Artikel erscheint am 20. März 2013 bei Westnetz.ch

Interview mit Céline Widmer, SP Kantonsrätin

Céline Widmer ist seit knapp einem Jahr im Kantonsrat. Die Politologin und Kantonsrätin sagt wie sie die Entwicklung von Zürich West einschätzt und was sie zum Kongresshaus-Standort Geroldareal zu sagen hat.

Céline Widmer, was bedeutet Ihnen das Amt als Kantonsrätin?

In erster Linie eine grosse Verantwortung, auf kantonaler Ebene die Interessen meiner Wählerinnen und Wähler zu vertreten.

Sie sind Politologin. Was tun Sie als Akademikerin?

Ich doktoriere an der Universität Zürich im Bereich Urban Governance. Ich untersuche das föderalistische Kräftesystem zwischen Stadt, Kanton und Bund, und wie sich dieses verändert.

Wie fliesst ihre Forschung in ihre Amtsausübung als Kantonsrätin ein?

ich interessiere mich im Kantonsrat für das Thema der Gemeindefusionen und Gemeindegrenzen. Man muss diese Strukturen neu überdenken, und der Kanton sollte dabei eine aktivere Rolle übernehmen und die Gemeinden bei Fusionsbestrebungen stärker unterstützen. Die Gemeinden reagieren aber sehr sensibel auf dieses Thema: „Da kommt eine und will uns zwangsfusionieren“. Das ist aber nicht die Idee.

Sondern?

Ich habe beim Kanton eine Anfrage eingereicht, um auf kantonaler Ebene Steuerungsmöglichkeiten zu prüfen, wie man Grenzen neu definieren könnte oder in neuen Formen über die Gemeindegrenzen hinaus zusammenarbeiten könnte. Das Wachstum von Zürich-West beispielsweise wirkt sich auf das finanzschwächere Schlieren aus. Die Stadt hat auch eine Verantwortung gegenüber den umliegenden Gemeinden. Handkehrum haben auch die Gemeinden des Kantons eine Verantwortung gegenüber der Stadt. Diese hat beispielsweise einen viel höheren Anteil an sozial benachteiligten Leuten als auf dem Land, folglich ist die Stadt von den Kürzungen im Sozialbereich überdurchschnittlich stark betroffen.

Ist Zürich-West stadtplanerisch gelungen?

Ich hatte mir ja sehr viel von diesen Hochhäusern versprochen, dachte, Zürich muss ein Hochhaus haben, um urban zu sein. Aber das Resultat in Zürich West ist enttäuschend. Eine Stadt braucht die Differenz, um lebendig zu sein. Und diese ist in Zürich-West verloren gegangen. Es gibt kaum mehr Begegnungsräume. Du kannst keine Alternativnutzung auf dem Reissbrett planen. Ich denke, man war etwas blind und hat die Entwicklung so nicht kommen sehen. Es gibt jetzt die Hochhäuser, und für eine gewisse Einkommensschicht gibt es Wohnungen, aber es lebt nicht, es ist wie tot. Das einzige spannende sind Brachen wie das Geroldareal. Zürich West wird von internationalen Konzernen sowie einigen wenigen Immobilienfirmen einvernommen.

Der favorisierte Standort für ein Kongresshaus war das Geroldareal. Wie stehen Sie zu diesem baulichen Vorhaben?

Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich kann die Argumente aus dem Umfeld der SP 5 nachvollziehen, das sie das Areal gegenüber dem Carparkplatz bevorzugen. Ich persönlich finde aber nicht, dass es im Zentrum der Stadt Zürich zwingend ein Kongresszentrum braucht. Ausserdem finde ich das Geroldareal eben wichtig für Zürich-West, als einen der wenigen Orte, die noch die Differenz ausmachen.

Wie setzen Sie sich dafür ein, dass solche Differenzen erhalten bleiben?

Ich habe von Martin Naef ein Postulat im Kantonsrat übernommen, das den Regierungsrat auffordert, das Kasernenareal der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Nutzung des Kasernenareals ist ja seit dem Auszug des Militärs 1975 eine ungelöste Frage. Immer hiess es, man könne nicht planen, weil man nicht wisse, was passiert. Und so kam dann das Polizeigefängnis Anfang der 90er als Provisorium da rein, und steht immer noch mitten auf dem Kasernenareal und macht damit ein Grossteil der Wiese unnutzbar. Jetzt steht fest , dass dieses provisorische Polizeigefängnis und die anderen polizeilichen Nutzungen mit dem Neubau des Polizei und Justizzentrums (PJZ) dort definitiv raus müssen. Endlich haben nun Stadt und Kanton zusammen den lang versprochenen Mitwirkungsprozess lanciert. Anfangs April 2013 kann die Bevölkerung an einer öffentlichen Veranstaltung Ideen einzubringen, was man mit der Kaserne machen könnte.

Was möchten denn Sie, dass dort reinkommt?

Mein Wunsch ist, mit möglichst geringem Aufwand in den bestehenden Gebäuden eine kreativwirtschaftliche Nutzung zu haben. Das könnte ich mir für das ganze Areal in den bestehenden Räumen vorstellen: Schulungsräume, Ateliers, Musikräume oder auch eine Markthalle wie in den Viaduktbögen. Mir ist vor allem wichtig, dass dort kein weiteres Grossprojekt gebaut wird.

Seit Montag ist jetzt klar, dass aufgrund der gescheiterten Verhandlungen mit dem Eigentümer Georg Mayer-Sommer, weniger Platz für das geplante Kongresszentrum auf dem Geroldareal zur Verfügung stünde. Wie sehr glauben sie noch, dass der Standort nach wie vor möglich ist?

Wie gross die Chancen für ein Kongresszentrum auf dem Geroldareal wirklich sind, kann ich nicht abschätzen.

Und der Kanton bevorzugt die Kaserne?

Ich habe schon länger befürchtet, dass, wenn sich herausstellen sollte, dass das Kongresszentrum doch nicht auf dem Geroldareal realisierbar sei, die Idee aufkommt, das Kasernenareal für ein Kongresszentrum in Erwägung zu ziehen. Und prompt konnte man lesen, dass der Regierungsrat das Kasernenareal als seinen „bevorzugten Standort“ für das Kongresszentrum sieht.

Ist es nun wieder realisitsch, dass die Kaserne als Standort für das Kongresszentrum in Erwägung gezogen wird?

Ich hoffe nicht. In den jüngsten Vorstossantworten des Regierungsrats zum Thema tauchte plötzlich wieder die Idee auf, das Kongresszentrum auf dem Kasernenareal zu bauen. Ich finde, das ist eine absurde Idee und sicher nicht das Resultat einer breit abgestützten Planung. Meines Wissens hat sich der Stadtrat der Stadt Zürich auch klar gegen diesen Standort ausgesprochen. Da das ganze Kasernenareal unter Denkmalschutz steht, ist ein schneller Bau eines Kongresszentrums zudem eher unrealistisch. Zudem kann doch der Regierungsrat jetzt nicht zusammen mit der Stadt einen breit abgestützten Mitwirkungsprozess lancieren und dann einfach mit solchen Ideen kommen. Sollte das dann doch eintreffen, kette ich mich aber an dieses Kasernenareal. (lacht)

Was gilt es gegen die Wohnungsnot zu tun?

Als Mitglied der Geschäftsleitung der SP Zürich und als Sektionsmitglied habe ich die Initiative „Wohnen für alle“ zur Förderung von preisgünstigem Wohnraum in der Stadt mitunterstützt. Und zur Zeit wird im Kantonsrat die SP-Initiative „Für mehr bezahlbaren Wohnraum“ behandelt, die fordert, dass die Gemeinden die Möglichkeit erhalten, in gewissen Gebieten einen Mindestanteil an Wohnungen festzulegen, die nach dem Prinzip der Kostenmiete vergeben werden müssen.

In Zürich-West ist ein Asylzentrum geplant, worüber man heftig streitet. Was ist ihre Haltung zum Standort Zürich West?

Ich begrüsse dass die Stadt dem Bund die Möglichkeit bietet, die beschleunigten Asylverfahren zu testen. Ich finde auch, es macht Sinn, dass das in der Stadt Zürich passiert. Die Bevölkerung im Quartier Zürich West hat es überwiegend positiv aufgenommen.

Davon hörte man aber in der Presse wenig…

Ja, es ist schade, dass einmal mehr der ganze Diskurs von ein paar wenigen ablehnenden Stimmen aus dem Quartierverein dominiert wurde. Diese konfusen Ängste, die geschürt werden, unter anderem, dass ein Asylzentrum die Immobilien abwerten solle, finde ich absurd. Speziell vor dem Hintergrund, dass die Stadt diese Entwicklung von Zürich West überhaupt erst ermöglicht und vorangetrieben hat. Wenn jetzt Grundeigentümer auf dem Recht bestehen, sie könnten mit dem gesamten Quartier machen, was sie wollen, ist für mich schlicht nicht nachvollziehbar.

Wird das Asylzentrum als Argument benutzt, um dann einen Sündenbock zu haben, wenn die Preise der überteuerten Immobilienpreise im Quartier fallen?

Vielleicht. Wenn sie das aber so offenkundig bejammern, wird es erst recht dazu führen, dass die Preise fallen. Aber ich glaube, das ist ausserhalb von Zürich West kein grosses Thema. Und ich möchte noch einmal betonen, eine Stadt braucht die Differenz.