Ein Slum-Radio kämpft für den Frieden

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Kenia Medien sind wichtige Pfeiler der Demokratie. In Nairobi zeigt sich, was das konkret heisst: Eine kleine Radiostation klärt die Bürger im Slum über Hygiene, friedvolle Wahlen und gute Regierungsführung auf.

Text Valerie Thurner Fotos Anna Mayumi Kerber

Andika Shariff ist ein zurückhaltender Mensch. Als DJ wird er zum Entertainer.
Aktuelles Team von Koch FM

«Ich muss jetzt kurz etwas zu diesem Song erzählen und mich verab-schieden», sagt Andika Shariff, schiebt den Reg-ler runter und spricht ins dicht ans Gesicht gesetzte Mikro-fon. Es ist schwül im fensterlosen Raum. Shariff verliest die Nachrichten und einen letzten SMS-Kommentar der Hörer-schaft. Es ist jetzt kurz vor vier Uhr nachmittags, das war die wöchentliche Sendung zu Taarab, einer besonders in der Küstenregion Ostafrikas beliebten Volksmusik. Einer der Momente, in denen Shariff, im Alltag ein eher ruhiger und zurückhaltender Mann, zu DJ Shariff Andika wird. Zum En-tertainer. «Mir macht es grossen Spass, etwas für die Ge-meinde zu tun», sagt er. Er ist Moderator bei Koch FM, wo er als Journalismus-student vor zehn Jahren seine ersten Er-fahrungen im Medienbereich machte.
Seine Reggae-Show, die jeden Samstagnachmittag über den Äther ging, wurde zur populärsten Sendung von Koch FM. «Reggae ist die Musik des Ghettos. Damit identifiziert sich die Jugend», erklärt sich Andika Shariff seinen prominenten Status bei der Jugend von Korogocho. Korogocho heisst der Slum, die Einheimischen sagen aber einfach Koch (sprich: Kotsch). Davon leitet sich auch der Name des Radios ab.
Der Weg hierher ins Studio führt am Sportfeld der Primar-schule vorbei, dann am einzigen Strassenschild weit und breit, vorbei an bunt bemalten Wellblechfassaden und Bretterverschlägen bis zum Gemeindeplatz von Korogocho. Nach einer Einfahrt stösst man auf zwei aneinandergefügte, rot gestrichene Seefracht-Container, die hinter ein paar ge-parkten Autos ver-borgen sind. Auf dem bereits stark abge-blätterten Lack ist ein Schild angebracht: Eine aufgemalte Faust hält ein Mikrofon, in das ein Schriftzug eingeschrieben ist: «Koch FM, Edutainment on FM 99.9». Was so unschein-bar aussieht und sich bescheiden «Edutainment» nennt – ge meint ist die Verbindung von Bildung und Unterhaltung –, ist eine Legende. Hier schlägt das Herz des ersten Slum-Radios in Kenia. Im hinteren Container ist ein kleines Studio eingerichtet, das durch eine Tür vom restlichen Raum schalldicht abgetrennt ist. Innen ist alles mit roten Wandpol-stern versehen.Korogocho ist multiethnisch, in den neun «Dörfern» des Slums leben etwa 150 000 Menschen. Sie stammen aus ver-schiedenen Volksgruppen. Aufgrund zahl-reicher somalia-stämmiger Einwohner besteht zusätzlich ein Nebeneinander von Katholiken und Muslimen. Die meisten der Slum-Bewohner sind unter 30 und gehören damit zur Hauptzielgruppe von Koch FM. 20 bis 30 Freiwillige arbeiten inzwischen in der dritten Radio-Generation für das Infotainment-Projekt. Die Betriebsleitung besteht aus drei Leuten, die Redaktion und Produktion verantworten. Koch FM ist seit 2006 täglich von 6 Uhr früh bis 22 Uhr auf 99,9 MhZ auf Sendung. In den Anfängen sendete man illegal, also ohne Lizenz der Regierung.

Ein Ort namens «Schrott»

Graffiti Schriftzug von Hope Raisers Initiative

Ein Motorradtaxi, ein sogenanntes Boda, kommt angerauscht. Vom Rücksitz steigt ein Mann mittleren Alters mit einem etwas schräg aufgesetzten Beret und beladen mit einer Laptop-Umhängetasche. Tom Mboya ist der Geschäfts-führer und ein vielbeschäftigter Mensch. Jetzt ist er für die Sitzung mit dem Kernteam hier. «Korogocho klebt wie ein Stigma an dir», sagt Mboya, und ein verlegenes Lächeln huscht über sein furchiges Gesicht. Der Mittvierziger wirkt älter, als er ist.
Korogocho ist ein Wort aus der Bantusprache Kikuyu und bedeute «Schrott» oder «Abfall». Das entspricht dem Bild, das die Medien über Jahre hinweg zeichneten: Was in Slum-Geschichten stets prominent thematisiert wurde, waren die Gewalt, das Drogenelend und die hohen HIV-Raten. Mboya ist selbst im Slum aufgewachsen und seit den frühen An-fängen des Radios dort aktiv. Auf die Geschichte des Senders ist er stolz.
Am Anfang standen zehn junge Aktivisten aus Korogocho, die den Sender in Eigeninitiative und ohne jegliche finan-zielle Mittel begründeten. Koch FM ergriff das Wort gegen die unhaltbaren Zustände in den Slums der Eastlands, wo Gangs die Bewohner terrorisierten. Gewalt insbesondere ge-gen Frauen war sehr verbreitet, dazu Alkohol- und Drogen-missbrauch, und es herrschten desaströse hygienische Zu-stände. Die Radio-Pioniere wollten gegen alltägliche Menschenrechtsverletzungen, Vergewaltigungen, Raub-morde, Zwangsheiraten ankämpfen. Und sie wollten der konstant negativen Berichterstattung und Stigmatisierung der Slum-Bewohner in den Medien etwas entgegenhalten.
Das Radio ist in Kenia nach wie vor das am weitesten ver-breitete Medium. Gemäss Uno-Schätzungen besitzen drei-viertel aller afrikanischen Haushalte einen Empfänger. Nebst unzähligen kommerziellen Radiostationen existieren immer mehr Spartensender in den verschiedenen Volks-sprachen. In Kenia gibt es 43 verschiedene Stämme und 68 gesprochene Sprachen. Die grössten Volksgruppen sind Kikuyu, Kalenjin, Kamba, Luhya und Luo. Als dritte Form nebst kommerziellen und volkssprachlichen Lokal sendern bieten Community-Radios wie Koch FM weit mehr als Unter-haltung. Sie sind eine Art Bürgerforum und dienen als Kommunikationsplattform und Sprachrohr für die sozial und ökonomisch Schwächsten. Am Anfang standen zehn junge Aktivisten aus Korogocho, die den Sender in Eigeninitiative und ohne jegliche finan-zielle Mittel begründeten. Koch FM ergriff das Wort gegen die unhaltbaren Zustände in den Slums der Eastlands, wo Gangs die Bewohner terrorisierten. Gewalt insbesondere ge-gen Frauen war sehr verbreitet, dazu Alkohol- und Drogen-missbrauch, und es herrschten desaströse hygienische Zu-stände. Die Radio-Pioniere wollten gegen alltägliche Menschenrechtsverletzungen, Vergewaltigungen, Raub-morde, Zwangsheiraten ankämpfen. Und sie wollten der konstant negativen Berichterstattung und Stigmatisierung der Slum-Bewohner in den Medien etwas entgegenhalten.
Das Radio ist in Kenia nach wie vor das am weitesten ver-breitete Medium. Gemäss Uno-Schätzungen besitzen drei-viertel aller afrikanischen Haushalte einen Empfänger. Nebst unzähligen kommerziellen Radiostationen existieren immer mehr Spartensender in den verschiedenen Volks-sprachen. In Kenia gibt es 43 verschiedene Stämme und 68 gesprochene Sprachen. Die grössten Volksgruppen sind Kikuyu, Kalenjin, Kamba, Luhya und Luo. Als dritte Form nebst kommerziellen und volkssprachlichen Lokal sendern bieten Community-Radios wie Koch FM weit mehr als Unter-haltung. Sie sind eine Art Bürgerforum und dienen als Kommunikationsplattform und Sprachrohr für die sozial und ökonomisch Schwächsten.

Die Karawane zieht durch Mathare
Mathare Valley

Friedensbotschaften aus dem Sound-Mobil

Ziel von Koch FM ist, nebst der Unterhaltung, der lokalen Be-völkerung Zu-gang zu relevanten Informationen zu ver-schaffen und mit ihr in Dialog zu treten. Mboya selbst führte über viele Jahre eine Sendung über «Good Governance», über gute Regierungsführung. Er lud Amtsträger ins Studio ein, die in aktuelleDebatten mit der Hörerschaft eingebun-den wurden.
Nebst einem lokalen Newsroom bietet Koch FM ein Bürger-forum, die Leute können sich in Call-in-Shows einbringen. Die täglichen Herausforderungen eines Lebens am unteren Ende der Wohlstandskette stehen dabei im Fokus, die The-men reichen von der Kriminalitätsbe-kämpfung bis zur Er-nährungssicherheit.
Dass der kleine Sender auch in politisch heiklen Phase eine wichtige Rolle spielen kann, zeigt der Blick zurück auf den Sommer 2017: Die Strassen sind drei Wochen vor dem ersten Wahlgang vom 8. August mit Propaganda zugepfla-stert, auf riesigen Plakatwänden an den Verkehrskreiseln prangen die Gesichter der Präsidentschaftskandidaten. An einem Samstag im Juli 2017, drei Wochen vor dem Urnen-gang, hat sich Koch FM der Friedenskampagne unter der Schirmherrschaft der örtlichen katholischen Kirche ange-schlossen. Die Organisatoren sind mit dem Aufbau des Sound-Mobils beschäftigt, eine halbe Stunde später dröhnt Reggae-Musik über einen Verstärker aus dem Laderaumdes Lastwagens. DJ Shariff Andika ruft durch ein Mikrofon den Schaulustigen zu: »Amani, Amani, Amani», das Wort für Frieden auf Kisuaheli. Angeschlossen ans Mischpult ist sein Mobil- telefon mit seiner privaten Playlist, er schaut konzen-triert auf den Flyer, während er versucht, auf der wackligen Fahrt das Gleichgewicht zu halten. Studenten einer katholi-schen Universität sowie Mitglieder einer lokalen Menschen-rechtsorganisation bilden eine Gruppe von ein paar Dutzend Menschen. Der Umzug folgt dem Sound-Mobil durch die drei Wahlkreise Mathare, Ruaraka und Embakasi in den East-lands von Nairobi.
Manche Slum-Bewohner verfolgen die Karawane skeptisch. «Die Leute haben Hunger, was nützt ihnen da Frieden!», ruft ein Beobachter. Die Kin-der schauen interessiert die Flug-blätter mit den Geboten für einen friedlichen Wahlgang an: «Wahlen, die sich an der Stammeszugehörigkeit orientieren, enden in Blutvergiessen und Chaos. Vergesst das nicht!»

Teilnehmerinnen am Umzug
Polizistin mahnt zu Frieden

Andika Shariff verkündet unermüdlich Friedensbotschafen. Das Fussvolk der Karawane hat sich längst in die Begleit-busse gesetzt, als der Lastwagen lange sechs Stunden später bei der Polizeistation von Korogocho vorfährt. Der Posten wurde dort errichtet, wo vor zehn Jahren die Gangs aufein-ander losgingen. Shariff kämpft langsam gegen die Müdig-keit, während er weiter hin seine Botschaft unter die Leute bringt. «Es gibt ein berühmtes Sprich-wort in Kisuaheli: Wer nicht bereit ist, seine Niederlage anzuerkennen, ist kein Herausforderer.» Will heissen: Wenn euer Kandidat verlo-ren hat, akzeptiert das Resultat. Während der Monate vor den anstehenden Wahlen gilt es, die Bevölkerung auf den Wahlgang vom August vorzubereiten und auf ein friedliches Nebeneinander zu pochen.

Andika ist langsam müde

Leitmedien, die zur Gewalt aufwiegeln

Politik in Kenia verläuft entlang ethnischer Linien. Die tief-sten Gräben verlaufen zwischen den beiden grössten Volks-gruppen, den Kikuyu und den Luo, was bis tief in die Kolo-nialvergangenheit zurückreicht. Die von den damaligen Kolonialmächten bestimmte Landverteilung ist bis heute ungelöst und spiegelt sich auf der politischen Bühne Kenias wider. So entlud sich vor zehn Jahren die Empörung über einen offensichtlichen Wahlbetrug in Unruhen in den eth-nisch gemischten Slums. Begünstigt durch grassierende Armut, Jugendarbeitslosigkeit und einer von Korruption durchzogenen Verwaltung und Politik brach der seit Jahr-zehnten schwelende Konflikt zwischen den ethnischen Gruppen in einer unerwarteten Heftigkeit auf den Strassen Nairobis und in anderen Landesteilen auf. Es kam zu Zu-sammenstössen zwischen Demonstranten, Banden und der Polizei. Hütten wurden angezündet, Menschen totgeschla-gen mit Stöcken, Steinen oder Macheten. Die Gewaltaus-brüche von 2007 hinterliessen gemäss Schätzungen der Uno weit über 1000 Tote und 650 000 Vertriebene.
Die Medien hätten in dieser Situation vollkommen versagt und ihre Verantwortung nicht wahrgenommen. So das Fazit einer vom BBC World Service Trust in Auftrag gegebenen Studie von 2008. Die Berichterstattung der Leitmedien, wie der Radiosender in lokalen Sprachen, wirkte sich demnach weder im Vorfeld noch während der Wochen danach in po-sitiver Weise auf die Geschehnisse aus. Im Gegenteil, ein Lokalsender musste sich sogar wegen Aufwiegelei zu ethni-scher Gewalt vor dem Internationalen Gerichtshof für Men-schenrechte in Den Haag verantworten. Die Studie erwähnt eine Ausnahme: die wenigen Community-Radios in den Slums von Nairobi. Eines davon ist Koch FM. Die BBC riet in dieser Aufarbeitung dringend, auch in der Entwicklungs-zusammenarbeit vermehrt in die kom-munalen Medien zu investieren, da sie in der Friedensarbeit und politischen Bildung wichtige Arbeit leisteten. Community-Medien wie Koch FM dürfen gemäss den staatlichen Richtlinien nur in den Amtssprachen Ki-suaheli oder Englisch senden und nicht in den ethnischen Sprachen der einzelnen Volksgrup-pen, wie es viele Lokalradios tun. So wurde Koch FM im Dezember 2007, als alle befürchteten, auch das multiethni-sche Korogocho würde brennen, zum Ad-hoc-Krisen-Corps. Sie suchten einerseits das persönliche Gespräch an den Fronten oder riefen über den Sender Koch FM zu einem Ende der Gewalt auf.
Die Radiomitarbeiter konnten wegen verschiedener ethni-scher Zugehörig-keiten und den damit einhergehenden Sprachkenntnissen die Gefahrenzonen eruieren oder von verschiedenen Religionsführern Friedensbotschaften ein-holen, die sie später mehrmals täglich über den Sender schickten.
Der damals knapp 20-jährige Andika Shariff gehörte zu den wenigen, die sich noch an den Schauplätzen der Gewalt bewegen konnten. Er wurde vom Radio-Team regelmässig von seinem Zuhause zum Studio eskortiert, um das Wort im Rahmen seiner populären Reggae-Show an die Jugend zu richten. «Ich war damals ziemlich hoch im Kurs in der Com-munity.» Shariff lacht verlegen. «Man rief mich manchmal sogar nachts um eins an, wenn es irgendwo im Slum ein Problem gab.»

Politiker versuchen, Sendezeit zu kaufen

Dass Community-Radios wie Koch FM fast unverzichtbare Brücken zwischen Organisationen, der Regierung und der Bevölkerung bilden, davon ist auch die Unesco überzeugt, die das kriselnde Radio 2015 in ihr vierjähriges Förderpro-gramm aufgenommen hat. Neben Workshops für die Radio-macher unterstützt sie die Institution bei der Suche nach einer nachhaltigen Finanzierung.
Die einzelnen Programme werden von internationalen wie lokalen NGOs finanziert. Es sind keine grossen Beträge, denn Löhne gibt es bis auf Sondereinsätze an Veranstaltungen kei-ne. Das durchschnittliche Jahres-budget beträgt zwischen 7000 und 11 000 US-Dollar. Davon müssen Betriebskosten wie Lizenz, Strom, Unterhalt sowie spezielle Veranstaltun-gen gedeckt werden.
Doch aktuell ist es nicht gut bestellt um die Finanzen. In den Anfängen konnte die norwegische Kirchenhilfe als Geldge-ber für die einfache Infrastruktur gewonnen werden. 2015 liess Norwegen aber seine Entwicklungsprogramme für Kenia auslaufen, und die Beiträge der Kirchenhilfe für Koch FM bleiben seither aus. Die Radiomacher hangeln sich von Projekteingabe zu Projekteingabe, um an Mittel zu kommen. Die Finanzierung des Radios sei ein ständiger Kampf, sagt Geschäftsführer Tom Mboya. Kurzfristig floss vom United Nations Development Programme UNDP, dem Entwicklungs-programm der Uno, etwas Geld für Bürgeraufklärung.
Über Geld spricht Mboya allerdings nicht gerne. Ein heikles Thema in diesem sehr sensiblen Umfeld von extremer Ar-mut, wie er erklärt. Auch Werbemöglichkeiten für Commu-nity-Medien wie Koch FM sind gesetzlich limitiert. «Ein Com-munity-Radio ist sehr anfällig für Bestechungen durch Politi-ker », sagt Mboya. «Mit hohen Geldbeträgen wollen sie sich Sendezeit erkaufen, um das Gegenlager zu diskreditieren.» Und Geld alleine bringt nicht nur Lösungen, im Gegenteil, es kreiert in einer prekären Umgebung von extremer Armut zusätzliche Probleme. Auch das gehört zur Geschichte von Koch FM. Ein Slum-Radio zu betreiben ist ein Balanceakt, der nicht nur Begeisterung hervorruft, sondern auch Missgunst oder falsche Erwartungen.

Radios im Markt von Kariobangi

Geld, Gerüchte und ein Mord

Vor vier Jahren lancierte Koch FM mit der Unterstützung der Organisation Action Aid Kenya, die Armut und soziale Un-gleichheit bekämpft, ein Musikprojekt, das ein Musikstudio in Korogocho aufbauen wollte. Es sollte lokalen Nachwuchs-musikern eine Möglichkeit für professionelle Aufnahmen bieten. Geldgeber war ein bekannter Festivalleiter in Gross-britannien. Ein Mitglied von KochFM betreute das Projekt, war für den Kauf des Equipments und die Suche nach einem geeigneten Raum zuständig. Der Andrang zur Gelegenheit, im Studio umsonst eigene Stücke einzuspielen, war gross, und über ein Jahr lang lief alles vielversprechend, es gab Wettbewerbe, Workshops und Shows im Rahmen des stadt-bekannten «Good Governance Festivals». Dann kam es zu Unstimmigkeiten innerhalb des Koch-FM-Teams, erinnert sich der Mitarbeiter von Action Aid, der das Projekt ver-antwortete.
Gerüchte kursierten, persönliche Anschuldigungen und Vor-würfe darüber, dass Gelder falsch verteilt würden. Nach zwei Jahren scheiterte das Projekt an diesem internen Kon-flikt, das Studio konnte langfristig nicht etabliert werden.
Der grösste Schlag, den Koch FM bisher verkraften musste, ist der Tod des ehemaligen Sendeleiters Nyagah wa Kamau, genannt Nyash, der im Februar 2012 kurz nach der Rück-kehr von einem NGO-Treffen in seiner eigenen Nachbar-schaft ermordet wurde. Es kam nie zu einer Anklage, poli-zeiliche Untersuchungen verliefen im Sand, nichts Ausserge-wöhnliches in den Eastlands.
Seither ranken sich unbestätigte Gerüchte um Identität und Motiv der Täter. Dieser ungeklärte Mord an einem bewun-derten Lokalmatador hat das Klima vergiftet, und seither ist nichts mehr, wie es mal war, bestätigen viele aus dem nähe-ren Umfeld des Radios. Stationsleiter Mboya sagt dazu: «Wir sind sehr vorsichtig geworden.» Informationen über das Budget gingen seither nicht mehr aus dem engsten Kreis der Radioleitung hinaus.

Tom Mboya, Manager von Koch FM

Die Abhängigkeit von internationalen Organisationen

Ob das langfristig sinnvoll ist, ist allerdings fraglich. So hatte die Sendeleitung die privaten Spenden-gelder verschwiegen, die auf Initia-tive der damaligen Programmleite-rin der Kirchenhilfe für die spezifi-schen Aktivitä-ten im Wahljahr 2017 zusammen-gekommen waren – immerhin 4000 US-Dollar, was er-neut für Unmut im engsten Umfeld der Verantwortlichen sorgte.
Der Medienwissenschaftler George Otieno Ogola unter-suchte Koch FM 2012 in einem Bericht und steht nicht nur der internationalen Entwicklungshilfe kritisch gegenüber. Er sieht grundsätzliche strukturelle Probleme. So teilt sich Koch FM mit anderen Community-Radios die Frequenz. Ogola ist überzeugt, dass diese Einschränkungen nicht zu-letzt eine Form subtiler politischer Kontrolle sind. In den Slums leben weitaus mehr Menschen als in den wohlhaben-den Nachbarschaften. Institutionen wie Koch FM Selbst-organisation zu gewähren, könnte die Regierung daher als Bedrohung der politischen Stabilität sehen, glaubt Ogolo.
Auch die Abhängigkeit von ausländischen Organisationen sieht der Medien-experte kritisch. «Die Krise von Koch FM ist symptomatisch. Eine Institution kollabiert, sobald NGO-Gelder rückläufig sind – ein Trend, der in den Community-Medien generell zu beobachten ist. Auch fehlt es an nachhal-tigen Strukturen, es wird zu sehr auf Einzelpersonen gesetzt. Wenn diese dann den Betrieb verlassen, scheitert das ge-samte Unternehmen», meint Ogola. «Es wäre dennoch gut, wenn das Community- Radio dank der Unter stützung der Unesco fortbestehen könnte, die Alternativen sind nämlich wenig reizvoll: kommerzielle Radiostationen, die nur Musik spielen. Oder eben ethnisch-sprachige Stationen, die sehr einfach für politische Zwecke missbraucht werden.»
Heutzutage hörten nicht mehr so viele das Community- Ra-dio, und die Reggae-Show laufe auch nicht mehr so wie da-mals, sagt Moderator Andika Shariff. Wohl, weil es inzwi-schen sehr viele kleine Lokalsender in den Eastlands gebe, die in den jeweiligen Dialekten einzelner Volksgruppen sen-den. Das Wegbrechen der regelmässigen Spenden sowie des Know-hows von Einzelpersonen hat Lücken hinterlassen, die eine Organisation in dieser Grösse schlecht verkraftet. Die meisten Volontäre geben ihre Sendung auf, sobald sie bezahlte Jobs haben. Ob Koch FM überleben wird? «Solange die Leute an Geldgeber von aussen gewohnt sind, bin ich wenig optimistisch.
Man darf nicht vergessen, dass Koch FM praktisch ohne Bud-get gestartet ist, mit dieser dynamischen Energie. Ich habe gelernt, dass richtige Verände-rung, also bleibender Wandel, hier niemals von aussen kommen kann, sondern von innen kommen muss», sagt Shariff bestimmt.
Er ist Koch FM bis heute treu geblieben. Die besten Jahre sei-en längst vorbei, aber er geht für seine Sendung immer noch jeden Freitag zum Container mit dem abgeblätterten Lack. Es erzählt viel über die derzeitige Stimmung, wenn Shariff seine Motivation intuitiv mittels Vergangenheitsform in Worte fasst: «Ich dachte, als Journalist hätte ich Raum, den Menschen zu berichten, was wirklich los ist im Land. Ich spürte den Drang in mir, die schlafende Menschheit aufzuklären.» Es sind Sätze, in denen genauso viel Über-zeugung wie Desillusionierung steckt.

English Version :

https://medium.com/@valeriethurner/a-slum-radio-fights-for-peace-a93594373b41

Die Kunsterklärer –oder ein Happy Meal für Äthiopien

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2#ReginaPfisterTauchsafari

Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder realen Handlungen sind absolut beabsichtigt.

Meine Praktikantin Regina und ich erreichen als letzte das städtische Haus der Künste am Ufer des Flusses, der die Altstadt in Unter- und Oberdorf teilt. Es ist ein schwüler Mittwochabend, über dem See haben sich in der Ferne bereits schwere Gewitterwolken aufgetürmt. Steif wie Ampeln stehen unsere Kollegen der Sommerbiennale in Reih und Glied vor dem improvisierten Kassenhäuschen. Sie grüssen auffallend kleinlaut, wagen kaum zu atmen, ganz im Gegensatz zur Fahne, die von einer Stehle neben den Ampeln fröhlich im Wind zappelt und stolz Logo und Schriftzug einer renommierten Privatbank präsentiert. In der Regel sind unsere Kollegen redselig, denn das Sprechen ist ihr Beruf. Als Kunstvermittlerinnen sind wir mit der verantwortungsvollen Aufgabe betraut, dem Volk die schwer zugängliche Kunst zu erklären, es bei der Hand zu nehmen und mit ihm auf helle Momente der Erkenntnis hinzuarbeiten, wenn wir zusammen wieder etwas verstanden haben, was fünf Minuten zuvor noch ein unlösbares Rätsel schien. Einige Herren mittleren Alters in dunkelblauen, schlecht sitzenden Anzügen und dazu unpassenden, schwarzen Lederschuhen haben sich vor den grossen Worten an der Wand positioniert. Lesen tut sie keiner, zu sehr sind sie mit den wenigen Frauen in ihrer Mitte beschäftigt, die meist jünger und stilsicherer gekleidet sind. Mitten in der homogenen Smalltalk Runde steht eine bunte und laute Erscheinung: William aus Tennessee, der glücklich geladene Künstler des heutigen Sponsoren-Abends zwitschert fröhlich und zieht die Aufmerksamkeit wie ein Kanarienvogel unter Sperlingen auf sich. Gerade flüstert einer der Herren in Dunkelblau William etwas zu, worauf dieser nervös lacht und ungeschickt seine knallgelbe Fliege richtet, die penibel zu den lila und rosa karierten Socken abgestimmt ist. Dann nippt er hastig an seinem Glas Champagner, tritt dabei von einem Bein aufs andere als tanze er für die handverlesene Klientel und deren Vermögensberater. Es herrscht diese unangenehme beidseitige Befangenheit, die sich jeweils einstellt, sobald die Kunst dem Geld gefallen will.

Der Kanarienvogel unter Spatzen

Ich bin als Senior Mediator damit beauftragt, die Nachwuchsvermittlerin Regina Pfister, eine etwas resolute, aber sehr engagierte Historikerin Anfang Dreissig ins Metier einzuarbeiten. Wir sind die Kunsterklärer der Sommerbiennale «Europa als soziale Skulptur», die dieses Jahr unsere Provinzstadt bespielt. Unsere Mission ist der Erkenntnisgewinn von Kunstbeflissenen, wir bescheren unseren Zuhörerinnen und Zuhörern seltene Augenblicke der Glückseligkeit, und verwandeln sie von Unwissenden zu Eingeweihten. Die Zeichen des Wandels zu erkennen, sei das Ziel der Sommerbiennale, sagt der Begleittext in grossen Lettern neben dem Eingang. Die gezeigten sozialen Skulpturen wollen auf gesellschaftliche Verschiebungen und Grabenbrüche sensibilisieren, die Migration, Klimawandel oder technologischer Fortschritt verursachen. Die Kunst soll die brisanten Themen unserer Zeit nachvollziehbar machen, indem Betroffene in die Produktion der Kunst mit einbezogen werden. Das jedenfalls ist das Konzept der Schau «Europa als soziale Skulptur».

William aus Tennessee hält sich dicht an Gallery Girl, dem sendebewussten Scharnier zwischen Kunst und Finanz. Gallery Girl ist erst Anfang Zwanzig, trägt aber den Schmuck reifer Damen, heute hat sie sich für zwei Goldketten entschieden, die viel zu schwer sind für ihren zarten Hals. Sie geht von einem dunkelblauen Herrn zum nächsten und stellt ihnen William aus Tennessee vor. Aus dem Augenwinkel sehe ich wie meine geschätzte Praktikantin ihre Nase etwas anhebt und Gallery Girl einen feindseligen Blick zuwirft. Diese trabt auf ihrem imaginären hohen Ross zu uns herüber und Reginas Kiefermuskeln beginnen rhythmisch zu zucken, während sie die Zähne zusammen presst. Gallery Girl stellt sich neben die Corporate-Flagge in Hochformat neben das weiss gedeckte Stehtischchen und bittet in leicht devotem Tonfall, mit ihrem Klunker wedelnd, um Aufmerksamkeit. Sie prüft ihre Worte anhand eines Spickzettels. Das Abendprogramm beinhaltet eine geschlossene Abendgesellschaft auf dem Europa-Floss, sowie der Ausstellungsrundgang mit uns Kunstboten. Gallery Girl bittet die Dunkelblauen ihren Champagner auszutrinken und sich in die Gruppen grün, gelb und rot aufzuteilen. «Ihr bekommt die Gruppe Gelb», weist sie Regina und mich an. Ich nicke. Gallery Girl rauscht ab, und Regina schaut grimmig.

 Kaffee für den sozialen Frieden

Wir nehmen die Treppe in den ersten Stock, ein eigentümlicher Duft von Weihrauch liegt in der Luft. Der Museumskiosk gegenüber dem Treppenabsatz trägt ein exotisches Kleid. Dahinter steht ein feingliedriger Mann, der henkellose Porzellantässchen sauber reibt und sie dann eins ums andere auf ein geflochtenes buntes Rundtischchen stellt. Die dunkelblauen Herren der Gruppe Gelb stellen sich in einem Halbkreis davor auf und William stellt der in auffallend gutem Deutsch Tsegaye vor, den Inhaber des Restaurants Abyssinia. Tsegaye kam vor acht Jahren als Asylsuchender in die Schweiz und führt inzwischen das erste und einzige äthiopische Restaurant der Stadt. Über dem runden Korbtischchen, das man in seiner Heimat Mesob nennt, leuchtet in roten kühlen Röhrenlettern der Schriftzug Diplomange. Tsegaye ist gerade damit beschäftigt rohe Kaffeebohnen in ein Salatsieb zu schütten, das er dann unter den laufenden Wasserhahn hinter dem Tresen hält. Während Tsegaye mit der freien Hand in den Bohnen wuselt, erklärt William unserer Gruppe Gelb, wie glücklich er sei, dass jener Teil seiner sozialen Skulptur Diplomange sei. Auf einer Reise durch Äthiopien sei ihm die Idee gekommen, Kulinarik und Völkerverständigung zusammen zudenken, strahlt er. «Wisst Ihr, Ethiopia ist die Heimat von die Coffee. Die zelebrieren das Getränk mit viel Zeit, und stürzen nicht einfach eine Tasse Espresso wie im Europe.» Tsegaye tritt jetzt von der Spüle hervor, und William übergibt ihm das Wort. Offensichtlich vorbereitet, erklärt er mit gedämpfter Stimme, was es mit dem Kaffee im Haus der Künste auf sich hat, während er die Rohbohnen mit einem Lappen trocken reibt und in eine Holzschale schüttet. «Die Kaffeezeremonie ist eigentlich Frauensache, lacht er verlegen, «aber William hat darauf bestanden, dass er den Museumsbesuchern echten äthiopischen Kaffee anbietet, als Teil der sozialen Skulptur. Bei uns in Äthiopien ist Kaffee zentraler für das soziale Leben. Wir trinken dreimal täglich Kaffee und das geht immer mindestens eine halbe Stunde, weil wir ihn jeweils frisch rösten. Wir besprechen beim Kaffee alles, was uns gerade beschäftigt, manchmal werden auch zerstrittene Parteien zum Kaffee gebeten, und dann wird zusammen eine Lösung gesucht. Der Kaffee ist ein gelebtes Symbol für Willkommenskultur und gegenseitigen Respekt. Und darum geht es, wie ich glaube auch dem William in seiner Arbeit. »

Ein Süsswasser-Saibling für den Kaiser

Die Ernsthaftigkeit, mit der sich der Mann mit dem Kunstvorhaben solidarisiert, rührt mich. William ist stolz auf sein Wortspiel mit den Begriffen Diplomatie und Manger, dem französischen Verb für essen. Diplomange sei durchdrungen vom Geist der 68er, die damals einen Kunstbegriff der gelebten Gemeinschaft proklamierten. William gewinnt nun an Selbstvertrauen. Das wohl bekannteste Beispiel sind die 7000 Eichen der Kunstikone Joseph Beuys, die er damals in einer Gemeinschaftsaktion mit den Bewohnern von Kassel pflanzte, um die Stadt aufzuwerten. Gemeinsam Kunst machen für eine bessere Welt. Und William erklärt den Akt der Kaffeezeremonie zur Konzeptkunst, während Tsegaye hinter einem Vorhang neben der Spüle verschwindet und wenig später mit einer rot lackierten Popcorn-Maschine erscheint. Er schleppt sie umständlich zum Tresen und stellt sie drauf. Fragende Gesichter schauen ihm dabei zu, wie er den Kaffee in einen Blechtopf schüttet, den er dann in die dafür vorgesehene Halterung im gläsernen Kasten klemmt. William winkt die Gruppe zu einer Vitrine gegenüber dem Tresen, die historische Dokumente aus dem Schweizer Bundesarchiv enthält, die William aus Tennessee für seine soziale Skulptur leihen durfte: Ein Original Tischmenü eines Staatsessens mit Haile Selassie, dem letzten Kaiser Äthiopiens, das im November 1954 im Schloss Jegersdorf bei Bern stattfand. Wie das Dokument belege, sei dem Kaiser nur das Beste vom Besten serviert, was die französische Küche zu bieten gehabt hätte. «Also, dem Kaiser wurde zum Or d’Oeuvre eine Fois Gras mit Trüffeln auf einem Brioche serviert, gefolgt von Saibling in Butter gebraten und Olivettes de Parmentier. » William gestikuliert und betont wie sensibel der Süsswasser-Saibling auf Wasserqualität reagiere. Dieses müsse äusserst sauber, kalt und sauerstoffrein sein, damit der Fisch überlebe. Aber die Schweiz habe keine Kosten gescheut, schliesslich stand sie in Haile Selassies Schuld. Und das Sechsgang Menü im Schloss, wo der Kaiser für zwei Nächte residierte, war nur ein Teil der Wiedergutmachung. «Was für eine Wiedergutmachung? » eine ältere Dame in diskretem Chanel Zweiteiler meldet sich zu Wort. «Ich kann mich erinnern an diesen Besuch, inwiefern die Schweiz aber in des Kaisers Schuld gestanden haben soll, ist mir allerdings schleierhaft.» William wächst sofort einen Zentimeter, als er in die Tiefen der Schweizer Asylgeschichte vordringt und der erstaunten Runde darlegt, wie der letzte Kaiser Äthiopiens im Jahr 1936 fliehen musste, nachdem die Truppen der Italienischen Faschisten unter Benito Mussolini sein Reich annektiert hatten und Selassie fortab für fünf Jahre im Exil in England verbrachte. Gruppe Gelb schaut jetzt neugierig und zaubert William aus Tennessee ein triumphierendes Strahlen ins Gesicht. «You know, eigentlich wollte Haile Selassie in die Schweiz fliehen, aber die wollten ihm kein Asyl gewähren. » «Naja, die Schweiz wandelte eben auf schmalem Grat, was das diplomatische Geschick betrifft», gibt sich ein Dunkelblauer sachkundig. «Schliesslich musste man gegenüber den faschistischen Regimen im Europa vor und während des Zweiten Weltkriegs politisch neutral bleiben und auf keinen Fall den Mussolini verärgern. » «Da muss der Afrikaner draussen warten», schnödet plötzlich Regina, die Runde überhört meine Praktikantin, sie folgen dem Zeigefinger Williams, in Richtung besagter Vitrine mit den Dokumenten.

Die hohe Kunst der Diplomatie

Gruppe Gelb folgt dem Künstler und gafft auf einen vergilbten Brief neben dem Menü mit dem delikaten Fisch, der in englischer Sprache, auf einer Schreibmaschine verfasst wurde. Im Briefkopf die äthiopische Trikolore in Gelb Grün und Rot und unter den überschwänglich dankenden Sätzen handgezeichnet von Herrscher Haile Selassie. «Das ist die Brief des Kaisers an das Bundesrat, als Dankeschön», fährt William fort, wie der eigentliche Anlass für den Staatsbesuch die UNO in Genf gewesen sei, vor deren Vollversammlung Selassie die Föderation von Äthiopien absegnen liesse, die endlich die abtrünnigen Provinz Eritrea einbinden sollte. Was aber in einem Desaster und Jahrzehntelangen Bürgerkrieg mündete. Dunkelblau nickt, Regina verdreht die Augen. Vom Tresen her knackt und knistert es aus der Popcorn-Maschine, und ein intensives Kaffeearoma breitet sich im Raum aus. Gruppe Gelb schaut neugierig zu Tsegaye rüber, dieser schaut konzentriert auf die rumpelnde Maschine.

«Wenn ich an diesen Umzug zurückdenke» sagt nun Chanel unvermittelt. Im Hintergrund knattert fröhlich die Popcorn-Maschine, als würde sie demnächst bersten. «Das war ein riesiger Karneval, das kann man schon Kunst nennen», erwidert einer der älteren Dunkelblauen belustigt. «Ich erinnere mich also sogar, da war ich etwa zwölf», fährt Chanel fort, «wir Kinder bekamen schulfrei, um dem Negus aus Abessinien Spalier zu stehen. Der Negus kommt, riefen die Kinder und wedelten mit ihren Fähnchen mit der äthiopischen Trikolore». Chanel schaut über ihre linke Schulter zum William, «als dieser Exote mit 3000 Kilo Gepäck und Gefolgschaft im Sonderzug aus Dänemark in Basel einfuhr, war die ganze Nation in Aufruhr, schliesslich kam selten hoher Besuch aus dem Schwarzen Kontinent. «Die meisten hierzulande kannten den Kontinenten ja auch nur aus den Erzählungen der Schweizer Missionare, oder von Globis Abenteuern bei den Menschen fressenden Afrikanern». Regina findet es offensichtlich weniger lustig. «Und da wir Schweizer niemals eine Hochkultur waren und weder Könige noch Kaiser führten, kam so eine exotische Durchlaucht mehr als gelegen. Etwas Farbe unter die grauen Mäuse, nicht wahr!» Regina wirft William einen auffordernden Blick zu, doch dieser überhört ihre Bemerkung. «Dieser Rastafari kam doch nicht wegen der UNO oder eines Erntedank-Essens in die liebe Schweiz, der kam doch in erster Linie, um einen alten Freund zu besuchen, den Waffenfabrikanten Emil Bührle», schiesst Regina unverdrossen in die flaue Runde. Das Wespennest, das bisher vor sich hin gedöst hat, ist jetzt definitiv aufgescheucht. Chanel schaut etwas ratlos aus ihrem Kostüm und Dunkelblau will wissen, wo da der Zusammenhang liege. «Ja wo wohl…Der wichtigste Europäische Freund des Kaisers Haile Selassie war Kanonen-Emil aus Oerlikon», Regina holt tief Luft. «Gleichzeitig war er leidenschaftlicher Kunstsammler und investierte in eine der grössten Sammlungen unseres Landes durch teils unlautere Geschäfte. «Mit dem Blutgeld der Waffenverkäufe kaufte er gestohlene Kunst». Regina ist sichtlich entzückt über den dramatischen Stimmungsumschwung im Haus der Künste. «Die Geschichte des Unternehmens Oerlikon Bührle ist allbekannt, Emil Bührle wurde dank Waffengeschäften mit den Nazis zum reichsten Bürger in der Schweiz». Regina schaut Dunkelblau direkt in die Augen. «Er bereicherte sich am Leid der verfolgten Juden während des Zweiten Weltkrieges, indem er zwangsversteigerten Kunstwerke zum Spottpreis ergattert hat? » «Ich weiss genau, woher Sie diese Vorwürfe haben, junge Dame», über Dunkelblauens Stirne bahnt sich eine hervorstehende Ader. «Da gibt es diese Gruppe von linken Historikern, die nichts anderes zu tun haben, als die Schweiz durch den Tamtam zu ziehen, unter anderem der ehemalige Direktor der städtischen Gemäldegalerie, der nachdem er seinen gut bezahlten Posten niedergelegt hatte, nun zum Ankläger seiner ehemaligen Lohnzahler mutiert ist. »

Freiheit! Schweizer Waffen sei dank!

Wo der Zusammenhang mit diesem Sapelassi und der sozialen Skulptur liege, fragt plötzlich Gallery Girl, die sich uns unbemerkt angeschlossen hat. «Selassie», korrigiert sie Dunkelblau und Regina schaut wieder verächtlich zu Gallery Girl. «Der Herr Sapelassi kam zum Ausverkauf», flachst Regina, «er brauchte neue Kanonen von Bührle, der den Kaiser persönlich in der Werkstatt empfing. Eine spätere Generation jener Kanonen, die er einst kaufte, als Mussollini am Afrikanischen Horn auf Kolonialfeldzug war. Da wehrte sich das Kaiserreich mit Bührles Waffen gegen die italienische Annexion. Viele Äthiopier behaupten noch heute, ohne Schweizer Waffen hätten sie der Kolonialisierung nicht entgehen können. » «Wir verdanken unserer Rüstungsindustrie viel», kommentiert Dunkelblau, mit Betonung auf viel. Ein lauter Knall erhallt im Raum, die Köpfe wenden sich wie eine aufgescheuchte Herde Gnus in Richtung äthiopischen Tresen. Da dampft die Popcorn-Maschine aus dem Hintern, Tsegaye zieht den Stecker, um Schlimmeres zu verhindern. Er entschuldigt sich, sie sei wohl überhitzt, versichert aber, die Kaffeebohnen hätten den Röstprozess schadlos überstanden. William verspricht der leicht verstörten Klientel ein Tässchen feinsten Arabica und nestelt verlegen an seiner Fliege. Regina nutzt dreist die Steilvorlage, «Die 20 Millimeter Flugabwehr Flak-Kanone war in der Tat der Exportschlager aller Zeiten», feuert sie los. «Äthiopien war ein vergleichsweise sehr bescheidener Kunde vom Kanonen-Bührle, der allen Waffen verkauft hatte, die bestellten. Die groteske Konsequenz war, dass sich seine eigenen Kanonen jeweils gegenseitig beschossen. Aber das Waffengeschäft kennt ja keine Loyalität. » Regina schaut eisig zu Dunkelblau. «Der Haile Selassie soll im Sommer 1935 eigenhändig mit der Flakkanone ein italienisches Flugzeug vom Himmel geschossen haben. Ein riesen Gemauschle war das, weil die Schweiz inzwischen die italienischen Souveränitätsrechte in Äthiopien anerkannt hatte, während Bührle Selassie weiterhin mit Kanonen belieferte und seine Offiziersanwärter in der Schweiz ausbildete. Haile Selassie ernannte schliesslich den Kanonenschmid übrigens als Geste zum Generalkonsul von Äthiopien. » Im Raum ist es ganz still bis auf das rhythmische Schlagen des Mörsers, mittels dessen Tsegaye die Kaffeebohnen zu Pulver verarbeitet. Mir ist nicht klar, ob die Gruppe dem Geschichtsexkurs zu den Schweizer diplomatischen Gratwanderungen folgen konnte, oder ob sie einfach sonst erschöpft ist. Vielleicht von der Kunst.

Gruppe Gelb erreicht den Ausstellungssaal gleich hinter dem äthiopisch hergerichteten Empfangsbereich. Ich werfe hastig einen Blick auf mein Handy, wir haben nur noch fünfzehn Minuten bis der Geldadel zum Partyfloss muss. Das wird kaum für eine vertiefte Erkundung von weiteren sozialen Plastiken reichen und der Kaffee ist auch noch nicht bereit. Ich bin auch nicht sicher, wie ausgeprägt das Interesse meiner Klientel daran ist. Dunkelblau starrt etwas abwesend an den Bildschirm gegenüber des Imbisses, wo gerade indigene Tierschützer an Nicaraguas Pazifikküste zusammen mit Strassenkindern Baby- Meeresschildkröten waschen, des Tieres- wie Kindeswohl wegen. Wir könnten ja auch über die engagierten Schweizer Männer der 80er Bewegung sprechen, die in Nicaragua bei den Sandinisten etwas Revolution spielten, schiesst es mir durch den überhitzten Kopf, vielleicht war da ja einer dieser Banker auch dabei, etwas Krieg spielen wenn man noch jung ist, das macht sich gut im CV eines erfolgreichen Geschäftsmannes, sich gegen die Mächtigen auflehnen, mit denen man später dann Allianzen schliesst.

Ein Happy Meal für Äthiopien

«Habt Ihr noch lange? » fragt Gallery Girl, sie zeigt ostentativ auf ihre Golduhr und wedelt mit einem Stapel Papier. Ich versichere ihr, dass Gruppe Gelb soeben das Schlusswort gesprochen habe, worauf wir uns an die äthiopische Theke beim Empfang begeben. In der Popcorn-Maschine knallt es erneut, Gruppe Gelb zuckt zusammen, doch dann stellt sie erleichtert fest, dass im Gehäuse fröhlich Puffmais gegen das Glas spickt. Tsegaye giesst elegant nahtlos Kaffee aus einem Tonkanne, in die bereit stehenden Tässchen und bittet Gruppe Gelb sich zu bedienen.William reicht eine Schüssel Popcorn rum, das mittlerweile auch bereit ist. «Das ist ja wie im Cinemax», bemerkt Chanel sichtlich amüsiert. Tsegaye erklärt der Runde, dass Popcorn fester Bestandteil der äthiopischen Kaffeezeremonie sei. «Die Amerikaner haben Popcorn nicht erfunden, sondern nur kommerzialisiert», weiss Regina. «Popcorn war einst Hochkultur, schon die Inkas und die Azteken oder eben die alten Amharas assen es, bevor es in Kartonboxen in den Kinosälen des Westens landete». «Mein Freund Tsegaye kocht hier täglich eine spezielle Kaiserplatte, die von der Schweizer Dinner mit Haile Selassie inspiriert wurde», springt William enthusiastisch zur eigentlichen Ponite, «Ich wollte daraus eine Streetfood Variante machen, eine Art Happy Meal» Tsegaye lächelt etwas verlege. Er füllt rasch den bereits randvollen Korb mit Visitenkarten seines Lokals auf. Draussen donnert es inzwischen in immer kürzer werdenden Intervallen. «Was soll denn das werden, eine kulinarische Völkerverständigung mit Street Credibility»? keift Regina im Flüsterton. «Darf ich noch ein letztes Mal um Ihre Aufmerksamkeit bitten? » Gallery Girl wedelt mit dem Papierstapel. Ich erkenne Einzahlungsscheine und Farbfotos von einem Tierkadaver auf rötlichem Sandboden. «Im Namen unseres Responsability Partners möchten wir Sie noch über einen Spendenaufruf für Äthiopien aufmerksam machen». Ich wage einen zögerlichen Blick zu Regina, die mit hängendem Kiefer ungläubig auf Gallery Girls Hände mit den Talons starrt. «Der ist ja des Wahnsinns», murmelt sie. Dann zieht sie die Augenbrauen hoch und blickt zu William, dieser jedoch starrt auf den bunten Mesob während er sein Tässchen in einem Zuge leert und tapsig auf den Tresen hinstellt. Chanel hustet trocken aus der hinteren Reihe und Tsegaye wedelt etwas mit einem Stroh-Frisbee, wohl um den Weihrauch zu verteilen und Gallery Girl fährt fort von ihrem Zettel abzulesen. «Wir möchten den Raum der sozialen Skulptur um den Vektor der Solidarität erweitern. Äthiopien ist nicht nur für seine Kaffeehochkultur berühmt», sie lächelt Tsegaye bedeutungsvoll an, dann senkt sie ihre Stimme um eine Terz, «sondern leider auch für die grossen Hungerkatastrophen. Mit Ihrem kleinen Beitrag können Sie viel bewirken. Danke. » Sie legt die Spendenbogen auf den Mesob neben die Porzellantässchen. Ich wünsche, der Boden möge sich unter mir öffnen und mich schleunigst in den Untergrund saugen. Erst das Geräusch von berstender Keramik löst die Lähmung. Ich drehe mich zum Mesob, wo gerade Tsegaye den oberen Teil der Kaffeekanne in die Luft hält, die Kanne hat einen Sturz auf den Boden nicht heil überstanden. Als ich einen Blick hinter den Tresen werfe, zeigt sich mir ein Bild der Verwüstung. Überall liegen Tässchen, die im Kaffeesee schwimmen, dazwischen Inselchen aus Scherben und getränktes Papier mit dem Spendenaufruf und braun vollgesogene Popkörner. Tsegaye hastet zur Spüle, William hebt den Blätterstapel aus dem Saft und guckt verlegen zu Gallery Girl. «Tut mir leid», Tsegaye kommt mit dem Lappen zurück. «Ist mir ausgerutscht, war heiss. Wirklich, ich bedaure». «No worries, this was not part of the art. » William redet sehr laut, während Tsegaye den getränkten Lappen schwungvoll in den Trog wirft.

«Happy Meal»… höre ich Regina Gedanken verloren vor sich hin sagen. «Schöne Bescherung», Chanel kokettiert mit dem Missgeschick, während Tsegaye den nassen Stapel Papier mit einer abfälligen Geste wirft in die Spüle. Dieser wirkt innerlich sortiert und mich beschleicht das Gefühl, er hätte dem Unfall nachgeholfen. «Möchten Sie auch ein Tässchen», fragt er Regina. Sie nimmt dankend an. «Trinken Sie nie Espresso, geht doch viel schneller»? «Doch klar, zuhause habe ich eine Kapselmaschine, aber William wollte, dass ich hier halt äthiopischen Kaffee serviere. Ich spiele auch nur meine Rolle in der sozialen Skulptur» Tsegaye wirjt nachdenklich «Wissen Sie, , diese Leute wissen nicht, was sie tun, sie interessieren sich für Kulinarisches, aber nicht für Nahrung». Er schaut mir direkt in die Augen, und bedeutet mir, meine Tasse zu leeren. «Kulinarik ist eine Stilfrage, Nahrung ist substanziell», sinniere ich ins Donnergrollen hinein, «im Stil manifestiert sich die Moral. Popcorn ist auch nur eine Frage des Kontextes, ob es kultiviert oder Fastfood ist. Hochkultur und Massenunterhaltung sind sehr nah beieinander. Und wo etwas unzugänglich ist, wird es solange erklärt und vereinfacht von uns Kunstvermittlern, bis es banal genug ist. » Eine Windböhe schlägt irgendwo einen Fensterflügel zu, der Popcorngeruch ist sehr intensiv. «Aber dann schlafen alle ruhig», schmunzelt Tsegaye, «diese Damen und Herren dürfen niemals erfahren, dass ich lieber Kaffee aus der Espressomaschine habe». «Niemals. Sonst gerät ihre Welt aus den Fugen», Regina lächelt Tsegaye vielsagend an und leert ihren Kaffee. Draussen wäscht das Abendgewitter die kleinstädtischen Strassen sauber.

Fin de la Bobine

Kreislauf und Konsum

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Die Videophilosophen unterwegs an der Designmeile von Zürich

In jenen Tagen, es war der Wonnemonat Mai, lud die Designmeile in Zürich-West zum Kreislauf. Um sich selbst ein Bild dieser Szene zu machen, gingen die Videophilosophen auf Reportage. Und sie fanden nicht nur die älteste Seife der Welt , sondern auch den stereotypen Herrenring sowie den Rollator „Let’s fly first class“.

Die Videophilosphen Episode I: Kreislauf und Konsum from valeriethurner on Vimeo.

Lakshmi und die Pinguine

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Artikel erschien am 3. Februar 2013 bei Westnetz.ch

Oder wie eine Inderin im Zoo Zürich Schweizerdeutsch lernt

Eines Abends lerne ich im „Hotel Rivington and Sons“, die Vintage Bar im Primetower, Lakshmi Natarajan kennen. Eine Inderin, die inzwischen 8 Jahren in Zürich lebt, seit einigen Monaten in Zürich-West. Ihr Mann Girish Chandrasekhar und sie sind beide Informatiker und kamen wegen eines Jobangebots in die Schweiz. Klassische Arbeitsmigration, wie man annehmen könnte. Doch während er im Primetower in einer indischen IT Firma arbeitet, hat sie inzwischen die Branche gewechselt. Ihre Tierliebe führte sie schliesslich in den Zoo, wo sie heute die Pinguine betreut. Bei ihrer Arbeit gelten ganz bestimmte Rituale und Regeln zwischen Mensch und Tier. Mehr dazu in dieser Video Reportage:

Parade of the Penguins from valeriethurner on Vimeo.

China zeigt Muskeln in Zürich West

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Artikel erschien am 1. März 2013 bei Westnetz.ch

17 Meter Kunst statt Werbung beim Bahnhof Hardbrücke

Die Fotografie „Anti Mona Lisa“ ziert neuerdings die Plakatfläche der Bahnhof-Unterführung. Unter dem Motto „Art works“ geht die Deutsche Bank damit auf Tuchfühlung mit der benachbarten Kunstszene.

Nur wenige Eingeweihte waren an der Vernissage im Kaffee Segafredo beim Bahnhof Hardbrücke. Zu gefährlich, so die Erklärung von den Verantwortlichen, wäre ein Kunst-Szene-Auflauf an diesem Nadelöhr für Pendler. Eingeweiht wurde eine grossformatige Fotografie: 25 chinesische Bäuerinnen in Kraftpose auf einer übergrossen Plakatwand von 17 Metern Länge und zwei Metern Höhe. Die Pendler strömen am Kunstwerk vorbei. Und so mancher Blick bleibt für Sekunden an der imposanten Fotografie hängen, einige Passanten bleiben sogar stehen. „Anti Mona Lisa“, so der Titel der Fotografie ist ein Werk des jungen chinesischen Künstlers Liao Wenfang.

Kunstvolle Nachbarschaftsgeste

Hinter dem Kunstwerk steckt die Deutsche Bank, eine der weltweit führenden Investmentbanken. 2011 zog die Schweizer Tochtergesellschaft in den Prime Tower in Zürich West, von wo aus sie die Vermögen von reichen Privatkunden aus der Schweiz, Europa, Afrika sowie dem Mittleren Osten betreut. Die Grossbank hat die Werbefläche unter der Hardbrücke angemietet, um jungen Künstlern eine Plattform im öffentlichen Raum zu bieten.

Es handelt sich bei 17ZWEI um ein Kooperationsprojekt mit der Zürcher Hochschule der Künste, die demnächst ins nah gelegene Toni Areal einziehen wird. „Art works“, mit diesem Motto sucht die Deutsche Bank den Kontakt zu Zürichs Kunst-Mekka. Seit vergangenem Frühling hat man im sechs Wochen-Turnus unter der Hardbrücke Werke von Studierenden der Zürcher Hochschule der Künste präsentiert. Für 2013 ist das Projekt international ausgeschrieben, „Anti Mona Lisa“ ist der Auftakt dieser globalen Erweiterung. „17ZWEI goes international“ soll Brücken zwischen den Kulturen der Welt bauen.

Carsten Kahl, Leitender Manager der Marktregion Schweiz betont die Bedeutung der Nachbarschaftsgeste. „Es ist unsere Art von Community Arbeit. Diese Kooperation ist Teil des kulturellen Engagements der Bank. Die Förderung der Bildenden Kunst ist unsere Art, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen.“

Die Mona Lisa auf dem Dorfe

Der Künstler Liao Wenfang wurde 1984 in der südchinesischen Provinz Jiangixi geboren, lebte in Shanghai und seit Juli 2012 in Berlin. Für sein Werk fotografierte er die ältesten Bewohnerinnen seines Heimatdorfes. Er bat die Frauen zuerst, die Pose der Mona Lisa zu imitieren. Im zweiten Foto „Anti Mona Lisa“ sollten die Chinesinnen ihre von der täglichen Feldarbeit geformten Muskeln zeigen. Auf Geheiss des Künstlers ahmten sie die Posen nach, ohne das Werk von Leonardo Da Vinci und seine Bedeutung für die westliche Kunstgeschichte zu kennen. Das berühmteste Gemälde der Welt zu zitieren, auf diese Idee sei Laio wegen Marcel Duchamps Reproduktion der Mona Lisa gekommen. Der Wegbereiter der Moderne wagte sich 1919 an die provokante Demontage der Ikone, indem er sie mit Schnurrbart und Ziegenbart zierte („L.H.O.O.Q.“).Damals eine subversive Geste. Liao aber will in seinem Zitat weder die Mona Lisa vom kunsthistorischen Thron stürzen, noch beabsichtigt er Kritik an einem eurozentristischen Weltbild. Ihm gehe es vielmehr um eine Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen und der Zuschreibung von geschlechtsspezifischen Posen. Die Frauen um eine Pose zu bitten, die ihnen fremd ist, das habe ihn gereizt.

Leider habe die Deutsche Bank nur eine Wand der Unterführung von der SBB mieten können, was eine Gegenüberstellung der beiden Fotografien nicht erlaubt, scherzt Kahl.

Die Nachbarn, in diesem Fall Studierende der Kunsthochschule Fachabteilung Bildende Kunst bilden die Jury der Werkauswahl, zusammen mit dem Künstler San Keller, der Kuratorin Alexandra Blättler und Noah Stolz von der eidgenössischen Kunstkommission. Aus den rund 150 Bewerbern haben sie acht ausgewählt, die während des kommenden Jahres gezeigt werden. Die Bank mischt sich kuratorisch nicht ein, hat aber das Vetorecht. Die Studierenden arbeiten unentgeltlich, ihr Engagement wird ihnen aber in Form von Credit Points fürs Studium angerechnet. Sie hätten aber alle schon viel mehr Punkte, als sie brauchen, fügen sie beiläufig an.

Die Grossbank als Kunstmäzenin

Die einen sammeln Studienpunkte, die andern Kunst. Die Deutsche Bank selbst besitzt eine der weltweit grössten Unternehmens-Kunstsammlungen. In ihren Büroräumen, auf fünf Etagen verteilt, kommen auf 370 Arbeitsplätze 300 Kunstwerke von Schweizer Künstlerinnen und Künstlern.

Kahl betont die traditionelle Kunstaffinität der Deutschen Bank, die sich langfristig etabliert hat. „Gegenwartskunst zu sammeln gehört seit dreissig Jahren zum zentralen Anliegen der kulturellen Initiativen der Deutschen Bank. Mit 17ZWEI möchten wir Künstlern eine Bühne bieten“, so Kahl. „Wir fühlen uns dem aufstrebenden Viertel rund um den Prime Tower verpflichtet und wollen dies so zum Ausdruck bringen.“ Und lockt man damit reiche Leute an?„Nein, das ist nicht die Motivation dieses Projekts, und so funktioniert das auch nicht“, sagt Kahl. Ebenfalls distanziert er sich vom Modetrend gewisser Unternehmen zeitgenössische Kunst auf reines Investment zu reduzieren. Die Wertschöpfung sei positiver Nebeneffekt, aber nicht primärer Anreiz. „Beim Ankauf setzen wir auf junge qualitativ hochstehende, innovative sowie kontroverse Kunst mit Potenzial“, sagt Kahl.

Die Deutsche Bank ist auch Hauptsponsorin der jährlich stattfindenden „Frieze Art Fair“ in London, einer der wichtigsten Kunstmessen weltweit, die seit letztem Jahr auch nach New York expandiert und die etwas peppigere jüngere Schwester der Art Basel ist. Kunstmessen sind Treffpunkt und Umschlagplatz von zeitgenössischer Kunst, wo sich viele reiche Leute und damit potenzielle Kunden tummeln. „Über unser Interesse und Verständnis von zeitgenössischer Kunst begegnen wir natürlich auch finanzstarken Personen. Es ist ein guter Weg, um möglichen Anlegern auf einer emotionalen Ebene zu begegnen: Über das geteilte Interesse an zeitgenössischer Kunst,“ gibt Kahl offen zu. Aber es handle sich nicht um eine Strategie der Kundenaquise. Das funktioniere so nicht.

Die „Anti Mona Lisa“ ist noch bis Anfang April zu sehen, danach wird ein neues Werk die Pendler überraschen.

 

mehr zum Projekt 17ZWEI

Straight Outta Compton an die Art Basel – am Tellerrand des Kunstgeschäfts

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#1 Tauchsafari mit Regina Pfister

I shoot communities because I think there’s a lot of richness there and a lot of honesty and a lot of pain. It’s interesting how they deal with that pain, it’s been there for centuries. And it’s not fake pain. They mask it with all these layers to the point where they don’t even know what they’re masking. Khalil Jospeh

Diese Woche machten meine neue Praktikantin Regina Pfister und ich einen Ausflug an die Art Basel. Die Sicherheitsleute am Eingang der Unlimited durchleuchteten unsere Taschen, und wünschten uns lächelnd viel Vergnügen. Diese Sektion ist jeweils die eindrücklichste, erkläre ich Regina, die noch nie an der Art war. Hier hat es grosse raumgreifende Kunst, Installationen, Videos und grossflächige Malerei, die in der Hauptmesse keinen Platz hätten.

Wie bei der Manifesta, stellte Regina fest. — Ja, so ähnlich, aber hier warten sie auf potente Käufer, an der Manifesta auf Schulklassen. Regina nahm meine Erklärung mit fragendem Blick zur Kenntnis.

Wir schlängelten uns durch die Menschenmenge und schauten uns das eine oder andere Werk an. Hörst Du den Beat? fragte mich Regina, als wir die Mitte der Halle erreichten. Wir folgten der pumpenden Musik, die uns zu einer beachtlichen Menschenschlange vor einer Blackbox führte. — Ja klar, darum sind wir ja hier. Wir stellten uns in die Reihe, um uns Khalil Josephs Videoinstallation m.A.A.d. anzuschauen. Das Akronym steht für „my Angel on Angel’s Dust“ oder „my Angry Adolesence divided“, erklärte ich Regina. Die Filmaufnahmen waren ursprünglich für die Platte von Kendrick Lamar good Kid m.A.A.d City gedreht. Aber es kam anders und jetzt ist Khalil Joseph eben nicht nur ein begabter Regisseur für Musik Videos, sondern auch Shooting Star der Kunstszene.

“Gli” von El Anatsui, Art Unlimited Basel

Regina bahnte sich durch die Menschentraube ins Innere des Kabäuschen, ich dicht an ihren Fersen. Wir liessen uns von traumwandlerischen Bildern und dem Beat berieseln. Alltägliche Szenen aus Compton, ein Mann hängt wie eine Fledermaus von einer Laterne, Jungs und Mädels sitzen am Pool und trocknen sich an der Sonne. Dann galoppiert plötzlich ein Pferd auf einer leeren nächtlichen Strasse. Dazwischen Bilder aus dem Familienarchiv von Kendrick Lamar. Compton ist jene Gegend im Süden von L.A., wo wie überall in den Staaten weisse Polizisten Schwarze drangsalieren, setzte ich flüsternd meine Schulstunde in Zeitgeschichte fort. Regina hörte wohl zu, es schien zu zu interessieren. — In Compton kam es 1992 zu bürgerkriegsähnlichen Gewaltausbrüchen, nachdem vier Polizisten frei gesprochen wurden, obwohl sie Rodney King misshandelt hatten. King wurde zur Ikone gegen rassistisch motivierte Polizeigewalt in den USA.

Warhol versus Basquiat

Ich wusste gar nicht, dass Hip Hop so angesagt ist in der Hochkultur, flüsterte Regina. Wir schauten uns den Loop schweigend zu Ende an. Straight Outta Compton und direkt an die Art, wow. Regina war sichtlich beeindruckt als wir unseren Rundgang fortsetzten. — Hat dieser Jospeh denn noch sowas wie Street Credibility? — Ach Regina, das ist doch jetzt wirklich ein Retrodiskurs. — Wenn Du meinst.

Die Kunst der Strasse, der black community wird spätestens seit Basquiat vom mehrheitlich weissen Bildungsbürgern gehandelt und gekauft. Die Street Credibility wurde längst auf den Schwellen der Galerien und Auktionshäuser für Millionenbeträge abgestreift. — Wenn Du meinst. –

filmstill aus “m.A.A. d.” von Khalil Joseph

Inzwischen standen wir vor einem Vorhang, der an ein vergoldetes Fischernetz erinnerte. Weißt du was ich denke? Regina zückte einen der Auflagetexte, „Gli“ heisst das Teil, in der Sprache der Ewe bedeutet das Mauer. Der Künstler El Anatsui stammt aus Ghana, lebt und arbeitet in Nigeria. Reginas Augen glänzten. — Diese Basler Schau hat jedenfalls mehr mit Afrika am Hut als unsere Zürcher Manifesta, ich kenne diesen Künstler, der wurde letztes Jahr an der Biennale in Venedig für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Offenbar hilft es, dass Okwui Envezor Kurator war. — Scheint so. Schliesslich kann es ja kaum ein Zufall sein, dass im gleichen Jahr auch Adrian Piper einen Goldenen Löwen erhielt. — Wirklich? Regina lachte laut auf. Es musste also ein Nigerianer kommen, um schwarze Künstler an Biennalen zu honorieren. Übrigens haben wir Adrian Piper auch an der Manifesta. Zwar im historischen Teil, die Auftragsarbeiten mit den Bezahlberuflern sind dann mehr von weissen Männern dominiert. — Ja, aber in Zürich arbeiten halt auch weisse Männer für Geld. — Ja, aber die Frage ist, wer arbeitet für das Geld der weissen Männer in Zürich, Regina. Und da hätte es also durchaus auch eine Kenianerin oder ein Burkinabe vertragen. Regina legte ihre Stirn kurz in Falten. — Wenn du meinst. Wir gingen ein paar Minuten schweigend durch die dröhnende Halle, bevor sie mich mit einer Aussage komplett überraschte. — Ich habe kürzlich in einer Studie von der ILO geblättert, die davon ausgeht, dass jeder fünfte Arbeitnehmer weltweit in eine globale Lieferkette eingebunden ist. — Ach ja, interessant. Und was hat das jetzt mit der Manifesta zu tun? — Ja, was wohl? Die Schweiz ist ja bestimmt nicht immer am Anfang dieser Kette.- Weisst Du wieviele Afrikaner letztlich für Zürich arbeiten?. — What Africa Does for Zurich kommt aber an der Manifesta nicht vor. — Naja, das Motto heisst ja auch What People Do for Money. Some Joint Ventures, was sich auf Unternehmungen mit beidseitiger Kapitalbeteiligung fokussiert. — Stimmt, da wären Afrikanische Künstler deplatziert, murmelte Regina. — Eigentlich Künstler generell. Gehen wir? Meine Füsse tun weh.

Titelbild: filmstill aus “m.A.A.d.” von Khalil Joseph, gesehen an der Art Unlimited 2016

Regisseur Tobias Nölle im Interview: «Der Schweizer Film ist sehr risikoscheu.»

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Artikel erschien am 25. März 2016 bei Tsüri.ch

Der Film ALOYS des Zürcher Regisseurs Tobias Nölle begeisterte an den diesjährigen Berliner Filmfestspielen, und wurde mit dem renommierten Filmkritikerpreis ausgezeichnet. Jetzt kommt er ins Kino. Warum ihn verschrobene Aussenseiter faszinieren, was er sich von der «Generation Heimatland» erhofft und warum das Kino Visionen braucht, erläutert er im Interview.

Der einsame Privatermittler Aloys Adorn nimmt am gesellschaftlichen Leben nur als Beobachter teil. Er befolgt dabei den Kodex der alten Samurai, ein Leben in völliger Unsichtbarkeit zu führen.

Tobias Nölle: Aloys verfolgt die zehn Schritte zur Unsichtbarkeit. Als Detektiv ist dies für ihn fast wie eine Religion und er murmelt die zehn Schritte ja auch wie ein Gebet. An Samurais habe ich dabei nicht gedacht.

Was faszinierte dich an dieser verschrobenen Figur? Ich suche immer nach Figuren, die in mir Bilder evozieren, und so bin ich auf den Privatdetektiven gestossen, der die Welt ausschliesslich durch seine Kamera wahrnimmt. Ursprünglich baute er sich zu Hause sogar ein Paralleluniversum auf, indem er die gefilmte Realität neu zusammenschnitt. Dies war mir dann aber zu verkopft und ich gab der Liebesgeschichte mehr Raum. Die Realitätsfrage wird so in der Begegnung zwischen den beiden Hauptfiguren verhandelt, das ist emotionaler.

Die Liebesgeschichte zwischen Aloys und Vera ist, obwohl oder vielleicht weil sie beide sehr unbeholfen sind, auch sehr romantisch. Beide wollen den andern ja irgendwie retten. Will Aloys sich selbst retten, indem er versucht sie zu retten?Nicht bewusst, zumindest nicht am Anfang, aber jede Rettung hat auch etwas egoistisches. Er durfte bis anhin ja nicht mit anderen Menschen interagieren. Sich von Emotionen leiten zu lassen ist der grösste Fehler, den ein Privatdetektiv begehen kann,  Aloys’ «Deformation professionelle» ist so extrem, dass der «Mensch» in ihm beinahe abgestorben ist bis Vera in sein Leben dringt. Lediglich mit seinem verstorbenen Vater, hatte er zuvor eine emotionale Beziehung.

portrait

Aloys ist ein sehr altmodischer Mensch, von der Wohnungseinrichtung über seine Kleidung bis zu seiner Sprache. Und auch seine Arbeitsgeräte sind keine Smartphones, sondern Kabeltelefone und DVCamcorder. Bist du Nostalgiker? Ja schon, bisschen. Aber mich interessierte vor allem die Idee, dass die Figur nicht nur räumlich und sozial isoliert ist, sondern auch zeitlich. So lebt Aloys wie in einer Zeitkapsel, er ist in der Vergangenheit stecken geblieben und muss den Sprung in die Gegenwart schaffen. Vom toten zum lebendigen. Eine Art Auferstehung.

Die Figur gibt die Ästhetik vor? Unbedingt. Ich versuche jeweils, eine eigene, stringente Welt aus der Figur heraus zu kreieren. Jeder Mensch ist anders und so auch die Welt in der er lebt. Dieses figurenspezifische Universum zu gestalten macht mir grossen Spass, das Eintauchen in die imaginäre Welt der Filmfiguren. Ehrlichkeit zur Figur ist dabei immer oberstes Gebot. Das galt auch für die Musik. Uns war schnell klar, dass es keine zu moderne oder gar hippe Musik sein kann, die hätte nicht zu Aloys gepasst.

Dein Filmuniversum wird auch von Tieren bevölkert, wie der Katze, aber auch  von Schafen, einem exotischen Vogel oder einem Leguan. Manchmal sind sie Teil der Handlung, aber manchmal auch surrealistische Zwischenbilder. Was war die Idee hinter den Tieren? Tiere gaben mir die Möglichkeit im Subtext etwas zu erzählen. Die Katze schleicht etwa so unbemerkt rum wie auch Aloys es zu tun pflegt. Der Leguan ist in seinem Glaskasten so gefangen wie Aloys in seinem Leben, und guckt aber manchmal so als wolle er Aloys ermahnen: Junge, du musst hier ausbrechen! Die Tiere im Film sind sehr geheimnisvoll, sie geben einem das Gefühl, sie wüssten mehr als wir. Als Georg (Georg Friedrich, der Hauptdarsteller, Anm. d. R.) und ich zum ersten Mal vor diesem Schuhschnabel Vogel standen im Zürcher Zoo, konnten wir’s nicht fassen, der Blick dieses Vogels war so bohrend, fast tödlich, der schaute drein als wisse er alles über uns. Er wurde natürlich zum dritten Hauptdarsteller.

schafe

An der Berlinale im Februar wurde der Film mit dem Preis der Internationalen Filmkritiker ausgezeichnet. Was bedeutet Dir diese Auszeichnung? Es ist ein wichtiger Preis und ich hab mich sehr gefreut. Man sagt aber, dass Filme, die Kritiker begeistern, beim Publikum durchfallen. Der Publikumspreis am Las Palmas Film Festival hat dieses Vorurteil aber glücklicherweise widerlegt. Aber das Kino ist dann noch eine ganz andere Geschichte, das wird sehr schwierig.

Mich erinnert Aloys auch an René, den Protagonisten deines ebenfalls prämierten Kurzspielfilms von 2007. Was fasziniert dich an solchen einsamen Aussenseitern?Mich faszinieren eben Menschen, die nicht wirklich gesellschaftlich integriert sind und in einem Paralleluniversum zu Hause sind, während sich unsere Welt mehr und mehr nivelliert indem wir alle den selben Pseudo-Idealen nachhängen. Da hat es immer weniger Platz für kantige Menschen, die nicht in unsere sozialen Raster passen. Vor Jahren gab es doch hier in Zürich diesen Typen, der zu jeder Jahreszeit mit seinen Rollerblades und kurzen Speedos durch die Stadt düste und auf seinem Rücken stand «Kill them all».

ALOYS – Trailer OV from Hugofilm on Vimeo.

Ja, den habe ich aber schon lange nicht mehr gesehen… Der interessierte mich extrem und ich fragte mich, wie es bei dem wohl zuhause aussieht, in seinem Badezimmer, wenn er sich die Zähne putzt, was er zum Abendbrot isst, alles.  Diese Frage stelle ich mir bei angepassten Leuten nie. Ich hätte den gleichen Film auch über zwei junge Hipster machen können, die über den Laptop eine Fernbeziehung führen, aber das interessierte mich einfach nicht.

Chronik eines Verschwindens

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Artikel erschien im Juli 2015 bei Der Kulturblog.de

Ein Filmporträt über Amy Winehouse blickt hinter abgedroschene Klischees

Eine junge Frau versteckt sich unter einer Decke vor der Wackelkamera, die sie beim Nickerchen auf der Autorückbank aufgeschreckt hat. Die Frau ist Amy Winehouse, hinter der Kamera ihr Kumpel und Manager Nick Shymansky. Es ist ein Spiel zwischen Vertrauten, die sich gerne necken. Wir schreiben das Jahr 2003, Winehouse feiert mit ihrem Album „Frank“ erste grosse Erfolge in England. Die Aufnahmen stammen aus dem Privatfundus von Shymansky, der ihre gemeinsame Album-Tour filmisch festgehalten hat. Mit jugendlicher Begeisterung klappern sie die Provinzstädte und Kleinbühnen Englands ab. Amy, etwas pickelig  mit offenem Haar, schrummt ihre Jazzakkorde auf der mintgrünen Fender. Sie tut dies beinahe nachlässig. Als wüsste sie, dass ihre Stimme auf keine elaborierte Instrumenalbegleitung angewiesen ist. Solche Aufnahmen hat die Welt bisher nicht gesehen von Amy Winehouse. Aufgetrieben hat sie der britische Regisseur Asif Kapadia, der sich zwei Jahre lang um das Vertrauen von Amys engstem Freundeskreis bemühte. Diese Freunde sind es, die als Zeugen auftreten. Der Film verwebt bisher unveröffentlichtes Material mit bereits Bekanntem und schafft damit ein intimes Porträt dieses komplexen Charakters. Und er demontiert den abgegriffenen, eindimensionalen Narrativ der selbstzerstörerischen Künstlerseele.

Unter Bergen von Haare und Schminke

Der rote Faden der Geschichte bilden die Songs und vor allem die Texte, die unverblühmt und sehr persönlich von Amys Lieben und Nöten erzählen. Solche Textpassagen fliessen zusätzlich zur Originalmusik als Schriftzug ins Bild, so dass die Liedtexte wie die Stellungnahme der Verstorbenen wirken. Diese formale Überlegung und die Wahl der Zeugen – Kapadia interviewte über 80 Leute – zeichnen den Film in seiner Sorgfalt aus. Die Erinnerungen des Freundeskreises kombiniert er mit bisher unveröffentlichem Bildmaterial. Selbst gedrehte Videos rollen die Erzählung auf. Wir lernen dabei Amy nicht nur in ihrer Masslosigkeit und Selbstzerstörung kennen, sondern auch als schlagfertige, komödiantisch begabte Person, die bestimmt nicht sterben, sondern sich selber eher zum Verschwinden bringen wollte. Sie verschwand mit Hilfe vom Alkohol- und Drogenrausch aus ihrem immer dünner werdenden Körper, unter Bergen von Haaren und Schminke.

Vater Mitchel distanzierte sich empört vom Film

Der Film rekonstruiert diese Chronik des Verschwindens. Er demontiert die abgedroschene Erzählweise der Medien, die oftmals Amys Langzeitlover und Drogenfreund Blake Fielder zum alleinigen Sündenbock stilisieren. Der Regisseur Kapadia scheint der erste zu sein, der anhand glaubwürdiger Aussagen von Amys Jugendfreunden nach der Verantwortung ihres Vaters und des späteren Managements sucht. Beide trieben die Abwärtsspirale an, auf der sich Winehouse befand. Vater Mitchel, Taxifahrer und verhinderter Jazzmusiker, distanzierte sich empört vom Film, attestierte ihm sogar Unwahrheiten, zum Beispiel seinen angelblichen Anteil an der Therapieresistenz seiner Tochter. Der Film suggeriert jedenfalls, dass man die Songzeilen ihres Hits „Rehab“ durchaus wörtlich nehmen sollte. „I ain’t got the time and if my daddy thinks I’m fine “, sie wolle nicht in den Alkoholentzug weil sie keine Zeit habe und der Vater findet, es gehe ihr ja gut. Der Satz, gemäss Film, berechtige Zweifel an der Vater-Tochter Beziehung.

Wäre Amys Leben Fiktion, dann hätte Tony Bennet sie gerettet

In einer Schlüsselstelle des Films begleiten wir Amy ins Aufnahmestudio mit ihrem grossen Vorbild, der alternden Jazzlegende Tony Bennett. Sie singen für seine Duett Compilation das Lied „Body&Soul“ ein. Dies in der Gegenwart von Kameras. Amy fühlt sich sichtlich unwohl in ihrer Haut, ihre Versagensangst ist auch für den Betrachter kaum auszuhalten. Plötzlich sieht man das kleine Mädchen in der taumelnden Pop Diva, die um jeden Preis ihrem Vater gefallen will. Sie vermasselt den ersten Einsatz, sagt laut, „ich bin nicht gut, ich bin nicht gut“, während Bennet ihr väterlich Mut zuspricht. Wäre Amys Leben Fiktion, dann hätte Tony Bennet sie gerettet. Der Seelenverwandte, der alte weise Mann, der den Notausgang aus der Abwärtsspirale kennt. Doch Bennet war nicht in der Lage, sie zu retten. Er bereut rückblickend, dass er Amy gebeten habe, vom Gas zu gehen. Ihr nicht gesagt zu haben, dass ihre Kunst zu wichtig sei für die Welt. Gerne hätte er ihr gesagt, dass man das Leben lernen könne, aber eben nur, wenn man lange genug lebt.

Wichtig ist nicht, was geschah, sondern was die Leute glauben

In der Tragödie steht die Verantwortung des Umfelds unweigerlich im Raum, Einigkeit über den Hergang des Dramas wird kaum jemals herrschen, vielmehr gehen subjektive Realitäten des Umfelds auf Kollisionskurs. Es geht um Geld, um das eigene Gewissen in der kollektiven Schuld.

Der 27 Club – jene Gruppe von Pop Ikonen, die alle im Alter von 27 gestorben sind, hat schon für unzählige Spekulationen gesorgt. Reportagen und Biopics für Kino und TV ergründen das wilde Leben von Janis Joplin, Jim Morrison oder Jimi Hendrix. Rockumentaries lassen sie für die Nachgeborenen wieder auferstehen. Oft behaupten solche Filme, eine neue Wahrheit über die Legende ans Licht zu befördern. Aktuell sind wieder grosse Hollywood Produktionen zu Janis Joplin oder Jimi Hendrix geplant. Legenden lassen sich immer wieder neu erzählen, eine abschliessende Wahrheit gibt es sowieso nicht. Und wer das Leben eines Mitglieds im Club 27 erzählt, ruft unweigerlich Widerspruch auf den Plan. Das jüngste Beispiel: Brett Morgans Kurt Cobain Kinodoku „Kurt Cobain – Montage of Heck“ stiess nicht gerade auf einhelige Begeisterung. Der ehemalige Weggefährte Cobains, der Melvins Leadsänger Buzz Osborne äusserte sich auf der Musiker-Plattform TheTalkhouse. 90 Prozent des Films sei Bullshit, nicht obwohl, sondern gerade weil er zu einem Grossteil auf Schilderungen von Cobain selbst basiert. Wenn es etwas gebe, was man über Cobain wissen müsse, er war ein Meister darin, Dinge zu erfinden. („That’s the one thing no one gets about Cobain — he was a master of jerking your chain“). Aber zählen würden nicht Fakten, sondern was die Menschen glaubten. Und so glauben jetzt eben alle, dass Cobain sich bereits als Teenager das Leben nehmen wollte, oder dass Courtney Loves Beinahe-Fremdgehen einen Monat vor seinem Tod, in ihrer Einschätzung einen grossen Einfluss gehabt hätte.

So warten wir nun auch auf weitere Wahrheiten über Amy Winehouse, die neue Widersprüche aufreissen. Was sich allerdings schwer bestreiten lässt, ist die Tatsache, dass diese hochbegabte Künstlerin nicht bestimmt war für die grosse Bühne. Sie sang, um zu überleben. Sie hätte nie daran gedacht, professionelle Sängerin zu werden. Singen sei einfach etwas, das sie immer tun könne, wenn ihr danach ist, erklärt sie in einem frühen Interview. Man wünscht sich, Amy Winehouse hätte sich nicht verloren, wäre dem Jazz, ihren Vorbildern Sarah Vaughn oder Bennet, den kleinen Bühnen treu geblieben, und würde dann vielleicht noch heute ihre Lieder etwas nachlässig auf ihrer Fender begleiten.

Spartiates – Frankreichs vergessene Kinder

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Artikel erschien im Januar 2015 bei DerKulturblog.de

Der Film des Genfers Nicolas Wadimoff begeistert in Solothurn

beging an den Solothurner Filmtagen seine Schweizer Premiere. Eine Woche später gewinnt er den Hauptpreis. Einstimmig erkannte die Jury im Werk eine „Metapher für das zwischenmenschliche Leben“. Eine Metapher? Der Film ist weit mehr als das: ihm gelingt die Gratwanderung, mitten ins Leben einzudringen, ohne dabei die Protagonisten in keinster Weise zu manipulierten. Respekt! Eine filmische Begegnung mit Marseilles Quartier Nord.

Die Atmosphäre während der Vorführung in der dicht bestuhlten Reithalle war konzentriert und gebannt. Das Publikum folgt dem charismatischen und raumfüllenden (dies jetzt als Metapher zu verstehen) Protagonisten Ivan Sorel, ein Kämpfer in der Sparte Mixed Martial Arts. Seine Mission ist nicht mehr Champion zu werden,  den Zenit seiner Karriere hat er offensichtlich überschritten. Das nicht zuletzt, weil er mindestens soviel Energie in seine Kampfsportschule im Quartier Nord der Hafenstadt Marseille investiert, wo er Dreikäsehochs bis jungen Erwachsenen die Kunst des Mixed Martial Arts (MMA) beibringt. „Les Quartiers“ nennen die Franzosen ihre Ghettos, um es beim ungehübschten Namen zu nennen, jene Quartiere, die einen sehr hohen Bevölkerungsanteil von Einwanderern aus dem Maghreb oder sonst aus afrikanischen Ländern leben. Drogen, Kriminalität, Gewalt und hohe Arbeitslosigkeit ist das Klischee und leider auch Teil der Realität. Aber eben nur ein Teil. Ein anderer, ist zum Beispiel die Kampfsport- und vielmehr Lebensschule „Team Sorel“, wo Ivan durch tägliches Kickbox-Training seine ganze Kraft dafür einsetzt, dass seine Schützlinge nicht durch die Maschen der französischen Klassengesellschaft fallen. Und diese Realität lernt der Durchschnittstourist nie kennen, weil er sich gar nicht erst in diese Gegenden vorwagt.

Kein einziger Cent floss in die lokale Kunstszene

Nicolas Wadimoff kennt Marseille gut, er drehte schon zwei Filme dort. Er selbst lebt mit Frau und Kind in Montreal und so findet das Gespräch über Skype statt. Das Ganze hat damit begonnen, als Marseille 2013 Europäische Kulturhauptstadt war. Marseille erfindet sich neu, das Hafenquartier und das ehemals berüchtigte Altstadtquartier Le Panier werden umgestaltet, die Ernennung zur Kulturhauptstadt hat den urbanen Umbau, Gentrifizierung genannt, stark beschleunigt. Wadimoff fand speziell stossend, dass bei hunderten von Millionen Euros, die unter anderem in ehrgeizige Museumsprojekte wie das MuCEM gesteckt wurden, kein einziger Cent in die lokale Kunstszene gesteckt wurde. Nicht einmal die in Frankreich sehr populäre HipHop Gruppe IAM, die Rap Workshops im Quartier Nord organisierte, kritisiert Wadimoff.

Am Anfang stand der Kurzfilm Spartiates Des Quartiers, den er für den Themenschwerpunkt Marseille für das Westschweizer Fernsehen RTS realisierte. Dank seinen vielen Kontakten in der Marseiller Szene sollte er zur schicken Hochkultur ein Gegenstück aus dem vernachlässigten Quartier Nord erzählen. Durch einen Freund, den Schauspieler Moussa Maaskri, lernte er schliesslich Ivan Sorel und die MMA Szene kennen.

„Von Mixed Martial Arts hatte ich zwar keine Ahnung, aber ich boxte als ich jung war, und als Olympique Marseille Fan, war ich dann sofort Teil der Familie und nicht ein Eindringling mit dem anthropologischen Blick“, betont Wadimoff über sechs Zeitzonen im Gespräch über Skype. Er lebt mit Frau und Kind inzwischen in Montreal.

Spartiates

Der Matador und sein Stier

Und so toste der Saal, am Filmende, um die angestaute Ergriffenheit in Form von johlendem Applaus in Richtung Bühne zu schiessen. Sorel, ein Drillkommandant, der auch Zwerge nicht mit Samthandschuhen anfasst. Roh und streng ist sein Stil, hier mal ein Tritt in den Hintern, dort ein Verhör angesichts servierten Lügengeschichten. Er ist aber in seiner Rauheit immer sehr klar, ein fixer Orientierungspunkt, was den meisten seiner Schülerinnen und Schülern im Leben fehlt. Und er will ihnen mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, dem Kampfsport und der grossen Klappe, sowas wie moralische Werte beibringen. Ja, Werte, die sich in unserer Zeit in falscher Sicherheit wähnen: Respect, sincérité, persévérance. Zumindest hätte es sich bereits vor dem 7. Januar, als Charlie Hebdo zum globalen Banner wurde, gelohnt um sie zu fürchten und sie bestimmter zu verteidigen. Dieser Gedanke mag im Verdacht wohl auch in der spontanen Begeisterung des Schweizer Publikums enthalten sein. Tränen der Rührung stiegen nicht nur der Autorin dieses Textes dann und wann in die Augen. Ebenso so intensiv wie das Resultat auf der Leinwand, war der Dreh. Der Regisseur und sein Schauspieler, seien gleich zu Beginn aneinander geraten, gesteht Wadimoff, da Sorel eindeutig die Hauptrolle des Films spielen wollte. „Aber es ist kein Biopic von Ivan Sorel“, sondern er hätte ursprünglich als Erzähler durchs Quarier führen sollen“, sagt Wadimoff. „Es war ein konstanter Kampf wie zwischen einem Matador und seinem Stier.“ Und letztlich haben beide gewonnen. Der Schlüssel einer erfolgreichen Zusammenarbeit sei der gegenseitige Respekt. Und der ermöglichte ihm eine grosse Nähe zu seinem Protagonisten. Und die Kamera kommt Sorel sehr nah, fängt Momente ein, die Kampfszenen, manchmal sehr emphatisch wie in einem Spielfilm. Im Trainingsraum schwitzt sogar die Kamera, die Zuschauer sehen durch den Film Kondenswasser, die Kamera verschmilzt mit dem Geschehen.

Sie war da, als Macho Sorel nach verlorenem Kampf erschöpft in mitten von Plüschtieren schläft, oder wenn er mit sich selbst ins Gerciht geht und dabei in Tränen ausbricht. Er hätte der todkranken Mutter zu wenig Aufmerksamkeit gegeben,, was er sich bis heute nicht verzeiht.

Die Abgründe von Frankreichs kolonialem Erbe

Die Mutter werde von dieser dritten Generation von Afrikanisch oder Maghreb stämmigen Franzosen grausam überhöht, so Wadimoff, als Ausdruck ihrer Enttäuschung über ihre Väter. Da dringt Spartiates in die Abgründe von Frankreichs kolonialem Erbe vor: Eine Generation ohne moralischen Leitplanken, die sich neu erfinden musste, da ihre dysfunktionalen Väter keine Vorbilder waren, jene vom Staat verschmähten, soviel liess sie die Geschichte wissen, jene Söhne und Töchter der Geächteten der leeren Versprechungen Francois Mitterands. „Viele Franzosen sehen sich als grosse Humanisten, aber sie führen diese typisch postkoloniale Arroganz spazieren, im festen Glauben, dass andere Kulturen in Dunkelheit leben und sie die Europäer ihnen Licht brächten.“

Der Zufall wollte es, dass der Film zu diesem Zeitpunkt den Weg zu einem Publikum findet, wo die ganze Welt seit dem Attentat auf Charlie Hebdo auf Frankreich blickt.

„Frankreich und seine Institutionen sind sehr krank“, befindet Wadimoff sehr bestimmt. Hat sein Film durch die tragische Koinzidenz von Charlie Hebdo eine neue Dimension angenommen? Er hätte den Fokus während der Arbeit an diesem Film nie auf den islamischen Jihad gesetzt, und würde sich auch jetzt davor hüten, seinen Film als Beweisführung zu missbrauchen, dass die Politik Frankreichs auf ganzer Strecken versagt hätte.

Tritt ihnen in den Arsch, bevor sie dich treten

Die Grande Nation muss wieder ganz demütig an der Basis beginnen. Und dort wirkt ein Sorel, und zum Weinen bringt einen die Tatsache, dass es wieder notwendig ist, die Nachgeborenen zu ermahnen, dass das Blut aller Menschen rot durch die Adern fliesst, ob es sich um Bretonen, Algerier, Juden, Moslem oder atheistische Kosmopoliten handelt. War Europa nicht schon mal weiter?

Da gibt es diese Lokalpolitikerin, die Sorel um Unterstützung bittet, um endlich einen geeigneten Trainingsraum für seine Schule zu finden. Anstatt eines Raums gibt’s Ehrenmedaillen und auch nach etlichen Sitzungen mit dem Team Sorel hat die Gemeinderätin sichtlich nicht verstanden, worum es bei MMA geht. Ein Trainingslokal haben sie bis heute nicht. Diese Politikerin sei symptomatisch, so Wadimoff, sie sei doch kein schlechter Mensch, aber eine völlige Fehlbesetzung, unfähig Kontakt zur Bevölkerung herzustellen. „Die Classe Politique ist lediglich noch eine Karikatur ihrer selbst.“ Der Film erzählt das aber weit subtiler als sein Macher im Gespräch. Frankreich hat lange nicht einsehen wollen, dass sie einen grossen Teil seines Volks diskriminiert hat. Manchmal auch in ihrer absurden Umkehrung, indem sie Einzelkämpfer zu Helden stilisiert. Die Soziologen haben dafür die gequirrlte Wortschöpfungen wie „Discrimination positive“. Und ein Typ wie Ivan Sorel kommt hier zu einem einfachen Schluss: Um die eigene Würde zur retten, bleibt dir lediglich die Selbstachtung. Und wo Werte wie Ehre und Loyalität im brutalen Lebensalltag mit Füssen getreten werden, muss man zurücktreten und sie erst recht laut in den Raum rufen, damit sie nie vergessen gehen: Fraternité, Sincérité, Respect.