Artikel erschien am 28. Mai 2013 bei Westnetz

Interview mit Filmemacherin Sabine Gisiger

Sabine Gisiger ist eine der wichtigsten Persönlichkeiten im Schweizer Dokumentarfilm. Ihre Filme „DO IT“, „Gambit“ oder „Guru – Baghwan, His Secretary and His Bodyguard“ sind preisgekrönt. Sie erzählt, was sie an hohen Mauern reizt, von Tonmanipulationen beim SRF denkt und über die Lust an der Wahrheitssuche.

Ihre Kinodokumentarfilme DO IT, Gambit und Guru wurden international bekannt und mehrfach augezeichnet. Lebt es sich gut vom Dokumentarfilm in der Schweiz?

Nein. Also, wenn Sie vom Finanziellen sprechen, nicht. Ich lebe vom Unterrichten an der ZHDK und von Reportagen für das Fernsehen. In der Schweiz kann man nur vom Dokumentarfilm leben, wenn man selbst produziert. Was ich ja nicht tue.

Sie arbeiten jeweils mit Produktionsfirmen wie Dschoint Ventschrund im Moment für Das Kollektiv für audiovisuelle Werke. Was ist der Vorteil nicht selbst zu produzieren?

Ich bin froh, dass ich mich nicht mit Budget und Verträgen herumschlagen muss. Vor allem aber schätze ich die inhaltliche Auseinandersetzung, und das Gefühl, unterstützt zu werden, jemanden an der Seite zu haben, dem das jeweilige Projekt ebenso viel bedeutet wie mir

Filmplakat „Gambit“, 2005

Was reizt Sie an der Arbeit für das Fernsehen?

Ich habe sicher ein Reporterinnenherz und bin von Natur aus neugierig. Diese Seite kann ich bei journalistischen TV Gefässen wie der Rundschau ausleben. Es ist grossartig: Als Reporterin darf man überall hin und alle Fragen stellen. Reporterin zu sein ist die einzige Legitimation, die man dazu braucht. Man kann auf alle Leute zugehen, die einen interessieren. Das hat mein Leben sehr bereichert. Ich bin weit rumgekommen und durfte mich mit den verschiedensten Themen befassen. Das ist ein enormes Geschenk. Beim freien Dokumentarfilm geht es um eine andere Qualität von Neugierde. Ich kann dort den Dingen wirklich auf den Grund gehen. Und das braucht viel mehr Zeit und Raum, was beim TV nicht möglich ist.

Ich stell mir die Recherchen für ihre Filme sehr aufwändig vor. Wie lange recherchierten Sie jeweils?

Viele Monate. Zeit und Raum brauchen aber nicht nur die Recherchen der Fakten und Materialien, sondern auch die Entwicklung eines Standpunktes, eines Blickes und später eines Konzepts. Auch die Erforschung des gedrehten Materials im Schneideraum braucht viel Sorgfalt und Zeit.

Von Kinodokumentarfilmen kann man also nicht leben. Was ist ihr Motor?

Beim Kinofilm kann ich in die Tiefe gehen, mich mit einem Stück Realität befassen, einen subjektiven Blick darauf werfen und einen Weg finden, wie ich davon erzählen will.

„Gambit“ und die Chemiekatastrophe von Seveso

Ihre letzten Kinofilme waren 2005 „Gambit“ und 2010 „Guru“. Ersterer rekonstruiert die verheerende Giftkatastrophe von Seveso 1976, bei der der damalige technische Direktor eines Basler Chemiekonzerns, Jörg Sambeth verantwortlich gemacht wurde. Mir scheint, Ihnen geht es oftmals um Gerechtigkeit und die Rehabilitation von Menschen, denen Unrecht widerfahren ist. Stimmt das?

Ich möchte in erster Linie Grundfragen nachgehen, die mich interessieren, indem ich eine Geschichte erzähle. Es ist eine Chance, genau hinzusehen. Sie sprechen von Rehabilitation. Das kann man so sehen, das war aber nicht mein Ansporn. Ich sagte mir nicht, so, Frau Gisiger, jetzt rehabilitieren wir mal den Herrn Sambeth. Auf „Gambit“ kam ich folgendermassen: Während der Weihnachtsferien 2003 las ich den Roman „The Constant Gardener“ von John le Carré. Der übrigens auch wunderbar verfilmt wurde. Darin geht es um die Basler Chemie und ihre Versuche mit Medikamenten in Afrika. Mich liess das nicht mehr los, ich fragte mich, ob das wirklich wahr ist, was le Carré da beschreibt. Es wurde mir bewusst, wie wenig wir überhaupt über die Pharmakonzerne wissen. Wie hoch deren Mauern sind. und wie wenig wir dahinter sehen.

Und dann beschlossen Sie, hinter die Mauern zu schauen?

Nein, noch nicht. Gleich nach den Festtagen kam Samir von Dschoint Venture auf mich zu. Er hätte ein Manuskript von einem Verlagshaus bekommen. Es sei zwar Fiktion, aber ob ich das mal lesen wolle. Er glaube, es hätte Wahrheitsgehalt darin. Es drehte sich um die Chemieindustrie. Das war für mich wie ein Zeichen, und ich begann zu recherchieren. Bald wurde mir klar, dass es sich um den Fall Seveso handelte. Jörg Sambeth’s Motivation war, die Geschichte mit mir zusammen noch einmal sorgfältig aufzuarbeiten. Ich sagte ihm von Anfang an klar, dass der Film mein Blick auf ihn und seine Geschichte wäre. Damit war er einverstanden. Mich interessierte die Suche nach möglichen Wahrheiten. Zu verstehen, wie die Dinge zu Stande kamen, und zwar nicht nur auf einer wirtschaftspolitischen Ebene, sondern vor allem auch auf privater Ebene. Ich habe von klein auf einen Widerwillen gegen Ungerechtigkeit. Ich kann nicht genau sagen, woher das kommt. Aber das hat mich immer sehr angetrieben.

Filmstill „Gambit“ : Jörg Sambeth

Die Suche nach Wahrheit ist ja sehr komplex. Das Schweizer Fernsehen gibt für TV-Dokumentarfilme und Reportagen klare Regeln vor. Ein Sachverhalt muss ausgewogen darstellt, also von verschiedenen Seiten beleuchtet werden und darf keine subjektive Haltung einnehmen. Wie denken Sie darüber?

Ich finde das richtig. Das Schweizer Fernsehen hat als öffentlich-rechtliche Sendeanstalt einen klaren Auftrag. Da geht es um möglichst ausgewogene Informationen und weniger um subjektive Wertung. Da gibt es einen klaren Unterschied zwischen dem künstlerischen Kinodokumentarfilm und den journalistischen Gefässen beim Fernsehen. Im Kino darf ich die Realität gestalten und einen subjektiven Blick auf sie werfen. Bei journalistischen Formaten, gerade bei einem öffentlich-rechtlichen Medium, muss ich wenigstens den Versuch unternehmen, ausgewogen zu berichten. Ich glaube nicht an absolute Objektivität oder an absolute Ausgewogenheit. Aber es gelten Sorgfaltsregeln. Dass man in einer Konfliktdarstellung beide Seiten zu Wort kommen lässt, zum Beispiel. Das finde ich journalistisch nützlich und beim Publikum schafft das Vertrauen. Dieser Vertrag mit dem Zuschauer ist wichtig.

Sie sind Historikerin mit Doktorentitel. Was hat Sie eigentlich von der Wissenschaft zum Film gebracht?

Ich sag das jetzt nicht aus Koketterie, aber ich hatte nie den expliziten Wunsch, Dokumentarfilme zu machen. Ich bin da rein gerutscht, wie ins meiste in meinem Leben. Als ich noch an der Uni Geschichte studierte, brachte mein Vater eine Super 8 Kamera aus Japan mit. Mein damaliger Freund Kaspar Kasics, der heute auch Dokumentarfilmer ist, und ich gingen dann in einen Super 8 Kurs in der Migros Klubschule. Das war meine einzige Filmausbildung. Wir drehten dann zusammen Super 8 Dramen. Nach meinem Geschichtsstudium wollte ich mit dem Medium Film arbeiten. Jemand riet mir, mich beim Schweizer Fernsehen zu bewerben. Das war glaube ich 1987. Ich hatte damals nicht wirklich einen Bezug zum TV. Ehrlich gesagt, schaute ich fast nie. Ich bewarb mich beim TV und wurde für ein Praktikum bei „Schweiz Aktuell“ eingestellt. Ich hatte einmal mehr grosses Glück, Das war zur Zeit als man im Leutschenbach realisierte, dass es fast keine Frauen auf den Redaktionen gab. Ich war 28, hatte einen Doktor in Geschichte und Lust Filme zu machen.

Ihre Dissertation, die sie gemeinsam mit der späteren Kulturplatz-Chefin Regula Bochsler schrieben, untersucht die Geschichte der Dienstmädchen. Warum?

Wir verstanden uns als engagierte Feministinnen. Wir dachten: So, jetzt haben die Jungs die letzten 20 Jahre die Geschichte der Arbeiterbewegung aufgearbeitet. Aber es gab ja im 20.Jahrhundert nicht nur Arbeiter, also Männer, sondern auch unterprivilegierte Frauen. Dienstmädchen zu werden, also „Dienende Weiblichkeit“ zu erlernen, war die klassische Sozialisation der Frauen aus ländlichen Gebieten oder Arbeiterfamilien.

War es eigentlich schwierig von der akademischen Sprache, die oftmals etwas umständlich ist, zum Fernsehjournalismus zu finden?

Nein, ich musste nicht erst vom akademischen Ross runter kommen. Wir hatten schon mit unserer Arbeit zur Geschichte der Dienstmädchen ganz stark den Wunsch, dass auch die Frauen, über die wir schreiben, unsere Dissertation lesen können und verstehen. Wir veröffentlichten deshalb eine populärwissenschaftliche Fassung der Dissertation beim Chronos Verlag. Es bestand also schon vor meiner Zeit beim Fernsehen der Wunsch, so zu erzählen, dass ich die Leute erreiche. Es wäre für uns eine mehr als schräge Vorstellung gewesen: Wir schreiben jetzt über diese Dienstmädchen. Die hatten es schwer, mussten oft unten durch. Und jetzt werden sie Opfer der Geschichtsschreibung, weil sie nicht mitbekommen, was über sie geschrieben wurde. Ich bin überzeugt, man kann für jeden noch so komplexen Sachverhalt Worte finden, so dass es die Leute verstehen, auch wenn das nicht immer leicht ist. Aber ich habe vom universitären Elfenbeinturm und dem Exklusiven nie viel gehalten. In dem Sinne war für mich die Arbeit als TV-Journalistin kein fremder Prozess.

Aber beim TV ist man inhaltlich wie formal eingeschränkt?

Oft muss man sehr komplexe Sachverhalt extrem eindampfen. Das bereitet mir bis heute Schwierigkeiten. Die Reduktion, die das Medium vorgibt, finde ich bis heute immer wieder schwierig bis schmerzhaft.

Filmstill „Guru“

Filmstill „Guru“: Baghwan und seine Sekretärin Sheela Birnsteel

In „Guru“ erzählen Sie und mit Co-Autor Beat Häner die Geschichten von ehemaligen Jüngern des indischen Kommunenführers Bagwhan. Deren Odysse endete jeweils in persönlicher Verzweiflung. Sie behandeln in ihren Filmen nebst der Frage nach Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit auch die grossen Fragen der menschlichen Existenz. Also nicht unbedingt Unterhaltung für die Massen. Steht man beim Dokumentarfilm denn nicht unter dem Druck der Zuschauerzahlen?

Die Budgets und damit das Risiko sind vielleicht geringer. Der Erfolg von Dokumentarfilmen, liegt aber nicht unbedingt in hohen Zuschauerzahlen, wie bei Unterhaltungsfilmen aus Hollywood. Auch wenn nicht Hunderttausende ins Kino gehen, die Filme führen beim Publikum, das sie mag und sie im Kino, an Festivals, auf DVD oder als Video on Demand sieht, zu neuen Gedanken und intensiven Diskussion. Der grosse Wunsch für unsere Filme ist deshalb Tiefe.

Woran arbeiten Sie gerade momentan?

Zur Zeit arbeite ich an einem Film über den weltberühmten kalifornischen Schriftsteller und Psychoanalytiker Irvin Yalom, der mich sehr bereichert hat. Er schrieb Lehrbücher und Romane, die ich alle gelesen habe. Dank seiner Bücher verstehe ich mich sowie die Menschen besser. Ich möchte einen Film machen, der dem Publikum das gibt, was mir seine Bücher gegeben haben. Der Film behandelt alle grossen Lebensfragen. Er ist eine Reise in unsere Psyche und gleichzeitig erzählt er die spannende Lebensgeschichte eines faszinierenden Mannes. Ich bin meinem Produzenten Philip Delaquis sehr dankbar, dass er spontan bereit war, sich auf dieses Projekt einzulassen. Obwohl auch ihm von Anfang an klar war, dass es in vielerlei Hinsicht ein waghalsiges Unternehmen wird.

Die Möglichkeiten der digitalen Bild- und Tongestaltung sind inzwischen so weit fortgeschritten, dass man sehr viel manipulieren kann. Es stellt den Dokumentarfilm vor ganz neue Fragen, was Authentizität ausmacht. Welche Gefahren sehen Sie in den digitalen Möglichkeiten?

Ich bin „old school“ und nutze kaum digitale Bildbearbeitung. Ausser der Farbkorrektur, um das Bild auf der Leinwand optimal zur Geltung bringen. Aber Bilder inhaltlich manipulieren, tue ich nie. (denkt nach) … Ah doch, einmal bei „Gambit“. Beim Schauplatz in Südfrankreich, der Wahlheimat des Protagonisten. Da hatten wir eine Nachtaufnahme vom Dorf bei Vollmond gedreht. Leider ist der Vollmond auf dem Material missraten. Und da haben wir ihn in der Postproduktion wieder rein gemalt. Das ist aber das einzige Mal, wo ich gemogelt habe. (lacht) Ich arbeite seit über 20 Jahren mit der Kamerafrau Helena Vanières zusammen. Sie arbeitet nach dem analogen Prinzip. Im Sinne von: Wir stellen uns die Bilder vor und suchen sie dann in der Realität.

Weit weniger als über digitale Bildmanipulation wird über Tonmanipulation gesprochen. Kürzlich kam raus, dass das Schweizer Fernsehen, bei einer Live Fussball Übertragung den Ton manipuliert hatte. Die Fans bestreikten das Spiel, worauf das Schweizer Fernsehen die Fanrufe aus dem Archiv holte, damit es sich für die Zuschauer wie ein richtiges Spiel anfühlt. Was halten Sie von solchen Manipulationen der Realität?

Ich musste lachen. Aber Sie haben recht, über Tonmanipulation wird weniger gesprochen, obwohl oder weil sie viel schwieriger erkennbar ist.

Wie weit gehen Sie, um die gewünschte Stimmung zu erzielen?

Weit! Ich versuche meine Geschichten mit allen zur Verfügung stehenden Mittel der filmischen Erzählkunst so gut zu erzählen, wie es mir nur möglich ist. Ich suche dabei aber immer die Wahrhaftigkeit. Die Frage, wie weit manipuliere ich den Ton oder das Bild ist zweitrangig. Sie kommt erst nach der Frage der Haltung. Dass man sich überlegt, welche Haltung nehme ich gegenüber den Leuten vor der Kamera ein, oder gegenüber dem Gegenstand. Man muss sich bewusst werden, was einen motiviert, sich mit einem bestimmten Thema auseinander-zusetzen. Diese Prozesse haben sehr viel mit Selbstreflexion zu tun.

Muss man als Dokumentarfilmerin mit sich also komplett im Reinen sein, um einen guten Film zu machen?

Nein, Sie können einen super Film machen, aber Sie müssen sich einfach bewusst darüber sein, dass Sie mit sich nicht im Reinen sind. Am besten kann man das anhand von Tabus erklären: Ist für mich als Filmemacherin der Tod ein Tabu, kann ich mit Ihnen als Protagonistin nicht über den Tod reden. Vielleicht drängt sich aber das Thema im Film auf, wenn ich ein Porträt mache und für Sie der Tod offensichtlich ein Thema ist. Sie werden aber nicht über den Tod sprechen, weil ich Sie nicht danach frage. Schliesslich denken im Kino die Zuschauer, warum in aller Welt sagt sie jetzt nichts zum Tod? Das ist wohl ihr Tabu. Falsch! Es ist das Tabu der Filmemacherin. Tabus zerstören die Kommunikation und somit den Film. Das versuche ich auch meinen Studenten zu vermitteln.

Sie sind Dozentin an der ZHDK. Inwiefern lernen Sie von der jüngeren Generation?

Ich habe eine Tochter, die ist jetzt 20. Von ihr lerne ich viel. Es freut mich, wenn ich sehe, wie sie in ihr Leben findet. Es interessiert mich, wenn sie erzählt, wie sie und ihre Freundinnen und Freunde die Welt sehen. Es ist für mich wichtig und schön, einen Bezug zur nachkommenden Generation zu behalten. Auch meine Schüler sind inspirierend. Sie betrachten viele Dinge auf eine ganz andere Weise. Sie haben andere Kriterien oder Themen, die ich wiederum sehr spannend finde. Manchmal haben sie super Ideen, auf die ich selbst nie gekommen wäre.

Wenn im Unterricht ein Student eine in Ihren Augen ganz schlechte Idee hat sagen Sie dann, das ist falsch so?

Ich versuche, mir das wenn möglich zu verkneifen, was aber nicht immer gelingt. Manchmal denke ich einfach: Das ist jetzt doch sonnenklar, dass das so zu machen ist, und nicht so. Wenn ich mich dann nicht zurückhalten kann, ist das pädagogisch natürlich kein Höhepunkt. Ich bin aber wenigstens keine beleidigte Leberwurst, wenn meine Ratschläge nicht befolgt werden. Und was ich sicher auch nicht mache: Meine Studierenden in Niederlagen rein schlittern zu lassen, die ich aufgrund meiner Erfahrung voraussehe. Es ist eine Herausforderung, abzuwägen, wann ich ihnen meine Meinung sage. Wenn es um künstlerische Entscheide geht, um Geschmacksfragen, dann sollte man sich als Lehrperson natürlich weniger einmischen.