Der Artikel erschien am 11. August 2013 auf Westnetz.ch

Warum die VBZ eine Sozialberaterin hat

 In einem guten Betriebsklima arbeiten die Menschen besser und sind weniger krank. Indem ein Betrieb Invalidisierung verhindert, kann er bis zu einer halben Million Franken jährlich sparen. Dafür braucht es interne Sozialberatung. Bei der VBZ ist Brigitte Gerig Ansprechperson für die Probleme sämtlicher Mitarbeiter, vom Manager bis zum Garagisten.  Sie schildert, warum sie dennoch nicht Anwältin der Mitarbeiter ist und weshalb eine stereotype Sozialarbeiterin fehlplatziert wäre.

Mobbing ist ein Modebegriff. Das weiss auch Brigitte Gerig, Sozialberaterin der VBZ. Mitten im Satz steht sie kurz auf, um wohlweislich die Telefonumleitung zu aktivieren. Eine trennscharfe Linie zu ziehen, ist jedoch schwierig: „Es nützt nichts, wenn ich zu jemandem, der sich unfair behandelt fühlt sage, das ist jetzt aber noch kein Mobbing, sie können wieder gehen. Sondern dann sind Lösungen zu suchen, damit sich die Person wieder wohl fühlt am Arbeitsplatz.“ Das ist Aufgabe der internen Sozialberaterin.

An einer internen Impulsveranstaltung zum Thema „Mobbing am Arbeitsplatz“ diskutierten die Teilnehmer anhand von fiktiven Fallbeispielen, wie man Mobbing Vorfälle angehen soll. In einer ausgeprägten Mobbing Situation kann sich das Opfer nicht mehr wehren. Dann muss man das regeln, sonst wird der Betroffene krank. Aber nicht bei jedem Konflikt kann man gleich von Mobbing reden.

Ob das oft vorkomme, dass sich Mitarbeiter gegenseitig schikanieren? Brigitte Gerigs Blick schweift durch das karg eingerichtete Büro. Eigentlich herrsche ein gutes Arbeitsklima bei der VBZ, natürlich gebe es Konflikte, bei denen sie herbeigezogen würde. Sie berichtet von einem Vorfall, der sich bis zu Mobbing zuspitzte. Zwei Mitarbeiter am gleichen Arbeitsplatz konnten sich aufgrund einer Vorgeschichte – es ging wohl um eine private Angelegenheit – nicht mehr leiden. Die beiden attackierten sich dauernd verbal und schaukelten sich gegenseitig hoch. Der Vorgesetzte kam zur Sozialberatung. Er war ratlos. Er wusste nicht mehr weiter, er könne die beiden nicht zusammen zur Schicht einteilen. Beide Mitarbeiter fürchteten sich vor einander. Jeder hatte Angst, dass der andere irgendwann auf ihn losgehen könnte. Solche Situationen sind eher die Ausnahme bei der VBZ, aber da greift die Sozialfachfrau schlichtend ein. Ihr Vorschlag war, die beiden gemeinsam an den Tisch bitten. Da konnten sie sich gegenseitig sagen, was ihnen am andern nicht passt. Es stellte sich heraus, dass im Hintergrund eine ganze Gruppe den Streit anheizte und den einen der beiden anstachelte. Und dass Mobbing betrieben wurde. Am „runden Tisch“ konnten Regeln besprochen werden, wie die Umgangsformen in Zukunft sein müssen und dass bei Nichteinhalten die Konsequenzen für beide Parteien die gleichen sein könnten. Seit diesem Gespräch ist Ruhe eingekehrt und beide arbeiten immer noch im Betrieb. Vorgesetzte sind in Fällen wie diesem darauf angewiesen, sich auf eine neutrale Instanz und Fachstelle wie die betriebliche Sozialberatung abstützen zu können.

Im Dienst für den Menschen

Das „Blaue Haus“ ist ein kleines ehemaliges Wohnhaus auf dem Areal des VBZ Hauptsitzes an der Badenerstrasse in Altstetten. Hier im zweiten Stock ist Gerigs Reich, das sie sich mit dem Case Management und mit der Stiftung Behinderten Transporte Zürich BTZ teilt. Mit einer 70 Prozent-Stelle kümmert sie sich um etwa 2400 Mitarbeitern sämtlicher Hierarchiestufen, sowie deren Angehörigen.

Gerig ist eine neutrale Ansprechperson für sämtliche psychosozialen Belange wie familiäre Konflikte, Scheidungen oder Alkoholismus, oder auch finanzielle Nöte. Gerig unterstützt die VBZ Angestellten nicht nur in ihrer Arbeits- sondern ganzen Lebenssituation. Konkret kann sie jeder Mitarbeiter um ein individuelles Beratungsgespräch bitten. Sie untersteht der beruflichen Schweigepflicht, die Beratungen sind streng vertraulich und unentgeltlich. Zu Gerings Aufgabenbereich gehört auch die Vorbereitung auf die Pension.

Seit 1991 bietet die VBZ eine interne Sozialberatung an. Initiant war der damalige Personalchef, der bereits in den Achtzigern das „Sozialwesen“ eingeführt hatte. Seit Januar 2010 ist Gerig bei der VBZ. Früher arbeitete die diplomierte Sozialarbeiterin beim Sozialamt Schlieren. „Betriebliche Sozialberatung sind begehrte Jobs“, so Gerig. „Die Beratungsthemen sind sehr vielfältig und erfordern ein breites Fachwissen. „Man braucht immer wieder innovative Ideen, wie man die Themen unter die Leute bringt, beispielsweise in Form von Präventionskampagnen oder Workshops. Die Sozialberatung ist dem Personalchef unterstellt, hat keine Weisungsbefugnis aber innerhalb ihres Fachbereichs arbeitet sie selbstverantwortlich. „Bei der Sozialberatung handelt sich um eine neutrale Stelle. Ich sollte beratend eine Lösung finden, mich aber keinesfalls parteiisch verhalten. Ich bin nicht einfach die Anwältin der Mitarbeiter, sondern muss auch für das Unternehmen denken“, stellt sie pragmatisch fest. „Klar setze ich mich für die Anliegen der Mitarbeiter ein. Aber gewisse Rahmenbedingungen des Unternehmens sind gegeben. Gegen diese kämpfe ich mit dem Mitarbeiter nicht an, sondern versuche die Person zu gewinnen, dass auch sie diese akzeptieren kann. Es kommt aber vereinzelt schon vor, dass Mitarbeiter finden, ich würde ihnen nicht helfen, weil ich mich in einem Konflikt mit einem Vorgesetzten nicht auf ihre Seite stelle.“ Es ist eine grosse Herausforderung sich in den Dienst der Mitarbeiter zu stellen, ohne dabei die Ziele der Unternehmung zu unterlaufen.

Eine Frau im Männerclub

Der Frauenanteil liegt bei der VBZ bei 17 %. Nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, dass der grosse Teil der Mitarbeiter auf technischen Berufen arbeiten: In der grossen Zentralwerkstätte, mit den technischen Abteilungen, der hauseigenen Schlosserei, der Schreinerei, dort wo die Fahrzeuge instand gehalten werden, arbeiten kaum Frauen. Was unterscheidet sie von anderen Sozialberaterinnen? „Ich komme aus einer Bähnlerfamilie“ sagt Gering, „ich bin wohl näher an den Schienen als andere.“ Ihr Grossvater und ihr Vater waren Lokomotivführer bei der SBB. Und ebenso ihr Bruder, auch ihre Nichte fährt jetzt bei der Rigibahn. Gerig ist mit dem Alltag von Verkehrsbetrieben aufgewachsen, was ihr im Umgang im Verkehrsbetrieb hilft. „Es braucht das richtige Gespür für die Kultur eines Unternehmens.“

Zur VBZ würde wirklich keine stereotype Sozialarbeiterin passen, die nach Räucherstäbchen riecht und ihre Socken selbst strickt. Aber es ist gut, dass es eine Frau ist. Letztes Jahr lief eine Aufklärungskampagne zum Thema „Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz“. Da kamen dann fragen wie: „Müssen wir jetzt den Pirelli Kalender im Büro abhängen?“ Im Fall von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz bezieht Gerig klar Position für die Mitarbeiterin. Gerigs Tonfall wird sehr bestimmt. „Es geht dann zunächst nicht um die Details, ob es nun wirklich so gewesen ist, wie es die Betroffene schildert. Oder ob es letztlich doch etwas weniger schlimm oder gar nicht so gemeint war. Die Frau, die damit zu mir kommt, hat es so erlebt. Mein Job ist nicht, dass ich dem anderen auf die Finger klopfe, sondern ich schaue, was die Mitarbeiterin braucht und was sie dagegen unternehmen möchte“. Gerig klärt in einem oder mehreren Gesprächen ab, ob die betroffene Person eine Meldung machen will, oder ob es ein einmaliger Vorfall war, den sie selber regeln kann. Es sind überwiegend verbale Übergriffe. “Mir werden allerdings nicht viele solche Fälle zugetragen“

Möglichst flächendeckend über Pflichten und Rechte aufzuklären ist wichtig für ein gutes Betriebsklima. „Die Leute müssen wissen, es gibt eine Ansprechperson für sie, und die bin ich.“ Nebst Informationskampagnen organisiert sie Schulungen für Führungskräfte. Sie möchte Kaderleute für gewisse Probleme, wie sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz oder Alkoholmissbrauch sensibilisieren.

Burnout verhindern

Bei Unfällen, verfügt die VBZ über ein ausgereiftes Care Konzept. Das VBZ Care Team ist am Unfallort und zuständig für den betroffenen Tram- oder Buschauffeur. Momentan wird jedoch die Nachbetreuung neu organisiert. In Zukunft übernimmt die Sozialberaterin zusammen mit einem Case Manager diese Aufgabe. Wie muss man sich eine Nachbetreuung vorstellen? „Das beinhaltet die gesamte Betreuung im Zusammenhang mit Schock und Trauma. Ich kläre bei der betroffenen Person in einem Gespräch ab, wie es ihr geht, was sie belastet und wer sie im persönlichen Umfeld unterstützt. Und informiere sie darüber, dass bestimmte Reaktionen in den ersten Tagen normal sind, wie schlecht schlafen, träumen, dauernd daran denken. Erst wenn sich das nach einer gewissen Zeit nicht legt, rate ich zu einer psychologischen Unterstützung. Es gilt abzuschätzen, inwiefern das Risiko zu einer posttraumatischen Störung besteht.“

Gerig kümmerst sich auch um Prävention und Früherkennung, etwa bei Alkoholismus oder Erschöpfungsdepressionen. Neben der Sozialberatung kümmert sich das umfangreichere Case Management um erkrankte Mitarbeiter. Ziel für das Unternehmen ist bei komplexen Gesundheitsstörungen von Mitarbeitern diese möglichst optimal zu versorgen und wieder zu integrieren. Welche Kosteneinsparungen die VBZ dank dieser Präventionseinrichtungen von Case Management und Sozialdienst kalkuliere, könne man kaum mit klaren Zahlen belegen. Dass sich die Sozialberatung auch ökonomisch ausbezahlt, lässt sich kaum belegen und wenn, dann erst im Nachhinein. „Wie willst du das in Zahlen messen, wenn wir Präventionsarbeit leisten? Man kann da nur spekulieren und Hochrechnungen anstellen.“ Fest steht aber für Gerig: „Zu einer modernen Unternehmensführung gehört eine interne Ansprechperson für psychosoziale Belange.“ Auch der Leiter des Case Management Heinz Hof betont die Schwierigkeit, die Rentabilität von solchen Präventionsbestrebungen im Gesundheitsmanagement. Seit einigen Jahr forscht man sehr intensiv im Bereich des betrieblichen Gesundheitsmanagements. Studien der ETH Zürich belegen die Annahme, dass Krankheitsprävention und Konfliktmanagement sich auch langfristig wirtschaftlich ausbezahlen. (LINK:http://www.poh.ethz.ch/) Heinz Hof nennt ein einfaches Beispiel, um die Rentabilität aufzuzeigen: Verhindert man eine Invalidisierung, spart man für den Betrieb unter Umständen eine halbe Million Franken. Soviel kostet nämlich eine vollinvalide Person im Schnitt. Studien der ETH gehen davon aus, dass das Fünffache der Investitionen für Präventionsbestrebungen wieder zurück in den Betrieb fliesst. Im Moment ist sie aber immer noch von der Einschätzung der Unternehmensführung abhängig wieviel man investieren will. So muss auch eine Sozialberatung von der obersten Hierarchiestufe getragen werden und als integrierter Bestandteil der Betriebskultur gesehen werden.

Langweilig werde es ihr bei ihrem Job sicher nie, meint Brigitte Gerig, die sich jetztauf ihre wohlverdienten Ferien in den Bündner Alpen freut.

foto: donat bräm