Kino

Regisseur Tobias Nölle im Interview: «Der Schweizer Film ist sehr risikoscheu.»

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Artikel erschien am 25. März 2016 bei Tsüri.ch

Der Film ALOYS des Zürcher Regisseurs Tobias Nölle begeisterte an den diesjährigen Berliner Filmfestspielen, und wurde mit dem renommierten Filmkritikerpreis ausgezeichnet. Jetzt kommt er ins Kino. Warum ihn verschrobene Aussenseiter faszinieren, was er sich von der «Generation Heimatland» erhofft und warum das Kino Visionen braucht, erläutert er im Interview.

Der einsame Privatermittler Aloys Adorn nimmt am gesellschaftlichen Leben nur als Beobachter teil. Er befolgt dabei den Kodex der alten Samurai, ein Leben in völliger Unsichtbarkeit zu führen.

Tobias Nölle: Aloys verfolgt die zehn Schritte zur Unsichtbarkeit. Als Detektiv ist dies für ihn fast wie eine Religion und er murmelt die zehn Schritte ja auch wie ein Gebet. An Samurais habe ich dabei nicht gedacht.

Was faszinierte dich an dieser verschrobenen Figur? Ich suche immer nach Figuren, die in mir Bilder evozieren, und so bin ich auf den Privatdetektiven gestossen, der die Welt ausschliesslich durch seine Kamera wahrnimmt. Ursprünglich baute er sich zu Hause sogar ein Paralleluniversum auf, indem er die gefilmte Realität neu zusammenschnitt. Dies war mir dann aber zu verkopft und ich gab der Liebesgeschichte mehr Raum. Die Realitätsfrage wird so in der Begegnung zwischen den beiden Hauptfiguren verhandelt, das ist emotionaler.

Die Liebesgeschichte zwischen Aloys und Vera ist, obwohl oder vielleicht weil sie beide sehr unbeholfen sind, auch sehr romantisch. Beide wollen den andern ja irgendwie retten. Will Aloys sich selbst retten, indem er versucht sie zu retten?Nicht bewusst, zumindest nicht am Anfang, aber jede Rettung hat auch etwas egoistisches. Er durfte bis anhin ja nicht mit anderen Menschen interagieren. Sich von Emotionen leiten zu lassen ist der grösste Fehler, den ein Privatdetektiv begehen kann,  Aloys’ «Deformation professionelle» ist so extrem, dass der «Mensch» in ihm beinahe abgestorben ist bis Vera in sein Leben dringt. Lediglich mit seinem verstorbenen Vater, hatte er zuvor eine emotionale Beziehung.

portrait

Aloys ist ein sehr altmodischer Mensch, von der Wohnungseinrichtung über seine Kleidung bis zu seiner Sprache. Und auch seine Arbeitsgeräte sind keine Smartphones, sondern Kabeltelefone und DVCamcorder. Bist du Nostalgiker? Ja schon, bisschen. Aber mich interessierte vor allem die Idee, dass die Figur nicht nur räumlich und sozial isoliert ist, sondern auch zeitlich. So lebt Aloys wie in einer Zeitkapsel, er ist in der Vergangenheit stecken geblieben und muss den Sprung in die Gegenwart schaffen. Vom toten zum lebendigen. Eine Art Auferstehung.

Die Figur gibt die Ästhetik vor? Unbedingt. Ich versuche jeweils, eine eigene, stringente Welt aus der Figur heraus zu kreieren. Jeder Mensch ist anders und so auch die Welt in der er lebt. Dieses figurenspezifische Universum zu gestalten macht mir grossen Spass, das Eintauchen in die imaginäre Welt der Filmfiguren. Ehrlichkeit zur Figur ist dabei immer oberstes Gebot. Das galt auch für die Musik. Uns war schnell klar, dass es keine zu moderne oder gar hippe Musik sein kann, die hätte nicht zu Aloys gepasst.

Dein Filmuniversum wird auch von Tieren bevölkert, wie der Katze, aber auch  von Schafen, einem exotischen Vogel oder einem Leguan. Manchmal sind sie Teil der Handlung, aber manchmal auch surrealistische Zwischenbilder. Was war die Idee hinter den Tieren? Tiere gaben mir die Möglichkeit im Subtext etwas zu erzählen. Die Katze schleicht etwa so unbemerkt rum wie auch Aloys es zu tun pflegt. Der Leguan ist in seinem Glaskasten so gefangen wie Aloys in seinem Leben, und guckt aber manchmal so als wolle er Aloys ermahnen: Junge, du musst hier ausbrechen! Die Tiere im Film sind sehr geheimnisvoll, sie geben einem das Gefühl, sie wüssten mehr als wir. Als Georg (Georg Friedrich, der Hauptdarsteller, Anm. d. R.) und ich zum ersten Mal vor diesem Schuhschnabel Vogel standen im Zürcher Zoo, konnten wir’s nicht fassen, der Blick dieses Vogels war so bohrend, fast tödlich, der schaute drein als wisse er alles über uns. Er wurde natürlich zum dritten Hauptdarsteller.

schafe

An der Berlinale im Februar wurde der Film mit dem Preis der Internationalen Filmkritiker ausgezeichnet. Was bedeutet Dir diese Auszeichnung? Es ist ein wichtiger Preis und ich hab mich sehr gefreut. Man sagt aber, dass Filme, die Kritiker begeistern, beim Publikum durchfallen. Der Publikumspreis am Las Palmas Film Festival hat dieses Vorurteil aber glücklicherweise widerlegt. Aber das Kino ist dann noch eine ganz andere Geschichte, das wird sehr schwierig.

Mich erinnert Aloys auch an René, den Protagonisten deines ebenfalls prämierten Kurzspielfilms von 2007. Was fasziniert dich an solchen einsamen Aussenseitern?Mich faszinieren eben Menschen, die nicht wirklich gesellschaftlich integriert sind und in einem Paralleluniversum zu Hause sind, während sich unsere Welt mehr und mehr nivelliert indem wir alle den selben Pseudo-Idealen nachhängen. Da hat es immer weniger Platz für kantige Menschen, die nicht in unsere sozialen Raster passen. Vor Jahren gab es doch hier in Zürich diesen Typen, der zu jeder Jahreszeit mit seinen Rollerblades und kurzen Speedos durch die Stadt düste und auf seinem Rücken stand «Kill them all».

ALOYS – Trailer OV from Hugofilm on Vimeo.

Ja, den habe ich aber schon lange nicht mehr gesehen… Der interessierte mich extrem und ich fragte mich, wie es bei dem wohl zuhause aussieht, in seinem Badezimmer, wenn er sich die Zähne putzt, was er zum Abendbrot isst, alles.  Diese Frage stelle ich mir bei angepassten Leuten nie. Ich hätte den gleichen Film auch über zwei junge Hipster machen können, die über den Laptop eine Fernbeziehung führen, aber das interessierte mich einfach nicht.

Chronik eines Verschwindens

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Artikel erschien im Juli 2015 bei Der Kulturblog.de

Ein Filmporträt über Amy Winehouse blickt hinter abgedroschene Klischees

Eine junge Frau versteckt sich unter einer Decke vor der Wackelkamera, die sie beim Nickerchen auf der Autorückbank aufgeschreckt hat. Die Frau ist Amy Winehouse, hinter der Kamera ihr Kumpel und Manager Nick Shymansky. Es ist ein Spiel zwischen Vertrauten, die sich gerne necken. Wir schreiben das Jahr 2003, Winehouse feiert mit ihrem Album „Frank“ erste grosse Erfolge in England. Die Aufnahmen stammen aus dem Privatfundus von Shymansky, der ihre gemeinsame Album-Tour filmisch festgehalten hat. Mit jugendlicher Begeisterung klappern sie die Provinzstädte und Kleinbühnen Englands ab. Amy, etwas pickelig  mit offenem Haar, schrummt ihre Jazzakkorde auf der mintgrünen Fender. Sie tut dies beinahe nachlässig. Als wüsste sie, dass ihre Stimme auf keine elaborierte Instrumenalbegleitung angewiesen ist. Solche Aufnahmen hat die Welt bisher nicht gesehen von Amy Winehouse. Aufgetrieben hat sie der britische Regisseur Asif Kapadia, der sich zwei Jahre lang um das Vertrauen von Amys engstem Freundeskreis bemühte. Diese Freunde sind es, die als Zeugen auftreten. Der Film verwebt bisher unveröffentlichtes Material mit bereits Bekanntem und schafft damit ein intimes Porträt dieses komplexen Charakters. Und er demontiert den abgegriffenen, eindimensionalen Narrativ der selbstzerstörerischen Künstlerseele.

Unter Bergen von Haare und Schminke

Der rote Faden der Geschichte bilden die Songs und vor allem die Texte, die unverblühmt und sehr persönlich von Amys Lieben und Nöten erzählen. Solche Textpassagen fliessen zusätzlich zur Originalmusik als Schriftzug ins Bild, so dass die Liedtexte wie die Stellungnahme der Verstorbenen wirken. Diese formale Überlegung und die Wahl der Zeugen – Kapadia interviewte über 80 Leute – zeichnen den Film in seiner Sorgfalt aus. Die Erinnerungen des Freundeskreises kombiniert er mit bisher unveröffentlichem Bildmaterial. Selbst gedrehte Videos rollen die Erzählung auf. Wir lernen dabei Amy nicht nur in ihrer Masslosigkeit und Selbstzerstörung kennen, sondern auch als schlagfertige, komödiantisch begabte Person, die bestimmt nicht sterben, sondern sich selber eher zum Verschwinden bringen wollte. Sie verschwand mit Hilfe vom Alkohol- und Drogenrausch aus ihrem immer dünner werdenden Körper, unter Bergen von Haaren und Schminke.

Vater Mitchel distanzierte sich empört vom Film

Der Film rekonstruiert diese Chronik des Verschwindens. Er demontiert die abgedroschene Erzählweise der Medien, die oftmals Amys Langzeitlover und Drogenfreund Blake Fielder zum alleinigen Sündenbock stilisieren. Der Regisseur Kapadia scheint der erste zu sein, der anhand glaubwürdiger Aussagen von Amys Jugendfreunden nach der Verantwortung ihres Vaters und des späteren Managements sucht. Beide trieben die Abwärtsspirale an, auf der sich Winehouse befand. Vater Mitchel, Taxifahrer und verhinderter Jazzmusiker, distanzierte sich empört vom Film, attestierte ihm sogar Unwahrheiten, zum Beispiel seinen angelblichen Anteil an der Therapieresistenz seiner Tochter. Der Film suggeriert jedenfalls, dass man die Songzeilen ihres Hits „Rehab“ durchaus wörtlich nehmen sollte. „I ain’t got the time and if my daddy thinks I’m fine “, sie wolle nicht in den Alkoholentzug weil sie keine Zeit habe und der Vater findet, es gehe ihr ja gut. Der Satz, gemäss Film, berechtige Zweifel an der Vater-Tochter Beziehung.

Wäre Amys Leben Fiktion, dann hätte Tony Bennet sie gerettet

In einer Schlüsselstelle des Films begleiten wir Amy ins Aufnahmestudio mit ihrem grossen Vorbild, der alternden Jazzlegende Tony Bennett. Sie singen für seine Duett Compilation das Lied „Body&Soul“ ein. Dies in der Gegenwart von Kameras. Amy fühlt sich sichtlich unwohl in ihrer Haut, ihre Versagensangst ist auch für den Betrachter kaum auszuhalten. Plötzlich sieht man das kleine Mädchen in der taumelnden Pop Diva, die um jeden Preis ihrem Vater gefallen will. Sie vermasselt den ersten Einsatz, sagt laut, „ich bin nicht gut, ich bin nicht gut“, während Bennet ihr väterlich Mut zuspricht. Wäre Amys Leben Fiktion, dann hätte Tony Bennet sie gerettet. Der Seelenverwandte, der alte weise Mann, der den Notausgang aus der Abwärtsspirale kennt. Doch Bennet war nicht in der Lage, sie zu retten. Er bereut rückblickend, dass er Amy gebeten habe, vom Gas zu gehen. Ihr nicht gesagt zu haben, dass ihre Kunst zu wichtig sei für die Welt. Gerne hätte er ihr gesagt, dass man das Leben lernen könne, aber eben nur, wenn man lange genug lebt.

Wichtig ist nicht, was geschah, sondern was die Leute glauben

In der Tragödie steht die Verantwortung des Umfelds unweigerlich im Raum, Einigkeit über den Hergang des Dramas wird kaum jemals herrschen, vielmehr gehen subjektive Realitäten des Umfelds auf Kollisionskurs. Es geht um Geld, um das eigene Gewissen in der kollektiven Schuld.

Der 27 Club – jene Gruppe von Pop Ikonen, die alle im Alter von 27 gestorben sind, hat schon für unzählige Spekulationen gesorgt. Reportagen und Biopics für Kino und TV ergründen das wilde Leben von Janis Joplin, Jim Morrison oder Jimi Hendrix. Rockumentaries lassen sie für die Nachgeborenen wieder auferstehen. Oft behaupten solche Filme, eine neue Wahrheit über die Legende ans Licht zu befördern. Aktuell sind wieder grosse Hollywood Produktionen zu Janis Joplin oder Jimi Hendrix geplant. Legenden lassen sich immer wieder neu erzählen, eine abschliessende Wahrheit gibt es sowieso nicht. Und wer das Leben eines Mitglieds im Club 27 erzählt, ruft unweigerlich Widerspruch auf den Plan. Das jüngste Beispiel: Brett Morgans Kurt Cobain Kinodoku „Kurt Cobain – Montage of Heck“ stiess nicht gerade auf einhelige Begeisterung. Der ehemalige Weggefährte Cobains, der Melvins Leadsänger Buzz Osborne äusserte sich auf der Musiker-Plattform TheTalkhouse. 90 Prozent des Films sei Bullshit, nicht obwohl, sondern gerade weil er zu einem Grossteil auf Schilderungen von Cobain selbst basiert. Wenn es etwas gebe, was man über Cobain wissen müsse, er war ein Meister darin, Dinge zu erfinden. („That’s the one thing no one gets about Cobain — he was a master of jerking your chain“). Aber zählen würden nicht Fakten, sondern was die Menschen glaubten. Und so glauben jetzt eben alle, dass Cobain sich bereits als Teenager das Leben nehmen wollte, oder dass Courtney Loves Beinahe-Fremdgehen einen Monat vor seinem Tod, in ihrer Einschätzung einen grossen Einfluss gehabt hätte.

So warten wir nun auch auf weitere Wahrheiten über Amy Winehouse, die neue Widersprüche aufreissen. Was sich allerdings schwer bestreiten lässt, ist die Tatsache, dass diese hochbegabte Künstlerin nicht bestimmt war für die grosse Bühne. Sie sang, um zu überleben. Sie hätte nie daran gedacht, professionelle Sängerin zu werden. Singen sei einfach etwas, das sie immer tun könne, wenn ihr danach ist, erklärt sie in einem frühen Interview. Man wünscht sich, Amy Winehouse hätte sich nicht verloren, wäre dem Jazz, ihren Vorbildern Sarah Vaughn oder Bennet, den kleinen Bühnen treu geblieben, und würde dann vielleicht noch heute ihre Lieder etwas nachlässig auf ihrer Fender begleiten.

Spartiates – Frankreichs vergessene Kinder

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Artikel erschien im Januar 2015 bei DerKulturblog.de

Der Film des Genfers Nicolas Wadimoff begeistert in Solothurn

beging an den Solothurner Filmtagen seine Schweizer Premiere. Eine Woche später gewinnt er den Hauptpreis. Einstimmig erkannte die Jury im Werk eine „Metapher für das zwischenmenschliche Leben“. Eine Metapher? Der Film ist weit mehr als das: ihm gelingt die Gratwanderung, mitten ins Leben einzudringen, ohne dabei die Protagonisten in keinster Weise zu manipulierten. Respekt! Eine filmische Begegnung mit Marseilles Quartier Nord.

Die Atmosphäre während der Vorführung in der dicht bestuhlten Reithalle war konzentriert und gebannt. Das Publikum folgt dem charismatischen und raumfüllenden (dies jetzt als Metapher zu verstehen) Protagonisten Ivan Sorel, ein Kämpfer in der Sparte Mixed Martial Arts. Seine Mission ist nicht mehr Champion zu werden,  den Zenit seiner Karriere hat er offensichtlich überschritten. Das nicht zuletzt, weil er mindestens soviel Energie in seine Kampfsportschule im Quartier Nord der Hafenstadt Marseille investiert, wo er Dreikäsehochs bis jungen Erwachsenen die Kunst des Mixed Martial Arts (MMA) beibringt. „Les Quartiers“ nennen die Franzosen ihre Ghettos, um es beim ungehübschten Namen zu nennen, jene Quartiere, die einen sehr hohen Bevölkerungsanteil von Einwanderern aus dem Maghreb oder sonst aus afrikanischen Ländern leben. Drogen, Kriminalität, Gewalt und hohe Arbeitslosigkeit ist das Klischee und leider auch Teil der Realität. Aber eben nur ein Teil. Ein anderer, ist zum Beispiel die Kampfsport- und vielmehr Lebensschule „Team Sorel“, wo Ivan durch tägliches Kickbox-Training seine ganze Kraft dafür einsetzt, dass seine Schützlinge nicht durch die Maschen der französischen Klassengesellschaft fallen. Und diese Realität lernt der Durchschnittstourist nie kennen, weil er sich gar nicht erst in diese Gegenden vorwagt.

Kein einziger Cent floss in die lokale Kunstszene

Nicolas Wadimoff kennt Marseille gut, er drehte schon zwei Filme dort. Er selbst lebt mit Frau und Kind in Montreal und so findet das Gespräch über Skype statt. Das Ganze hat damit begonnen, als Marseille 2013 Europäische Kulturhauptstadt war. Marseille erfindet sich neu, das Hafenquartier und das ehemals berüchtigte Altstadtquartier Le Panier werden umgestaltet, die Ernennung zur Kulturhauptstadt hat den urbanen Umbau, Gentrifizierung genannt, stark beschleunigt. Wadimoff fand speziell stossend, dass bei hunderten von Millionen Euros, die unter anderem in ehrgeizige Museumsprojekte wie das MuCEM gesteckt wurden, kein einziger Cent in die lokale Kunstszene gesteckt wurde. Nicht einmal die in Frankreich sehr populäre HipHop Gruppe IAM, die Rap Workshops im Quartier Nord organisierte, kritisiert Wadimoff.

Am Anfang stand der Kurzfilm Spartiates Des Quartiers, den er für den Themenschwerpunkt Marseille für das Westschweizer Fernsehen RTS realisierte. Dank seinen vielen Kontakten in der Marseiller Szene sollte er zur schicken Hochkultur ein Gegenstück aus dem vernachlässigten Quartier Nord erzählen. Durch einen Freund, den Schauspieler Moussa Maaskri, lernte er schliesslich Ivan Sorel und die MMA Szene kennen.

„Von Mixed Martial Arts hatte ich zwar keine Ahnung, aber ich boxte als ich jung war, und als Olympique Marseille Fan, war ich dann sofort Teil der Familie und nicht ein Eindringling mit dem anthropologischen Blick“, betont Wadimoff über sechs Zeitzonen im Gespräch über Skype. Er lebt mit Frau und Kind inzwischen in Montreal.

Spartiates

Der Matador und sein Stier

Und so toste der Saal, am Filmende, um die angestaute Ergriffenheit in Form von johlendem Applaus in Richtung Bühne zu schiessen. Sorel, ein Drillkommandant, der auch Zwerge nicht mit Samthandschuhen anfasst. Roh und streng ist sein Stil, hier mal ein Tritt in den Hintern, dort ein Verhör angesichts servierten Lügengeschichten. Er ist aber in seiner Rauheit immer sehr klar, ein fixer Orientierungspunkt, was den meisten seiner Schülerinnen und Schülern im Leben fehlt. Und er will ihnen mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, dem Kampfsport und der grossen Klappe, sowas wie moralische Werte beibringen. Ja, Werte, die sich in unserer Zeit in falscher Sicherheit wähnen: Respect, sincérité, persévérance. Zumindest hätte es sich bereits vor dem 7. Januar, als Charlie Hebdo zum globalen Banner wurde, gelohnt um sie zu fürchten und sie bestimmter zu verteidigen. Dieser Gedanke mag im Verdacht wohl auch in der spontanen Begeisterung des Schweizer Publikums enthalten sein. Tränen der Rührung stiegen nicht nur der Autorin dieses Textes dann und wann in die Augen. Ebenso so intensiv wie das Resultat auf der Leinwand, war der Dreh. Der Regisseur und sein Schauspieler, seien gleich zu Beginn aneinander geraten, gesteht Wadimoff, da Sorel eindeutig die Hauptrolle des Films spielen wollte. „Aber es ist kein Biopic von Ivan Sorel“, sondern er hätte ursprünglich als Erzähler durchs Quarier führen sollen“, sagt Wadimoff. „Es war ein konstanter Kampf wie zwischen einem Matador und seinem Stier.“ Und letztlich haben beide gewonnen. Der Schlüssel einer erfolgreichen Zusammenarbeit sei der gegenseitige Respekt. Und der ermöglichte ihm eine grosse Nähe zu seinem Protagonisten. Und die Kamera kommt Sorel sehr nah, fängt Momente ein, die Kampfszenen, manchmal sehr emphatisch wie in einem Spielfilm. Im Trainingsraum schwitzt sogar die Kamera, die Zuschauer sehen durch den Film Kondenswasser, die Kamera verschmilzt mit dem Geschehen.

Sie war da, als Macho Sorel nach verlorenem Kampf erschöpft in mitten von Plüschtieren schläft, oder wenn er mit sich selbst ins Gerciht geht und dabei in Tränen ausbricht. Er hätte der todkranken Mutter zu wenig Aufmerksamkeit gegeben,, was er sich bis heute nicht verzeiht.

Die Abgründe von Frankreichs kolonialem Erbe

Die Mutter werde von dieser dritten Generation von Afrikanisch oder Maghreb stämmigen Franzosen grausam überhöht, so Wadimoff, als Ausdruck ihrer Enttäuschung über ihre Väter. Da dringt Spartiates in die Abgründe von Frankreichs kolonialem Erbe vor: Eine Generation ohne moralischen Leitplanken, die sich neu erfinden musste, da ihre dysfunktionalen Väter keine Vorbilder waren, jene vom Staat verschmähten, soviel liess sie die Geschichte wissen, jene Söhne und Töchter der Geächteten der leeren Versprechungen Francois Mitterands. „Viele Franzosen sehen sich als grosse Humanisten, aber sie führen diese typisch postkoloniale Arroganz spazieren, im festen Glauben, dass andere Kulturen in Dunkelheit leben und sie die Europäer ihnen Licht brächten.“

Der Zufall wollte es, dass der Film zu diesem Zeitpunkt den Weg zu einem Publikum findet, wo die ganze Welt seit dem Attentat auf Charlie Hebdo auf Frankreich blickt.

„Frankreich und seine Institutionen sind sehr krank“, befindet Wadimoff sehr bestimmt. Hat sein Film durch die tragische Koinzidenz von Charlie Hebdo eine neue Dimension angenommen? Er hätte den Fokus während der Arbeit an diesem Film nie auf den islamischen Jihad gesetzt, und würde sich auch jetzt davor hüten, seinen Film als Beweisführung zu missbrauchen, dass die Politik Frankreichs auf ganzer Strecken versagt hätte.

Tritt ihnen in den Arsch, bevor sie dich treten

Die Grande Nation muss wieder ganz demütig an der Basis beginnen. Und dort wirkt ein Sorel, und zum Weinen bringt einen die Tatsache, dass es wieder notwendig ist, die Nachgeborenen zu ermahnen, dass das Blut aller Menschen rot durch die Adern fliesst, ob es sich um Bretonen, Algerier, Juden, Moslem oder atheistische Kosmopoliten handelt. War Europa nicht schon mal weiter?

Da gibt es diese Lokalpolitikerin, die Sorel um Unterstützung bittet, um endlich einen geeigneten Trainingsraum für seine Schule zu finden. Anstatt eines Raums gibt’s Ehrenmedaillen und auch nach etlichen Sitzungen mit dem Team Sorel hat die Gemeinderätin sichtlich nicht verstanden, worum es bei MMA geht. Ein Trainingslokal haben sie bis heute nicht. Diese Politikerin sei symptomatisch, so Wadimoff, sie sei doch kein schlechter Mensch, aber eine völlige Fehlbesetzung, unfähig Kontakt zur Bevölkerung herzustellen. „Die Classe Politique ist lediglich noch eine Karikatur ihrer selbst.“ Der Film erzählt das aber weit subtiler als sein Macher im Gespräch. Frankreich hat lange nicht einsehen wollen, dass sie einen grossen Teil seines Volks diskriminiert hat. Manchmal auch in ihrer absurden Umkehrung, indem sie Einzelkämpfer zu Helden stilisiert. Die Soziologen haben dafür die gequirrlte Wortschöpfungen wie „Discrimination positive“. Und ein Typ wie Ivan Sorel kommt hier zu einem einfachen Schluss: Um die eigene Würde zur retten, bleibt dir lediglich die Selbstachtung. Und wo Werte wie Ehre und Loyalität im brutalen Lebensalltag mit Füssen getreten werden, muss man zurücktreten und sie erst recht laut in den Raum rufen, damit sie nie vergessen gehen: Fraternité, Sincérité, Respect.

Hollywood ist wieder da!

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Artikel erschien am 24.9.2015 auf Westnetz.

Das alljährliche Glamour Karussell beginnt sich heute in Zürich erneut zu drehen. Es ist mal wieder Zurich Film Festival, und ruhmesträchtige Namen holen Ehrenpreise ab. Genau vor einem Jahr suchten die Videophilosophen im PR-Getöse rund im den Filmevent nach authentischen Begegnungen.Der Geist des grossen Philosophen Theodor Adorno hielt den dabei entstandenen Film ein Jahr unter Verschluss, nun hat er ihn aber endlich freigegeben. Same same but different: „The Horror of Our Film Is That We Are Worried About the Wrong Things“ ist auch ein Jahr apäter noch oder wieder aktuell.

Alle Jahre wieder: Zürich ist gespickt mit Goldenen Augen in allen Grössen, auf Fahnen und Bannern, die Brücken und Gehwege in der Altstadt lückenlos säumen: Es ist Zeit für das Zurich Film Festival und die gehobene Gilde aus Hollywood, die hier „Hi“ sagt.

Rene Russo

JENSEITS DER SCHABLONEN

Im vergangenen Jahr, anlässlich der 10. Jubiläumsausgabe waren die Videophilosphen vor Ort auf der Suche nach unvorhersehbaren Momenten inmitten der durchchoreografierten Pose. Inspiriert von der Philosophie eines Theodor Adorno, der in der ökonomisierten Kulturindustrie um die Autonomie der Kunst bangt, haben sie diese auf den Prüfstand gestellt. Gefunden haben sie spontane Stars, tiefgründige Filmkunst inmitten des überkandidelten Schaulaufens der Kultur High Society. Ihr Fazit: Wenn man wagt, Fragen jenseits der Schablonen des Unterhaltungsjournalismus zu stellen, entsteht da und dort ein Moment von Austausch. Adornos Geist hielt das Werk ein Jahr unter Verschluss, nun hat er es endlich freigegeben.

Videophilosophen

„The Horror Of Our Film Is That We Are Worried About the Wrong Things“ ist jetzt online zu sehen, nachdem er diesen Frühling einmalig im Zürcher Art Doc gezeigt wurde. Inzwischen sind die Macher von „Loreak“ für den Oskar für den besten nicht englisch sprachigen Film nominiert, und anstatt der Antihelden Liam Neesson und Peter Fonda stellen sich heuer Arnold Schwarzenegger oder Chrisoph Waltz auf den grünen Teppich. Frauen wie die wunderbare René Russo oder die Ulknudel Diane Keaton scheinen dieses Jahr jedoch gänzlich zu fehlen. Männlich und mächtig scheint die Devise. Aber auch dieses Jahr gibt es bestimmt wieder beeindruckende Filme zu entdecken, wenn man die Mühe nicht scheut, sich durch die Goldenen Augen zu graben.

ZUM INHALT DES VIDEOS

In einem Werkbeschrieb fasste Rhea Plangg es wie folgt zusammen: „Die Videophilosophen setzen sich mit verschiedenen fundamentalen Elementen des Kinos auseinander: Etwa mit der Funktion des ‚Helden/Antihelden’ als Spiegel der Gesellschaft (Liam Neeson); mit der ‚Schönheit’, die wider Erwarten – und im Gegensatz zur ‚glamouresken’ Plastikwelt der zeitgenössischen Fetische – mit „kindness“ gleichgesetzt wird (Rene Russo); mit der „Ambivalenz der Schönheit“, die die baskischen Autoren Jon Garaño und Jose Mari Goenaga in ‚Blumen’ versinnbildlichen. Diese dienen in ihrem Film „Loreak“ als Kristallisationspunkt gesellschaftlicher Ambiguität sowie dem Unvermögen diese verbal zu kommunizieren.“

The Horror Of Our Film Is That We Are Worried About the Wrong Things from valeriethurner on Vimeo.

In der Schweiz werden Drehbücher zu früh verfilmt

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Artikel erschien am 27.Oktober 2013 auf Westnetz.

Swissfilms Direktorin Catherine Ann Berger im Interview

Neu ist sie die oberste Promoterin des Schweizer Films: Catherine Ann Berger leitet seit Mai die Agentur Swissfilms. Sie erklärt, warum sich der Schweizer Film nicht schämen muss, und was gute Lobby Arbeit bedeutet.

Catherine Berger, seit diesem Mai sind Sie im Amt der Direktorin von Swissfilms. Wie wichtig ist Swissfilms für den Schweizer Film?

In einem kleinen Land wie der Schweiz, das nicht über Mittel wie Deutschland oder Frankreich verfügt, kommt einer Promotionsinstitution grosse Bedeutung zu. Wir sind der Go-Between, die Matchmaker zwischen Produzenten hier und internationalen Verleihern und World Sales dort. Diese Aufgabe möchte ich fokussieren. In künstlerische Entscheidungen reden wir nicht rein, aber wir können durch Lobby Arbeit Glaubwürdigkeit und Vertrauen in den Schweizer Film aufbauen, und den Filmen Gehör verschaffen. Wieder ein Beispiel aus Cannes: wir organisierten zusammen einen Networking Anlass zusammen mit den Belgiern. Die Belgier hatten in Cannes keinen eigenen Stand und wir boten ihnen gerne das Gastrecht. Belgien ist ein wichtiges Koproduktionsland für die Schweiz. So wie in früheren Zeiten mal Deutschland oder Österreich. Die Schweizer Berlinale Preisträgerin Ursula Meier („L’enfant d’en haut“) lebt in Brüssel.

Wie wichtig sind Koproduktionen für den Schweizer Film?

Im Bereich Koproduktionen muss die Förderung mehr ermöglichen. Schweizer sollten regelmässig auf dem internationalen Parkett Erfahrungen sammeln können. Als Koproduktionsland muss die Schweiz hin stehen und sagen, mit uns zu produzieren ist interessant, weil wir einen hohen Berufsethos haben. Und der spiegelt sich im Niveau der Filmtechniker wider. Und die müssten stärker gefördert werden. Es ist beispielsweise eklatant, dass es beim Schweizer Filmpreis so lange ging bis jetzt endlich ein Preis für Montage eingeführt wurde.

Der wurde nun für 2014 eingeführt, nachdem zweimal hintereinander der Spezialpreis der Jury an die Montage ging. Wie eng arbeiten Sie mit dem Bundesamt für Kultur zusammen?

Ich stehe in engem Austausch mit Ivo Kummer, der im Bundesamt für Kultur für Film verantwortlich ist. 2016 wird es eine neue Kulturverordnung geben, und darauf hin muss sich die gesamte Filmbranche positionieren. Und als Branche müssen wir alle am selben Strick ziehen. Es geht darum, dass wir als Filmbranche den Politikern in Bern klar machen können, dass wir als Branche mehr Mittel brauchen.

Der Schweizer Film braucht mehr Geld. Wie sehen Sie die Chancen, dass man als Branche die Erhöhung des nationalen Filmkredits von jetzt 20 auf 40 Millionen Franken im Jahr erhöhen kann?

Denkt länger nach Ich sag jetzt mal etwas Ketzerisches. In der Schweiz dümpeln die Budgets von Langspielfilmen im Beriech zwischen 1.5 und 2 Millionen. Wenn Michael Steiner einen Film über 6 Millionen realisiert, ist es eine Sensation. Wenn dann dieser Film aber kein durchschlagender Erfolg wird, wird er als grosser Flop bezeichnet. Im europäischen Vergleich gibt es aber sehr viele Filme in diesem Budget Rahmen, die es nicht zum Grosserfolg bringen. Nichtsdestotrotz ist es für die Schweiz wichtig, regelmässig in diesem Segment zu produzieren, um in einem internationalen Umfeld konkurrenzfähig zu sein. Das heisst aber nicht, dass es nicht auch Filme geben soll, die mit 800 000 Franken produziert werden, ein durchschlagender Erfolg sein können.

Braucht man auch in anderen Bereichen mehr Geld?

Wir brauchen auch dringend mehr Mittel für die Drehbuch-entwicklung. Damit die Drehbuchautoren mit einem vernünftigen Lohn arbeiten könnten, der ihnen ermöglicht auch noch eine achte, neunte oder sogar zwölfte Fassung ihres Buches zu schreiben. In der Schweiz wird meist bereits die vierte Fassung verfilmt. Was ich eine Katastrophe finde. Spricht man mit internationalen Autoren und Regisseuren, ist es für die selbstverständlich, zwanzig Fassungen zu schreiben bevor ein Buch verfilmt wird. Und das bedeutet dann nicht, dass ein Stoff verwässert wird, auch nicht, dass es ein Europudding wird. Es heisst vielmehr, dass mit einer Präzision gearbeitet wird, dass hinterher im Dreh die Fragen geklärt sind. Und dann nicht plötzlich im Schnitt wieder auftauchen. Das sind Gründe, warum der Filmkredit erhöht werden muss, damit unsere Produzenten nicht mehr in Zugzwang kommen, zu einem Zeitpunkt zu produzieren, wo sie eigentlich wissen, dass man noch nicht drehbereit ist.

Sie arbeiteten beim österreichischen Filminstitut in der Drehbuchförderung. Was kann die Schweiz von Österreich lernen?

Die haben zum Beispiel einen Topf von Fördermittel speziell für die letzte Phase vor dem Dreh ein sogenanntes Preproduction Tool. Da sollten wir in der Schweiz budgetär ebenfalls aufstocken. Um in der wichtigen Phase vor dem Dreh noch für zusätzliche Recherchen Mittel zu haben oder um nochmals in eine Motivsuche oder ein Casting zu investieren. Das sind nicht grosse Summen, aber bieten eine Möglichkeit die Produktion auf ein höheres Niveau zu heben.

Wie sieht ihr täglicher Job an grossen Festivals aus?

Ich bin fast ausschliesslich mit dem Markt beschäftigt. Ich treffe mich mit Festivalleuten, World Sales, Verleihern aus aller Welt und verfolge meine Aufgabe als Direktorin einer Promotionsagentur: Lobbying und Marketing für den Schweizer Film.

Was möchten Sie anders machen als Ihr Vorgänger Micha Schiwow?

Ich weiss nicht, wie es vorher war, und ich möchte mein Profil auch gar nicht in einen Vergleich setzen. Eine neue Person an der Spitze einer Institution bringt immer einen Wandel. Ich kann ihnen aber gerne sagen, was wir während eines bedeutenden Festivals wie Cannes oder Venedig tun. Wir setzen vermehrt auf die internationale Online Plattform Cinando. Das ist ein virtueller Filmmarkt.

Dem Swissfilms Jahresbericht von 2012 kann man entnehmen, dass 55% der Festival Preisgelder durch Kurzfilme erwirtschaftet worden sind. Dennoch werden in der Schweiz die experimentelleren Kurzfilm Segmente wenig gefördert, verglichen etwa mit Österreich. Wie sieht das in der Promotion aus?

Auch für den Kurzfilm haben wir neu ein Pendant zu Cinando lanciert, die Short Film Library. Mit dieser Online Datenbank bieten wir internationalen Agenturen, Festivals unsere Kurzfilme zur Sichtung an.

Sie sind Dramaturgin und erfahrene Script Consultant. Wie können Sie dieses Know-how in Ihrer jetzigen Position nutzen?

Die Filmemacher, die mich bisher als Script Consultant konsultiert haben, werden mich auch künftig in ihre Projekte einbinden. Aber ich werde wohl schon aus zeitlichen Gründen mich nicht mehr so oft auf Drehbuchstufe einbringen können.

Wann ist der Zeitpunkt, in dem ie sich als Promotionsagentur einschalten?

Ich begrüsse es, zu einem Zeitpunkt eingebunden zu werden, an dem wir tatsächlich noch etwas mit gestalten können. Ich sehe momentan unsere Chance, Ende Rohschnitt und anfangs Feinschnitt einzusteigen. Bis anhin war es meist so, dass die Produktionen erst auf Swissfilms zugekommen sind, wenn der Film bereits fixfertig war. Dann waren sie stolz und meinten: So, und jetzt seid ihr dran. Klar reden wir künstlerisch nicht rein, und gehen auch nicht in die Details, wenn es um die Gestaltung des Pressematerials geht oder die Formulierung der Logline.

Sondern?

Der Markt hat sich stark verändert. Ein Weltvertrieb beginnt heutzutage nicht mehr erst zu arbeiten, wenn der fertige Film vorliegt. Das kann er sich gar nicht leisten in der heutigen Marktsituation. Wenn der Weltvertrieb heutzutage mitbekommt, dass ein Filmemacher, der ihn interessiert, an einem neuen Drehbuch ist, dann will er wenn möglich schon ein Treatment lesen. Auch für uns gilt, der Markt ist so stark umkämpft, dass man es sich eigentlich gar nicht leisten kann, erst so spät an die Promotion zu denken.

Was sagen sie den Leuten, die unter dem Image Problem des Schweizer Films leiden?

Haben wir ein Image Problem?

Wenn man sich innerhalb der Branche und auch sonst umhört, wird schon viel beanstandet, dass der Schweizer Film nicht besser oder mutiger ist.

Nun, ich bin nicht dafür zuständig, die Laune der Branche anzuheben. Meine Zielgruppe ist der internationale Markt und die Festivals. Um dort auf professionellem Niveau zu arbeiten, da gehört jammern nicht dazu. Und der eigentliche Grund, warum ich Lust auf diesen Job habe, warum ich mich täglich freue ins Büro zu kommen, ist, dass ich an den Schweizer Film glaube. Wir haben eine neue Generation am Ruder, die super ist. Die Kinder von Einwanderern. Und das ist eine Filmgeneration, die sehr international ausgerichtet ist, die sehr wohl ein Gespür für Themen haben. Deren Geschichten haben zwar eine lokale Verankerung hier in der Schweiz, sie haben aber eine universelle Ausstrahlung. All diese Leute, wie Basil Da Cunha mit portugiesischen Wurzeln, Kaveh Bakhtiari iranischer Abstammung, oder auch Lionel Baier mit entfernten polnischen Wurzeln. Die haben eine Erfahrung gemacht und brennen darauf, ihre Geschichten zu erzählen. Diese fünfte Schweiz schiesst nicht nur Gold für die Schweiz, die machen auch unsere Filme! Fantastic!

Viele junge Filmemacher fehlt es nach dem Studienabschluss an einer Kontinuität. Wie kann man dem Nachwuchs den Sprung vom Kurzfilm zum Langfilm erleichtern?

Man muss das mittlere Segment fördern. Der Sprung vom neun Minuten Kurzfilm zum neunzig Minuten langen Spielfilm ist enorm. Das bedeutet nicht einfach mehr vom Gleichen, sondern eine ganz andere Kategorie des Erzählens. Um das zu lernen, braucht es mehr Möglichkeiten für mittellange Formate.

Und wo finden die ihre Plattform, etwa beim Schweizer Fernsehen? Möglicherweise. Der Pacte de l’ Audiovisuel könnte durchaus in innovative Segmente investieren. Das könnte man mit Sven Wälti, dem SRG Verantwortlichen für überregionale Programmangebote durchaus mal diskutieren. Für die Kontinuität sind die Fernsehserien enorm wichtig. So holt sich das SRF junge Leute, um mal eine Folge vom Bestatter oder Tatort zu realisieren. Ich erinnere mich, als ich beim Fernsehen angefangen hatte an den Report für das Jugendmagazin Zebra. Das war ein 26 Minuten Format. Und ich ging auf die Schulen zu und machte Aquise. Sabine Boss, Tobias Ineichen oder Jacqueline Zünd machten alle ihre ersten Filme ausserhalb der Schule mit mir. Sie hatten die Carte Blanche, auszuprobieren. So etwas in dieser Art wäre auch heute durchaus machbar.

Stellt sich das Schweizer Filmschaffen selbst unter den Scheffel?

Der Schweizer ist jemand, der nicht gerne über sich spricht und ebenso wenig über Geld. Diese Bescheidenheit und Konzentration auf die Arbeit ist auch irgendwie sympathisch. Jetzt geht es allerdings Filmgeschäft nicht ohne, dass man sowohl über Geld spricht wie auch sich und den Film promotet. Und da ich halbe Britin bin, und über eine Portion Humor verfüge, kann ich auch als Emmentalerin über die Stärken des Schweizer Films reden. Also bin ich hier bei Swissfilms wohl am richtigen Ort.

Foto © Oscar Alessio

Gentleman: Reggae steht für universelle Fragen

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Artikel erschien am 13. April 2014 bei Westnetz.ch

Die Macher des Dokumentarfilms Journey to Jah im Interview

Was verbindet ein Deutscher Mittelstand Musiker mit Menschen in einem von Widersprüchen und Armut geprägten Land wie Jamaika? Tilmann Otto, bekannt als Gentleman und die Regisseure Moritz Springer und Noël Dernesch über Rastafari, starke Frauen und die Lichtgestalt Bob Marley.

Manch einer findet seine Heimat am andern Ende der Welt. So die beiden Musiker Tilmann Otto und sein Freund Alborosie, deren Weg sie nach Jamaika geführt hatte. Für den mehrfach preisgekrönten Dokumentarfilm Journey to Jah haben die Regisseure Noël Dernesch und Moritz Springer die beiden während sieben Jahren nach Jamaika begleitet. Entstanden ist dabei nicht etwa ein Reggae-feel-good-Movie, sondern ein Film, der die Suche nach Identität und Heimat in den Fokus stellt.

Gentleman und Alborosie

Tilmann Otto, der Film zeigt dich in alten Archivaufnahmen aus dem Jahr 1994, wie du als Teenie an einem Musikfestival in Jamaika auf der Bühne vor einheimischem Publikum auftrittst. Die Frage wird dir zwar andauernd gestellt, aber ich muss es auch tun: Wie in der Welt kommt ein 19 jähriger Kölner dazu, in Jamaika an einem der bedeutendsten Reggae Festivals aufzutreten?

Tilmann Otto: Ich war damals mit einem Filmteam von Arte für das Musik Magazin “Lost in Music” für eine Dokumentation über Reggae und Soundsystems in Deutschland unterwegs. Dabei besuchten wir das Quanza Festival in der Montego Bay auf Jamaika. Ich sollte die Interviews mit den Künstlern übersetzen, weil ich damals zufällig auch in Jamaika war. Dass ich auf die Bühne ging war nicht vorgesehen.

Wie kam es dazu?

Ich ging in der Umbaupause zum Promoter und sang ihm was vor. So kam es dann zum ersten spontanen Auftritt mit meinen drei Songs. Das war dann die Initialzündung. Ich realisierte, wie wohl und sicher ich mich auf der Bühne fühlte, viel sicherer als ausserhalb der Bühne.

Das Publikum war begeistert, was ja sehr ungewohnt ist, dass Jamaikaner einem europäischen Teenager zujubeln.

Gerade im Mutterland des Reggae ein so positives Feedback zu kriegen, hat mich motiviert und in dem bestärkt, was ich schon lange in mir gespürt hatte, diese Art von Musik zu machen.

Gentleman ist einer der erfolgreichsten Europäischen Reggae Acts und reist seit zwanzig Jahren regelmässig nach Jamaika. Der Film handelt aber nicht von der Erfolgsgeschichte eines Musikers, sondern wie der Titel Journey to Jah impliziert, von einer Reise.

Noël Dernesch: Wir wollten keinen Film ausschliesslich für ein Reggae Publikum machen, sondern damit ein breites Publikum ansprechen. Reggae steht nur stellvertretend für ganz universelle Fragen.

Warum wolltet ihr diesen Film machen?

Moritz Springer: Ausgangspunkt war eine Afrikareise vor etwa zehn Jahren, die mich mit der Rastafarikultur in Berührung brachte. Zurück in Europa stellte ich fest, dass sich auch hier Menschen mit dieser widersprüchlichen Glaubensrichtung auseinandersetzen. Und die Frage begann mich zu beschäftigen, wie Weisse dazu kommen, sich mit einer schwarzen Kultur zu identifizieren.

Ja, wie?

Das ist natürlich immer mit der menschlichen Sehnsucht nach Spiritualität und Identitätssuche verbunden, und dabei aus der gewohnten Umgebung zu neuen Ufern aufzubrechen. Im Jahr 2004 lernte ich meinen Co-Autoren Noël kennen. Für uns beide stand bald fest, wenn wir jemanden aus Europa dabei haben wollten, führte kein Weg an Tilmann Otto, also Gentleman, vorbei.

Wie war Eure Rollenaufteilung als Co-Autoren?

Noël Dernesch: Moritz und ich sind sehr unterschiedliche Typen. Moritz ist eher der Reggae-Freak, der „Insider“. Ich bin nicht wirklich Reggae-Fan und hatte immer eine sehr kritische Haltung gegenüber Rastafari und deren dogmatischen Ansichten. Ich war also für die kritische Auseinandersetzung, die Zusammenhänge im Erzählbogen verantwortlich. Es kam im Laufe der sieben Jahre zu manchen Reibereien. Aber genau diese Unterschiedlichkeit hat den Film dahin geschliffen, wo er jetzt ist.

Jamaika ist ein von Widersprüchen geprägtes Land. Die Rastafarikultur ist einerseits alttestamentarische Heilsversprechung, andererseits kämpft sie für die Befreiung aus dem Joch des Spätkolonialismus, ist also sozialpolitisch aufgeladen. Wie gehst du mit diesen Widersprüchen um, Tilmann?

Tilmann Otto: Spiritualität und Religion sind sehr persönlich. Bei mir hört das Verständnis dann auf, wenn es dogmatisch und mit missionarischem Eifer an die Sache herangegangen wird. Wenn aber jemand für sich was entdeckt, was ihn zu einem besseren Menschen werden lässt, ist es doch egal, ob es alttestamentarisch ist. Mein guter Freund Natty (Devon Gayle, Anm. d. Red.) ist Vollblutrasta und Bewohner von Sea View, einem Ghetto von Kingston. Er anerkennt Haile Selassie (äthiopischer Diktator, Anm. d. Red.) als seinen Gott, was ich überhaupt nicht mit ihm teile aber er ist einer meiner besten Freunde, weil er darin seinen inneren Frieden findet und dadurch auch eine unglaubliche Weisheit an den Tag legt.

Terry Lynn mit Freunden

„Das Paradies ist vielleicht kein Ort, sondern ein innerer Zustand“, sagst du im Film einmal. Jamaika ist weit davon entfernt ein Paradies zu sein. Auch wenn Tourismus und Entertainment uns das mit Bildern von Palmenstrand und Reggae-Sounds vermitteln wollen.

Noël Dernesch: Wir wollten unbedingt über die Reggae Klischees hinausgehen. Da stellte sich sehr bald die Frage, welche Geschichten erzählen wir. Welchen Figuren und Menschen wollen wir folgen?

Moritz Springer: Du könntest nur schon einen Film über die Entstehung von Rastafari drehen. Woher die Bewegung kommt, woher das Alttestamentarische. Oder die Entstehung der Black Power Bewegung, die mit der Entwurzelung aus Afrika oder über die politische Situation in Jamaika. Uns ging es aber gar nicht darum einen Film zu machen, der das alles erklärt. Was ich an Rasta persönlich schätze ist, dass die Religion nicht festgeschrieben ist sondern hunderte Spielarten zulässt.

Wie wichtig war für euch die Frauen im Film? Die Professorin Carolyn Cooper sowie die junge aufstrebende Sängerin Terry Lynn sind beeindruckende Frauen.

Noël Dernesch: Es war eine grosse Herausforderung starke Frauen zu finden, die was zu sagen haben. Wir sind sehr dankbar, dass wir Terry Lynn aus dem Ghetto Waterhouse getroffen hatten. Sie lebt in sehr schweren Bedingungen, ist beinahe täglich mit Gewalt konfrontiert. Uns beeindruckte, wie weitsichtig diese Frau ist, obwohl sie kaum aus ihrem Mikrokosmos rauskommt. Sie ist eine Poetin, schon fast eine Visionärin. Carolyn Cooper ist für die Frauen in Jamaika sehr wichtig wegen ihren progressiven Vorstellungen von der Rastafarikultur.

Reggae ist längst in den Mainstream der globalen Popkultur eingeflossen. Dennoch verehren alle nach wie vor Bob Marley als authentische Lichtgestalt des Reggae.

Noël Dernesch: Das muss man schon klar sehen, Jamkaika schlachtet die Figur von Bob Marley schamlos aus, weil dieser Mann in der Tat eine grosse Strahlkraft hatte.

Tilmann Otto: Es ist aber gerechtfertigt. Wenn man sieht, was der Mann mit seiner Musik geschafft hat, ist diese Verehrung nicht übertrieben. Er hat damit Kulturen zusammen gebracht, hat Hoffnung verbreitet. Seine Musik ist ja bis heute weiter verbreitet als die Beatles, zumindest in Afrika oder Asien. Er war ja auch selbst in Jamaika zu seiner Lebzeit, als Sohn eines schwarzen Vaters und einer weissen Mutter, nicht wirklich anerkannt. Der Personenkult im gesamten Merchandising ist was anderes.

Noël Dernesch: Das meinte ich vorhin mit ausschlachten, diese ökonomische Maschinerie.

Eine andere Schattenseite der Rastafarikultur ist die offene Homophobie. Wie seid ihr damit umgegangen?

Noël Dernesch: Wir wollten es natürlich nicht tabuisieren. Es ist ein Fakt, dass es da Missstände gibt. Da es nur ein kleiner Teil der ganzen Geschichte ist, wollten wir aber kein Fass aufmachen. Im Fokus steht die Suche. Ich denke, jeder findet über die Protagonisten einen Zugang zum Film, weil sie alle von ihren persönlichen Hoffnungen, Ängsten und Sehnsüchten erzählen, so springt auch das Kopfkino des Zuschauers an.

Tilmann Otto: Das macht den Film genau aus. Er ist ein Sinnbild für die Parallelen und Gemeinsamkeiten von Menschen von sehr unterschiedlicher Herkunft. Der Film wirft Fragen auf, ohne Antworten zu liefern. Ich kenne die Antworten auch nicht, ich bin ein suchender Mensch. Aber die Musik gibt mir die Kraft, die es braucht, um klar zu kommen. Der Gedanke, dass man nicht alleine ist, ist essentiell.

Ich glaube nicht an Objektivität

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Artikel erschien am 27. März 2014 auf Westnetz.

Sie ist der Shooting Star des Schweizer Dokumentarfilms. Anna Thommen hat während zwei Jahren eine Basler Integrationsklasse begleitet und dabei einen sensiblen, wie eindrücklichen Film geschaffen. „Neuland“ wurde mit zahlreichen Preisen honoriert und läuft jetzt in den Kinos.


Das Thema Migration ist im Schweizer Film stark präsent. Böse Zungen sagen sogar, es sei strapaziert. Warum wolltest du auch noch einen Film zu diesem Thema machen?

Alle sprechen zwar immer über Integration, mir war aber wichtig, diesen Prozess für einmal erlebbar zu machen und zu zeigen, was Integration für die Betroffenen bedeutet. Ich hatte noch keinen Film dieser Art gesehen, der eine Integrationsklasse während zwei Jahren begleitet. Und von diesem Spezialfall ging ich aus und überlegte mir gar nicht, ob dieses Thema strapaziert sei. Das wurde erst bei der Geldsuche ein Thema, bei der einige Förderer sehr skeptisch auf das Konzept reagierten. Dabei ist doch das Thema aktuell wie noch nie.

Du bist bei einem medienpädagogischen Workshop auf das Thema Integration gestossen, wo du dem Lehrer der Klasse im Film Neuland, Christian Zingg, begegnet bist.

Ja, ich lernte ihn mit seiner vorherigen Klasse kennen und dachte: Was für ein Original und was für eine unglaubliche Klasse! Mich beeindruckte, wie eine ganze Welt in einem Klassenzimmer gespiegelt wird.

Neuland ist aus einer sehr persönlichen Perspektive erzählt. Warum?

Weil es dann aus einer Anonymität und Verallgemeinerung weg kommt. Ich kann Geschichten nur aus meiner Wahrnehmung erzählen, wie ich etwas erlebe. Seien wir ehrlich, die Themen von unseren Geschichten wiederholen sich. Es wird individuell, wenn ein Mensch es aus seiner Sicht erzählt. Es ist so wichtig, dass sich Kulturschaffende auch mal anders damit auseinandersetzen als nur über Fakten und Schlagworte oder über kluge Experten, sondern dass man diese Leute einfach kennenlernt.

Hinter einer Handschrift steht eine Haltung. Der Begriff wird in der Schweizer Filmszene rege diskutiert. Was kannst du damit anfangen?

Ich glaube nicht an Objektivität beim Erzählen. Die Journalisten, die Interviews machen, die schreiben auch aus ihrer Wahrnehmung heraus. Und dahinter steht eine Haltung. Und die ist sehr wichtig. Bevor ich mich an diesen Film heranwagte, musste ich mir zuerst klar über meine eigene Haltung gegenüber diesem Thema werden. Ohne klare Haltung hätte dieser Film in ganz viele Richtungen hin in die Hosen gehen können.

Musstest Du dich rechtfertigen?

Gerade eben fragte mich ein Journalist, ob mein Film nicht Schönfärberei wäre. Ich habe mich von diesem Anspruch befreit Objektiv zu sein und beschlossen, für mich stimmt’s, wenn ich aus meiner Wahrnehmung erzählen kann.

Foto aus Afghanistan

Die drei Protagonisten, die Serbin Nazlije Aliji, und die beiden Freunde aus Afghanistan Ehsanullah Habibi und Hamidullah Hashimi


Die drei Protagonisten, die Serbin Nazlije Aliji, und die beiden Freunde aus Afghanistan Ehsanullah Habibi und Hamidullah Hashimi, sind Erfolgsgeschichten.

Stimmt nicht. Hamidullah bleibt hängen. Der letzte Satz von Hamidullah im Film lautet: Es gibt nichts Neues und ich sehe schwarz. Die andern haben zwar im Vergleich zum Anfang des Films einen Schritt vorwärts gemacht aber es ist nicht unbedingt ein Happy End. Sie müssen sich damit abfinden, dass sie Träume nicht erreichen und sich ihrem Schicksal ergeben. Ist das jetzt ein Happyend?

Dein Film zeigt keine Flüchtlinge, denen der Weg in die Schweizer Gesellschaft nicht gelingt.

Aber es ist trotzdem keine Schönfärberei. Der Film spiegelt meine Haltung gegenüber dieser Klasse. Und ich wollte diese emotionale Kraft, die von diesen Leuten ausgeht, ins Zentrum rücken. Das war mir sehr wichtig, und das wird mir auch teilweise zum Vorwurf gemacht.

DER SCHRÄGE VOGEL ENTWICKELT SICH ZUM HELDEN

Was beeindruckte dich persönlich an deinen Protagonisten besonders?

Sie besitzen in sich eine Quelle der Kraft, aus der sie schöpfen und sie lassen sich nicht unterkriegen. Das gibt mir die Hoffnung, dass jeder Mensch diese Kraft in sich trägt und dank ihr selbst schlimme Schicksalsschläge überwinden kann.

Der Lehrer Christian Zingg ist nicht von Anfang an ein Sympathieträger. Anfangs fällt in erster Linie seine Frisur auf, und dass er die Hosen zu weit oben trägt. War dir das bewusst?

Ja, Christian Zingg hat sehr viele Seiten. Am Anfang nahm ich ihn als etwas schräger Vogel wahr nicht unsympathisch zwar. Herr Christian Zingg kommt im Film so rüber wie ich ihn erlebte. Ein Antiheld, ein anfangs etwas schräger Typ, der sich dann zum Helden entwickelt. Was natürlich wiederum subjektiv ist.

Wäre es besser gewesen, der Film wäre im Vorfeld der Abstimmung zur Masseneinwanderungs-Initiative in die Kinos gekommen?

Das wäre mein Wunsch gewesen. Aber es funktionierte aus vielen Gründen nicht. Zunächst mussten wir einen Verleiher suchen, was relativ lange gedauert hat. Nach dem Zurich Film Festival (Neuland wurde mit dem Preis für den besten deutschsprachigen Dokumentarfilm ausgezeichnet Anm. d. R.) konnte der Produzent wählen, während vor dem Festival kein Verleiher Interesse bekundet hatte.

Foto Lehrer

Wolltest du mit deinem Film auch diejenigen erreichen, die der MEI zustimmten?

Ja natürlich. Man muss sehen, es war zwar ein Black Sunday aber nicht das Ende der Diskussion und der Welt. Da folgen jetzt viele Diskussionen und Referenden. Vielleicht ist der jetzige Zeitpunkt genau gut für den Film.

Du wurdest mal von einer Zeitung zitiert: “Ich bin eigentlich ein apolitischer Mensch”. Das glaube ich nicht.

Ich bin eine Tagträumerin und lebe in meiner eigenen Welt. Ich erfahre lieber eins zu eins wie sich Integration anfühlt, als darüber in der Zeitung zu lesen. Was ich beobachte und spüre, kann ich am besten transportieren. Ich kann Menschen eine Plattform geben, die sonst vielleicht nicht die Möglichkeit haben sich mitzuteilen. Ich werde oft gefragt, wie ich über die zwei Jahre Distanz wahren konnte. Da liegt wohl auch die Antwort auf deine Frage: Mein Beruf ist nicht Sozialarbeiterin oder Psychologin, auch nicht Politikerin, sondern Filmemacherin. Ich versuche nicht überall Lösungen zu finden, sondern Geschichten zu erzählen.

DIE SCHWEIZER DEFINIEREN SICH ÜBER IHREN BERUF


In der Schweiz fragen die Leute meist als erstes nach dem Job. Wenn man beruflich kein Zuhause hat, ist es schwer, sich hier zu integrieren.

Das ist typisch für die Schweiz. Wir definieren uns sehr über die Arbeit. Die Protagonisten können weder sagen, wo sie wohnen, noch was sie arbeiten. Diese beiden Fragen haben viel mit Identität zu tun und sie haben somit also hier keine. Dazu hatte ich eine formale Idee ausprobiert: Alle Schweizer, denen die Schüler während dieser zwei Jahren begegnet sind, mussten sich in die Kamera jeweils mit Wohnort und Arbeit vorstellen. Ich habe Unmengen von Tableaus, in denen sich Schweizer in die Kamera vorstellen. Im Film wirkten sie dann merkwürdig aufgesetzt, weshalb sie nun auf meiner Festplatte liegen und darauf warten, dass ich etwas mit ihnen mache.

Dokumentarfilmerin

Im Dokumentarfilm verbreiten seit einigen Jahren verstärkt hybride Erzählformen, wie die Mischung von fiktionalen mit dokumentarischen Elementen oder Animation. Warum bist du der schlichten klassischen Form treu geblieben?

Ich habe bei Neuland wie angedeutet viel ausprobiert. Aber ich kam zum Schluss, das braucht es alles nicht. Jede spezielle filmische Form bringt die Gefahr mit sich, dass sie den Betrachter in die Geschichte hineindrückt und ich mich als Filmemacherin ins Zentrum stelle. Oft empfinde ich das Experiment als aufgesetzt und ohne wirklichen Grund. Bei Neuland hatten solche formale Spielereien keinen Platz. Es hätte die Distanz zu den Menschen vergrössert, die ich zeige. Formale Experimente können durchaus mal sein aber grundsätzlich folgt in meinen Filmen die Form dem Inhalt.

Welche Rolle spielt die Kamerafrau Gabriela Betschart in deiner Arbeit?

Ich habe völliges Vertrauen zu ihr. Sie hat ein sehr gutes „Gspüri“ für Menschen, dass sie zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort mit der Kamera drauf ist oder eben auch genau nicht. Sie arbeitet sehr intuitiv und ist sehr feinfühlig. Dass die Menschen sich so natürlich verhalten hat auch viel mit ihr zu tun. Das ist beim Dokumentarfilm viel wichtiger, als die coolsten Bilder zu haben. Sie macht nie etwas, um zu demonstrieren, hey, ich bin eine coole Kamerafrau.

Der Film hat schon viele Preise geholt, sowohl von Jury, wie auch vom Publikum. Welcher Preis bedeutet dir persönlich am meisten?

Der Prix du Public in Solothurn. Dass der Film so viele Menschen anspricht, bedeutet mir viel. Ich staune darüber, weil ich nicht damit gerechnet hatte, da es sich ja um einen einfachen Film handelt ohne grossem Budget.

Der Berliner Problembär – Antwort zum Einwanderungsstop

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Artikel erschien auf Clack am 20. Februar 2014

Berlinale: Sogar Chinesen gewannen einen Preis. Nur die Schweizer werden ausgegrenzt.

Die Schweizer gewannen an der Berlinale keinen Bären für ihr Filmschaffen, sondern nur einen Teddy. Clack-Autorin Valerie Thurner argwöhnt eine perfide Rache für die Masseneinwanderungs-Initiative.

Ich stolzierte gerade über den Roten Teppich des Berlinale Palastes im Herzen der EU, als die halbe Schweiz siegestrunken über die Masseneinwanderungs-Initiative jubelte und die andere Hälfte wie geschlagene Hunde aufheulte. Mich ging das nichts an, ich flog fernab auf der sanften Wolke des berliner Filmglamours.

Eine Woche später, Preisverleihung in Berlin, das Erwachen: Nicht nur Wohnungen, Sitzplätze im Zug oder Professorenstühle stehlen uns die Ausländer, sondern auch die Filmpreise. Eines sollte klar sein: Uns Schweizern stehen mehr Filmpreise zu. Nicht nur Ursula Meiers «Sister» oder Peter Liechtis «Vaters Garten» sind preiswürdig.

Da muss doch was faul sein! Die Berlinale gehört wohl zum Europäischer Komplott gegen die Schweiz, vergleichbar mit dem ESC (Eurovision Song Contest), an dem es regelmässig heisst: «Switzerland, zero points».

Im diesjährigen Wettbewerb war unser Nationalheld Bruno Ganz angetreten. Doch eben noch mit dem Deutschen Filmpreis für sein Lebenswerk beehrt, blieb er für seine Rolle als Serbischer Drogenbaron in Hans Petter Molands Thriller-Komödie «Kraftidioten» bärenlos. Dass Helvetiens erfolgreichster Schauspieler als Drogenbaron sogar serbokroatische Brocken spricht, zeigt doch Eidgenössische Weltoffenheit und sollte mit einem Bärli belohnt werden.

Sonst war ja gar kein Schweizer im Wettbewerb vertreten. Wie sollen wir so auch Bären schiessen, wenn wir nicht mal zur Jagd gebeten werden? Immerhin einen Teddy hat Stefan Haupt mit seiner herzerwärmenden Dokufiktion «Der Kreis» ergattert, dazu noch den Publikumspreis in der Nebensektion Panorama. Das Publikum weiss halt noch, was gut ist. Während die Regiernden schimpfen, klatscht uns Europas Volk zu, auch beim Film. Haupts Film erzählt Die Lebens- und Liebesgeschichte von Ernst und Röbi, dem ersten schwulen Paar, das die Schweiz offiziell zu Mann und Mann erklärte. Haupt plante einen Spielfil über das erste schwule Paar mit Ehering. Aus Geldmangel verwendete Haupt dann auch dokumentarisches Material. Hätte der arme Herr Haupt mehr Kohle bekommen, wäre die Schweiz jetzt mit Sicherheit um einen Goldenen Bären reicher. Sowieso ist einzig allein der Geiz Schuld am latenten Scheitern des Schweizer Spielfilms.

Schweiz: Das blutende Herz Europas

Ich kenne gestandene Produzenten und Medienunternehmer, die auf ausländische Märkte schielend die Kontingentierung der Zuwanderung begrüssen. Damit uns ja kein Pole mehr die Nachvertonung von Filmen klaut und kein Berliner Werbetexter mehr bessere Texte produziert. Und das noch billiger als in der Schweiz. Die Polen vertonen ja in Polen und die Deutschen texten in Deutschland. Und die Schweizer? Die schreiben ihre Drehbücher in Berlin, weil es sich dort billiger leben lässt, und irgendwie auch interessanter.

Leider wirkt da jetzt diese Masseneinwanderungs-Initiative eher kontraproduktiv. Als Reaktion auf diese verheerenden 50.3% will die Europäische Filmförderung «Media» den Schweizern kein Geld mehr geben. Was bedeutet, dass die Schweizer Filmemacher noch billigere Kräfte als die Polen oder die Deutschen suchen müssen. Indische Vertonung? Ukrainische Texte? Sind wir doch ehrlich, diese Abstimmung war doch nur ein Alibi für Brüssel, endlich die hochkarätige Schweizer Spielfilmkonkurrenz abzuschütteln. Jawohl. Ein Komplott. Das können wir sogar beweisen: Die Isländer machen auch keine besseren Filme und kriegen trotzdem Preise, oder die Georgier. Die Georgier, das sind ja noch nicht mal Europäer! Während die Schweiz ja eigentlich das Herz Europas ist.

Grüningers Akte

Wir sind gar nicht so abgeschottet wie es jetzt wirkt. Zum Beispiel liess 1939 der Schweizer Hauptmann, Paul Grüninger Juden über die Grenze. Der Film «Akte Grüninger» setzt ihm jetzt auch ein cineastisches Denkmal, um den Deutschen zu zeigen, dass wir nicht nur ihr Geld, sondern auch ihre Flüchtlinge vor dem Krieg retteten. Ein paar zumindest. Die Schweizer Schauspieler spielen in «Akte Grüninger» tapfer gegen die Gefahr einer langweiligen Geschichtsstunde. Da wäre Max Simonischek, Wahlberliner, Österreicher und Schweizer der den frei erfundenen Beamtenbösewicht Robert Frei mimt. Doch der Max ist privat nicht so strikt. Viel lieber umgeht er mal die Kontingentierung von Partygästen und trickst einige Unbefugte (Schweizerinnen) zum Festgelage im Ballsaal des Grandhotel Ritz. Sehr personenfreizügig war es dort.

Am Filmempfang des Schweizer Botschafters unter den Linden hatten wir Schweizer eine kurze Verschnaufpause. Wir waren in der Jugendstilvilla unter uns. Nur die EU genormten Steckdosen und das europäische Security Personal liessen erahnen, wo wir waren. Da konnte ich mich mit gestandenen Dokumentarfilmern über die Lage der Pensionskasse und unsere marginale Altersvorsorge unterhalten. Darüber denken diese filmgeilen Dänen wohl nicht nach: Die Armut im Alter während sie ihren halben Staatsetat mit Filmförderung und subventionierten Fernsehserien verjubeln. Aber auch die haben kein Kontingent auf Filmpreise, nicht mal einen Bären schossen sie, die Dänen. Vielleicht sollten wir mit denen einen Filmwirtschaftsverbund eingehen. Die könnten billig unsere Filme vertonen und wir würden dafür ihre Filme in Schweizer Kinos zeigen. Morgens, während der Woche zum Beispiel.

„Unsere Beziehung zu Blocher ist wesentlicher Bestandteil der Schweizer Geschichte“

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Artikel erschien am 18. Oktober 2013 auf Westnetz.ch

Jean-Stéphane Bron über seinen Blocher-Film

Hat die Schweiz auf einen Film über den selbsternannten Volkstribunen Christoph Blocher gewartet? Eigentlich nicht, ausser aber der Lausanner Filmemacher Jean-Stéphane Bron (44), bekannt durch „Mais im Bundeshus“ und „Cleveland versus Wallstreet“ nimmt’s in die Hand. Bron erklärt Blochers verletzten Narzissmus, seinen Sinn für Ironie und was Stanely Kubrick damit zu tun hat.

Jean-Stéphane Bron, ihr Film „L’expérience Blocher“ hat bereits im Vorfeld für Furore gesorgt und auch heute haben Sie wieder unzählige Interviews gegeben. Welche Frage können Sie nicht mehr hören?

Keine.

Dann frage ich auch noch: Warum ein Film über Christoph Blocher?

Ich verstehe sehr gut, wenn mich die Leute das fragen. Einige meinten sogar, ich hätte kein Recht, über diesen Mann einen Film zu machen. Wo Blocher doch bereits über soviel politisches und mediales Terrain verfüge, so viel Macht und Geld hätte, brauche er jetzt doch nicht auch noch einen Kinofilm. Aber das Filmschaffen sollte sich die Themen nicht vorschreiben lassen.

Viele erwarten eine Enthüllung: “Wer ist Christoph Blocher wirklich?”

Mein Ansatz geht darüber hinaus, wer dieser Mensch ist. Der Film versucht der speziellen Beziehung zwischen Blocher und der Schweiz auf den Grund zu gehen. Ich verberge vor dem Zuschauer nicht, wie ich über Blocher denke. Jeder verbindet eine bestimmte Idee mit ihm. Nicht, dass mein Film diese Vorstellungen bestätigen soll. Meine Frage ist: Warum funktioniert Christoph Blocher für so viele Leute als Personifikation einer Idee. Unsere Beziehung zu ihm ist ein wesentlicher Bestandteil der Geschichte unseres Landes.

Emile de Antonio, ein Altmeister des politischen Dokumentarfilms formulierte einmal drastisch zu seinem Filmüber Richard Nixon: „Wenn man einen Schweinehund lange genug zeigt, dann sieht man irgendwann den Schweinehund.“ Wie stehen Sie zu dieser Aussage?

Ich teile diese Meinung nicht. Mein Ansatz ist kein Cinema Vérité. Durch Aufzeigen kommt man dem Wesen nicht auf den Grund. Mein Film ist nicht einfach nur ein Porträt, sondern eine Parabel der Macht. Ich versuchte zu verstehen, was diesen Mann antreibt.

Jean-Stéphane Bron und Christoph Blocher

Sie wählen eine für Sie untypische dramaturgische Form: Der von ihnen selbst gesprochene Off-Text erzählt die Gespräche zwischen ihnen und Herrn Blocher. Bei ihrer ersten Begegnung sagte er ihnen: „Ich kenne mich nicht, ich weiss nicht wer ich bin, ich beobachte mich nie“. Glauben Sie ihm das oder ist das Kalkül?

Nein. Jemand, der das von sich selbst sagt, ist nicht so einfach gestrickt wie er sich gibt. Was wir von Bocher kennen ist sein Auftreten in der Öffentlichkeit, seine Heftigkeit und harte Polemik, auch seinen Sinn für Humor. Was wir aber nicht kennen ist seine Schattenseite, sein Innenleben. Ich suggeriere ein düsteres und quälendes Inneres. Lassen Sie mich Albert Camus zitieren, dazu hatte ich bisher noch keine Gelegenheit (schmunzelt). Camus sagte: Auch wenn ich einen Menschen während vierundzwanzig Stunden täglich filme, werde ich noch lange nicht die Wahrheit über diesen Menschen erzählen. Meine Erzählung hat keinen Anspruch darauf, die Wahrheit zu erzählen, indem ich einzelne Begebenheiten und Tatsachen aneinander reihe. Wie Blochers Politik zur Massenbewegung wurde, sein wirtschaftlicher Aufstieg, das ist allgemein bekannt. Ich setze diese Elemente seines Werdegange und seiner Biographie in einen grösseren Zusammenhang und suggeriere eine Interpretation dieses Menschen. Ich betreibe keine Investigation mit dem Ziel der Enthüllung. Ich habe versucht zu verstehen, was ihn tiefgründig bewegt.

Am Anfang des Films steht ein Reim aus Gottfried Kellers Gedicht “Tellenschüsse”: “Die Perle der Fabel ist ihr Sinn.” Sie etablieren ihren Film also in Anlehnung an die Sage von Wilhelm Tell als Fabel. Und somit auch Blochers politische Rhetorik?

Natürlich ist seine Erzählung der Schweiz eine Fabel, aber sie vermittelt Sicherheit. Wir leben in einer von Krisen geschüttelten Zeit, in der es schwer fällt als Gesellschaft ein gemeinsames Ziel zu formulieren. Ich denke dabei nicht nur an die Schweiz, sondern an ganz Europa. Blocher kommt dabei zu Gute, dass er ungehemmt Phantasien verbreitet. Er lebt das Sprichwort: “When the Legend Becomes Fact, Print the Legend”, was soviel heisst wie, man soll nicht immer alles Gesagte für bare Münze nehmen, solange es seinen Sinn erfüllt. Blocher lebt diese Haltung. Es braucht die Mythen, um eine Gesellschaft zu bilden. Nur, dass uns heute die guten Mythen abhanden gekommen sind. Also ruhen wir uns auf einer Mythologie aus, die uns zwar Sicherheit gibt, die aber nicht mehr zeitgemäss ist. Blocher ist aber für viele Schweizerinnen und Schweizer eine Leaderfigur, die Sicherheit vermittelt und sie in ihrem Weltverständnis bestätigt.

Ist Christoph Blocher glaubwürdig als Volkstribun, oder nicht vielmehr ein Landvogt, der im Gewand des Volksbefreiers Wilhelm Tell auftritt – ein Wolf im Schafspelz sozusagen. Schliesslich ist er ein sehr mächtiger Mann.

(Lacht) Nun, Blocher sagt in der Szene vor der Albisgüetli-Tagung ja von sich selbst, dass er wie Wilhelm Tell sei. Er sagt das zwar mit einem ironischen Unterton. Aber ich bin überzeugt, da steckt mehr als ein Witz dahinter.

In einer anderen Szene zeigen Sie wie Blocher an einem Anlass seine Variation von Ruedi Rhymanns “Schachers Seppli” singt: “Blochers Stöffeli”. Darin singt er wie er sogar Gott im Himmel den Rang streitig machen will. Steckt hinter dieser vorgetragenen Selbstironie nicht eine Allmachtsphantasie?

Die Szene ist trotz aller Ironie befremdlich, ebenso wie das zum Teil sehr junge Publikum reagiert. Blocher ist hier schon fast in einer Shakespeareschen Dimension.

Setfoto: Bron mit Kameramann Patrick Lindenmaier und Blocher

Viele Kritiker unterstellen dem Film, er zeige ein sehr sympathisches Bild von Blocher. Ich bin allerdings mit dieser Lesart nicht einverstanden. Dem Film unterliegt ein sehr unheimlicher Subtext. Ich sehe zum Beispiel ein direktes Zitat an die Eröffnungsszene von Stanley Kubricks “The Shining”. Da mäandert das Auto mit Blocher gefilmt aus der Vogelperspektive durch die Landschaft. Oder das Bild des verschlossenen Gartentors erinnert an Citizan Kane. Auch meine ich die Galerie Szene aus Hitchcocks Vertigo zu lesen.

Nein, die Galerie ist ein Zitat aus “Il Divo” von Paolo Sorrentino. Aber Sie haben Recht. Nicht nur auf der visuellen Eben habe ich mit Zitaten gearbeitet. Auch in der Filmmusik von Christian Garcia. Das Hauptthema für diesen Film haben wir dem Soundtrack von Paul Thomas Andersons “There will be blood” abgekupfert. (lacht)

Das ist ein Film über einen Texanischen Öl Tycoonen namens Daniel Plainview, mit Daniel Day-Lewis. “Il Divo” handelt vom ehemaligen Staatspräsidenten Italiens, Juiliano Andreotti. Alles Machtmenschen. Warum aber “The Shining”?

Die Eingeschlossenheit ist doch ein zentrales Thema der Erzählung. Blocher zog sich als Kind zurück, in die Ecke eines eingezäunten Friedhofs. Ausgerechnet! Und zum Schluss sitzt er in seinem Keller mit all den Anker-Gemälden, eine tote Welt, die schon zu Ankers Zeiten so nicht mehr existierte.

Viele, die Blocher besser kennen, behaupten, sein eigentlicher Motor sei verletzter Narzissmus. Er wurde vom Establishment als zu grobschlächtig und zu wenig weltoffen aussortiert. So haben ihn beispielsweise die Zürcher Zünfte nie aufgenommen, oder die Schweizerische Bankgesellschaft – die heutige UBS – warf ihn aus dem Verwaltungsrat, nachdem er die EWR Abstimmung gewonnen hatte. Woran glauben Sie mehr; an politisches Kalkül oder verletzten Narzissmus?

Ich erzähle die Geschichte des verletzten Narzissmus’. Aber das ist nicht seine Geschichte, sondern meine Auslegung. Ein einfaches Beispiel: Wenn Blocher mir erzählt, sein Vater hätte ihm gesagt, er wäre nicht sein Kind, sondern der Sohn der Nachbarn, erzählt er das im Ton eines Witzes. Ich jedoch glaube nicht, dass es sich um eine unschuldige Anekdote handelt, wenn ein Vater seinem fünf- oder sechsjährigen Sohn sagt: Du bist nicht mein Kind. Ich nehme solche beiläufig erzählte Anekdoten sehr ernst und entledige sie der Ironie. Christoph Blocher selbst berichtete immer sehr humorvoll aus seiner Kindheit. Meine Recherchen ergaben aber alles andere als ein Bild einer unbeschwerten Kindheit. Und ich habe viel recherchiert. Nicht über den Politiker Christoph Blocher, das ist nicht meine Aufgabe, sondern über seine Herkunft. Ich habe ehemalige Nachbarn getroffen, mit denen er zur Schule ging. Leute, die Predigten seines Vaters anhörten. Und da wurde mir klar, dass die Leute in diesem kleinen Dorf Laufen am Rheinfall, den Vater von Blocher überhaupt nicht mochten. Und dass die Familie nicht wirklich akzeptiert war in diesem Dorf.

Blocher selbst glaubt aber nicht an ihre Analyse seiner Person?

Blocher ist ein Essentialist. Er glaubt, dass uns unsere Identität praktisch in die Wiege gelegt wird. Er glaubt nicht, dass die existenziellen Umstände uns prägen und konstruieren. Diese Beobachtung lieferte mir auch den dramaturgischen Rahmen, der immer wieder auf die Geschichte seiner Kindheit in Laufen am Rheinfall zurückführt. Auf die Landschaft, das Schloss vis-à-vis von seinem Elternhaus, die kleine Aluminiumfabrik im Dorf. Vierzig Jahre später würde er selbst eine Aluminiumfabrik und ein Schloss besitzen.

Das ist wohl kaum ein Zufall…Warum wollte er den Nationalbank Präsidenten Philipp Hildebrand stürzen?

Nun, Philipp Hildebrand ist eine Inkarnation der entwurzelten globalen Wirtschafts-Elite. Die im Privatjet genauso zu Hause ist wie in Davos, in Washington D. C. oder New York. Das ist nicht meine Überzeugung, aber für die Erzählung von Blochers Weltbild ist Hildebrand eindeutig ein Mann ohne Heimat. Und Blocher greift wie alle Populisten diese Classe Politique an. Darin ist er glaubwürdig, weil er sich ja von dieser Welt ausgeschlossen fühlt. Wie er diesem Weltenbürger Hildebrand misstraut, spürt man schon fast physisch. Aber ich glaube nicht, dass er ihn einfach aus persönlicher Rache attackierte, sondern wirklich aus ideologischer Überzeugung.

Warum wohl, denken Sie, liess Christoph Blocher sich überhaupt auf dieses Experiment ein, einem Film über ihn zuzustimmen?

Ich glaube für ihn war es wie ein Pakt. Wenn er mir sagte: „Ok, ich vertraue ihnen, machen Sie was Sie wollen, aber tun Sie es aufrichtig”. Und ich habe den Film gemacht, den ich wollte. Er sieht es wohl wie Porträtmalerei. Ein Film über ihn, das bedeutet soviel wie, er ist ein wichtiger Mann. Und wer könnte das bestreiten?

Christoph Blocher in der „Kommandozentrale“ Auto

Sie haben Blocher während 18 Monaten immer wieder auf seinen Autofahrten begleitet und gefilmt. Das Auto als Aktionsraum haben Sie bereits in ihrem früheren Film “La Bonne Conduite” verwendet. Es gibt Leute wie Martin Weiss, Initiant des ehemaligen Web-Fernsehens “Taxi TV”, die der Überzeugung sind: im Auto kommt das wahre Ich eines Menschen zum Vorschein. Wie denken Sie darüber?

Das ist nicht so falsch und entspricht eigentlich genau der Metapher des Films. Das Auto als mentaler Raum von Christoph Blocher. Und dort hat er mich interessiert. Ich wusste, im Auto würden sich nach einer gewissen Zeit Momente der Entspannung einstellen. Blocher ist zwar ein sehr beherrschter Mensch, aber auch er kann sich nicht über zwei Stunden kontrollieren. Ich erwartete nicht, dass er die Präsenz der Kamera vergessen oder etwas Verrücktes geschehen würde, das nicht. Aber ich rechnete mit kleinen materiellen Veränderungen, wie in seinem Gesichtsausdruck. Blocher ist immer sehr nah bei den Menschen, er setzt sich dem Volk stark aus. Mir ist aufgefallen wie ihn immer alle berühren wollen, als ob sie daraus Kraft tanken wollten, was weiss ich. Diese öffentlich exponierte Person Blocher ist fast schon eine Reliquie. Wenn er jeweils zurück in sein Auto kommt, in den Raum, den ihn beschützt, ist das ein Paradox seiner Person: Ich glaube nämlich, er ist ein ängstlicher Mensch, der sehr schutzbedürftig ist.

Mögen Sie ihn heute besser?

Ah… (denkt nach) Ich kenne ihn heute sicher besser. Aber es geht hier nicht um Sympathie. Blocher als Menschen ernst zu nehmen und ihn mit cineastischen Mitteln abzubilden verhindert, dass wir ihn nur als Phänomen wahrnehmen. In den Medien ist das lange genug geschehen und hat unsere Beziehung zu ihm diktiert. Wie bereits gesagt, der Film hinterfragt unsere Beziehung zu ihm, und somit auch zu den Medien und jenen, die ihm in Zukunft nacheifern.

Haben Sie manchmal das Gefühl, sie wären ein paar Jahre zu früh mit diesem Film? Die Schweiz befindet sich in einem grundlegenden Mentalitätswandel: Politisch wird sie immer stärker polarisiert, das Bankgeheimnis wird nicht mehr lange bestehen. Da wird noch Einiges kommen, wo Blocher noch eine Rolle spielen wird.

Ich glaube, der Moment ist genau richtig. Die Veränderungen sind epochal, sie sind sogar so tiefgreifend, dass wir sie nicht mal mehr sehen. Und genau das antizipiert ja der Film. Das Bankgeheimnis ist ja sowieso schon längst tot. (lacht) Während 10‘000 Jahren war die Schweiz ein Agrarland. Wir haben Sehnsucht nach der heimischen Erde, aber der Bezug fehlt, was uns sehr verunsichert. Die Bauern-Idylle, die er auch in seiner Albert Anker Sammlung sucht, ist Ausdruck von einer Angst vor der Veränderung. Blocher träumte nie davon, Kosmonaut zu werden, oder ein grosser Physiker. Er träumte davon Bauer zu werden.

„Liebe kann grausam sein“

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Artikel erschien am 30.09.2013 auf Westnetz.ch

Peter Liechtis Film Vaters Garten – die Liebe meiner Eltern

Unerschrocken und tragikomisch: so kennen wir Peter Liechti. Für seinen neuen Film setzt er sich in die Höhle des Löwen. Entstanden ist dabei ein eindrückliches Porträt seiner Eltern – einer verschwindenden Generation. Liechti über „Schisshasen“, schwindende Solidarität und warum er keine Genre-Diskussionen mag.

Peter Liechti, Ihr neuster Film “Vaters Garten – die Liebe meiner Eltern” ist die Geschichte verlorener Eltern.

Ja, meine Eltern waren für mich als Sohn verloren. Ich hatte sie eigentlich mein Leben lang immer nur auf mein Bild aus meiner Jugendzeit festgelegt. Auf alte Klischees; die hatte ich von ihnen stärker als umgekehrt. Dadurch wurden sie mir über all die Jahre auch immer fremder und rückten mehr und mehr in die Ferne. Der Film war ein Versuch, meine verlorenen Eltern wieder heranzuholen. Die Auseinandersetzung mit den Eltern hat sehr viel mit sich selbst zu tun, man wird dadurch stark auf sich selbst zurückgeworfen.

Wann ist man bereit für diese Begegnung?

Das kann man nicht generell beantworten. Einige sind bereits sehr jung dazu bereit. Das kommt sehr auf das Verhältnis an, das man zu den Eltern hat. Bei mir hat es sehr lange gedauert und ich hätte dieses Projekt noch gerne um weitere zehn Jahre verschoben.

Warum?

Im Grunde war die Angst davor, mich auf dieses psychische Experiment einzulassen, die mich zuwarten liess. Ich hatte noch immer das Gefühl, ich sei noch nicht reif, um mit einer gewissen Gelassenheit zurück ins Elternhaus zu gehen. Um all die schwierigen Themen nochmals anzusprechen. Ich wollte warten bis noch weniger Emotionen und mehr Verständnis vorhanden sein würde. Meine Eltern sind zwar sowohl physisch wie mental noch super beieinander, aber mein Vater wird bald neunzig. Man kann nicht davon ausgehen, dass das noch ewig so weiter geht in diesem hohen Alter. Es gibt diese Deadline, und so war es wie der letzte Moment für mich, den Film zu machen.

Am Anfang des Films steht die zufällige Begegnung zwischen Ihnen und ihrem Vater. Sie bezeichnen sich als zwei Ertappte, die nicht wissen, wie auf einander zugehen. Ist der Film eine Versöhnungsgeschichte?

Nein. Ein Versöhnungsritual war weder Zweck noch Absicht dieses Films. Mir ging es um Verständigung. Wie weit sind wir heute in der Lage, uns mit gegenseitigem Respekt zu begegnen und uns so nochmals neu kennen zu lernen. Nach all den Jahren, in denen wir uns ausgewichen sind und uns immer wieder auf die gleichen alten Geschichten behaftet haben, konnten wir uns gar nicht mehr richtig zuhören. Egal wie die Beziehung danach sein würde, zumindest wollte ich uns die Chance einer Neubegegnung geben.

 

Max Liechti (Filmstill)
Sie haben eine spezielle Erzählform gewählt. Nebst dokumentarischen Passagen haben Sie gewisse Szenen anhand eines “Kasperlitheaters” nachspielen lassen. Die Puppen sind Hasen.

Die Idee mit den Handpuppen stand von Anfang an. Ich wollte unmittelbare Interview-Szenen mit den Eltern vermeiden. Erstens, um sie nicht vorzuführen. Zweitens, um durch diese Distanzierung eine textliche Verdichtung zu erreichen. Denn meine Eltern sind wie viele ältere Leute sehr ausführlich und redundant im Erzählen. Und durch die sprachliche Verdichtung kann man unglaublich viel mehr erzählen, als wenn sie live erzählen, ohne dabei zu verfälschen. Und drittens fängt die Niedlichkeit der Hasen vieles auf, was im live Interview beinahe unerträglich ist, mit anzuhören. All die harten Geschichten ihres Umgangs miteinander, vorallem der Vater. Wenn man das live miterlebt ist das viel zu hart und durch die Hasenfiguren bekommt es dann fast schon einen Slapstik-Effekt.

Besteht nicht die Gefahr, ihre Eltern als “Schisshasen” blosszustellen?

Ich glaube nicht, dass die Hasen letztlich einen Verulkungseffekt mit sich bringen. Aber es war natürlich eine Gratwanderung. Wo verulke ich meine Eltern und wo dient mir das Theater – und das war die eigentliche Idee dahinter – als Stilmittel der Distanzierung und Ironie.

Ihr Film zeigt, wie Ihre Mutter fürchterliche Schmerzen hat, nachdem sie erneut in der Badewanne gestürzt ist. Haltegriffe zu montieren kommt aber für den Vater nicht in Frage, weil die Plättliwand dann beschädigt würde. Es könnte Probleme mit den Nachmietern geben. Er stellt die Unversehrtheit der Wohnung über das Wohl seiner Frau.

Ja, dass die anderen Leute schlecht über ihn denken, ist die schlimmste Vorstellung. Was die anderen denken ist weit wichtiger, als was die eigene Frau denkt. Dennoch verteidige ich die Beziehung meiner Eltern. Durch alle Grausamkeiten und gegenseitigen Behinderungen, die sie sich antun, ist es eine Liebesbeziehung. Für mich war wichtig, auch mal direkt von 90 jährigen zu hören, was es bedeutet, 64 Jahre zusammen zu sein.

Ihre Eltern sind sehr verschieden. Ihr Vater ist dominant und kontrolliert, während ihre Mutter sehr nachdenklich und religiös ist. Sie haben wenig gemeinsam. Ihre Mutter sagt, ihr Mann und sie stimmten weder körperlich noch mental überein. Was bleibt dann noch von der Liebe?

Das kann ich Ihnen so nicht in einem Wort beantworten, was diese Liebe ausmacht. Das zeigt der Film, und der zeigt, Liebe ist sehr viel komplexer als wir gerne hätten. Wir reduzieren Liebe oft auf diesen durchwegs positiv belegten romantischen Begriff. Dass eine Liebesbeziehung auch unglaublich kompliziert und grausam sein kann, das verdrängen wir.

Filmstill „Vaters Garten–die Liebe meiner Eltern“
Ihr Vater erscheint öfter mal selbstgerecht. Fehlbarkeit ist für ihn ein Tabu. Warum?

Diese rechthaberische Attitüde hat viel mit Unsicherheit zu tun. Im Grunde ist mein Vater ein extrem ängstlicher und unsicherer Mensch. Früher provozierte mich diese Haltung sehr. Aber ich sehe heute auch seine liebenswerten, charmanten Aspekte, die seine Pedanterie haben.

Kleine Alltagsszenen zeigen auch seine Hilflosigkeit.

Das sind menschliche Momente, die wir alle kennen. Alte Menschen sind einfach etwas „dattriger“. Aber meine Eltern sind nicht grundsätzlich hilflos. Sie leben immer noch in ihrer eigenen Wohnung und schlagen sich ziemlich gut durch.

Ihre Eltern leben bescheiden, fernab gesellschaftlicher und individueller Aufbrüche. Das ist typisch kleinbürgerlich. Lehnen sie das durchwegs ab?

Diese Generation verschwindet und mit ihnen viele Werten, denen wir nun wahrhaft nicht nachtrauern.

Hedi Liechti (Filmstill)
Wie die patriarchalen Gesellschaftsordnung, die Wahrung der scheinbaren Ordnung oder diese Frömmigkeit?

Ja, genau. Aber es gibt auch Werte, die wir noch vermissen werden. Sie pflegen eine ganz andere Solidarität und ein breiter angelegtes Verantwortungsgefühl. Sie fühlen sich ein Stück weit verantwortlich für die Nachbarn, gegenüber den Menschen, denen man auf der Strasse begegnet, ist man nicht gleichgültig. Und man hilft, wo man kann, spendet Geld. Und nicht weil man sich als Sozialdemokrat versteht oder in der richtigen Partei ist. Sondern aus einem Impuls der Sparsamkeit und Bescheidenheit heraus. Meine Eltern sind auch weit davon entfernt sich mit den Grünen zu identifizieren. Wobei so wie sie mit Strom und generell mit Ressourcen umgehen, hoch ökologisch ist, nur schon verglichen mit meiner Lebensführung. Sie tun das alles ganz selbstverständlich, weil sie wertschätzen, was sie haben. Das ist gerade in der heutigen Zeit, wo man alles gleich entsorgt und ersetzt, höchst erinnerungswürdig.

Ihre Eltern wussten keine Antwort auf ihre Frage, was für sie ein interessantes Leben bedeutet?

Nein. (schmunzelt) Die Frage ist für sie gar nicht relevant. Natürlich mögen sie einiges lieber als anderes. Aber es geht bei ihnen nicht permanent um diese Frage, die wir uns ja fast schon gierig dauernd stellen: was ist ein spannendes Leben? Es muss immer spannend und interessant sein. Wir brauchen immer wieder diesen Kick.

Wie haben Ihre Eltern den Film aufgenommen?

Sehr gut. Sie beide haben sehr unterschiedlich darauf reagiert. Ich machte eine Sondervorstellung im Bekanntenkreis mit ihnen, nicht im öffentlichen Rahmen. Das war ein sehr guter Anlass und ich danach sehr erleichtert.

“Vaters Garten – die Liebe meiner Eltern” porträtiert eine Generation, die langsam aus dieser Welt verschwindet. Ihr letzter Film “Sounds of Insects” ist ein künstlerlisches Protokoll eines Suizids. Beschäftigt Sie der Tod und unsere Endlichkeit besonders?

Nein, es geht mir im Film nie ums Verschwinden, immer um Leben. Aber wenn man wirklich in ein Thema eindringen will und man sich mit dem Leben schonungslos auseinandersetzen will, was ich in meiner Arbeit möglichst radikal tue, dann stösst man unweigerlich auf den Tod. Wenn ich in die Natur hinaus, in einen Wald gehe, dann ist der gleichzeitig voll von Leben und von Tod. Der Tod ist permanent da, ist die Kehrseite des Lebens. In unserer Gesellschaft wird es einfach stark verdrängt. Ich versuche ihn nicht zu verdrängen, sondern unsere Sterblichkeit immer mitzudenken.

Wem möchten Sie „Vaters Garten“ besonders ans Herz legen?

Allen. Dieser Film spricht thematisch alle an. Wenn wir Menschen etwas gemeinsam haben, dann die Tatsache, dass wir alle irgendwo Eltern haben und unseren Knatsch mit ihnen. Das Elternhaus hinterlässt bei uns allen eine tiefe Prägung. Es ist ein universelles Thema, wo sich jeder sofort einklinken kann. Das bemerkte ich bereits beim Entstehungsprozess. Nach zwei, drei Sätzen über meinen Film, begannen die Leute schon von den eigenen Eltern zu erzählen.

„ICH MAG KEINE UNTERWÜRFIGEN KÜNSTLERPORTRÄTS“
In ihrer Arbeitsweise suchen sie jeweils lange nach einer Erzählform und sie mögen keine Genre-Zuschreibungen. Warum das?

Die Genre-Diskussion ist völlig unproduktiv. Dokumentarfilm und Spielfilm haben beide beschränkte Möglichkeiten und diese hermetischen Kategorien schränken enorm ein. Es entstehen dadurch fundamentalistische Gruppen. Die einen machen nur noch Fiktion, die andern nur noch Dokumentarfilm. Ich bin grundsätzlich an allen cineastischen Möglichkeiten interessiert. Dokumentarische und fiktionale Arbeitsweisen können fliessend in einander übergehen.

Das nennt man jetzt sinnhaft “Dokufiktion”.

Stimmt. Grosse Festivals wie Cannes, Venedig oder auch Locarno zeigen immer mehr sogenannte Dokumentarfilme in ihren Wettbewerben. Das ist eine durchwegs positive Entwicklung. Wenn mich Festivals fragen, ob es sich nun um einen Dokumentar- oder Spielfilm handle, dann ist meine Antwort: Das interessiert mich überhaupt nicht, es ist einfach ein Film. Er soll das Publikum ansprechen. Mich beschäftigt, ob ich die richtige Sprache finde für einen Film.

Wie denken Sie über die schweizerischen Förderstrukturen?

Anfangs hatte ich es schwer aufgrund meiner speziellen Arbeitsweise. Inzwischen bin ich akzeptiert mit meiner Art. Das einzige, was mich wirklich nervt, ist diese automatische Förderung. Nur schon diese Bezeichnung! Diese erfolgsabhängige Förderung ist in letzter Zeit massiv in den Vordergrund gerückt.

Unter der Fördermassnahme Success Cinema und Success Festival bekommen Filmemacher und Produzenten Gutschriften für Erfolgsbilanzen.

Diese Massnahmen sind kontraproduktiv und gegen den Kulturartikel: Das Publikum entscheiden zu lassen, was es im Kino braucht. Das müssen die Künstler sagen, nicht das Publikum. Ich fühle mich als Regisseur nicht verpflichtet, einem subsumierten Publikumsgeschmack zu entsprechen. Das Publikum kann auf Filme mit Wohlwollen oder Ablehnung reagieren, aber durch Ticketverkäufe quasi mitentscheiden, wer weiter Filme macht, finde ich Schwachsinn. Ich stehe relativ alleine da mit dieser Haltung.

lhr Film über den Schweizer Künstler Roman Signer “Signers Koffer” ist legendär. Verstehen Sie sich als Dokumentarist oder als Künstler bei solchen filmischen Begegnungen?

Ganz klar als eine Begegnung zwischen zwei Künstlern. Ich mag keine unterwürfigen Künstler Porträts, wo sich ein Dokumentarist in den Dienst eines Künstlers stellt. Einfach zuschauen und das Geschehen möglichst schön in Szene setzen interessiert mich nicht. Sich auf Augenhöhe zu begegnen und sich von Künstler zu Künstler zu begegnen, ist viel produktiver. Ich hatte auch mit Musikern gearbeitet bei “Hardcore Chamber Music”. Wenn ich diese Begegnung zwischen zwei Künstlerin nicht habe, dann fehlt mir die Auseinandersetzung. Und ohne diese, davon bin ich überzeugt, ist der Film dann viel schwächer als die eigentliche Arbeit des Künstlers. Hingegen wenn ich selber in eine kreative Begegnung gehe, entsteht etwas Drittes, was interessant sein kann.