, ob die jetzt mir oder jemand anderem eingefallen sind.

Eigene Geschichten zu erzählen ist aber etwas anderes, als die Geschichten von anderen zu inszenieren.

Regie führen ist ein Beruf. Ich muss eine Szene lesen können, ich muss sie richtig analysieren und spüren, wie ich jetzt daraus einen Film mache. Da habe ich doch genug zu tun. Warum muss ich denn auch noch das Drehbuch schreiben? Das eigene Geschriebene erzeugt doch eine Bremse im Kopf und verunmöglicht, freier und virtuoser mit einem Stoff umzugehen. Weil man dann doch immer meint, man müsse die Moral der Geschichte vertreten. Wenn man nicht Autorenfilmer ist, kommt man weg vom Moralischen. Man kann eine gewisse Brutalität gegenüber dem Stoff haben, sodass er lebendig wird, kantiger. Wenn zum Beispiel alle Protagonisten nur gute Menschen sind, alles aufrechte Sozialdemokraten, dann werden diese Filme mit den immer gleichen eigenen Problemen doch todlangweilig.

Lesen Sie in der nächsten Folge: Markus Imboden über seinen neuen Film „Am Hang“, Bauernfilme und seine juristische Schlacht mit der Filmförderung des BAK.