Aus der Reihe „Cinema Cinque – Film im Foifi: Regisseur Peter Luisi

Die Filme des Zürchers Peter Luisi sind schräg, rührend und nie konventionell. Und sie beweisen, dass man mit wenig Geld gute Geschichten erzählen kann. Wie „Boys Are Us“ der diese Woche im Kino Riffraff startet. Peter Luisi (37) über Teenie Liebe, respektlose Filmkritiker und mutlose Schweizer Konsenskultur.

Peter Luisi, jetzt startet ihr Film Boys Are Us“, der vom Liebeskummer eines Teenager Mädchens handelt. Warum dieser Film?

Der Film handelt nicht nur von der Liebe, sondern auch von Eigenverantwortung und emotionaler Gewalt. Diese geht im Grunde jeder physischen Gewalt voraus. Dieses Thema ist sehr wichtig. Es wird viel zu wenig angesprochen in Filmen und in den Medien. Das grosse Thema Liebe ist bei Teenagern gut angesiedelt. Die erste Liebe erlebt man meistens als Teenie, und da sind die Gefühle viel dramatischer. Denn in diesem Alter ist die Liebe an die grossen Fragen des Erwachsenwerdens gekoppelt. Wie gehe ich mit der Enttäuschung und dem Schmerz um. Diese Frage stellt sich die Protagonistin Mia in ihrem Liebeskummer. Ihre ältere Schwester Laura hat die vermeintliche Lösung gefunden: Ganz einfach, du darfst dich nicht mehr verlieben. Das ist allerdings auch keine Lösung für Mia. Und so versucht sie sich für einen Weg im Umgang mit ihrer Verletzung zu entscheiden.

Der Rat der Schwester spricht ja für eine verbreitete Tendenz in unserer Gesellschaft, grossen Gefühlen und somit auch dem Schmerz möglichst auszuweichen. Ist dieser Film ein Statement gegen diese Vermeidungsstrategien?

Ja. Aber solche Strategien bringen uns nicht weiter. Wir alle tragen seelische Narben, die von Verletzungen aus früheren Beziehungen herrühren. Aber diese sollen uns nicht davor verschliessen, weiterhin zu leben und uns zu verlieben. Mia und auch Timo haben an ihren Körper Narben, als Verbildlichung dieser emotionalen Narben.

Und wie geht Mia mit ihrem Schmerz um?

Sie hat drei verschiedene Auswege aus dieser Verletzung. Entweder führen diese in die Zerstörung oder in die Heilung. Die habe ich dann dramaturgisch umgesetzt.

Sie haben eine spezielle Erzählform gewählt.

Ich habe die Rolle des Jungen mit drei verschiedenen Schauspielern besetzt, die dann diese drei möglichen Auswege verkörpern. Es ist ein Experimentalfilm. Ich wusste am Anfang überhaupt nicht, ob mein Drehbuch funktionieren würde. Schliesslich ist der Film jetzt aber genauso, wie ich gehofft hatte.

Und was funktioniert anders, als wenn Sie ihn konventionell umgesetzt hätten?

Ein guter Film sollte nicht moralisch erzählen, sondern dem Zuschauer Raum lassen, selbst Schlüsse zu ziehen. Wenn du etwas schaust, und du hast dauernd das Gefühl dir wird etwas mit dem moralischen Zeigefinger mitgeteilt, ist das Schwachsinn. Aber wenn der Zuschauer die Geschichte selber erfährt und die Figuren erlebt, hat er mehr davon. Er hat sich vielleicht bereits ein Urteil über eine Figur gebildet, das sich aber während dem Zuschauen erlebbar wandelt.

Spielt der Film damit, dass wir alle andauernd unsere Wahrheit in andere projizieren?

Jede Figur lädt den Zuschauer ein, in ihn zu projizieren. Der Film hält dem Publikum quasi den Spiegel vor, wie es einen Film normalerweise aufnimmt. Das ist das Experimentelle am Film. Du kannst zwar intellektuell nachvollziehen, dass die drei Jungs ein und dieselbe Figur sind, gefühlsmässig sind sie aber verschieden.

Also, kein klassisches Identifikationskino.

Nein, und das ist eine Schwierigkeit von „Boys Are Us“. Intellektuell hat man irgendwann zwar verstanden, dass die drei Schauspieler ein und dieselbe Figur sind. Emotional aber nicht.

Bei wem wird der Film ankommen?

Wir haben Test Screenings gemacht. Wie auch schon bei meinem letzten Spielfilm „Der Sandmann“, der kam sehr gut an bei Leuten ab 25, die Jungen konnten damit weniger anfangen. Und bei „ Boys Are Us“ ist genau das Gegenteil eingetroffen: Bei den Jüngeren kommt der Film viel besser an.

Gehen Teenager heute überhaupt noch ins Kino? Und das Riffraff, hat als Zielgruppe ja ncht gerade Teenies.

Ja, ins Riffraff geht eine andere Zielgruppe. Dafür aber eine sehr Film interessierte Gruppe. Und in Zürich läuft er auch im Arena Kino im Sihlcity.

Er lief in Chicago, dem ältesten Filmfestival mit Wettbewerb in den USA. Wie kam es dazu?

Ich hatte das Glück, dass eine Programm Verantwortliche meinen letzten Film, „Der Sandmann“ sehr mochte, weshalb sie „Boys Are Us“ gesichtet hat. Damit hat der Film die erste grosse Hürde geschafft. Es ist nämlich alles andere als selbstverständlich, dass eine programmverantwortliche Person den Film sichtet. Ein Festival wie Chicago hat über 3500 Einreichungen. Da ist es eine Glückssache, ohne Referenz in ein Festivalprogramm zu kommen.

Somit war „Der Sandmann“ ein Türöffner?

International ja. In der Schweiz hat mir eher „Verflixt verliebt“ die Türen geöffnet.

Sie haben eine eigene Produktionsfirma. Haben Sie Produktion studiert?

Nicht direkt, ich habe in den USA Filmproduction studiert. Das beinhaltet einfach, dass man alles lernt, was es braucht, um einen Film zu realisieren. Bezüglich Verträge war ich damals nicht so gut. Aber da kann man sich ja Rat holen, wie zum Beispiel bei Claudia Sontheim vom SSFV.

Verflixt verliebt“ war Türöffner in der Schweiz. Das heisst konkret?

Der Film war eine Visitenkarte. Dank ihm wurde ich von Produktionsfirmen als Filmemacher wargenommen.

Wann wussten Sie eigentlich, dass Sie Filmemacher werden wollen?

Etwa mit 15.

Sie waren damals an der Rudolf Steiner Schule. Steiner Schülern wird nachgesagt, dass sie nie lernen, sich in eine Leistungsgesellschaft zu integrieren. Wo erlernten Sie die notwendige Disziplin, Filme zu realisieren?

Um Filme zu machen, braucht es einen inneren Drang. Und du musst sehr eigenmotiviert sein. Es braucht diese Dringlichkeit, die von dir selbst kommen muss. Und diesen inneren Drang kann man sowieso nicht an einer Schule lernen. Und wenn das Bedürfnis gross genug ist, hat man auch die notwendige Disziplin.

Wann drehten Sie ihren ersten Film?

Mit 19 habe ich meinen ersten Spielfilm gedreht, eine Katastrophe. Den will ich nicht meinem schlimmsten Feind antun.

Als Sie 19 waren gab es in der Deutschschweiz noch keine Filmschule.

Genau, das war Mitte der Neunziger Jahre. Ich wollte immer nach Amerika in eine Filmschule, und dann sagte mir jemand, Du, es gibt jetzt auch eine in Zürich. Dann habe ich mir das ein wenig angeschaut, fand es aber eher unsexy. Damals wusste ich halt nicht, dass es eine gute Schule ist.

Und was führte Sie denn ausgerechnet nach North Carolina?

Mit meinen „keine Noten“ der Steinerschule kam ich dann eben auch an keine Filmschule in den Staaten. Dann studierte ich während zwei Jahren in einem regulären College, bevor ich dann mit guten Noten an einer Filmschule in Kalifornien aufgenommen wurde.

Warum kamen Sie zurück in Schweiz? Um Filme zu machen?

Die Schweiz ist mein Zuhause. Ich dachte, ich komme mal zurück, und versuche hier etwas aufzubauen. Ich gründete im Jahr 2000 meine Firma. Und es lief von Anfang an gut. Hatte aber immer den Hintergedanken, eines Tages in die USA zurückzukehren. Währenddessen sah ich, wie meine Kollegen in Amerika zwar auf grösseren Produktionen arbeiteten, aber immer als Assistent des Assistenten des Assistenten. Und das jahrelang. In den USA dauert es sehr lange bis man endlich in eine Position kommt, in der man kreative Entscheidungen treffen kann.

Sie kommen aus der Tradition des Autorenfilms. Ist das ein Vorteil gegenüber den Produktionen, wo die Arbeitsteilung sehr strikt ist?

Ja, ich kann als Regisseur und Produzent den Film viel besser kontrollieren.

Aber Sie tragen auch mehr Verantwortung. Und Sie haben noch nie einen Herstellungsbeitrag vom Bundesamt für Kultur, dem BAK erhalten. Auch das Schweizer Fernsehen zögerte mit Unterstützung. Woran lag das?

Ich weiss es nicht. Ich glaube, die Förderungen haben nicht gerne, wenn der Regisseur selber produziert. Sie sagen zwar immer, Autorenkino sei wichtig, aber unterstützen es dann doch nicht. Für „Der Sandmann“ erhielten wir glücklicherweise einen Koproduktionsbeitrag vom Schweizer Fernsehen. Das war aber immer noch nur ein Bruchteil eines normalen Budgets.

Wie kompromissbereit sind Sie bei einer Produktion ihres Stoffes?

Ich bin ein Pragmatiker. Aber ich mache so wenige Kompromisse wie möglich. Wenn man zu viele Kompromisse eingeht, macht man einen Scheissfilm. Geht man aber nie welche ein, macht man auch nie einen Film.

Im Fall von „ Boys Are Us“?

Da musste ich nicht viele Kompromisse eingehen. Die Geschichte erfordert kein grosses Budget. Ich hatte etwas Geld. Dieser Film hätte aber Förderung kriegen sollen. Und zwar, weil er mit einer Geschichte etwas wagt. Er ist eben kommerziell orientiert, aber nicht dumm.

Leben Sie gut von der Filmerei?

Ich habe tiefe Fixkosten. Ich habe halt keine Familie zu ernähren, wohne in einer Einzimmerwohnung. Seit etwa 2010 darf ich mich aber nicht mehr beklagen, da habe ich gut bezahlte Werbejobs gemacht. Und seither geht es auch finanziell bergauf. Kann mich nicht beklagen.

Klagen die Schweizer zu viel?

Dafür, was wir hier haben, bestimmt. In Amerika wird kein einziger Film gemacht, ohne dass jemand daran glaubt, man könne damit viel Geld verdienen. Das ist eine schlechte Ausgangslage für einen guten Film. Dass die Schweizer eine Förderung haben, ermöglicht Projekte zu wagen, die dann vielleicht nicht viel Geld machen. Nicht nur vielleicht, sondern sehr wahrscheinlich. (lacht) Natürlich hofft man auf Einnahmen, aber es ist erlaubt, keine zu machen. In andern Ländern ist das nicht okay.

Ab 2012 trat beim Bundesamt für Kultur das neue erfolgsabhängige Förderkonzept in Kraft. Nun sind auch die Teilnahme an wichtigen internationalen Festivals berücksichtigt. Wie erleben Sie das?

Gut, weil die Erfolgsrechnung eines Films nicht mehr nur von der Anzahl der Kinoeintritte abhängig ist. Es wird auch anerkannt, wenn ein Film an Festivals läuft.

Wie erleben Sie die Schweizer Fördermentalität?

Das Problem ist, es entscheiden Kommissionen, die aus fünf bis sieben Leuten bestehen. Was aus einem Konsens heraus entsteht, ist meist Mittelmass. Dazu kommt, ein Stoff muss ja nicht nur zu einer Kommission, sondern zu mindestens dreien, um den Film auszufinanzieren. Ich will aber nicht jammern, es ist Luxus, dass wir das überhaupt haben. Aber klar, es ist frustrierend, wenn man nie Geld bekommt.

Fänden Sie ein Intendantensystem besser, wo eine Person für einen Förderbeitrag verantwortlich ist?

Ja. Das ist jetzt eine gewagte Aussage. Oder wenigstens nur drei Leute pro Kommission. Eine zusätzliche Erschwerung ist das Reglement, dass in den Kommissionen beim BAK alle drei Landessprachen vertreten sein müssen: Deutsch, Französisch und Italienisch. Es sollten separate Kommissionen sein.

Sie treiben oft private Fördergelder auf, was aber nicht ganz einfach ist. Warum geht das generell nicht einfacher?

Weiss ich nicht. Ich fände es super. Aber es ist wohl zu wenig glamourös für Investoren. Man kann einfach zu wenig Geld damit verdienen. Es ist glaub spannender für einen Investoren, wenn sie auf den grossen Jackpot hoffen können. In Amerika kommt das immer wieder vor.

Das heisst, es könnte theoretisch ja funktionieren?

Ja, aber nicht mit Schweizerdeutsch.

War das der Grund, warum Sie „Love Made Easy“ in den Staaten machten?

Nein, nicht ganz. Den wollte ich ursprünglich in der Schweiz drehen, aber das BAK hat uns kein Geld gesprochen. Die ZFS, die Zürcher Filmstiftung hat Förderung gegeben. Und dann stand ich da mit einem Film, der nicht aus finanziert ist. So hätte ich das Geld der ZFS zurückgeben müssen, weil das BAK nicht dahinterstand. Und wenn du Geld von der ZFS hast, bist du gemäss Förderreglement dazu gezwungen, 150% von dem Geld das du bekommen hast in Zürich auszugeben. Da mobilisierten mich meine Freunde in Kalifornien. Dreh ihn hier in Amerika und wir finden die restliche Finanzierung dann schon. Was dann leider nicht klappte.

Und dann?

Dann musste ich ohne Geld in den USA drehen und mehr Geld als ich hatte in Zürich ausgeben. Da habe ich einige schlechte Entscheidungen getroffen.

Ein Flop?

Ja, das muss man nicht schön reden.

Was haben Sie für eine Beziehung zum Scheitern?

Ich finde in der Schweiz haben wir tendenziell eine seltsame Beziehung zum Scheitern. Hier fehlt der Mut zum failure, zum Versagen. Das läuft in Amerika anders. Auf die Fresse zu fallen, gehört dort dazu. Hier ist eine Haltung stark verbreitet betreffend Film: Es gibt solche, die können es eben, und solche, die können es halt nicht. Aber so einfach ist es nicht. Klar, mit einem gewissen Talent und viel Erfahrung steigt die Chance, einen guten Film zu machen. Aber es gibt extrem talentierte Leute, die extrem schlechte Filme machen. Und ab und zu kommt mal wieder etwas Grossartiges. Das gehört einfach dazu.

Was spielen in dieser mangelnden Fehlerkultur die Filmkritiker für eine Rolle?

Man darf auch negative Kritik üben. Ich reg mich nur auf, wenn die Kritik generalisierend wird oder persönlich. Auch, wenn Schauspieler persönlich angegriffen werden. Ich ziehe Formulieren vor wie „es ist ihr oder ihm nicht geglückt“ anstelle von „sie oder er ist halt so und so“…das liest man immer wieder. Eine respektvolle Filmkritik wird nie persönlich.

Haben Filmkritiker keine Ahnung von der Produktion?

Nein, das ist nicht der Grund, aber sie sollten sich mehr bewusst sein, welche verantwortungsvolle Aufgabe sie haben. Bei meinem Film „Verflixt verliebt“ habe ich mich extrem aufgeregt, da arbeitete ich zwei Jahre hart an einem Film, und dann kommt ein Journalist einer Gratiszeitung und fasst schon mal die Geschichte des Films komplett falsch zusammen. Bevor man etwas beurteilt, in das jemand zwei Jahre seines Lebens investiert hat, sollte man sich zumindest drei Stunden Zeit nehmen, um sich genau mit dem Film auseinander zu setzen.

Ist die Digitalisierung für Sie Fluch oder Segen?

Für mich ist das grossartig. Früher konnte man ja keinen Film unter einer Million drehen. Die Kamera kostete ein Vermögen und jede Sekunde Film zehn Franken. Der Sandmann haben wir auf einem Fotoapparat gedreht, der 2’500 Franken kostet.

Und die Postproduktion wird nicht aufwendiger?

Nein, es ist billiger. Meinen neuen Film schneide ich auf dem Laptop auf meiner Reise. Da werde ich halbtags schneiden. Früher musste man für jeden Effekt ins Labor, das kostete ein Vermögen. Jetzt ist es mehr die Schwierigkeit, wenn du einen Film machst, dass ihn überhaupt jemand schaut, weil einfach so viele Filme gemacht werden.

Was sagst du jungen Nachwuchsfilmern über die Realität da draussen?

Die meisten Jungen gehen an eine Filmschule, weil sie Regisseur werden wollen. Manchmal merken sie, dass ihre Stärken woanders liegen. Es gibt viele, die es selbst merken, dass Regisseur vielleicht gar nicht der Traumberuf ist. Du wirst dauernd kritisiert, musst Kompromisse machen. Es ist schon so, in der Filmschule lernt man Fellini und Bergmann und dann kommst du aus der Schule und kannst froh sein, wenn du eine Schokoladentaler Werbung machen kannst.

An was arbeiten Sie jetzt?

Momentan mach ich zusammen mit Patrick Karpiczenko eine Sketch Serie fürs Schweizer Fernsehen „Twist“, die ab 9. Juni am Sonntag Abend auf SRF 1 zu sehen sein wird. Und Anfang Jahr habe ich einen neuen Kinospielfilm gedreht, „Schweizer Helden“, eine Tragikkomödie in der eine Gruppe von Asylbewerbern den Wilhelm Tell aufführt. Aber der kommt erst in der Weihnachtssaison 2014 ins Kino. Also habe ich noch etwas Zeit.