2#ReginaPfisterTauchsafari

Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder realen Handlungen sind absolut beabsichtigt.

Meine Praktikantin Regina und ich erreichen als letzte das städtische Haus der Künste am Ufer des Flusses, der die Altstadt in Unter- und Oberdorf teilt. Es ist ein schwüler Mittwochabend, über dem See haben sich in der Ferne bereits schwere Gewitterwolken aufgetürmt. Steif wie Ampeln stehen unsere Kollegen der Sommerbiennale in Reih und Glied vor dem improvisierten Kassenhäuschen. Sie grüssen auffallend kleinlaut, wagen kaum zu atmen, ganz im Gegensatz zur Fahne, die von einer Stehle neben den Ampeln fröhlich im Wind zappelt und stolz Logo und Schriftzug einer renommierten Privatbank präsentiert. In der Regel sind unsere Kollegen redselig, denn das Sprechen ist ihr Beruf. Als Kunstvermittlerinnen sind wir mit der verantwortungsvollen Aufgabe betraut, dem Volk die schwer zugängliche Kunst zu erklären, es bei der Hand zu nehmen und mit ihm auf helle Momente der Erkenntnis hinzuarbeiten, wenn wir zusammen wieder etwas verstanden haben, was fünf Minuten zuvor noch ein unlösbares Rätsel schien. Einige Herren mittleren Alters in dunkelblauen, schlecht sitzenden Anzügen und dazu unpassenden, schwarzen Lederschuhen haben sich vor den grossen Worten an der Wand positioniert. Lesen tut sie keiner, zu sehr sind sie mit den wenigen Frauen in ihrer Mitte beschäftigt, die meist jünger und stilsicherer gekleidet sind. Mitten in der homogenen Smalltalk Runde steht eine bunte und laute Erscheinung: William aus Tennessee, der glücklich geladene Künstler des heutigen Sponsoren-Abends zwitschert fröhlich und zieht die Aufmerksamkeit wie ein Kanarienvogel unter Sperlingen auf sich. Gerade flüstert einer der Herren in Dunkelblau William etwas zu, worauf dieser nervös lacht und ungeschickt seine knallgelbe Fliege richtet, die penibel zu den lila und rosa karierten Socken abgestimmt ist. Dann nippt er hastig an seinem Glas Champagner, tritt dabei von einem Bein aufs andere als tanze er für die handverlesene Klientel und deren Vermögensberater. Es herrscht diese unangenehme beidseitige Befangenheit, die sich jeweils einstellt, sobald die Kunst dem Geld gefallen will.

Der Kanarienvogel unter Spatzen

Ich bin als Senior Mediator damit beauftragt, die Nachwuchsvermittlerin Regina Pfister, eine etwas resolute, aber sehr engagierte Historikerin Anfang Dreissig ins Metier einzuarbeiten. Wir sind die Kunsterklärer der Sommerbiennale «Europa als soziale Skulptur», die dieses Jahr unsere Provinzstadt bespielt. Unsere Mission ist der Erkenntnisgewinn von Kunstbeflissenen, wir bescheren unseren Zuhörerinnen und Zuhörern seltene Augenblicke der Glückseligkeit, und verwandeln sie von Unwissenden zu Eingeweihten. Die Zeichen des Wandels zu erkennen, sei das Ziel der Sommerbiennale, sagt der Begleittext in grossen Lettern neben dem Eingang. Die gezeigten sozialen Skulpturen wollen auf gesellschaftliche Verschiebungen und Grabenbrüche sensibilisieren, die Migration, Klimawandel oder technologischer Fortschritt verursachen. Die Kunst soll die brisanten Themen unserer Zeit nachvollziehbar machen, indem Betroffene in die Produktion der Kunst mit einbezogen werden. Das jedenfalls ist das Konzept der Schau «Europa als soziale Skulptur».

William aus Tennessee hält sich dicht an Gallery Girl, dem sendebewussten Scharnier zwischen Kunst und Finanz. Gallery Girl ist erst Anfang Zwanzig, trägt aber den Schmuck reifer Damen, heute hat sie sich für zwei Goldketten entschieden, die viel zu schwer sind für ihren zarten Hals. Sie geht von einem dunkelblauen Herrn zum nächsten und stellt ihnen William aus Tennessee vor. Aus dem Augenwinkel sehe ich wie meine geschätzte Praktikantin ihre Nase etwas anhebt und Gallery Girl einen feindseligen Blick zuwirft. Diese trabt auf ihrem imaginären hohen Ross zu uns herüber und Reginas Kiefermuskeln beginnen rhythmisch zu zucken, während sie die Zähne zusammen presst. Gallery Girl stellt sich neben die Corporate-Flagge in Hochformat neben das weiss gedeckte Stehtischchen und bittet in leicht devotem Tonfall, mit ihrem Klunker wedelnd, um Aufmerksamkeit. Sie prüft ihre Worte anhand eines Spickzettels. Das Abendprogramm beinhaltet eine geschlossene Abendgesellschaft auf dem Europa-Floss, sowie der Ausstellungsrundgang mit uns Kunstboten. Gallery Girl bittet die Dunkelblauen ihren Champagner auszutrinken und sich in die Gruppen grün, gelb und rot aufzuteilen. «Ihr bekommt die Gruppe Gelb», weist sie Regina und mich an. Ich nicke. Gallery Girl rauscht ab, und Regina schaut grimmig.

 Kaffee für den sozialen Frieden

Wir nehmen die Treppe in den ersten Stock, ein eigentümlicher Duft von Weihrauch liegt in der Luft. Der Museumskiosk gegenüber dem Treppenabsatz trägt ein exotisches Kleid. Dahinter steht ein feingliedriger Mann, der henkellose Porzellantässchen sauber reibt und sie dann eins ums andere auf ein geflochtenes buntes Rundtischchen stellt. Die dunkelblauen Herren der Gruppe Gelb stellen sich in einem Halbkreis davor auf und William stellt der in auffallend gutem Deutsch Tsegaye vor, den Inhaber des Restaurants Abyssinia. Tsegaye kam vor acht Jahren als Asylsuchender in die Schweiz und führt inzwischen das erste und einzige äthiopische Restaurant der Stadt. Über dem runden Korbtischchen, das man in seiner Heimat Mesob nennt, leuchtet in roten kühlen Röhrenlettern der Schriftzug Diplomange. Tsegaye ist gerade damit beschäftigt rohe Kaffeebohnen in ein Salatsieb zu schütten, das er dann unter den laufenden Wasserhahn hinter dem Tresen hält. Während Tsegaye mit der freien Hand in den Bohnen wuselt, erklärt William unserer Gruppe Gelb, wie glücklich er sei, dass jener Teil seiner sozialen Skulptur Diplomange sei. Auf einer Reise durch Äthiopien sei ihm die Idee gekommen, Kulinarik und Völkerverständigung zusammen zudenken, strahlt er. «Wisst Ihr, Ethiopia ist die Heimat von die Coffee. Die zelebrieren das Getränk mit viel Zeit, und stürzen nicht einfach eine Tasse Espresso wie im Europe.» Tsegaye tritt jetzt von der Spüle hervor, und William übergibt ihm das Wort. Offensichtlich vorbereitet, erklärt er mit gedämpfter Stimme, was es mit dem Kaffee im Haus der Künste auf sich hat, während er die Rohbohnen mit einem Lappen trocken reibt und in eine Holzschale schüttet. «Die Kaffeezeremonie ist eigentlich Frauensache, lacht er verlegen, «aber William hat darauf bestanden, dass er den Museumsbesuchern echten äthiopischen Kaffee anbietet, als Teil der sozialen Skulptur. Bei uns in Äthiopien ist Kaffee zentraler für das soziale Leben. Wir trinken dreimal täglich Kaffee und das geht immer mindestens eine halbe Stunde, weil wir ihn jeweils frisch rösten. Wir besprechen beim Kaffee alles, was uns gerade beschäftigt, manchmal werden auch zerstrittene Parteien zum Kaffee gebeten, und dann wird zusammen eine Lösung gesucht. Der Kaffee ist ein gelebtes Symbol für Willkommenskultur und gegenseitigen Respekt. Und darum geht es, wie ich glaube auch dem William in seiner Arbeit. »

Ein Süsswasser-Saibling für den Kaiser

Die Ernsthaftigkeit, mit der sich der Mann mit dem Kunstvorhaben solidarisiert, rührt mich. William ist stolz auf sein Wortspiel mit den Begriffen Diplomatie und Manger, dem französischen Verb für essen. Diplomange sei durchdrungen vom Geist der 68er, die damals einen Kunstbegriff der gelebten Gemeinschaft proklamierten. William gewinnt nun an Selbstvertrauen. Das wohl bekannteste Beispiel sind die 7000 Eichen der Kunstikone Joseph Beuys, die er damals in einer Gemeinschaftsaktion mit den Bewohnern von Kassel pflanzte, um die Stadt aufzuwerten. Gemeinsam Kunst machen für eine bessere Welt. Und William erklärt den Akt der Kaffeezeremonie zur Konzeptkunst, während Tsegaye hinter einem Vorhang neben der Spüle verschwindet und wenig später mit einer rot lackierten Popcorn-Maschine erscheint. Er schleppt sie umständlich zum Tresen und stellt sie drauf. Fragende Gesichter schauen ihm dabei zu, wie er den Kaffee in einen Blechtopf schüttet, den er dann in die dafür vorgesehene Halterung im gläsernen Kasten klemmt. William winkt die Gruppe zu einer Vitrine gegenüber dem Tresen, die historische Dokumente aus dem Schweizer Bundesarchiv enthält, die William aus Tennessee für seine soziale Skulptur leihen durfte: Ein Original Tischmenü eines Staatsessens mit Haile Selassie, dem letzten Kaiser Äthiopiens, das im November 1954 im Schloss Jegersdorf bei Bern stattfand. Wie das Dokument belege, sei dem Kaiser nur das Beste vom Besten serviert, was die französische Küche zu bieten gehabt hätte. «Also, dem Kaiser wurde zum Or d’Oeuvre eine Fois Gras mit Trüffeln auf einem Brioche serviert, gefolgt von Saibling in Butter gebraten und Olivettes de Parmentier. » William gestikuliert und betont wie sensibel der Süsswasser-Saibling auf Wasserqualität reagiere. Dieses müsse äusserst sauber, kalt und sauerstoffrein sein, damit der Fisch überlebe. Aber die Schweiz habe keine Kosten gescheut, schliesslich stand sie in Haile Selassies Schuld. Und das Sechsgang Menü im Schloss, wo der Kaiser für zwei Nächte residierte, war nur ein Teil der Wiedergutmachung. «Was für eine Wiedergutmachung? » eine ältere Dame in diskretem Chanel Zweiteiler meldet sich zu Wort. «Ich kann mich erinnern an diesen Besuch, inwiefern die Schweiz aber in des Kaisers Schuld gestanden haben soll, ist mir allerdings schleierhaft.» William wächst sofort einen Zentimeter, als er in die Tiefen der Schweizer Asylgeschichte vordringt und der erstaunten Runde darlegt, wie der letzte Kaiser Äthiopiens im Jahr 1936 fliehen musste, nachdem die Truppen der Italienischen Faschisten unter Benito Mussolini sein Reich annektiert hatten und Selassie fortab für fünf Jahre im Exil in England verbrachte. Gruppe Gelb schaut jetzt neugierig und zaubert William aus Tennessee ein triumphierendes Strahlen ins Gesicht. «You know, eigentlich wollte Haile Selassie in die Schweiz fliehen, aber die wollten ihm kein Asyl gewähren. » «Naja, die Schweiz wandelte eben auf schmalem Grat, was das diplomatische Geschick betrifft», gibt sich ein Dunkelblauer sachkundig. «Schliesslich musste man gegenüber den faschistischen Regimen im Europa vor und während des Zweiten Weltkriegs politisch neutral bleiben und auf keinen Fall den Mussolini verärgern. » «Da muss der Afrikaner draussen warten», schnödet plötzlich Regina, die Runde überhört meine Praktikantin, sie folgen dem Zeigefinger Williams, in Richtung besagter Vitrine mit den Dokumenten.

Die hohe Kunst der Diplomatie

Gruppe Gelb folgt dem Künstler und gafft auf einen vergilbten Brief neben dem Menü mit dem delikaten Fisch, der in englischer Sprache, auf einer Schreibmaschine verfasst wurde. Im Briefkopf die äthiopische Trikolore in Gelb Grün und Rot und unter den überschwänglich dankenden Sätzen handgezeichnet von Herrscher Haile Selassie. «Das ist die Brief des Kaisers an das Bundesrat, als Dankeschön», fährt William fort, wie der eigentliche Anlass für den Staatsbesuch die UNO in Genf gewesen sei, vor deren Vollversammlung Selassie die Föderation von Äthiopien absegnen liesse, die endlich die abtrünnigen Provinz Eritrea einbinden sollte. Was aber in einem Desaster und Jahrzehntelangen Bürgerkrieg mündete. Dunkelblau nickt, Regina verdreht die Augen. Vom Tresen her knackt und knistert es aus der Popcorn-Maschine, und ein intensives Kaffeearoma breitet sich im Raum aus. Gruppe Gelb schaut neugierig zu Tsegaye rüber, dieser schaut konzentriert auf die rumpelnde Maschine.

«Wenn ich an diesen Umzug zurückdenke» sagt nun Chanel unvermittelt. Im Hintergrund knattert fröhlich die Popcorn-Maschine, als würde sie demnächst bersten. «Das war ein riesiger Karneval, das kann man schon Kunst nennen», erwidert einer der älteren Dunkelblauen belustigt. «Ich erinnere mich also sogar, da war ich etwa zwölf», fährt Chanel fort, «wir Kinder bekamen schulfrei, um dem Negus aus Abessinien Spalier zu stehen. Der Negus kommt, riefen die Kinder und wedelten mit ihren Fähnchen mit der äthiopischen Trikolore». Chanel schaut über ihre linke Schulter zum William, «als dieser Exote mit 3000 Kilo Gepäck und Gefolgschaft im Sonderzug aus Dänemark in Basel einfuhr, war die ganze Nation in Aufruhr, schliesslich kam selten hoher Besuch aus dem Schwarzen Kontinent. «Die meisten hierzulande kannten den Kontinenten ja auch nur aus den Erzählungen der Schweizer Missionare, oder von Globis Abenteuern bei den Menschen fressenden Afrikanern». Regina findet es offensichtlich weniger lustig. «Und da wir Schweizer niemals eine Hochkultur waren und weder Könige noch Kaiser führten, kam so eine exotische Durchlaucht mehr als gelegen. Etwas Farbe unter die grauen Mäuse, nicht wahr!» Regina wirft William einen auffordernden Blick zu, doch dieser überhört ihre Bemerkung. «Dieser Rastafari kam doch nicht wegen der UNO oder eines Erntedank-Essens in die liebe Schweiz, der kam doch in erster Linie, um einen alten Freund zu besuchen, den Waffenfabrikanten Emil Bührle», schiesst Regina unverdrossen in die flaue Runde. Das Wespennest, das bisher vor sich hin gedöst hat, ist jetzt definitiv aufgescheucht. Chanel schaut etwas ratlos aus ihrem Kostüm und Dunkelblau will wissen, wo da der Zusammenhang liege. «Ja wo wohl…Der wichtigste Europäische Freund des Kaisers Haile Selassie war Kanonen-Emil aus Oerlikon», Regina holt tief Luft. «Gleichzeitig war er leidenschaftlicher Kunstsammler und investierte in eine der grössten Sammlungen unseres Landes durch teils unlautere Geschäfte. «Mit dem Blutgeld der Waffenverkäufe kaufte er gestohlene Kunst». Regina ist sichtlich entzückt über den dramatischen Stimmungsumschwung im Haus der Künste. «Die Geschichte des Unternehmens Oerlikon Bührle ist allbekannt, Emil Bührle wurde dank Waffengeschäften mit den Nazis zum reichsten Bürger in der Schweiz». Regina schaut Dunkelblau direkt in die Augen. «Er bereicherte sich am Leid der verfolgten Juden während des Zweiten Weltkrieges, indem er zwangsversteigerten Kunstwerke zum Spottpreis ergattert hat? » «Ich weiss genau, woher Sie diese Vorwürfe haben, junge Dame», über Dunkelblauens Stirne bahnt sich eine hervorstehende Ader. «Da gibt es diese Gruppe von linken Historikern, die nichts anderes zu tun haben, als die Schweiz durch den Tamtam zu ziehen, unter anderem der ehemalige Direktor der städtischen Gemäldegalerie, der nachdem er seinen gut bezahlten Posten niedergelegt hatte, nun zum Ankläger seiner ehemaligen Lohnzahler mutiert ist. »

Freiheit! Schweizer Waffen sei dank!

Wo der Zusammenhang mit diesem Sapelassi und der sozialen Skulptur liege, fragt plötzlich Gallery Girl, die sich uns unbemerkt angeschlossen hat. «Selassie», korrigiert sie Dunkelblau und Regina schaut wieder verächtlich zu Gallery Girl. «Der Herr Sapelassi kam zum Ausverkauf», flachst Regina, «er brauchte neue Kanonen von Bührle, der den Kaiser persönlich in der Werkstatt empfing. Eine spätere Generation jener Kanonen, die er einst kaufte, als Mussollini am Afrikanischen Horn auf Kolonialfeldzug war. Da wehrte sich das Kaiserreich mit Bührles Waffen gegen die italienische Annexion. Viele Äthiopier behaupten noch heute, ohne Schweizer Waffen hätten sie der Kolonialisierung nicht entgehen können. » «Wir verdanken unserer Rüstungsindustrie viel», kommentiert Dunkelblau, mit Betonung auf viel. Ein lauter Knall erhallt im Raum, die Köpfe wenden sich wie eine aufgescheuchte Herde Gnus in Richtung äthiopischen Tresen. Da dampft die Popcorn-Maschine aus dem Hintern, Tsegaye zieht den Stecker, um Schlimmeres zu verhindern. Er entschuldigt sich, sie sei wohl überhitzt, versichert aber, die Kaffeebohnen hätten den Röstprozess schadlos überstanden. William verspricht der leicht verstörten Klientel ein Tässchen feinsten Arabica und nestelt verlegen an seiner Fliege. Regina nutzt dreist die Steilvorlage, «Die 20 Millimeter Flugabwehr Flak-Kanone war in der Tat der Exportschlager aller Zeiten», feuert sie los. «Äthiopien war ein vergleichsweise sehr bescheidener Kunde vom Kanonen-Bührle, der allen Waffen verkauft hatte, die bestellten. Die groteske Konsequenz war, dass sich seine eigenen Kanonen jeweils gegenseitig beschossen. Aber das Waffengeschäft kennt ja keine Loyalität. » Regina schaut eisig zu Dunkelblau. «Der Haile Selassie soll im Sommer 1935 eigenhändig mit der Flakkanone ein italienisches Flugzeug vom Himmel geschossen haben. Ein riesen Gemauschle war das, weil die Schweiz inzwischen die italienischen Souveränitätsrechte in Äthiopien anerkannt hatte, während Bührle Selassie weiterhin mit Kanonen belieferte und seine Offiziersanwärter in der Schweiz ausbildete. Haile Selassie ernannte schliesslich den Kanonenschmid übrigens als Geste zum Generalkonsul von Äthiopien. » Im Raum ist es ganz still bis auf das rhythmische Schlagen des Mörsers, mittels dessen Tsegaye die Kaffeebohnen zu Pulver verarbeitet. Mir ist nicht klar, ob die Gruppe dem Geschichtsexkurs zu den Schweizer diplomatischen Gratwanderungen folgen konnte, oder ob sie einfach sonst erschöpft ist. Vielleicht von der Kunst.

Gruppe Gelb erreicht den Ausstellungssaal gleich hinter dem äthiopisch hergerichteten Empfangsbereich. Ich werfe hastig einen Blick auf mein Handy, wir haben nur noch fünfzehn Minuten bis der Geldadel zum Partyfloss muss. Das wird kaum für eine vertiefte Erkundung von weiteren sozialen Plastiken reichen und der Kaffee ist auch noch nicht bereit. Ich bin auch nicht sicher, wie ausgeprägt das Interesse meiner Klientel daran ist. Dunkelblau starrt etwas abwesend an den Bildschirm gegenüber des Imbisses, wo gerade indigene Tierschützer an Nicaraguas Pazifikküste zusammen mit Strassenkindern Baby- Meeresschildkröten waschen, des Tieres- wie Kindeswohl wegen. Wir könnten ja auch über die engagierten Schweizer Männer der 80er Bewegung sprechen, die in Nicaragua bei den Sandinisten etwas Revolution spielten, schiesst es mir durch den überhitzten Kopf, vielleicht war da ja einer dieser Banker auch dabei, etwas Krieg spielen wenn man noch jung ist, das macht sich gut im CV eines erfolgreichen Geschäftsmannes, sich gegen die Mächtigen auflehnen, mit denen man später dann Allianzen schliesst.

Ein Happy Meal für Äthiopien

«Habt Ihr noch lange? » fragt Gallery Girl, sie zeigt ostentativ auf ihre Golduhr und wedelt mit einem Stapel Papier. Ich versichere ihr, dass Gruppe Gelb soeben das Schlusswort gesprochen habe, worauf wir uns an die äthiopische Theke beim Empfang begeben. In der Popcorn-Maschine knallt es erneut, Gruppe Gelb zuckt zusammen, doch dann stellt sie erleichtert fest, dass im Gehäuse fröhlich Puffmais gegen das Glas spickt. Tsegaye giesst elegant nahtlos Kaffee aus einem Tonkanne, in die bereit stehenden Tässchen und bittet Gruppe Gelb sich zu bedienen.William reicht eine Schüssel Popcorn rum, das mittlerweile auch bereit ist. «Das ist ja wie im Cinemax», bemerkt Chanel sichtlich amüsiert. Tsegaye erklärt der Runde, dass Popcorn fester Bestandteil der äthiopischen Kaffeezeremonie sei. «Die Amerikaner haben Popcorn nicht erfunden, sondern nur kommerzialisiert», weiss Regina. «Popcorn war einst Hochkultur, schon die Inkas und die Azteken oder eben die alten Amharas assen es, bevor es in Kartonboxen in den Kinosälen des Westens landete». «Mein Freund Tsegaye kocht hier täglich eine spezielle Kaiserplatte, die von der Schweizer Dinner mit Haile Selassie inspiriert wurde», springt William enthusiastisch zur eigentlichen Ponite, «Ich wollte daraus eine Streetfood Variante machen, eine Art Happy Meal» Tsegaye lächelt etwas verlege. Er füllt rasch den bereits randvollen Korb mit Visitenkarten seines Lokals auf. Draussen donnert es inzwischen in immer kürzer werdenden Intervallen. «Was soll denn das werden, eine kulinarische Völkerverständigung mit Street Credibility»? keift Regina im Flüsterton. «Darf ich noch ein letztes Mal um Ihre Aufmerksamkeit bitten? » Gallery Girl wedelt mit dem Papierstapel. Ich erkenne Einzahlungsscheine und Farbfotos von einem Tierkadaver auf rötlichem Sandboden. «Im Namen unseres Responsability Partners möchten wir Sie noch über einen Spendenaufruf für Äthiopien aufmerksam machen». Ich wage einen zögerlichen Blick zu Regina, die mit hängendem Kiefer ungläubig auf Gallery Girls Hände mit den Talons starrt. «Der ist ja des Wahnsinns», murmelt sie. Dann zieht sie die Augenbrauen hoch und blickt zu William, dieser jedoch starrt auf den bunten Mesob während er sein Tässchen in einem Zuge leert und tapsig auf den Tresen hinstellt. Chanel hustet trocken aus der hinteren Reihe und Tsegaye wedelt etwas mit einem Stroh-Frisbee, wohl um den Weihrauch zu verteilen und Gallery Girl fährt fort von ihrem Zettel abzulesen. «Wir möchten den Raum der sozialen Skulptur um den Vektor der Solidarität erweitern. Äthiopien ist nicht nur für seine Kaffeehochkultur berühmt», sie lächelt Tsegaye bedeutungsvoll an, dann senkt sie ihre Stimme um eine Terz, «sondern leider auch für die grossen Hungerkatastrophen. Mit Ihrem kleinen Beitrag können Sie viel bewirken. Danke. » Sie legt die Spendenbogen auf den Mesob neben die Porzellantässchen. Ich wünsche, der Boden möge sich unter mir öffnen und mich schleunigst in den Untergrund saugen. Erst das Geräusch von berstender Keramik löst die Lähmung. Ich drehe mich zum Mesob, wo gerade Tsegaye den oberen Teil der Kaffeekanne in die Luft hält, die Kanne hat einen Sturz auf den Boden nicht heil überstanden. Als ich einen Blick hinter den Tresen werfe, zeigt sich mir ein Bild der Verwüstung. Überall liegen Tässchen, die im Kaffeesee schwimmen, dazwischen Inselchen aus Scherben und getränktes Papier mit dem Spendenaufruf und braun vollgesogene Popkörner. Tsegaye hastet zur Spüle, William hebt den Blätterstapel aus dem Saft und guckt verlegen zu Gallery Girl. «Tut mir leid», Tsegaye kommt mit dem Lappen zurück. «Ist mir ausgerutscht, war heiss. Wirklich, ich bedaure». «No worries, this was not part of the art. » William redet sehr laut, während Tsegaye den getränkten Lappen schwungvoll in den Trog wirft.

«Happy Meal»… höre ich Regina Gedanken verloren vor sich hin sagen. «Schöne Bescherung», Chanel kokettiert mit dem Missgeschick, während Tsegaye den nassen Stapel Papier mit einer abfälligen Geste wirft in die Spüle. Dieser wirkt innerlich sortiert und mich beschleicht das Gefühl, er hätte dem Unfall nachgeholfen. «Möchten Sie auch ein Tässchen», fragt er Regina. Sie nimmt dankend an. «Trinken Sie nie Espresso, geht doch viel schneller»? «Doch klar, zuhause habe ich eine Kapselmaschine, aber William wollte, dass ich hier halt äthiopischen Kaffee serviere. Ich spiele auch nur meine Rolle in der sozialen Skulptur» Tsegaye wirjt nachdenklich «Wissen Sie, , diese Leute wissen nicht, was sie tun, sie interessieren sich für Kulinarisches, aber nicht für Nahrung». Er schaut mir direkt in die Augen, und bedeutet mir, meine Tasse zu leeren. «Kulinarik ist eine Stilfrage, Nahrung ist substanziell», sinniere ich ins Donnergrollen hinein, «im Stil manifestiert sich die Moral. Popcorn ist auch nur eine Frage des Kontextes, ob es kultiviert oder Fastfood ist. Hochkultur und Massenunterhaltung sind sehr nah beieinander. Und wo etwas unzugänglich ist, wird es solange erklärt und vereinfacht von uns Kunstvermittlern, bis es banal genug ist. » Eine Windböhe schlägt irgendwo einen Fensterflügel zu, der Popcorngeruch ist sehr intensiv. «Aber dann schlafen alle ruhig», schmunzelt Tsegaye, «diese Damen und Herren dürfen niemals erfahren, dass ich lieber Kaffee aus der Espressomaschine habe». «Niemals. Sonst gerät ihre Welt aus den Fugen», Regina lächelt Tsegaye vielsagend an und leert ihren Kaffee. Draussen wäscht das Abendgewitter die kleinstädtischen Strassen sauber.

Fin de la Bobine