Artikel erschien am 15. April 2013 bei Westnetz.ch

Wolfgang Blösche von Filmcoopi

Filmcoopi ist einer der wichtigsten Independent-Verleiher der Schweiz. Begonnen hatte man in den Siebzigerjahren als engagierte Filmcooperative, die Dokumentarfilme zeigte. Wolfgang Blösche, seit rund dreissig Jahren im Geschäft. erzählt über die Gratwanderung zwischen Business und Idealismus.

Wofür steht Filmcoopi?

Filmcoopi steht für den anspruchsvollen europäischen Film. Amerikanische Filme haben wir fast keine, und wenn, dann sind es solche mit europäischem Zuschnitt. Und natürlich kommen uns keine rassistischen oder sexistischen Filme ins Haus

Was heisst europäischer Zuschnitt?

Spontan: Filme, die nicht die traditionellen amerikanischen Klischees bedienen, die sich ans europäische Kino der 70er Jahre anlehnen. Gemeint sind aber auch Regisseure, die eine kritische Distanz zum „american way of life“ haben.

Inwiefern ist Filmcoopi ein unabhängiger Verleih?

Wir verfügen zwar über ein internationales Netzwerk mit zugewandten Verleihern wie zum Beispiel X Filme in Berlin, aber wirtschaftlich sind wir komplett unabhängig.

Wie hat sich die Konkurrenz der Schweizer Verleiher in den letzten zehn Jahren verändert?

Die Verleiherlandschaft ist bis vor kurzem von der Anzahl Verleiher her immer etwa gleich geblieben. Interessanterweise erleben wir im Moment die Geburt diverser neuer Verleihaktivitäten.

In ihrer Jubiläumsschrift von 1992 heisst es: 20 Jahre Filmcooperative sind auch 20 Jahre Gratwanderung zwischen kulturellem Engagement und kommerziellem Ruin. Wie geht es Ihnen heute?

Wir sind noch mal um einige Erfahrungen reicher, hatten bei „Amelie de Montmartre“ über 700‘000 Zuschauer und unseren bisher erfolgreichsten Film. Wir haben mit einigen Regisseuren freundschaftliche Beziehungen aufgebaut und uns in der Nische behauptet.

Die Anzahl Neustarts hat sich in den letzten fünf Jahren fast verdoppelt. Was bedeutet das für Sie?

Nicht nur die Anzahl Filme hat sich vermehrt, auch die Anzahl Kinoleinwände. Das Publikumsverhalten hat sich stark verändert. Es tut sich immer mehr eine Schere auf zwischen Spitzenfilmen, die super laufen und der grossen Mehrheit an Filmen. Früher hat sich das Publikum zahlenmässig besser auf alle Filme und Säle verteilt. Heute ziehen nur etwa die Top Five Filme: Einige Blockbuster und der eine oder andere Independentfilm, der mit bekannten Namen aufwarten kann. Alles dazwischen, die breite Mitte, bricht mehr und mehr weg.

Warum ist das so?

Kino ist viel mehr zu einem Event geworden und es gibt einen regelrechten Run auf das Startwochenende. Das war früher nicht so extrem. Dieses Verhalten führt dazu, dass die Werbebudgets hochgefahren werden und ebenso die Anzahl der Startkopien, in Zürich läuft der gleiche Film dann mit bis zu zehn Kopien.

Diese Mehrfachstarts machen vor allem die grossen Majors, die Independent Kinobetreibern kritisieren das. Wie positionieren Sie sich als Verleiher?

Man ist heute auch als Independent Verleiher fast zu Mehrfachstarts gezwungen, wenn man die Möglichkeit hat. Wir von Filmcoopi sind diesbezüglich noch „Weisse Ritter“. Wir wollen diese Mehrfachstarts bewusst vermeiden. Wenn wir gute Häuser bekommen, beliefern wir die möglichst exklusiv. Wir spüren aber den Druck von den internationalen Vertrieben. Wenn die wissen, dass man in Zürich mit drei Kopien starten könnte, und man nur eine Kopie einsetzt, muss man dafür gerade stehen. Ausserdem hat sich gezeigt, dass Mehrfachstarts im Independent Bereich nicht unbedingt funktionieren. Kaufmännisch ist der Verleiher natürlich daran interessiert einen Film in möglichst vielen Sälen zu spielen, filmpolitisch ist es aber nicht unbedingt sinnvoll.

Pflegen in der Schweiz die beiden Bereiche Mainstream und Independent Kino ein nettes Nebeneinander?

Auf jeden Fall. Die amerikanischen Blockbuster wollen natürlich den europäischen und den Independent Produktionen die Marktanteile streitig machen. Ich stelle dem Kino generell, also auch dem Independent Kino aber eine gute Prognose. Die Eintrittszahlen in den Kinos sind in den vergangenen Jahren stabil geblieben.

Was bedeuten für Sie die Konzentration auf den Start eines Films und die Tendenz zur kurzfristigen Programmation?

Steigende Marketingbudgets. Heute machen wir sogar APG Plakatkampagnen, was wir früher nie taten, als wir noch von der Mund-zu-Mund-Propaganda lebten. Heute muss man stark starten sonst ist man out. Es gibt nur wenige Filme, die sich langsam entwickeln. The Angels Share von Ken Loach oder „Oh Boy“ des jungen deutschen Regisseurs Jan-Ole Gerster sind solche Ausnahmen.

Was halten Sie von einer gesetzlichen Regulierung der Anzahl von Startkopien?

Früher gab es im Filmgesetz das Filmkontingent, das noch aus der Vorkriegszeit stammte. Dies wurde in den 90er Jahren abgeschafft. Wir leben nun mal in einer neoliberalen Welt. Früher hatte ich noch die Hoffnung, dass der Markt sich selbst regulieren würde. Aber jetzt sehe ich, dass vor allem auf dem Land die Nachfrage an Blockbuster gross ist. Eine gesetzliche Beschränkung der Kopienzahl ist schwierig umsetzbar. Wer soll denn bitte entscheiden, wer die Kopien erhält?

Was war zuerst, die Zuschauer, die sich auf die Top Five stürzen oder der Promotions-Hype seitens der Filmindustrie?

Das ist wie die Katze, die sich in den eigenen Schwanz beisst. Verstärkt wird der Hype aber noch durch die Pendlerzeitungen und teilweise das Feuilleton. Man stürzt sich immer mehr auf die Event-Filme und unterstützt damit den Hype. Innovative Filme bleiben dann häufig auf der Strecke.

Sie sind am Kino Riffraff beteiligt. Führt das zu Konflikten mit andern Verleihern?

Nein, wir sind ja keine Kinobetreiber. Und wir beliefern auch alle Kinogruppen. Wir achten bei der Platzierung einzig auf das Genre des Films.

Gibt es ein Rezept, um als kleiner Verleiher wirtschaftlich erfolgreich zu sein?

Wir fahren die Crossover Strategie, das heisst wir suchen die Balance zwischen anspruchsvollen Filmen und solchen die in erster Linie unterhalten, die passen dann auch in ein Multiplex Kino.

Kaufen Sie auch mal einen Blockbuster?

Daran sind wir nicht interessiert, weil diese in der Anschaffung zu teuer sind und ein zu grosses Risiko. Wir leben von den Überraschungserfolgen.

Zum Beispiel?

Für uns war seinerzeit „Amélie“ ein solcher Glücksfall. Oder im letzten Jahr Amour“ von Michael Haneke.

Sie haben den Gewinnerfilm der Berlinale „A Child’s Pose“ gekauft. Helfen Festivalpreise einem Film an den Kinokassen?

Das kann ich Ihnen dann im nächsten Jahr sagen, wenn er in den Kinos war. Die Meinungen gehen diesbezüglich ein wenig auseinander. Früher sagte man ein Preis an der Berlinale sei ein „Kiss of Death“ (lacht). Das stimmt so nicht mehr. Der Gewinner des Goldenen Bären von 2011, der iranische Film „A Separation“ lief sehr gut. Die Goldene Palme von Cannes ist mit Sicherheit ein Preis, der dem Kinostart hilft, vor allem in der Romandie. Aber auch deren Bedeutung ist nie mit den Oscars zu vergleichen.

Welche Festivalbesuche sind auf ihrer Liste?

Solothurn, Berlin, Cannes, Locarno, Venedig, Toronto, und neu Rom.

Das Sundance nicht?

Nein, da können wir leider keine Filme kaufen, weil die meist jungfräulich aus der Produktion kommen. Die haben dann noch nicht einmal einen Weltvertrieb, ergo verkauft da niemand seine Rechte an einen kleinen Schweizer Verleih. Jährlich kommen aber doch etwa zwei Filme zu uns, die am Sundance uraufgeführt wurden. Aber inzwischen haben auch die Major Verleiher Interesse an Independent Produktionen bekommen, die haben jetzt alle ihre Tochtergesellschaften, die sich auf Off-Hollywood konzentrieren.

Kümmert Sie das?

Für amerikanische Independent Verleiher ist das bedrohlich, für uns ist das einfach ärgerlich. Auf der anderen Seite hat man aber manchmal auch Glück, wie ich zum Beispiel bei „The Kids Are Alright“, da hatte der Weltvertrieb beim Feldchen Schweiz vergessen einen Haken zu setzen, und da konnte ich zugreifen.

Wie wirkt sich die Digitalisierung auf die Abgrenzung der Kinoregionen aus?

Die Grenzen der Kinoregionen verwischen zunehmend. Wir versuchen als Verleiher die unabhängigen Kinoregionen der Schweiz, also die Deutschschweiz, sowie die Romandie oder das Tessin besser zu schützen. Momentan ist der Schweizer Markt noch intakt, durch die Digitalisierung ist er aber gefährdet. Das Homeentertainment ist zur Zeit in einer Umstrukturierung und DVD-Verkäufe verlieren an Bedeutung, während Video on Demand Plattformen wie iTunes und Bluewin TV an Bedeutung gewinnen. Wenn diese digitalen Kanäle vom Ausland bedient werden, werden wir als Verleiher 30% des Geschäfts verlieren.

Wie wehrt sich die Branche konkret?

Die Branche sieht hier einen direkten Zusammenhang zur vielzitierten Angebotsvielfalt in der Schweiz und ist daran für diese zu kämpfen. Die sogenannte Einverleiherklausel verlangt, dass ein Film in der Schweiz nur einen Verleiher haben kann. FDP Nationalrätin Christa Markwalder hat dem Bundesrat eine Interpellation eingereicht, mit der Anfrage dies für sämtliche Kanäle wie Kino, VoD und TV geltend zu machen. Damit soll die Filmauswertung davor geschützt werden, dass Sprachregionen der Schweiz vom Ausland bedient werden. Etwa ein Verleih in Paris die Westschweiz bedient, oder ein Berliner die Deutschschweiz. Weil ein Deutscher Verleih keine Rechte für die französische Sprachregionen hat, wird dies zu eine regionalen Aufteilung unseres Landes führen, wenn wir nichts unternehmen.

Wie gross ist im Schnitt der Anteil von Schweizer Filmen in ihrem Verleih?

Das kann ich so nicht beziffern, das schwankt stark. Früher hatten wir fast keine Schweizer Filme. Vor etwa zehn Jahren begann sich das zu ändern. „Grounding“ von Michael Steiner war 2006 der erste grosse Kinoerfolg für uns. Im Durchschnitt sind unter den 25 bis 30 Filmen in einem Kinojahr etwa 5 bis 6 Schweizer Produktionen. Ursprünglich kommt Filmcoopi ja vom Schweizer Dokumentarfilm. Wir hatten aber nie die grossen Namen wie Daniel Schmid oder Fredi Murer. Wir hatten eher die schmutzigeren Filme, die schrägeren wie zum Beispiel „Züri Brännt“ über das AJZ, der damals im Kino Walche lief, das Houdini hiess.

2014 eröffnet die Neugass Kino AG ein Miniplex unter demselben Namen.

Genau. Der Kreis schliesst sich. (lacht)

Fühlen Sie sich gegenüber Schweizer Produktionen moralisch verpflichtet?

Nein, ich finde es werden eher zu viele Schweizer Filme im Kino gezeigt. Das dient dem Publikum schliesslich auch nicht, wenn sie nicht gut genug sind. Der Schweizer Spielfilm hat dadurch keinen guten Ruf.

Warum sind Schweizer Spielfilme nicht besser?

In der Schweiz haben wir den grossen Nachteil des Dialekts. Die Schauspieler arbeiten aber meist im Ausland oder auf Bühnen wo hochdeutsch gesprochen wird. Dadurch wirken die Dialektfilme häufig „.hölzern“.

Ist das der einzige Grund, warum es an guten Spielfilmen fehlt?

Früher gab es Produzenten, die sich stärker um Schweizer Stoffe für das Kino kümmerten. Heute spielt das Fernsehen eine sehr starke Rolle in der Produktion.

Ist die Schweiz also eher ein Auswertungsland als ein Produktionsland?

Die Finanzierung wäre ja da, aber es fehlt an genügend Ideen um regelmässig gute Drehbücher für den Schweizer Markt zu entwickeln. Wir geben aber die Hoffnung nicht auf und werden dieses Jahr so viele Premieren von Schweizer Filmen sehen, wie noch nie! Von uns und von anderen Verleihern.