Artikel erschien am 6. August 2013  bei Westnetz.ch

Regisseur Markus Imboden über Schweizer Film

Markus Imboden zu Koproduktionen,  Martina Gedeck und der juristischen Schlacht mit dem BAK

Markus Imboden, Sie leiten nicht nur den Studiegengang Film an der ZHDK. Sie sind auch ein erfolgreicher Regissuer. Mit Der Verdingbub“ realisierten Sie einer der erfolgreichsten Schweizer Filme der letzten Jahre. Wäre dieser Film ohne Koproduktion mit der norddeutschen Bremedia auch möglich gewesen?

Das war eine finanzielle Notwendigkeit, keine inhaltliche. Aber bei einem Schweizer Film mit einem Budget über 4 Millionen Franken ist eine Koproduktion mit dem Ausland zwingend. Alles was über 3 Millionen liegt muss koproduziert werden. Was im Übrigen schwierig ist, da die Leute in Deutschland gar kein Interesse haben an der Schweiz. Und vor allem braucht ein deutscher Fernsehsender einen Deutschland-Bezug. So war eine Weile auch der Vorschlag im Raum, einen Film über Schwabenkinder zu machen.

Wann ist eine Koproduktion sinnvoll?

Es kommt auf den Stoff an. Wenn man einen Film über dieses Kreuzfahrtschiff Costa Concordia dreht, das vor der italienischen Küste auf Grund lief, ist die produktionelle Öffnung zwingend nötig.

Wenn man also weniger auf Koproduktionen angewiesen sein will, braucht der Schweizer Film schlicht mehr Geld. Glauben Sie, dass die Erhöhung des Filmkredits beim Bund durchsetzbar ist?

Ich glaube, in erster Linie müsste man sich in den Arsch klemmen und interessantere Filme machen. Und nicht so komplizierte Förderstrukturen haben. In der Schweiz einen Film zu machen ist inzwischen dermassen affig kompliziert geworden. Man braucht in erster Linie einen Rechtsanwalt dafür (lacht).

Wieso?

Die Förderung beim BAK läuft völlig bürokratisch ab. Es ist ein Wunder, dass überhaupt noch Filme entstehen, die einigermassen lebendig sind. Es sind sehr verknöcherte Strukturen und die Technokraten haben das Sagen.

Ist das Schweiz spezifisch?

Nein, das ist überall dasselbe. Da sitzen Leute in Kommissionen und probieren der Welt ihren Stempel aufzudrücken. Es gibt bessere und schlechtere. Aber es ist schon sehr kompliziert. Ich habe so einen aktuellen Fall: Ich habe ein Drehbuch zu schreiben begonnen zusammen mit meinem Script Consultant Jasmine Hoch. Ich schrieb die erste Fassung, und sie schrieb dann weiter, gemäss ihrer Kritik. Sie hat nun die letzten beiden Fassungen geschrieben und letztendlich mehr geschrieben als ich, der das Fördergeld erhalten hat. Jetzt muss ich das Geld wieder zurückbezahlen, das ich für die Entwicklung bekommen hatte. Nur weil ich nicht daran gedacht hatte, dem BAK zu melden, dass ein Autorenwechsel stattgefunden hat. Dieser Rechtsstreit dauert jetzt schon ¾ Jahre. Die Korrespondenz mit dem BAK erinnert im Ton an einen Briefwechsel mit der Strafanstalt Böschwies. Ich sehe nicht ein, was ich falsch gemacht haben soll, ich handelte im Sinne des Films, engagierte jemanden, der das Buch verbessert. Schliesslich wollten sie ja, dass ich diesen Film mache. Der Begutachtungsausschuss hatte damals gesagt, sie möchten gerne diesen Film von mir sehen.

Im Herbst kommt Ihr neuster Spielfilm in die Kinos. Sie haben Markus Werners Bestseller „Am Hang“ adaptiert. Produziert hat ihn Brigitte Hofer und Cornelia Seitler von Maximage. Ein Kammerspiel, was ist das Cineastische an diesem Stoff?

Interessant, dass Sie mich das fragen. Eigentlich war meine Absicht nicht, etwas Cineastisches zu machen, sondern einfach diese Geschichte erzählen. Es ist ein Film, in dem viel geredet wird, ein Schauspielerfilm. Mich hat immer am Roman interessiert, dass zwei Männer über eine Frau reden, die nie vorkommt. Für den Film haben wir sie lebendig gemacht. So haben wir den Roman filmisch interpretiert und ihm eine neue Leseart gegeben. Nämlich, die Frau ist Opfer der Fantasie dieser Männer. Diese Männer sind mir nämlich ein wenig auf den Wecker gegangen. Im Buch sind es jammernde selbstbezogene Männerfiguren.

Im Tagi stand, dass ihre Lebenspartnerin Martina Gedeck dabei die Hauptrolle spiele, sei pikant. Was halten sie von dieser Einschätzung?

Das verstehe ich nicht. Was soll daran pikant sein? Martina ist eine der besten Schauspielerinnen Deutschlands. Es ist sehr spannend und eine Freude, mit ihr zu drehen Das ist jetzt unser siebter Film zusammen.

Sie drehen in der Schweiz und auch in Deutschland sehr viele TV Spielfilme. Was ist der Anreiz? Ausser dem Geld.

Ich kann drehen, etwas machen, was ich wirklich sehr gerne tue! Ich bin gerne mit den Schauspielern zusammen, mit dem kreativen Team. Ich kann Neues ausprobieren, kann Geschichten ausprobieren. Es sind bis heute dreissig Fernsehspiele geworden, und viele durfte ich drehen, als das deutsche Fernsehen gerade noch interessant war. Ich habe viel Erfahrung sammeln können, auf dem Set kann mich nichts mehr so schnell aus der Ruhe bringen. Ich fühle mich frei und unabhängig.

Für den Deutschschweizer Film ist der deutsche Markt sehr wichtig. Interessieren sich die Deutschen für Schweizer Film?

Die Schweizer sind den Deutschen irgendwie zu nah. Die interessieren sich wahrscheinlich mehr für Tibeter oder Rumänen als für Schweizer. Wir sind nichts Besonderes. Die Deutschen wissen doch nicht mal, dass es den Schweizer Film gibt. (lacht) Es interessiert die gar nicht. Das merkt man an der Berlinale, wo Ursula Meier mit „L’enfant d’en haut“ die grosse Ausnahme war.

Sie hat vor zwei Jahren einen Silbernen Bären gewonnen. Ist Swissness im Sinn der Schweizer Alpen ein Verkaufsargument im Ausland?

Nein, Filme verkauft man, weil man gut und interessant Geschichten erzählt. Und weil diese Geschichten übers Heute berichten. Ich verstehe allerdings, dass ein Bedürfnis an ländlichen Themen besteht. Was ich aber nicht verstehe, ist, dass die Filme von Pseudothemen handeln, die gar nicht authentisch sind. Man muss die wirklichen, existentiellen Themen behandeln. Wie zum Beispiel, dass man als Jugendlicher nicht weiss, wohin, dass es keine Lehrstellen gibt. Und ich kenne auch keinen gescheiten Film über das Leben eines Bauern. Ich finde die nämlich interessant, dass die täglich um vier in der Früh aufstehen, und was dort sozial abläuft. Aber wir sehen ja immer nur Jodelchöre und folkloristischen Schwachsinn.

Einige erklären die teils holprigen Dialoge im Schweizer Film mit der Schwerfälligkeit unserer Sprache. Was denken Sie?

Stimmt so nicht. Wenn man berndeutsche Lieder hört von „Stiller Has“ oder „Patent Ochsner“, „Züri West“, sieht man, wie elegant die Sprache sein kann. Die schlechten Dialoge sind schlecht, weil die Autoren keine Dialoge schreiben können, oder, was oft der Fall ist, die Fernsehredaktion verlangt, überklar zu formulieren, damit der Zuschauer auch folgen kann. Diese Dialoge wirken immer konstruiert. Meist werden sie noch auf hochdeutsch geschrieben, haben eine andere Syntax, und werden dann Wort für Wort für den Dreh ins Schweizer Deutsche übersetzt. So geht das natürlich nicht. Das kann nichts werden.

Philippe Täschler, CEO der kitag Kinobetreiber Gruppe sagte gegenüber Westnetz.ch, dass er Filme für Rentner in der Schweizer Filmproduktion vermisse.

Ich glaube „Am Hang“ ist ein Film für Rentner und für Leute über vierzig. Das ist kein Film für Achtzehnjährige. Die Hauptfigur ist ein älterer Mann, der eine Lebenskrise erlebt. (lacht) Ernsthaft, ich habe die dauernden Coming of Age Geschichten auch langsam etwas satt. Man sollte sich vermehrt Themen annehmen, die Leute über sechzig interessieren. Die heutigen Rentner sind oft Cineasten, die gingen Nouvelle Vague Filme gucken, Francois Truffaut und Jean-Luc Godard. Die sind alle noch rüstig und wissen nicht, warum sie aufhören müssen mit der Arbeit. Das sind wichtige gesellschaftliche Themen, die auch im Kino Platz haben sollten.