Artikel erschien am 8. April 2013 bei Westnetz.ch

Frank Braun und sein Kino Riffraff

Die Erkundungstour durch die Film-Industrie im Kreis 5 führt zu erst ins Kino Riffraff. Frank Braun, Mitgründer und Ko-Geschäftsleiter der Neugass Kino AG, erzählt wie das Riffraff in den Kreis 5 kam und wo die Zukunft des Independent-Kinos liegt.

Frank Braun, wie kam das Kino Riffraff an die Neugasse?

Uns wurde diese Liegenschaft zugetragen. Zuletzt war da ein Spielsalon eingemietet, die mussten aber aufgrund des kantonalen Verbots von Spielautomaten schliessen. Von der damaligen Hausbesitzerin konnten wir zusammen mit der Stiftung für günstigen Wohn- und Gewerberaum PWG die Liegenschaft als Stockwerkseigentumsgemeinschaft übernehmen. 1998 eröffnete das Kino Riffraff mit zwei Sälen und einer Bar. Später kamen mit dem benachbarten Neubau noch zwei weitere Säle und ein Bistro dazu-Wieder in Stockwerkeigentum, dieses Mal mit der Lifä AG. Es ist also nicht so, dass die Neugass Kino AG alleinige Eigentümerin dieser Liegenschaft wäre und mit Mietwohnungen zusätzliche Geschäftsziele verfolgt.

Wer sagt das?

Dieses Gerücht ist mir schon zu Ohren gekommen.

Wie entstand das Projekt Kino Riffraff?

Da muss ich jetzt etwas ausholen. Die Projektidee hat ihren Ursprung in Wollishofen. Den Betrieb des Kinos Morgental übernahm 1991 eine Genossenschaft, deren Initianten aus dem Umfeld des „Videoladens“ stammten, einem Filmproduktionsgruppe, die wiederum auf die Jugendbewegung der Achzigerjahre zurückgeht. Ich stiess zur Geschäftsleitung des Morgentals, nachdem ich zuvor beim Kino Xenixgearbeitet hatte. Als erster Festangestellter.

Was machten ehemalige 80er im Morgental? Einem verstaubten Quartierkino in Wollishofen?

Die Motivation, das letzte Aussenquartierkino der Stadt Zürich zu übernehmen, war folgende: Wir wollten einen Ort für Kinofilme bieten, die sonst nicht oder zu wenig zum Zug kamen. Wir betrieben das Kino bis 2002, danach kam es zu keiner Vertragsverlängerung.

War denn Mitte der Neunzigerjahre absehbar, dass das Morgental schliessen würde, oder wie kamt ihr auf die Idee, in den Kreis 5 zu ziehen?

Nein, 1995 war das Ende des Kinos Morgental nicht absehbar. Aber uns war mittlerweile klar geworden, dass wir, um längerfristig als Kinobetreiber bestehen zu können, einen zweiten Standort brauchten. Das Kino Morgental war ein idealistisches Projekt mit hohen Programmansprüchen, dass aber kostendeckend zu funktionieren hatte. Dies allein wäre schon Herausforderung genug gewesen. Zusätzlich hatten wir starke Konkurrenz, den Standortnachteil Wollishofen und vor allem nur einen Saal.

Das heisst?

Um als Kino konkurrenzfähig zu sein und den Zuschlag für einen neuen Film zu erhalten, muss man optimale Bedingungen bieten können, das bedeutet einen möglichst grossen Saal, möglichst viele Vorstellungen und gute Aussichten, um Woche für Woche zu verlängern. Solange Nachfrage besteht. Aber bei einem grossen Saal ist mit abnehmenden Eintritten die nötige Auslastung rasch unterschritten. Um einem neuen Film Platz zu machen bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder den laufenden Film ganz absetzen und damit einen Film vorzeitig „abzuwürgen“. Oder ihn mit weniger Vorstellungen zu verlängern – aber damit den neuen Film zu benachteiligen.

Was taten Sie dagegen?

Mit einem einzigen Saal ist man in vielerlei Hinsicht im Nachteil. Deshalb haben wir beim Riffraff gleich von Beginn weg zwei verschieden grosse Säle geplant. Und als weiteres Plus eine integrierte Bar. Nach der Riffraff-Eröffnung 1998 teilte sich die Genossenschaft Morgental und die Neugass Kino AG die Geschäftsstelle an der Neugasse 10. Und ich hatte zwei Arbeitgeber.

Das Riffraff hat ja vor allem eine Ausstrahlung als Treffpunkt, der Kino und Gastro verbindet.

Naja, die Verbindung von Gastronomie und Kino haben wir ja nicht erfunden. Aber wir haben es architektonisch in eine ziemlich einzigartige Form zusammengebracht.

Welche Prognose stellen Sie fürs Independent Kino in der Schweiz?

Der Marktanteil ist im Verhältnis zum Mainstream stabil geblieben. Ich sehe die Zukunft nicht so düster.

Die Digitalisierung stellt aber die Kinobranche vor grosse Herausforderungen.

Das traditionelle 35mm-Format war ein analoges Überbleibsel in einer weitgehend digitalisierten Filmindustrie. Wir Kinobetreiber haben uns aber lange gegen die Digitalisierung gewehrt, weil diese Umstellung mit hohen Investitionen verbunden war. Wir konnten prima mit der Qualität des 35mm-Formats arbeiten.

Und warum tun Sie das nicht mehr?

Dass der „Point of no Return“ kommen würde, war klar. In der Branche wurde jahrelang um Finanzierungsmodelle gerungen, damit die hohen Investitionskosten nicht allein an den Kinos hängen bleiben. Das ist weitgehend gelungen, sodass heute fast alle Kinos in der Schweiz die Filme digital vorführen können.

Ging die Rechnung auf?

Nun ja, die Kinobranche nagt nicht am Hungertuch – noch nicht. Die Digitalisierung bringt für die Kinobranche auf den ersten Blick nur Vorteile. Aber die Besucherzahlen stagnieren seit Jahren und sind tendenziell rückläufig. Nicht aber der Filmkonsum, der steigt ja kontinuierlich.

Heute schauen ja schon viele Leute zuhause Filme, Leinwand und Beamer kosten nicht mehr die Welt. Und dank Netzpiraterie findet man ja viele Filme, die hier noch nicht im Kino laufen.

Es ist absehbar, dass das Kino seinen traditionellen Anspruch auf die Erstauswertung von Filmen – eigentlich längst ein alter Zopf – definitiv verlieren wird. Das wird die wirklich grosse Herausforderung für die Kinos, wenn Filmneuheiten – legal! – auf allen Kanälen gleichzeitig verfügbar sein werden.

Wie äussert sich das zur Zeit?

Die Schutzmechanismen, die eben diesen Primeuranspruch in der Auswertung garantieren, werden immer durchlässiger. Früher war klar, dass man mit der DVD wartet, bis der Film in den Kinos ausgespielt ist. Jetzt wird ein Titel bereits legal per VoD im Internet angeboten, wenn er noch im Kino läuft.

Was sind die Folgen der digitalen Revolution für die Kinobranche?

Die Kinoprogrammation ist viel flexibler geworden. Man muss heute keine 20 Kilogramm schweren Filmrollen mehr transportieren. Ein digitales Datenpaket (DCP) kannst du beliebig kopieren und den Kinos auf einen Server spielen. Jedes Kino hat jetzt seine Library. Die einzelnen Filme werden dann über einen Code freigeschalten, den der Lizenzinhabe, bzw. der Verleiher, dem Kino liefert.

Die Anzahl Neustarts ist enorm angestiegen. Man spricht sogar von einer Filmschwemme. Verleiher erhöhen die Anzahl Kopien für einen Film. Was halten Sie von diesen Mehrfachstarts?

Die strapazieren den Markt extrem. Verleiher wie auch Kinobetreiber sollten vernünftig sein und Mass halten. Man muss aus den schlechten Erfahrungen lernen, die zeigen, dass es so auf Dauer nicht funktionieren kann.

Was funktioniert nicht?

Die forcierte Mehrfachbelegung von Kinosälen durch einen Film ist eine bewährte Praxis aus dem Mainstream-Kino, ganz nach dem Motto „take the money and run“. Der Film wird gleichzeitig überall angeboten, um mit grösstmöglichem Knall zu starten. Ein Mainstream-Film muss in der ersten Woche das grosse Geschäft machen. Denn schon in der Woche darauf folgt der nächste Hit. Kino nach dem Durchlauferhitzer-Prinzip. Das war schon früher so, hat sich aber mit der Digitalisierung verstärkt. Diese Auswertungslogik wurde nun auch in den Independent-Sektor übertragen, was aber vollkommen daneben geht. Der Independent-Markt hat andere Spielregeln. Traditionell tickt er stets anderst, nicht zuletzt auch darum, weil er ein anderes Publikum bedient. Die aktuelle Entwicklung ist kurzsichtig und droht diesen fragilen Markt kaputt zu machen. Natürlich gibt es auch im Independent-Bereich Filme, die in einer Stadt wie Zürich das Potenzial haben, in mehreren Kinos zu laufen. Aber heute wird es zur Regel, auch mit Independent Filmen in mehreren Kinos zu starten. Die Verleiher sagen sich: lieber eine Kopie zu viel, als eine zu wenig. Und die Kinobetreiber, an der Entwicklung auch nicht ganz unschuldig, sagen sich: wenn die Konkurrenz den Film nimmt, dann will ich ihn auch.

Können Sie Beispiele nennen?

Kürzlich konnte man das an Jagten oder The Master sehen, die beide nicht exklusiv im Riffraff liefen. The Master startete mit vier Kopien in Zürich. Wir haben zwar die besten Resultate erzielt. Aber es ist für alle beteiligten Kinos – auch für uns – nicht aufgegangen. Die Säle waren nicht genügend ausgelastet.

Kann man auf Vernunft hoffen, oder bleibt es beim frommen Wunsch?

An einem überhitzten Markt kann eigentlich niemand interessiert sein. Mit immer höheren Kopienzahlen beim Filmstart stehen sich alle gegenseitig im Weg. Immer mehr Leinwände werden vom selben Titel blockiert und Neuheiten lösen sich immer schneller ab. Ergo schwindet die Vielfalt des Filmangebots und im Bezug auf den einzelnen Film die Aussicht auf eine Kinoauswertung über längere Zeit. Verleiher und Kinobetreiber sitzen im selben Boot, haben aber unterschiedliche Interessen, die sich hier beissen: Verleiher wollen einen hohen Umsatz. Kinos eine hohe Auslastung. Mit der Verteilung auf mehrere Kopien kommen die Verleiher schneller zu ihrem Ziel, den Kinos kappt es aber die wichtigen Umsatzspitzen beim Filmstart. Langfristig wird es auch für die Verleiher nicht aufgehen. Denn bisher bilden bei der von Woche zu Woche zu bestimmenden Verlängerung eines Films die erzielten Zuschauerzahlen die Verhandlungsbasis. Wenn diese beim Start aufgrund der zu hohen Kopienzahlen für die einzelnen Kinos zu tief sind, schwindet die Motivation des Kinobetreibers den Film zu halten.

Die Programmation wird kurzfristiger.

Ja, das ist der Fluch dieser Entwicklung. Die Kadenz ist immer höher, die Spitze ist schneller abgeschöpft und man wirft immer schneller neue Filme nach. Das ist die totale Überforderung des Publikums. Es zählt nur noch der grösste Hype. Und was nicht gleich einschlägt, hat keine Chance sich zu etablieren.

Was tun Sie, wenn Sie einen Film spielen wollen, den aber kein Schweizer Verleiher gekauft hat?

Dann versuche ich zuerst einen Verleiher zu gewinnen, indem ich ihm garantiere, dass ich ihn spielen werde. Ich versuche dabei auch realistisch abzuschätzen, wie der Film laufen wird. Aber ich selbst kaufe keine Filmrechte.

Haben Sie noch nie einen Film gespielt, der keinen Schweizer Verleih hatte?

Doch, das ist ausnahmsweise vorgekommen. Das muss ich mir immer gut überlegen, da es mehr Aufwand generiert. Neben den Verhandlungen bedeutet dies immer auch den Film selber lancieren zu müssen. Für Marketing und Promotion ist sonst normalerweise der Verleiher zuständig.

Warum haben Sie es in Kauf genommen? Aus Idealismus?

Ja, vielleicht. Teils aber auch, weil ich fand, dass er perfekt ins Profil unseres Kinos passte. Oder weil sonst einfach gerade zu wenig Filme im Angebot waren. Oder weil dadurch eine interessante Beziehung zu einem ausländischen Produzenten oder Verleiher gepflegt werden konnte.

Was antworten Sie kritischen Stimmen, die sagen, dass Sie einen Film nicht ohne Verleiher ins Kino bringen dürfen?

Da kann ich mich aufs Gesetz berufen. Fürs eigene Kino darf ich Filme einführen. Ich darf sie einfach nicht anderen Kinos weiter verleihen. Verleiher können ja auch nicht unbeschränkt Filme kaufen. Sie können nur so viele Filmlizenzen kaufen, wie sie vermarkten können. Und sie müssen die richtige Mischung finden. Dasselbe gilt für mich. Ich brauche ebenso eine Balance zwischen – sagen wir mal – Milchkühen und hartem Brot. Es gibt Filme, die gegenüber anderen das zigfache an Eintritten generieren. Das kann man übrigens ziemlich gut abschätzen. Es gibt selten Überraschungen diesbezüglich.

Wozu denn das harte Brot, wenn man das ganze Kino mit Milchkühen bespielen könnte?

Schön wär’s. Die Antwort ist einfach: Es gibt nun mal viel mehr hartes Brot als Milchkühe.

Was war denn so eine Milchkuh?

Nach 15 Betriebsjahren ist da doch schon eine ganze Herde von Kühen zusammen gekommen. Aber ich erinnere mich insbesondere an eine ganz spezielle im zweiten Betriebsjahr: Festen gab soviel her, dass wir die Milchkuh selber gar nicht ausmelken konnten. Um Platz für einen Neustart zu machen, kam es soweit, dass wir den Film unseren Kollegen von der Arthouse Kette weiter reichten.

Wie erkennt man denn eine Milchkuh?

Das Filmgeschäft ist und bleibt ein „risky business“. Prognosen sind kein Mysterium, wenn es etwa Referenzzahlen aus anderen Ländern gibt, wo der Film bereits gestartet ist. Oder wenn Faktoren mit messbarem Marktwert mit im Spiel sind, wie Cast, Regie etc., oder wenn es sich um eine Bestseller-Adaption, ein Sequel handelt. In solchen Fällen ist gut informiert zu sein schon die halbe Miete. Kniffliger und spannender ist’s, wenn die Sache auch auf den zweiten Blick nicht eindeutig ist. Da braucht’s schon einen guten Riecher und ein glückliches Händchen obendrein.

Wer hat denn diesen Film entdeckt?

Das war die Filmcoopi, ein Verleih mit dem wir regelmässig zusammen arbeiten.