Artikel erschien am 13. April 2014 bei Westnetz.ch

Die Macher des Dokumentarfilms Journey to Jah im Interview

Was verbindet ein Deutscher Mittelstand Musiker mit Menschen in einem von Widersprüchen und Armut geprägten Land wie Jamaika? Tilmann Otto, bekannt als Gentleman und die Regisseure Moritz Springer und Noël Dernesch über Rastafari, starke Frauen und die Lichtgestalt Bob Marley.

Manch einer findet seine Heimat am andern Ende der Welt. So die beiden Musiker Tilmann Otto und sein Freund Alborosie, deren Weg sie nach Jamaika geführt hatte. Für den mehrfach preisgekrönten Dokumentarfilm Journey to Jah haben die Regisseure Noël Dernesch und Moritz Springer die beiden während sieben Jahren nach Jamaika begleitet. Entstanden ist dabei nicht etwa ein Reggae-feel-good-Movie, sondern ein Film, der die Suche nach Identität und Heimat in den Fokus stellt.

Gentleman und Alborosie

Tilmann Otto, der Film zeigt dich in alten Archivaufnahmen aus dem Jahr 1994, wie du als Teenie an einem Musikfestival in Jamaika auf der Bühne vor einheimischem Publikum auftrittst. Die Frage wird dir zwar andauernd gestellt, aber ich muss es auch tun: Wie in der Welt kommt ein 19 jähriger Kölner dazu, in Jamaika an einem der bedeutendsten Reggae Festivals aufzutreten?

Tilmann Otto: Ich war damals mit einem Filmteam von Arte für das Musik Magazin “Lost in Music” für eine Dokumentation über Reggae und Soundsystems in Deutschland unterwegs. Dabei besuchten wir das Quanza Festival in der Montego Bay auf Jamaika. Ich sollte die Interviews mit den Künstlern übersetzen, weil ich damals zufällig auch in Jamaika war. Dass ich auf die Bühne ging war nicht vorgesehen.

Wie kam es dazu?

Ich ging in der Umbaupause zum Promoter und sang ihm was vor. So kam es dann zum ersten spontanen Auftritt mit meinen drei Songs. Das war dann die Initialzündung. Ich realisierte, wie wohl und sicher ich mich auf der Bühne fühlte, viel sicherer als ausserhalb der Bühne.

Das Publikum war begeistert, was ja sehr ungewohnt ist, dass Jamaikaner einem europäischen Teenager zujubeln.

Gerade im Mutterland des Reggae ein so positives Feedback zu kriegen, hat mich motiviert und in dem bestärkt, was ich schon lange in mir gespürt hatte, diese Art von Musik zu machen.

Gentleman ist einer der erfolgreichsten Europäischen Reggae Acts und reist seit zwanzig Jahren regelmässig nach Jamaika. Der Film handelt aber nicht von der Erfolgsgeschichte eines Musikers, sondern wie der Titel Journey to Jah impliziert, von einer Reise.

Noël Dernesch: Wir wollten keinen Film ausschliesslich für ein Reggae Publikum machen, sondern damit ein breites Publikum ansprechen. Reggae steht nur stellvertretend für ganz universelle Fragen.

Warum wolltet ihr diesen Film machen?

Moritz Springer: Ausgangspunkt war eine Afrikareise vor etwa zehn Jahren, die mich mit der Rastafarikultur in Berührung brachte. Zurück in Europa stellte ich fest, dass sich auch hier Menschen mit dieser widersprüchlichen Glaubensrichtung auseinandersetzen. Und die Frage begann mich zu beschäftigen, wie Weisse dazu kommen, sich mit einer schwarzen Kultur zu identifizieren.

Ja, wie?

Das ist natürlich immer mit der menschlichen Sehnsucht nach Spiritualität und Identitätssuche verbunden, und dabei aus der gewohnten Umgebung zu neuen Ufern aufzubrechen. Im Jahr 2004 lernte ich meinen Co-Autoren Noël kennen. Für uns beide stand bald fest, wenn wir jemanden aus Europa dabei haben wollten, führte kein Weg an Tilmann Otto, also Gentleman, vorbei.

Wie war Eure Rollenaufteilung als Co-Autoren?

Noël Dernesch: Moritz und ich sind sehr unterschiedliche Typen. Moritz ist eher der Reggae-Freak, der „Insider“. Ich bin nicht wirklich Reggae-Fan und hatte immer eine sehr kritische Haltung gegenüber Rastafari und deren dogmatischen Ansichten. Ich war also für die kritische Auseinandersetzung, die Zusammenhänge im Erzählbogen verantwortlich. Es kam im Laufe der sieben Jahre zu manchen Reibereien. Aber genau diese Unterschiedlichkeit hat den Film dahin geschliffen, wo er jetzt ist.

Jamaika ist ein von Widersprüchen geprägtes Land. Die Rastafarikultur ist einerseits alttestamentarische Heilsversprechung, andererseits kämpft sie für die Befreiung aus dem Joch des Spätkolonialismus, ist also sozialpolitisch aufgeladen. Wie gehst du mit diesen Widersprüchen um, Tilmann?

Tilmann Otto: Spiritualität und Religion sind sehr persönlich. Bei mir hört das Verständnis dann auf, wenn es dogmatisch und mit missionarischem Eifer an die Sache herangegangen wird. Wenn aber jemand für sich was entdeckt, was ihn zu einem besseren Menschen werden lässt, ist es doch egal, ob es alttestamentarisch ist. Mein guter Freund Natty (Devon Gayle, Anm. d. Red.) ist Vollblutrasta und Bewohner von Sea View, einem Ghetto von Kingston. Er anerkennt Haile Selassie (äthiopischer Diktator, Anm. d. Red.) als seinen Gott, was ich überhaupt nicht mit ihm teile aber er ist einer meiner besten Freunde, weil er darin seinen inneren Frieden findet und dadurch auch eine unglaubliche Weisheit an den Tag legt.

Terry Lynn mit Freunden

„Das Paradies ist vielleicht kein Ort, sondern ein innerer Zustand“, sagst du im Film einmal. Jamaika ist weit davon entfernt ein Paradies zu sein. Auch wenn Tourismus und Entertainment uns das mit Bildern von Palmenstrand und Reggae-Sounds vermitteln wollen.

Noël Dernesch: Wir wollten unbedingt über die Reggae Klischees hinausgehen. Da stellte sich sehr bald die Frage, welche Geschichten erzählen wir. Welchen Figuren und Menschen wollen wir folgen?

Moritz Springer: Du könntest nur schon einen Film über die Entstehung von Rastafari drehen. Woher die Bewegung kommt, woher das Alttestamentarische. Oder die Entstehung der Black Power Bewegung, die mit der Entwurzelung aus Afrika oder über die politische Situation in Jamaika. Uns ging es aber gar nicht darum einen Film zu machen, der das alles erklärt. Was ich an Rasta persönlich schätze ist, dass die Religion nicht festgeschrieben ist sondern hunderte Spielarten zulässt.

Wie wichtig war für euch die Frauen im Film? Die Professorin Carolyn Cooper sowie die junge aufstrebende Sängerin Terry Lynn sind beeindruckende Frauen.

Noël Dernesch: Es war eine grosse Herausforderung starke Frauen zu finden, die was zu sagen haben. Wir sind sehr dankbar, dass wir Terry Lynn aus dem Ghetto Waterhouse getroffen hatten. Sie lebt in sehr schweren Bedingungen, ist beinahe täglich mit Gewalt konfrontiert. Uns beeindruckte, wie weitsichtig diese Frau ist, obwohl sie kaum aus ihrem Mikrokosmos rauskommt. Sie ist eine Poetin, schon fast eine Visionärin. Carolyn Cooper ist für die Frauen in Jamaika sehr wichtig wegen ihren progressiven Vorstellungen von der Rastafarikultur.

Reggae ist längst in den Mainstream der globalen Popkultur eingeflossen. Dennoch verehren alle nach wie vor Bob Marley als authentische Lichtgestalt des Reggae.

Noël Dernesch: Das muss man schon klar sehen, Jamkaika schlachtet die Figur von Bob Marley schamlos aus, weil dieser Mann in der Tat eine grosse Strahlkraft hatte.

Tilmann Otto: Es ist aber gerechtfertigt. Wenn man sieht, was der Mann mit seiner Musik geschafft hat, ist diese Verehrung nicht übertrieben. Er hat damit Kulturen zusammen gebracht, hat Hoffnung verbreitet. Seine Musik ist ja bis heute weiter verbreitet als die Beatles, zumindest in Afrika oder Asien. Er war ja auch selbst in Jamaika zu seiner Lebzeit, als Sohn eines schwarzen Vaters und einer weissen Mutter, nicht wirklich anerkannt. Der Personenkult im gesamten Merchandising ist was anderes.

Noël Dernesch: Das meinte ich vorhin mit ausschlachten, diese ökonomische Maschinerie.

Eine andere Schattenseite der Rastafarikultur ist die offene Homophobie. Wie seid ihr damit umgegangen?

Noël Dernesch: Wir wollten es natürlich nicht tabuisieren. Es ist ein Fakt, dass es da Missstände gibt. Da es nur ein kleiner Teil der ganzen Geschichte ist, wollten wir aber kein Fass aufmachen. Im Fokus steht die Suche. Ich denke, jeder findet über die Protagonisten einen Zugang zum Film, weil sie alle von ihren persönlichen Hoffnungen, Ängsten und Sehnsüchten erzählen, so springt auch das Kopfkino des Zuschauers an.

Tilmann Otto: Das macht den Film genau aus. Er ist ein Sinnbild für die Parallelen und Gemeinsamkeiten von Menschen von sehr unterschiedlicher Herkunft. Der Film wirft Fragen auf, ohne Antworten zu liefern. Ich kenne die Antworten auch nicht, ich bin ein suchender Mensch. Aber die Musik gibt mir die Kraft, die es braucht, um klar zu kommen. Der Gedanke, dass man nicht alleine ist, ist essentiell.