Weltverbesserer

Ein Slum-Radio kämpft für den Frieden

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Kenia Medien sind wichtige Pfeiler der Demokratie. In Nairobi zeigt sich, was das konkret heisst: Eine kleine Radiostation klärt die Bürger im Slum über Hygiene, friedvolle Wahlen und gute Regierungsführung auf.

Text Valerie Thurner Fotos Anna Mayumi Kerber

Andika Shariff ist ein zurückhaltender Mensch. Als DJ wird er zum Entertainer.
Aktuelles Team von Koch FM

«Ich muss jetzt kurz etwas zu diesem Song erzählen und mich verab-schieden», sagt Andika Shariff, schiebt den Reg-ler runter und spricht ins dicht ans Gesicht gesetzte Mikro-fon. Es ist schwül im fensterlosen Raum. Shariff verliest die Nachrichten und einen letzten SMS-Kommentar der Hörer-schaft. Es ist jetzt kurz vor vier Uhr nachmittags, das war die wöchentliche Sendung zu Taarab, einer besonders in der Küstenregion Ostafrikas beliebten Volksmusik. Einer der Momente, in denen Shariff, im Alltag ein eher ruhiger und zurückhaltender Mann, zu DJ Shariff Andika wird. Zum En-tertainer. «Mir macht es grossen Spass, etwas für die Ge-meinde zu tun», sagt er. Er ist Moderator bei Koch FM, wo er als Journalismus-student vor zehn Jahren seine ersten Er-fahrungen im Medienbereich machte.
Seine Reggae-Show, die jeden Samstagnachmittag über den Äther ging, wurde zur populärsten Sendung von Koch FM. «Reggae ist die Musik des Ghettos. Damit identifiziert sich die Jugend», erklärt sich Andika Shariff seinen prominenten Status bei der Jugend von Korogocho. Korogocho heisst der Slum, die Einheimischen sagen aber einfach Koch (sprich: Kotsch). Davon leitet sich auch der Name des Radios ab.
Der Weg hierher ins Studio führt am Sportfeld der Primar-schule vorbei, dann am einzigen Strassenschild weit und breit, vorbei an bunt bemalten Wellblechfassaden und Bretterverschlägen bis zum Gemeindeplatz von Korogocho. Nach einer Einfahrt stösst man auf zwei aneinandergefügte, rot gestrichene Seefracht-Container, die hinter ein paar ge-parkten Autos ver-borgen sind. Auf dem bereits stark abge-blätterten Lack ist ein Schild angebracht: Eine aufgemalte Faust hält ein Mikrofon, in das ein Schriftzug eingeschrieben ist: «Koch FM, Edutainment on FM 99.9». Was so unschein-bar aussieht und sich bescheiden «Edutainment» nennt – ge meint ist die Verbindung von Bildung und Unterhaltung –, ist eine Legende. Hier schlägt das Herz des ersten Slum-Radios in Kenia. Im hinteren Container ist ein kleines Studio eingerichtet, das durch eine Tür vom restlichen Raum schalldicht abgetrennt ist. Innen ist alles mit roten Wandpol-stern versehen.Korogocho ist multiethnisch, in den neun «Dörfern» des Slums leben etwa 150 000 Menschen. Sie stammen aus ver-schiedenen Volksgruppen. Aufgrund zahl-reicher somalia-stämmiger Einwohner besteht zusätzlich ein Nebeneinander von Katholiken und Muslimen. Die meisten der Slum-Bewohner sind unter 30 und gehören damit zur Hauptzielgruppe von Koch FM. 20 bis 30 Freiwillige arbeiten inzwischen in der dritten Radio-Generation für das Infotainment-Projekt. Die Betriebsleitung besteht aus drei Leuten, die Redaktion und Produktion verantworten. Koch FM ist seit 2006 täglich von 6 Uhr früh bis 22 Uhr auf 99,9 MhZ auf Sendung. In den Anfängen sendete man illegal, also ohne Lizenz der Regierung.

Ein Ort namens «Schrott»

Graffiti Schriftzug von Hope Raisers Initiative

Ein Motorradtaxi, ein sogenanntes Boda, kommt angerauscht. Vom Rücksitz steigt ein Mann mittleren Alters mit einem etwas schräg aufgesetzten Beret und beladen mit einer Laptop-Umhängetasche. Tom Mboya ist der Geschäfts-führer und ein vielbeschäftigter Mensch. Jetzt ist er für die Sitzung mit dem Kernteam hier. «Korogocho klebt wie ein Stigma an dir», sagt Mboya, und ein verlegenes Lächeln huscht über sein furchiges Gesicht. Der Mittvierziger wirkt älter, als er ist.
Korogocho ist ein Wort aus der Bantusprache Kikuyu und bedeute «Schrott» oder «Abfall». Das entspricht dem Bild, das die Medien über Jahre hinweg zeichneten: Was in Slum-Geschichten stets prominent thematisiert wurde, waren die Gewalt, das Drogenelend und die hohen HIV-Raten. Mboya ist selbst im Slum aufgewachsen und seit den frühen An-fängen des Radios dort aktiv. Auf die Geschichte des Senders ist er stolz.
Am Anfang standen zehn junge Aktivisten aus Korogocho, die den Sender in Eigeninitiative und ohne jegliche finan-zielle Mittel begründeten. Koch FM ergriff das Wort gegen die unhaltbaren Zustände in den Slums der Eastlands, wo Gangs die Bewohner terrorisierten. Gewalt insbesondere ge-gen Frauen war sehr verbreitet, dazu Alkohol- und Drogen-missbrauch, und es herrschten desaströse hygienische Zu-stände. Die Radio-Pioniere wollten gegen alltägliche Menschenrechtsverletzungen, Vergewaltigungen, Raub-morde, Zwangsheiraten ankämpfen. Und sie wollten der konstant negativen Berichterstattung und Stigmatisierung der Slum-Bewohner in den Medien etwas entgegenhalten.
Das Radio ist in Kenia nach wie vor das am weitesten ver-breitete Medium. Gemäss Uno-Schätzungen besitzen drei-viertel aller afrikanischen Haushalte einen Empfänger. Nebst unzähligen kommerziellen Radiostationen existieren immer mehr Spartensender in den verschiedenen Volks-sprachen. In Kenia gibt es 43 verschiedene Stämme und 68 gesprochene Sprachen. Die grössten Volksgruppen sind Kikuyu, Kalenjin, Kamba, Luhya und Luo. Als dritte Form nebst kommerziellen und volkssprachlichen Lokal sendern bieten Community-Radios wie Koch FM weit mehr als Unter-haltung. Sie sind eine Art Bürgerforum und dienen als Kommunikationsplattform und Sprachrohr für die sozial und ökonomisch Schwächsten. Am Anfang standen zehn junge Aktivisten aus Korogocho, die den Sender in Eigeninitiative und ohne jegliche finan-zielle Mittel begründeten. Koch FM ergriff das Wort gegen die unhaltbaren Zustände in den Slums der Eastlands, wo Gangs die Bewohner terrorisierten. Gewalt insbesondere ge-gen Frauen war sehr verbreitet, dazu Alkohol- und Drogen-missbrauch, und es herrschten desaströse hygienische Zu-stände. Die Radio-Pioniere wollten gegen alltägliche Menschenrechtsverletzungen, Vergewaltigungen, Raub-morde, Zwangsheiraten ankämpfen. Und sie wollten der konstant negativen Berichterstattung und Stigmatisierung der Slum-Bewohner in den Medien etwas entgegenhalten.
Das Radio ist in Kenia nach wie vor das am weitesten ver-breitete Medium. Gemäss Uno-Schätzungen besitzen drei-viertel aller afrikanischen Haushalte einen Empfänger. Nebst unzähligen kommerziellen Radiostationen existieren immer mehr Spartensender in den verschiedenen Volks-sprachen. In Kenia gibt es 43 verschiedene Stämme und 68 gesprochene Sprachen. Die grössten Volksgruppen sind Kikuyu, Kalenjin, Kamba, Luhya und Luo. Als dritte Form nebst kommerziellen und volkssprachlichen Lokal sendern bieten Community-Radios wie Koch FM weit mehr als Unter-haltung. Sie sind eine Art Bürgerforum und dienen als Kommunikationsplattform und Sprachrohr für die sozial und ökonomisch Schwächsten.

Die Karawane zieht durch Mathare
Mathare Valley

Friedensbotschaften aus dem Sound-Mobil

Ziel von Koch FM ist, nebst der Unterhaltung, der lokalen Be-völkerung Zu-gang zu relevanten Informationen zu ver-schaffen und mit ihr in Dialog zu treten. Mboya selbst führte über viele Jahre eine Sendung über «Good Governance», über gute Regierungsführung. Er lud Amtsträger ins Studio ein, die in aktuelleDebatten mit der Hörerschaft eingebun-den wurden.
Nebst einem lokalen Newsroom bietet Koch FM ein Bürger-forum, die Leute können sich in Call-in-Shows einbringen. Die täglichen Herausforderungen eines Lebens am unteren Ende der Wohlstandskette stehen dabei im Fokus, die The-men reichen von der Kriminalitätsbe-kämpfung bis zur Er-nährungssicherheit.
Dass der kleine Sender auch in politisch heiklen Phase eine wichtige Rolle spielen kann, zeigt der Blick zurück auf den Sommer 2017: Die Strassen sind drei Wochen vor dem ersten Wahlgang vom 8. August mit Propaganda zugepfla-stert, auf riesigen Plakatwänden an den Verkehrskreiseln prangen die Gesichter der Präsidentschaftskandidaten. An einem Samstag im Juli 2017, drei Wochen vor dem Urnen-gang, hat sich Koch FM der Friedenskampagne unter der Schirmherrschaft der örtlichen katholischen Kirche ange-schlossen. Die Organisatoren sind mit dem Aufbau des Sound-Mobils beschäftigt, eine halbe Stunde später dröhnt Reggae-Musik über einen Verstärker aus dem Laderaumdes Lastwagens. DJ Shariff Andika ruft durch ein Mikrofon den Schaulustigen zu: »Amani, Amani, Amani», das Wort für Frieden auf Kisuaheli. Angeschlossen ans Mischpult ist sein Mobil- telefon mit seiner privaten Playlist, er schaut konzen-triert auf den Flyer, während er versucht, auf der wackligen Fahrt das Gleichgewicht zu halten. Studenten einer katholi-schen Universität sowie Mitglieder einer lokalen Menschen-rechtsorganisation bilden eine Gruppe von ein paar Dutzend Menschen. Der Umzug folgt dem Sound-Mobil durch die drei Wahlkreise Mathare, Ruaraka und Embakasi in den East-lands von Nairobi.
Manche Slum-Bewohner verfolgen die Karawane skeptisch. «Die Leute haben Hunger, was nützt ihnen da Frieden!», ruft ein Beobachter. Die Kin-der schauen interessiert die Flug-blätter mit den Geboten für einen friedlichen Wahlgang an: «Wahlen, die sich an der Stammeszugehörigkeit orientieren, enden in Blutvergiessen und Chaos. Vergesst das nicht!»

Teilnehmerinnen am Umzug
Polizistin mahnt zu Frieden

Andika Shariff verkündet unermüdlich Friedensbotschafen. Das Fussvolk der Karawane hat sich längst in die Begleit-busse gesetzt, als der Lastwagen lange sechs Stunden später bei der Polizeistation von Korogocho vorfährt. Der Posten wurde dort errichtet, wo vor zehn Jahren die Gangs aufein-ander losgingen. Shariff kämpft langsam gegen die Müdig-keit, während er weiter hin seine Botschaft unter die Leute bringt. «Es gibt ein berühmtes Sprich-wort in Kisuaheli: Wer nicht bereit ist, seine Niederlage anzuerkennen, ist kein Herausforderer.» Will heissen: Wenn euer Kandidat verlo-ren hat, akzeptiert das Resultat. Während der Monate vor den anstehenden Wahlen gilt es, die Bevölkerung auf den Wahlgang vom August vorzubereiten und auf ein friedliches Nebeneinander zu pochen.

Andika ist langsam müde

Leitmedien, die zur Gewalt aufwiegeln

Politik in Kenia verläuft entlang ethnischer Linien. Die tief-sten Gräben verlaufen zwischen den beiden grössten Volks-gruppen, den Kikuyu und den Luo, was bis tief in die Kolo-nialvergangenheit zurückreicht. Die von den damaligen Kolonialmächten bestimmte Landverteilung ist bis heute ungelöst und spiegelt sich auf der politischen Bühne Kenias wider. So entlud sich vor zehn Jahren die Empörung über einen offensichtlichen Wahlbetrug in Unruhen in den eth-nisch gemischten Slums. Begünstigt durch grassierende Armut, Jugendarbeitslosigkeit und einer von Korruption durchzogenen Verwaltung und Politik brach der seit Jahr-zehnten schwelende Konflikt zwischen den ethnischen Gruppen in einer unerwarteten Heftigkeit auf den Strassen Nairobis und in anderen Landesteilen auf. Es kam zu Zu-sammenstössen zwischen Demonstranten, Banden und der Polizei. Hütten wurden angezündet, Menschen totgeschla-gen mit Stöcken, Steinen oder Macheten. Die Gewaltaus-brüche von 2007 hinterliessen gemäss Schätzungen der Uno weit über 1000 Tote und 650 000 Vertriebene.
Die Medien hätten in dieser Situation vollkommen versagt und ihre Verantwortung nicht wahrgenommen. So das Fazit einer vom BBC World Service Trust in Auftrag gegebenen Studie von 2008. Die Berichterstattung der Leitmedien, wie der Radiosender in lokalen Sprachen, wirkte sich demnach weder im Vorfeld noch während der Wochen danach in po-sitiver Weise auf die Geschehnisse aus. Im Gegenteil, ein Lokalsender musste sich sogar wegen Aufwiegelei zu ethni-scher Gewalt vor dem Internationalen Gerichtshof für Men-schenrechte in Den Haag verantworten. Die Studie erwähnt eine Ausnahme: die wenigen Community-Radios in den Slums von Nairobi. Eines davon ist Koch FM. Die BBC riet in dieser Aufarbeitung dringend, auch in der Entwicklungs-zusammenarbeit vermehrt in die kom-munalen Medien zu investieren, da sie in der Friedensarbeit und politischen Bildung wichtige Arbeit leisteten. Community-Medien wie Koch FM dürfen gemäss den staatlichen Richtlinien nur in den Amtssprachen Ki-suaheli oder Englisch senden und nicht in den ethnischen Sprachen der einzelnen Volksgrup-pen, wie es viele Lokalradios tun. So wurde Koch FM im Dezember 2007, als alle befürchteten, auch das multiethni-sche Korogocho würde brennen, zum Ad-hoc-Krisen-Corps. Sie suchten einerseits das persönliche Gespräch an den Fronten oder riefen über den Sender Koch FM zu einem Ende der Gewalt auf.
Die Radiomitarbeiter konnten wegen verschiedener ethni-scher Zugehörig-keiten und den damit einhergehenden Sprachkenntnissen die Gefahrenzonen eruieren oder von verschiedenen Religionsführern Friedensbotschaften ein-holen, die sie später mehrmals täglich über den Sender schickten.
Der damals knapp 20-jährige Andika Shariff gehörte zu den wenigen, die sich noch an den Schauplätzen der Gewalt bewegen konnten. Er wurde vom Radio-Team regelmässig von seinem Zuhause zum Studio eskortiert, um das Wort im Rahmen seiner populären Reggae-Show an die Jugend zu richten. «Ich war damals ziemlich hoch im Kurs in der Com-munity.» Shariff lacht verlegen. «Man rief mich manchmal sogar nachts um eins an, wenn es irgendwo im Slum ein Problem gab.»

Politiker versuchen, Sendezeit zu kaufen

Dass Community-Radios wie Koch FM fast unverzichtbare Brücken zwischen Organisationen, der Regierung und der Bevölkerung bilden, davon ist auch die Unesco überzeugt, die das kriselnde Radio 2015 in ihr vierjähriges Förderpro-gramm aufgenommen hat. Neben Workshops für die Radio-macher unterstützt sie die Institution bei der Suche nach einer nachhaltigen Finanzierung.
Die einzelnen Programme werden von internationalen wie lokalen NGOs finanziert. Es sind keine grossen Beträge, denn Löhne gibt es bis auf Sondereinsätze an Veranstaltungen kei-ne. Das durchschnittliche Jahres-budget beträgt zwischen 7000 und 11 000 US-Dollar. Davon müssen Betriebskosten wie Lizenz, Strom, Unterhalt sowie spezielle Veranstaltun-gen gedeckt werden.
Doch aktuell ist es nicht gut bestellt um die Finanzen. In den Anfängen konnte die norwegische Kirchenhilfe als Geldge-ber für die einfache Infrastruktur gewonnen werden. 2015 liess Norwegen aber seine Entwicklungsprogramme für Kenia auslaufen, und die Beiträge der Kirchenhilfe für Koch FM bleiben seither aus. Die Radiomacher hangeln sich von Projekteingabe zu Projekteingabe, um an Mittel zu kommen. Die Finanzierung des Radios sei ein ständiger Kampf, sagt Geschäftsführer Tom Mboya. Kurzfristig floss vom United Nations Development Programme UNDP, dem Entwicklungs-programm der Uno, etwas Geld für Bürgeraufklärung.
Über Geld spricht Mboya allerdings nicht gerne. Ein heikles Thema in diesem sehr sensiblen Umfeld von extremer Ar-mut, wie er erklärt. Auch Werbemöglichkeiten für Commu-nity-Medien wie Koch FM sind gesetzlich limitiert. «Ein Com-munity-Radio ist sehr anfällig für Bestechungen durch Politi-ker », sagt Mboya. «Mit hohen Geldbeträgen wollen sie sich Sendezeit erkaufen, um das Gegenlager zu diskreditieren.» Und Geld alleine bringt nicht nur Lösungen, im Gegenteil, es kreiert in einer prekären Umgebung von extremer Armut zusätzliche Probleme. Auch das gehört zur Geschichte von Koch FM. Ein Slum-Radio zu betreiben ist ein Balanceakt, der nicht nur Begeisterung hervorruft, sondern auch Missgunst oder falsche Erwartungen.

Radios im Markt von Kariobangi

Geld, Gerüchte und ein Mord

Vor vier Jahren lancierte Koch FM mit der Unterstützung der Organisation Action Aid Kenya, die Armut und soziale Un-gleichheit bekämpft, ein Musikprojekt, das ein Musikstudio in Korogocho aufbauen wollte. Es sollte lokalen Nachwuchs-musikern eine Möglichkeit für professionelle Aufnahmen bieten. Geldgeber war ein bekannter Festivalleiter in Gross-britannien. Ein Mitglied von KochFM betreute das Projekt, war für den Kauf des Equipments und die Suche nach einem geeigneten Raum zuständig. Der Andrang zur Gelegenheit, im Studio umsonst eigene Stücke einzuspielen, war gross, und über ein Jahr lang lief alles vielversprechend, es gab Wettbewerbe, Workshops und Shows im Rahmen des stadt-bekannten «Good Governance Festivals». Dann kam es zu Unstimmigkeiten innerhalb des Koch-FM-Teams, erinnert sich der Mitarbeiter von Action Aid, der das Projekt ver-antwortete.
Gerüchte kursierten, persönliche Anschuldigungen und Vor-würfe darüber, dass Gelder falsch verteilt würden. Nach zwei Jahren scheiterte das Projekt an diesem internen Kon-flikt, das Studio konnte langfristig nicht etabliert werden.
Der grösste Schlag, den Koch FM bisher verkraften musste, ist der Tod des ehemaligen Sendeleiters Nyagah wa Kamau, genannt Nyash, der im Februar 2012 kurz nach der Rück-kehr von einem NGO-Treffen in seiner eigenen Nachbar-schaft ermordet wurde. Es kam nie zu einer Anklage, poli-zeiliche Untersuchungen verliefen im Sand, nichts Ausserge-wöhnliches in den Eastlands.
Seither ranken sich unbestätigte Gerüchte um Identität und Motiv der Täter. Dieser ungeklärte Mord an einem bewun-derten Lokalmatador hat das Klima vergiftet, und seither ist nichts mehr, wie es mal war, bestätigen viele aus dem nähe-ren Umfeld des Radios. Stationsleiter Mboya sagt dazu: «Wir sind sehr vorsichtig geworden.» Informationen über das Budget gingen seither nicht mehr aus dem engsten Kreis der Radioleitung hinaus.

Tom Mboya, Manager von Koch FM

Die Abhängigkeit von internationalen Organisationen

Ob das langfristig sinnvoll ist, ist allerdings fraglich. So hatte die Sendeleitung die privaten Spenden-gelder verschwiegen, die auf Initia-tive der damaligen Programmleite-rin der Kirchenhilfe für die spezifi-schen Aktivitä-ten im Wahljahr 2017 zusammen-gekommen waren – immerhin 4000 US-Dollar, was er-neut für Unmut im engsten Umfeld der Verantwortlichen sorgte.
Der Medienwissenschaftler George Otieno Ogola unter-suchte Koch FM 2012 in einem Bericht und steht nicht nur der internationalen Entwicklungshilfe kritisch gegenüber. Er sieht grundsätzliche strukturelle Probleme. So teilt sich Koch FM mit anderen Community-Radios die Frequenz. Ogola ist überzeugt, dass diese Einschränkungen nicht zu-letzt eine Form subtiler politischer Kontrolle sind. In den Slums leben weitaus mehr Menschen als in den wohlhaben-den Nachbarschaften. Institutionen wie Koch FM Selbst-organisation zu gewähren, könnte die Regierung daher als Bedrohung der politischen Stabilität sehen, glaubt Ogolo.
Auch die Abhängigkeit von ausländischen Organisationen sieht der Medien-experte kritisch. «Die Krise von Koch FM ist symptomatisch. Eine Institution kollabiert, sobald NGO-Gelder rückläufig sind – ein Trend, der in den Community-Medien generell zu beobachten ist. Auch fehlt es an nachhal-tigen Strukturen, es wird zu sehr auf Einzelpersonen gesetzt. Wenn diese dann den Betrieb verlassen, scheitert das ge-samte Unternehmen», meint Ogola. «Es wäre dennoch gut, wenn das Community- Radio dank der Unter stützung der Unesco fortbestehen könnte, die Alternativen sind nämlich wenig reizvoll: kommerzielle Radiostationen, die nur Musik spielen. Oder eben ethnisch-sprachige Stationen, die sehr einfach für politische Zwecke missbraucht werden.»
Heutzutage hörten nicht mehr so viele das Community- Ra-dio, und die Reggae-Show laufe auch nicht mehr so wie da-mals, sagt Moderator Andika Shariff. Wohl, weil es inzwi-schen sehr viele kleine Lokalsender in den Eastlands gebe, die in den jeweiligen Dialekten einzelner Volksgruppen sen-den. Das Wegbrechen der regelmässigen Spenden sowie des Know-hows von Einzelpersonen hat Lücken hinterlassen, die eine Organisation in dieser Grösse schlecht verkraftet. Die meisten Volontäre geben ihre Sendung auf, sobald sie bezahlte Jobs haben. Ob Koch FM überleben wird? «Solange die Leute an Geldgeber von aussen gewohnt sind, bin ich wenig optimistisch.
Man darf nicht vergessen, dass Koch FM praktisch ohne Bud-get gestartet ist, mit dieser dynamischen Energie. Ich habe gelernt, dass richtige Verände-rung, also bleibender Wandel, hier niemals von aussen kommen kann, sondern von innen kommen muss», sagt Shariff bestimmt.
Er ist Koch FM bis heute treu geblieben. Die besten Jahre sei-en längst vorbei, aber er geht für seine Sendung immer noch jeden Freitag zum Container mit dem abgeblätterten Lack. Es erzählt viel über die derzeitige Stimmung, wenn Shariff seine Motivation intuitiv mittels Vergangenheitsform in Worte fasst: «Ich dachte, als Journalist hätte ich Raum, den Menschen zu berichten, was wirklich los ist im Land. Ich spürte den Drang in mir, die schlafende Menschheit aufzuklären.» Es sind Sätze, in denen genauso viel Über-zeugung wie Desillusionierung steckt.

English Version :

https://medium.com/@valeriethurner/a-slum-radio-fights-for-peace-a93594373b41

Die Kunsterklärer –oder ein Happy Meal für Äthiopien

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2#ReginaPfisterTauchsafari

Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder realen Handlungen sind absolut beabsichtigt.

Meine Praktikantin Regina und ich erreichen als letzte das städtische Haus der Künste am Ufer des Flusses, der die Altstadt in Unter- und Oberdorf teilt. Es ist ein schwüler Mittwochabend, über dem See haben sich in der Ferne bereits schwere Gewitterwolken aufgetürmt. Steif wie Ampeln stehen unsere Kollegen der Sommerbiennale in Reih und Glied vor dem improvisierten Kassenhäuschen. Sie grüssen auffallend kleinlaut, wagen kaum zu atmen, ganz im Gegensatz zur Fahne, die von einer Stehle neben den Ampeln fröhlich im Wind zappelt und stolz Logo und Schriftzug einer renommierten Privatbank präsentiert. In der Regel sind unsere Kollegen redselig, denn das Sprechen ist ihr Beruf. Als Kunstvermittlerinnen sind wir mit der verantwortungsvollen Aufgabe betraut, dem Volk die schwer zugängliche Kunst zu erklären, es bei der Hand zu nehmen und mit ihm auf helle Momente der Erkenntnis hinzuarbeiten, wenn wir zusammen wieder etwas verstanden haben, was fünf Minuten zuvor noch ein unlösbares Rätsel schien. Einige Herren mittleren Alters in dunkelblauen, schlecht sitzenden Anzügen und dazu unpassenden, schwarzen Lederschuhen haben sich vor den grossen Worten an der Wand positioniert. Lesen tut sie keiner, zu sehr sind sie mit den wenigen Frauen in ihrer Mitte beschäftigt, die meist jünger und stilsicherer gekleidet sind. Mitten in der homogenen Smalltalk Runde steht eine bunte und laute Erscheinung: William aus Tennessee, der glücklich geladene Künstler des heutigen Sponsoren-Abends zwitschert fröhlich und zieht die Aufmerksamkeit wie ein Kanarienvogel unter Sperlingen auf sich. Gerade flüstert einer der Herren in Dunkelblau William etwas zu, worauf dieser nervös lacht und ungeschickt seine knallgelbe Fliege richtet, die penibel zu den lila und rosa karierten Socken abgestimmt ist. Dann nippt er hastig an seinem Glas Champagner, tritt dabei von einem Bein aufs andere als tanze er für die handverlesene Klientel und deren Vermögensberater. Es herrscht diese unangenehme beidseitige Befangenheit, die sich jeweils einstellt, sobald die Kunst dem Geld gefallen will.

Der Kanarienvogel unter Spatzen

Ich bin als Senior Mediator damit beauftragt, die Nachwuchsvermittlerin Regina Pfister, eine etwas resolute, aber sehr engagierte Historikerin Anfang Dreissig ins Metier einzuarbeiten. Wir sind die Kunsterklärer der Sommerbiennale «Europa als soziale Skulptur», die dieses Jahr unsere Provinzstadt bespielt. Unsere Mission ist der Erkenntnisgewinn von Kunstbeflissenen, wir bescheren unseren Zuhörerinnen und Zuhörern seltene Augenblicke der Glückseligkeit, und verwandeln sie von Unwissenden zu Eingeweihten. Die Zeichen des Wandels zu erkennen, sei das Ziel der Sommerbiennale, sagt der Begleittext in grossen Lettern neben dem Eingang. Die gezeigten sozialen Skulpturen wollen auf gesellschaftliche Verschiebungen und Grabenbrüche sensibilisieren, die Migration, Klimawandel oder technologischer Fortschritt verursachen. Die Kunst soll die brisanten Themen unserer Zeit nachvollziehbar machen, indem Betroffene in die Produktion der Kunst mit einbezogen werden. Das jedenfalls ist das Konzept der Schau «Europa als soziale Skulptur».

William aus Tennessee hält sich dicht an Gallery Girl, dem sendebewussten Scharnier zwischen Kunst und Finanz. Gallery Girl ist erst Anfang Zwanzig, trägt aber den Schmuck reifer Damen, heute hat sie sich für zwei Goldketten entschieden, die viel zu schwer sind für ihren zarten Hals. Sie geht von einem dunkelblauen Herrn zum nächsten und stellt ihnen William aus Tennessee vor. Aus dem Augenwinkel sehe ich wie meine geschätzte Praktikantin ihre Nase etwas anhebt und Gallery Girl einen feindseligen Blick zuwirft. Diese trabt auf ihrem imaginären hohen Ross zu uns herüber und Reginas Kiefermuskeln beginnen rhythmisch zu zucken, während sie die Zähne zusammen presst. Gallery Girl stellt sich neben die Corporate-Flagge in Hochformat neben das weiss gedeckte Stehtischchen und bittet in leicht devotem Tonfall, mit ihrem Klunker wedelnd, um Aufmerksamkeit. Sie prüft ihre Worte anhand eines Spickzettels. Das Abendprogramm beinhaltet eine geschlossene Abendgesellschaft auf dem Europa-Floss, sowie der Ausstellungsrundgang mit uns Kunstboten. Gallery Girl bittet die Dunkelblauen ihren Champagner auszutrinken und sich in die Gruppen grün, gelb und rot aufzuteilen. «Ihr bekommt die Gruppe Gelb», weist sie Regina und mich an. Ich nicke. Gallery Girl rauscht ab, und Regina schaut grimmig.

 Kaffee für den sozialen Frieden

Wir nehmen die Treppe in den ersten Stock, ein eigentümlicher Duft von Weihrauch liegt in der Luft. Der Museumskiosk gegenüber dem Treppenabsatz trägt ein exotisches Kleid. Dahinter steht ein feingliedriger Mann, der henkellose Porzellantässchen sauber reibt und sie dann eins ums andere auf ein geflochtenes buntes Rundtischchen stellt. Die dunkelblauen Herren der Gruppe Gelb stellen sich in einem Halbkreis davor auf und William stellt der in auffallend gutem Deutsch Tsegaye vor, den Inhaber des Restaurants Abyssinia. Tsegaye kam vor acht Jahren als Asylsuchender in die Schweiz und führt inzwischen das erste und einzige äthiopische Restaurant der Stadt. Über dem runden Korbtischchen, das man in seiner Heimat Mesob nennt, leuchtet in roten kühlen Röhrenlettern der Schriftzug Diplomange. Tsegaye ist gerade damit beschäftigt rohe Kaffeebohnen in ein Salatsieb zu schütten, das er dann unter den laufenden Wasserhahn hinter dem Tresen hält. Während Tsegaye mit der freien Hand in den Bohnen wuselt, erklärt William unserer Gruppe Gelb, wie glücklich er sei, dass jener Teil seiner sozialen Skulptur Diplomange sei. Auf einer Reise durch Äthiopien sei ihm die Idee gekommen, Kulinarik und Völkerverständigung zusammen zudenken, strahlt er. «Wisst Ihr, Ethiopia ist die Heimat von die Coffee. Die zelebrieren das Getränk mit viel Zeit, und stürzen nicht einfach eine Tasse Espresso wie im Europe.» Tsegaye tritt jetzt von der Spüle hervor, und William übergibt ihm das Wort. Offensichtlich vorbereitet, erklärt er mit gedämpfter Stimme, was es mit dem Kaffee im Haus der Künste auf sich hat, während er die Rohbohnen mit einem Lappen trocken reibt und in eine Holzschale schüttet. «Die Kaffeezeremonie ist eigentlich Frauensache, lacht er verlegen, «aber William hat darauf bestanden, dass er den Museumsbesuchern echten äthiopischen Kaffee anbietet, als Teil der sozialen Skulptur. Bei uns in Äthiopien ist Kaffee zentraler für das soziale Leben. Wir trinken dreimal täglich Kaffee und das geht immer mindestens eine halbe Stunde, weil wir ihn jeweils frisch rösten. Wir besprechen beim Kaffee alles, was uns gerade beschäftigt, manchmal werden auch zerstrittene Parteien zum Kaffee gebeten, und dann wird zusammen eine Lösung gesucht. Der Kaffee ist ein gelebtes Symbol für Willkommenskultur und gegenseitigen Respekt. Und darum geht es, wie ich glaube auch dem William in seiner Arbeit. »

Ein Süsswasser-Saibling für den Kaiser

Die Ernsthaftigkeit, mit der sich der Mann mit dem Kunstvorhaben solidarisiert, rührt mich. William ist stolz auf sein Wortspiel mit den Begriffen Diplomatie und Manger, dem französischen Verb für essen. Diplomange sei durchdrungen vom Geist der 68er, die damals einen Kunstbegriff der gelebten Gemeinschaft proklamierten. William gewinnt nun an Selbstvertrauen. Das wohl bekannteste Beispiel sind die 7000 Eichen der Kunstikone Joseph Beuys, die er damals in einer Gemeinschaftsaktion mit den Bewohnern von Kassel pflanzte, um die Stadt aufzuwerten. Gemeinsam Kunst machen für eine bessere Welt. Und William erklärt den Akt der Kaffeezeremonie zur Konzeptkunst, während Tsegaye hinter einem Vorhang neben der Spüle verschwindet und wenig später mit einer rot lackierten Popcorn-Maschine erscheint. Er schleppt sie umständlich zum Tresen und stellt sie drauf. Fragende Gesichter schauen ihm dabei zu, wie er den Kaffee in einen Blechtopf schüttet, den er dann in die dafür vorgesehene Halterung im gläsernen Kasten klemmt. William winkt die Gruppe zu einer Vitrine gegenüber dem Tresen, die historische Dokumente aus dem Schweizer Bundesarchiv enthält, die William aus Tennessee für seine soziale Skulptur leihen durfte: Ein Original Tischmenü eines Staatsessens mit Haile Selassie, dem letzten Kaiser Äthiopiens, das im November 1954 im Schloss Jegersdorf bei Bern stattfand. Wie das Dokument belege, sei dem Kaiser nur das Beste vom Besten serviert, was die französische Küche zu bieten gehabt hätte. «Also, dem Kaiser wurde zum Or d’Oeuvre eine Fois Gras mit Trüffeln auf einem Brioche serviert, gefolgt von Saibling in Butter gebraten und Olivettes de Parmentier. » William gestikuliert und betont wie sensibel der Süsswasser-Saibling auf Wasserqualität reagiere. Dieses müsse äusserst sauber, kalt und sauerstoffrein sein, damit der Fisch überlebe. Aber die Schweiz habe keine Kosten gescheut, schliesslich stand sie in Haile Selassies Schuld. Und das Sechsgang Menü im Schloss, wo der Kaiser für zwei Nächte residierte, war nur ein Teil der Wiedergutmachung. «Was für eine Wiedergutmachung? » eine ältere Dame in diskretem Chanel Zweiteiler meldet sich zu Wort. «Ich kann mich erinnern an diesen Besuch, inwiefern die Schweiz aber in des Kaisers Schuld gestanden haben soll, ist mir allerdings schleierhaft.» William wächst sofort einen Zentimeter, als er in die Tiefen der Schweizer Asylgeschichte vordringt und der erstaunten Runde darlegt, wie der letzte Kaiser Äthiopiens im Jahr 1936 fliehen musste, nachdem die Truppen der Italienischen Faschisten unter Benito Mussolini sein Reich annektiert hatten und Selassie fortab für fünf Jahre im Exil in England verbrachte. Gruppe Gelb schaut jetzt neugierig und zaubert William aus Tennessee ein triumphierendes Strahlen ins Gesicht. «You know, eigentlich wollte Haile Selassie in die Schweiz fliehen, aber die wollten ihm kein Asyl gewähren. » «Naja, die Schweiz wandelte eben auf schmalem Grat, was das diplomatische Geschick betrifft», gibt sich ein Dunkelblauer sachkundig. «Schliesslich musste man gegenüber den faschistischen Regimen im Europa vor und während des Zweiten Weltkriegs politisch neutral bleiben und auf keinen Fall den Mussolini verärgern. » «Da muss der Afrikaner draussen warten», schnödet plötzlich Regina, die Runde überhört meine Praktikantin, sie folgen dem Zeigefinger Williams, in Richtung besagter Vitrine mit den Dokumenten.

Die hohe Kunst der Diplomatie

Gruppe Gelb folgt dem Künstler und gafft auf einen vergilbten Brief neben dem Menü mit dem delikaten Fisch, der in englischer Sprache, auf einer Schreibmaschine verfasst wurde. Im Briefkopf die äthiopische Trikolore in Gelb Grün und Rot und unter den überschwänglich dankenden Sätzen handgezeichnet von Herrscher Haile Selassie. «Das ist die Brief des Kaisers an das Bundesrat, als Dankeschön», fährt William fort, wie der eigentliche Anlass für den Staatsbesuch die UNO in Genf gewesen sei, vor deren Vollversammlung Selassie die Föderation von Äthiopien absegnen liesse, die endlich die abtrünnigen Provinz Eritrea einbinden sollte. Was aber in einem Desaster und Jahrzehntelangen Bürgerkrieg mündete. Dunkelblau nickt, Regina verdreht die Augen. Vom Tresen her knackt und knistert es aus der Popcorn-Maschine, und ein intensives Kaffeearoma breitet sich im Raum aus. Gruppe Gelb schaut neugierig zu Tsegaye rüber, dieser schaut konzentriert auf die rumpelnde Maschine.

«Wenn ich an diesen Umzug zurückdenke» sagt nun Chanel unvermittelt. Im Hintergrund knattert fröhlich die Popcorn-Maschine, als würde sie demnächst bersten. «Das war ein riesiger Karneval, das kann man schon Kunst nennen», erwidert einer der älteren Dunkelblauen belustigt. «Ich erinnere mich also sogar, da war ich etwa zwölf», fährt Chanel fort, «wir Kinder bekamen schulfrei, um dem Negus aus Abessinien Spalier zu stehen. Der Negus kommt, riefen die Kinder und wedelten mit ihren Fähnchen mit der äthiopischen Trikolore». Chanel schaut über ihre linke Schulter zum William, «als dieser Exote mit 3000 Kilo Gepäck und Gefolgschaft im Sonderzug aus Dänemark in Basel einfuhr, war die ganze Nation in Aufruhr, schliesslich kam selten hoher Besuch aus dem Schwarzen Kontinent. «Die meisten hierzulande kannten den Kontinenten ja auch nur aus den Erzählungen der Schweizer Missionare, oder von Globis Abenteuern bei den Menschen fressenden Afrikanern». Regina findet es offensichtlich weniger lustig. «Und da wir Schweizer niemals eine Hochkultur waren und weder Könige noch Kaiser führten, kam so eine exotische Durchlaucht mehr als gelegen. Etwas Farbe unter die grauen Mäuse, nicht wahr!» Regina wirft William einen auffordernden Blick zu, doch dieser überhört ihre Bemerkung. «Dieser Rastafari kam doch nicht wegen der UNO oder eines Erntedank-Essens in die liebe Schweiz, der kam doch in erster Linie, um einen alten Freund zu besuchen, den Waffenfabrikanten Emil Bührle», schiesst Regina unverdrossen in die flaue Runde. Das Wespennest, das bisher vor sich hin gedöst hat, ist jetzt definitiv aufgescheucht. Chanel schaut etwas ratlos aus ihrem Kostüm und Dunkelblau will wissen, wo da der Zusammenhang liege. «Ja wo wohl…Der wichtigste Europäische Freund des Kaisers Haile Selassie war Kanonen-Emil aus Oerlikon», Regina holt tief Luft. «Gleichzeitig war er leidenschaftlicher Kunstsammler und investierte in eine der grössten Sammlungen unseres Landes durch teils unlautere Geschäfte. «Mit dem Blutgeld der Waffenverkäufe kaufte er gestohlene Kunst». Regina ist sichtlich entzückt über den dramatischen Stimmungsumschwung im Haus der Künste. «Die Geschichte des Unternehmens Oerlikon Bührle ist allbekannt, Emil Bührle wurde dank Waffengeschäften mit den Nazis zum reichsten Bürger in der Schweiz». Regina schaut Dunkelblau direkt in die Augen. «Er bereicherte sich am Leid der verfolgten Juden während des Zweiten Weltkrieges, indem er zwangsversteigerten Kunstwerke zum Spottpreis ergattert hat? » «Ich weiss genau, woher Sie diese Vorwürfe haben, junge Dame», über Dunkelblauens Stirne bahnt sich eine hervorstehende Ader. «Da gibt es diese Gruppe von linken Historikern, die nichts anderes zu tun haben, als die Schweiz durch den Tamtam zu ziehen, unter anderem der ehemalige Direktor der städtischen Gemäldegalerie, der nachdem er seinen gut bezahlten Posten niedergelegt hatte, nun zum Ankläger seiner ehemaligen Lohnzahler mutiert ist. »

Freiheit! Schweizer Waffen sei dank!

Wo der Zusammenhang mit diesem Sapelassi und der sozialen Skulptur liege, fragt plötzlich Gallery Girl, die sich uns unbemerkt angeschlossen hat. «Selassie», korrigiert sie Dunkelblau und Regina schaut wieder verächtlich zu Gallery Girl. «Der Herr Sapelassi kam zum Ausverkauf», flachst Regina, «er brauchte neue Kanonen von Bührle, der den Kaiser persönlich in der Werkstatt empfing. Eine spätere Generation jener Kanonen, die er einst kaufte, als Mussollini am Afrikanischen Horn auf Kolonialfeldzug war. Da wehrte sich das Kaiserreich mit Bührles Waffen gegen die italienische Annexion. Viele Äthiopier behaupten noch heute, ohne Schweizer Waffen hätten sie der Kolonialisierung nicht entgehen können. » «Wir verdanken unserer Rüstungsindustrie viel», kommentiert Dunkelblau, mit Betonung auf viel. Ein lauter Knall erhallt im Raum, die Köpfe wenden sich wie eine aufgescheuchte Herde Gnus in Richtung äthiopischen Tresen. Da dampft die Popcorn-Maschine aus dem Hintern, Tsegaye zieht den Stecker, um Schlimmeres zu verhindern. Er entschuldigt sich, sie sei wohl überhitzt, versichert aber, die Kaffeebohnen hätten den Röstprozess schadlos überstanden. William verspricht der leicht verstörten Klientel ein Tässchen feinsten Arabica und nestelt verlegen an seiner Fliege. Regina nutzt dreist die Steilvorlage, «Die 20 Millimeter Flugabwehr Flak-Kanone war in der Tat der Exportschlager aller Zeiten», feuert sie los. «Äthiopien war ein vergleichsweise sehr bescheidener Kunde vom Kanonen-Bührle, der allen Waffen verkauft hatte, die bestellten. Die groteske Konsequenz war, dass sich seine eigenen Kanonen jeweils gegenseitig beschossen. Aber das Waffengeschäft kennt ja keine Loyalität. » Regina schaut eisig zu Dunkelblau. «Der Haile Selassie soll im Sommer 1935 eigenhändig mit der Flakkanone ein italienisches Flugzeug vom Himmel geschossen haben. Ein riesen Gemauschle war das, weil die Schweiz inzwischen die italienischen Souveränitätsrechte in Äthiopien anerkannt hatte, während Bührle Selassie weiterhin mit Kanonen belieferte und seine Offiziersanwärter in der Schweiz ausbildete. Haile Selassie ernannte schliesslich den Kanonenschmid übrigens als Geste zum Generalkonsul von Äthiopien. » Im Raum ist es ganz still bis auf das rhythmische Schlagen des Mörsers, mittels dessen Tsegaye die Kaffeebohnen zu Pulver verarbeitet. Mir ist nicht klar, ob die Gruppe dem Geschichtsexkurs zu den Schweizer diplomatischen Gratwanderungen folgen konnte, oder ob sie einfach sonst erschöpft ist. Vielleicht von der Kunst.

Gruppe Gelb erreicht den Ausstellungssaal gleich hinter dem äthiopisch hergerichteten Empfangsbereich. Ich werfe hastig einen Blick auf mein Handy, wir haben nur noch fünfzehn Minuten bis der Geldadel zum Partyfloss muss. Das wird kaum für eine vertiefte Erkundung von weiteren sozialen Plastiken reichen und der Kaffee ist auch noch nicht bereit. Ich bin auch nicht sicher, wie ausgeprägt das Interesse meiner Klientel daran ist. Dunkelblau starrt etwas abwesend an den Bildschirm gegenüber des Imbisses, wo gerade indigene Tierschützer an Nicaraguas Pazifikküste zusammen mit Strassenkindern Baby- Meeresschildkröten waschen, des Tieres- wie Kindeswohl wegen. Wir könnten ja auch über die engagierten Schweizer Männer der 80er Bewegung sprechen, die in Nicaragua bei den Sandinisten etwas Revolution spielten, schiesst es mir durch den überhitzten Kopf, vielleicht war da ja einer dieser Banker auch dabei, etwas Krieg spielen wenn man noch jung ist, das macht sich gut im CV eines erfolgreichen Geschäftsmannes, sich gegen die Mächtigen auflehnen, mit denen man später dann Allianzen schliesst.

Ein Happy Meal für Äthiopien

«Habt Ihr noch lange? » fragt Gallery Girl, sie zeigt ostentativ auf ihre Golduhr und wedelt mit einem Stapel Papier. Ich versichere ihr, dass Gruppe Gelb soeben das Schlusswort gesprochen habe, worauf wir uns an die äthiopische Theke beim Empfang begeben. In der Popcorn-Maschine knallt es erneut, Gruppe Gelb zuckt zusammen, doch dann stellt sie erleichtert fest, dass im Gehäuse fröhlich Puffmais gegen das Glas spickt. Tsegaye giesst elegant nahtlos Kaffee aus einem Tonkanne, in die bereit stehenden Tässchen und bittet Gruppe Gelb sich zu bedienen.William reicht eine Schüssel Popcorn rum, das mittlerweile auch bereit ist. «Das ist ja wie im Cinemax», bemerkt Chanel sichtlich amüsiert. Tsegaye erklärt der Runde, dass Popcorn fester Bestandteil der äthiopischen Kaffeezeremonie sei. «Die Amerikaner haben Popcorn nicht erfunden, sondern nur kommerzialisiert», weiss Regina. «Popcorn war einst Hochkultur, schon die Inkas und die Azteken oder eben die alten Amharas assen es, bevor es in Kartonboxen in den Kinosälen des Westens landete». «Mein Freund Tsegaye kocht hier täglich eine spezielle Kaiserplatte, die von der Schweizer Dinner mit Haile Selassie inspiriert wurde», springt William enthusiastisch zur eigentlichen Ponite, «Ich wollte daraus eine Streetfood Variante machen, eine Art Happy Meal» Tsegaye lächelt etwas verlege. Er füllt rasch den bereits randvollen Korb mit Visitenkarten seines Lokals auf. Draussen donnert es inzwischen in immer kürzer werdenden Intervallen. «Was soll denn das werden, eine kulinarische Völkerverständigung mit Street Credibility»? keift Regina im Flüsterton. «Darf ich noch ein letztes Mal um Ihre Aufmerksamkeit bitten? » Gallery Girl wedelt mit dem Papierstapel. Ich erkenne Einzahlungsscheine und Farbfotos von einem Tierkadaver auf rötlichem Sandboden. «Im Namen unseres Responsability Partners möchten wir Sie noch über einen Spendenaufruf für Äthiopien aufmerksam machen». Ich wage einen zögerlichen Blick zu Regina, die mit hängendem Kiefer ungläubig auf Gallery Girls Hände mit den Talons starrt. «Der ist ja des Wahnsinns», murmelt sie. Dann zieht sie die Augenbrauen hoch und blickt zu William, dieser jedoch starrt auf den bunten Mesob während er sein Tässchen in einem Zuge leert und tapsig auf den Tresen hinstellt. Chanel hustet trocken aus der hinteren Reihe und Tsegaye wedelt etwas mit einem Stroh-Frisbee, wohl um den Weihrauch zu verteilen und Gallery Girl fährt fort von ihrem Zettel abzulesen. «Wir möchten den Raum der sozialen Skulptur um den Vektor der Solidarität erweitern. Äthiopien ist nicht nur für seine Kaffeehochkultur berühmt», sie lächelt Tsegaye bedeutungsvoll an, dann senkt sie ihre Stimme um eine Terz, «sondern leider auch für die grossen Hungerkatastrophen. Mit Ihrem kleinen Beitrag können Sie viel bewirken. Danke. » Sie legt die Spendenbogen auf den Mesob neben die Porzellantässchen. Ich wünsche, der Boden möge sich unter mir öffnen und mich schleunigst in den Untergrund saugen. Erst das Geräusch von berstender Keramik löst die Lähmung. Ich drehe mich zum Mesob, wo gerade Tsegaye den oberen Teil der Kaffeekanne in die Luft hält, die Kanne hat einen Sturz auf den Boden nicht heil überstanden. Als ich einen Blick hinter den Tresen werfe, zeigt sich mir ein Bild der Verwüstung. Überall liegen Tässchen, die im Kaffeesee schwimmen, dazwischen Inselchen aus Scherben und getränktes Papier mit dem Spendenaufruf und braun vollgesogene Popkörner. Tsegaye hastet zur Spüle, William hebt den Blätterstapel aus dem Saft und guckt verlegen zu Gallery Girl. «Tut mir leid», Tsegaye kommt mit dem Lappen zurück. «Ist mir ausgerutscht, war heiss. Wirklich, ich bedaure». «No worries, this was not part of the art. » William redet sehr laut, während Tsegaye den getränkten Lappen schwungvoll in den Trog wirft.

«Happy Meal»… höre ich Regina Gedanken verloren vor sich hin sagen. «Schöne Bescherung», Chanel kokettiert mit dem Missgeschick, während Tsegaye den nassen Stapel Papier mit einer abfälligen Geste wirft in die Spüle. Dieser wirkt innerlich sortiert und mich beschleicht das Gefühl, er hätte dem Unfall nachgeholfen. «Möchten Sie auch ein Tässchen», fragt er Regina. Sie nimmt dankend an. «Trinken Sie nie Espresso, geht doch viel schneller»? «Doch klar, zuhause habe ich eine Kapselmaschine, aber William wollte, dass ich hier halt äthiopischen Kaffee serviere. Ich spiele auch nur meine Rolle in der sozialen Skulptur» Tsegaye wirjt nachdenklich «Wissen Sie, , diese Leute wissen nicht, was sie tun, sie interessieren sich für Kulinarisches, aber nicht für Nahrung». Er schaut mir direkt in die Augen, und bedeutet mir, meine Tasse zu leeren. «Kulinarik ist eine Stilfrage, Nahrung ist substanziell», sinniere ich ins Donnergrollen hinein, «im Stil manifestiert sich die Moral. Popcorn ist auch nur eine Frage des Kontextes, ob es kultiviert oder Fastfood ist. Hochkultur und Massenunterhaltung sind sehr nah beieinander. Und wo etwas unzugänglich ist, wird es solange erklärt und vereinfacht von uns Kunstvermittlern, bis es banal genug ist. » Eine Windböhe schlägt irgendwo einen Fensterflügel zu, der Popcorngeruch ist sehr intensiv. «Aber dann schlafen alle ruhig», schmunzelt Tsegaye, «diese Damen und Herren dürfen niemals erfahren, dass ich lieber Kaffee aus der Espressomaschine habe». «Niemals. Sonst gerät ihre Welt aus den Fugen», Regina lächelt Tsegaye vielsagend an und leert ihren Kaffee. Draussen wäscht das Abendgewitter die kleinstädtischen Strassen sauber.

Fin de la Bobine

Ich bin kein Flüchtling, sondern ein syrischer Revolutionär

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Artikel erschien am 12. September 2014 auf Westnetz.ch

Der Dokumentarfilm „Everyday Rebellion“ erinnert an die verratene Utopie

Ziviler Protest ist in aller Munde, dennoch scheint hier kaum jemand vorbehaltlos daran zu glauben. Der Film „Everyday Rebellion“ der Brüder Arash und Arman Riahi, der soeben in den Schweizer Kinos angelaufen ist, zelebriert den gewaltlosen Widerstand aus dem Volk. Vorbehaltlos und vielleicht allzu global. Warum er dennoch wichtig ist.

Als im Februar 2011 Gruppen wie „Syrien Revolution 2011“ über Facebook den „Tag des Zorns“ ausriefen, blieben sie weitgehend ungehört. Fast niemand wollte an den angekündigten Protestmärschen in den grössten Syrischen Städten teilnehmen. Den Menschen war wohl klar, dass das Assad-Regime Kundgebungen gewaltsam auflösen würde. Mit offenem Protest war in Syrien nix auszurichten. Szenen eines Arabischen Frühlings wie in Ägypten oder Tunesien blieben in Damaskus aus. Dennoch gab es Widerstand auch dort aus dem Volk, nur wurden sie zu keinem medienwirksamen Massenphänomen. Auch ich wusste kaum etwas davon, bis ich in den Dokumentarfilm „Everyday Rebellion“ der Brüder Arash und Arman Riahi gesehen habe –ein Plädoyer für den gewaltfreien Widerstand. Ich habe sie auf ihrer Zürich-Premiere begleitet.

Arash Riahi, Inna Shevchenko, Arman Riahi

KALAIDOSKOP DER REBELLION

Everyday Rebellion ist der Film, sowie ein Crossmedia-Projekt, in das die Kraft und Vielfalt von friedlichem Protest und zivilen Ungehorsams feiert. Die Kamera begleitet ihre Protagonisten bei Aktionen und deren Planung, und wechselt kalaidoskopisch die Schauplätze, sucht nach Analogien zwischen den unterschiedlichen Bewegungen wie Occupy Wallstreet, dem Arabischen Frühling, den Ukrainischen Regime-Kritikerinnen Femen oder eben auch Regime-Kritiker in Syrien. Zum Beispiel Ahmed Z., ein junger Architekt, den die Riahis in einem Flüchtlingscamp bei Amman in Jordanien trafen, wie mir Arash Riahi während unseres Gesprächs anlässlich der Zürcher Premiere sagt. Ahmed erzählt in einer einnehmenden Leichtigkeit von den Möglichkeiten des kreativen Protests in einem totalitären System. Einmal hätten sie in sämtliche Brunnen von Damaskus rote Farbe gegossen, symbolisch für das Blutvergiessen durch das Regime. In einer anderen Aktion besprayten sie hunderte Ping-Pong Bälle mit purpurner Farbe, beschrifteten sie mit Worten wie „Frieden“. Die Bälle warfen sie in die abfallenden Strassen von Mahajreen in der Nähe des Hauses von Bashar al-Assad. Lachend erzählt Ahmed, wie die Security-Leute verzweifelt versuchten, die Bälle einzufangen. Ein Bild der Lächerlichkeit und ein kleiner Sieg für die tägliche Rebellion. Je repressiver eine Herrschaft, umso kreativer und anonymer muss der Widerstand dagegen sein. Solche Faustregeln des Protests vernehmen wir dann während des Films von erfahrenen Aktivisten, wie dem Serben Srdja Popovic, der Anführer der Otpor!-Bewegung, die 2002 das Milosevich-Regime stürzte. Und je repressiver eine Diktatur, umso schwerer ist es auch, den Widerstand zu filmen. Die Riahis gingen nie selbst nach Syrien, das war viel zu gefährlich. Die wenigen Aufnahmen vor Ort stammen von Ahmed Z. Selbst. Ich bin kein Flüchtling, sondern ein Syrischer Revolutionär, sagt Ahmed, als sei ihm die Absenz des Syrischen Widerstands in der Weltöffentlichkeit durchaus bewusst.

Ahmed Z. : Kein Flüchtling, sondern Revolutionär

Die Bilder sind stark von den Ping-Pongbällen, die an verdutzten Passanten vorbei hüpfen und die Strassen von Damaskus erobern. Gerne hätte ich noch mehr von Ahmed und dem Kampf um eine Syrische Revolution erfahren. Doch dann wechselt der Film zum nächsten Schauplatz. Wir lernen hier und dort episodisch Aktivisten kennen, streifen die globale Community des friedlichen Protests, den theoretischen Unterbau liefern akademische Wortführer des zivilen Protests, wie Srdja Popovic oder Erica Chenowetz. Und sie sagen, als wäre es für alle einleuchtend, dass es wissenschaftlich erwiesen sei, dass der gewaltfreie Widerstand doppelt so effektiv sei wie der gewaltsame. Wie das denn?

CLOWNS SCHLAGEN IST UNCOOL

Die Yes Men, bestehend aus Mike Bonanno und Andy Bichlbaum, sind Meister, wenn es darum geht, sich ins Zentrum der Macht zu schleusen. Sie glauben nicht nur an gewaltlosen Widerstand, sondern an die Macht der Komik. Durch witzige, karnevaleske Formen des Protests erreicht man, dass sich die Machthaber selbst lächerlich machen, wenn sie den Protest gewaltsam niedertrampeln. „Attaquing Clowns has never been very popular“, so Bonanno. Dass solche Aussagen den Verdacht der Naivität auslösen, mag nicht nur an meinem längst verinnerlichten Skepsis gegenüber Friedensaktivismus liegen, sondern auch an der Durchmischung der Schauplätze. Das ist dann auch die grosse Schwäche des Films. Man ist gleichzeitig in Europa oder den USA, wo originelle Proteste in die Logik des Systems funktionieren, aber gleichzeitig haben wir noch Ahmed im Kopf, oder die Künstlerin aus Teheran, wo die Scharia Polizei auch kaum vor Clowns kapituliert.

Mike Bonanno und die Riahi Brüder: Attaquing Clowns has never been very popular

Wollen auch einen Teil der Kekse: Occupy Sesame-Street

Femen Aktion

REVOLUTIONSTOURISTEN?

Ich frage Arash und Arman, was sie dem Vorwurf des „Revolutionstourismus“ entgegen, der ihr Film ja von Schauplatz zu Schauplatz reist, ohne dabei narrativ in die Geschichte und den täglichen Kampf der einzelnen Protagonisten vorzudringen. Grosses Unverständnis ob der Frage steht den beiden ins Gesicht geschrieben. Wie ich denn darauf komme, das sei ja absurd. Nun, meine ich, tatsächlich macht sich heute jeder verdächtig, der mit einem sozialpolitischen Anliegen erfolgreich ist. Da würde alsbald auch der Vorwurf der Selbstvermarktung laut. Und in dieser Frage liegt genau schon der verbreitete Zynismus der heutigen Zeit begraben. Vielleicht auch mein eigener. Ich beschliesse, keine direkten Analogien zwischen der mäandernden Dramaturgie des Films und dem idealistischen Engagement, das dahinter steckt zu ziehen. Und hier liegt nämlich die Kraft des Projekts „Everyday Rebellion“, das weit mehr als der Film ist. Die Riahis haben eine Datenbank aufgebaut, die konstant gefüttert und konsultiert wird. Seit Januar 2013 besteht die Plattform everydayrebellion.net, wo News, Methoden und Taktiken des Protests mittels Videos, Links oder Aufsätzen versammelt und geteilt werden.

Eine Frage, die in den meisten Interviews mit den Riahis fast unweigerlich kommt und die mich selbst eigentlich ärgert: Ist es naiv an den gewaltfreien Protest zu glauben? Die Frage ist falsch gestellt. Ist es nicht viel mehr traurig, dass man heutzutage als Naivling gilt, wenn man daran glaubt, dass der Ausweg aus dem Teufelskreis der Gewalt nicht durch Gegengewalt funktioniert? Dreht man das Rad der Geschichte um läppische 50 Jahre zurück wären Friedensaktivisten hoch im Kurs. Über Parolen wie „Make Peace not War“ hat sich inzwischen ein abgeklärter fast zynischer gesellschaftlicher Film gelegt. Kaum bemerkt, und immer wieder unterbrochen von Empörungswellen bei besonders nahen oder besonders furchtbaren Kriegsschauplätzen. Oder wenn wir geschockt im Internet über ein Video stolpern, das einen kleinen Jungen zeigt, der im Stil seiner Vorbilder der IS, einer Puppe mit einem scharfen Gegenstand, der nicht genauer identifizierbar ist, abtrennt. Eine Szene im Film begleitet zwei Aktivisten, wie sie auf dem Markt in Amman Spielzeug für die Flüchtlingskinder kaufen wollen und dem etwas irritierten Händler erklären, warum es falsch ist, all die Plastikpistolen zu verkaufen. Ob die Message durchkam?

OHNE UNS WÄR’S NOCH VIEL SCHLIMMER!

Guckt man auf die politische Grosswetterlage, vergeht einen vielleicht schon zwischenzeitlich der Glaube an den friedlichen Protest. Angesichts der Stellvertreterkriege im Nahen und Mittleren Osten oder der Ukraine, der erstarkten Militärdiktatur in Ägypten, da wird kein Optimismus genährt. Nur schon das muntere Treiben der globalen Finanzmärkte, als hätte es nie eine Krise gegeben, kann den Glauben an den zivilen Ungehorsam schmälern. Das fragt dann auch das Publikum in Zürich. Femen Aktivistin Inna Shevchenko, spontan angereist aus ihrem Exil in Paris, bringt es aber auf den Punkt: Stellen Sie sich vor, wie es wäre, wenn niemand mehr auf die Strasse geht. Dann wäre alles wohl noch viel schlimmer. Sie hätte gar keine Wahl, als weiter zu machen und Opfer zu erbringen. Und nähren nicht auch die Medien konstant die Ohnmachtsgefühle der Bürger, indem sie den immer gleichen Narrativ der Weltordnung durch eilige Newsmeldungen und Sensationsgläubigkeit zementieren? Dazu äusserte sich Arash Riahi in einem Interview mit dem Radio Augstin im Dezember 2013. Die Medien zeigen die gewaltlosen Proteste schlicht viel weniger als wenn Steine und Granaten geworden würden. Somit spielen die Medien einen wichtigen Part in der Verzerrung der Realität. Indem sie totschweigen, was täglich an Widerstand geleistet wird. Und sie nähren wohl ebenso dieses dumpfe Misstrauen gegenüber Visionären und Utopisten.

Ich habe unlängst zufällig einen orange leuchtenden Ping-Pong Ball aus der Kleinkram-Box auf meinem Schreibtisch gezückt. Ich hab ihn die ganze Zeit behalten, seit er mir als Give-away nach dem Screening von Everyday Rebellion an den Solothurner Filmtagen überreicht wurde. Der Ball hat mich nicht nur daran erinnert, dass ich diesen Film empfehlen wollte, sobald er in die Kinos kommt, ich habe ihn auch behalten, damit er mich daran erinnert: Dass ich ein angenehmes Leben in einem Rechtsstaat lebe, dafür sind meine Ur-Ahnen einst gestorben. Was ich als lästige Bürgerpflichten empfinde, sind anderorts nicht vorhandene Bürgerrechte. Ich lebe inmitten der Utopie.

Dann kette ich mich an!

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Artikel erscheint am 20. März 2013 bei Westnetz.ch

Interview mit Céline Widmer, SP Kantonsrätin

Céline Widmer ist seit knapp einem Jahr im Kantonsrat. Die Politologin und Kantonsrätin sagt wie sie die Entwicklung von Zürich West einschätzt und was sie zum Kongresshaus-Standort Geroldareal zu sagen hat.

Céline Widmer, was bedeutet Ihnen das Amt als Kantonsrätin?

In erster Linie eine grosse Verantwortung, auf kantonaler Ebene die Interessen meiner Wählerinnen und Wähler zu vertreten.

Sie sind Politologin. Was tun Sie als Akademikerin?

Ich doktoriere an der Universität Zürich im Bereich Urban Governance. Ich untersuche das föderalistische Kräftesystem zwischen Stadt, Kanton und Bund, und wie sich dieses verändert.

Wie fliesst ihre Forschung in ihre Amtsausübung als Kantonsrätin ein?

ich interessiere mich im Kantonsrat für das Thema der Gemeindefusionen und Gemeindegrenzen. Man muss diese Strukturen neu überdenken, und der Kanton sollte dabei eine aktivere Rolle übernehmen und die Gemeinden bei Fusionsbestrebungen stärker unterstützen. Die Gemeinden reagieren aber sehr sensibel auf dieses Thema: „Da kommt eine und will uns zwangsfusionieren“. Das ist aber nicht die Idee.

Sondern?

Ich habe beim Kanton eine Anfrage eingereicht, um auf kantonaler Ebene Steuerungsmöglichkeiten zu prüfen, wie man Grenzen neu definieren könnte oder in neuen Formen über die Gemeindegrenzen hinaus zusammenarbeiten könnte. Das Wachstum von Zürich-West beispielsweise wirkt sich auf das finanzschwächere Schlieren aus. Die Stadt hat auch eine Verantwortung gegenüber den umliegenden Gemeinden. Handkehrum haben auch die Gemeinden des Kantons eine Verantwortung gegenüber der Stadt. Diese hat beispielsweise einen viel höheren Anteil an sozial benachteiligten Leuten als auf dem Land, folglich ist die Stadt von den Kürzungen im Sozialbereich überdurchschnittlich stark betroffen.

Ist Zürich-West stadtplanerisch gelungen?

Ich hatte mir ja sehr viel von diesen Hochhäusern versprochen, dachte, Zürich muss ein Hochhaus haben, um urban zu sein. Aber das Resultat in Zürich West ist enttäuschend. Eine Stadt braucht die Differenz, um lebendig zu sein. Und diese ist in Zürich-West verloren gegangen. Es gibt kaum mehr Begegnungsräume. Du kannst keine Alternativnutzung auf dem Reissbrett planen. Ich denke, man war etwas blind und hat die Entwicklung so nicht kommen sehen. Es gibt jetzt die Hochhäuser, und für eine gewisse Einkommensschicht gibt es Wohnungen, aber es lebt nicht, es ist wie tot. Das einzige spannende sind Brachen wie das Geroldareal. Zürich West wird von internationalen Konzernen sowie einigen wenigen Immobilienfirmen einvernommen.

Der favorisierte Standort für ein Kongresshaus war das Geroldareal. Wie stehen Sie zu diesem baulichen Vorhaben?

Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich kann die Argumente aus dem Umfeld der SP 5 nachvollziehen, das sie das Areal gegenüber dem Carparkplatz bevorzugen. Ich persönlich finde aber nicht, dass es im Zentrum der Stadt Zürich zwingend ein Kongresszentrum braucht. Ausserdem finde ich das Geroldareal eben wichtig für Zürich-West, als einen der wenigen Orte, die noch die Differenz ausmachen.

Wie setzen Sie sich dafür ein, dass solche Differenzen erhalten bleiben?

Ich habe von Martin Naef ein Postulat im Kantonsrat übernommen, das den Regierungsrat auffordert, das Kasernenareal der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Nutzung des Kasernenareals ist ja seit dem Auszug des Militärs 1975 eine ungelöste Frage. Immer hiess es, man könne nicht planen, weil man nicht wisse, was passiert. Und so kam dann das Polizeigefängnis Anfang der 90er als Provisorium da rein, und steht immer noch mitten auf dem Kasernenareal und macht damit ein Grossteil der Wiese unnutzbar. Jetzt steht fest , dass dieses provisorische Polizeigefängnis und die anderen polizeilichen Nutzungen mit dem Neubau des Polizei und Justizzentrums (PJZ) dort definitiv raus müssen. Endlich haben nun Stadt und Kanton zusammen den lang versprochenen Mitwirkungsprozess lanciert. Anfangs April 2013 kann die Bevölkerung an einer öffentlichen Veranstaltung Ideen einzubringen, was man mit der Kaserne machen könnte.

Was möchten denn Sie, dass dort reinkommt?

Mein Wunsch ist, mit möglichst geringem Aufwand in den bestehenden Gebäuden eine kreativwirtschaftliche Nutzung zu haben. Das könnte ich mir für das ganze Areal in den bestehenden Räumen vorstellen: Schulungsräume, Ateliers, Musikräume oder auch eine Markthalle wie in den Viaduktbögen. Mir ist vor allem wichtig, dass dort kein weiteres Grossprojekt gebaut wird.

Seit Montag ist jetzt klar, dass aufgrund der gescheiterten Verhandlungen mit dem Eigentümer Georg Mayer-Sommer, weniger Platz für das geplante Kongresszentrum auf dem Geroldareal zur Verfügung stünde. Wie sehr glauben sie noch, dass der Standort nach wie vor möglich ist?

Wie gross die Chancen für ein Kongresszentrum auf dem Geroldareal wirklich sind, kann ich nicht abschätzen.

Und der Kanton bevorzugt die Kaserne?

Ich habe schon länger befürchtet, dass, wenn sich herausstellen sollte, dass das Kongresszentrum doch nicht auf dem Geroldareal realisierbar sei, die Idee aufkommt, das Kasernenareal für ein Kongresszentrum in Erwägung zu ziehen. Und prompt konnte man lesen, dass der Regierungsrat das Kasernenareal als seinen „bevorzugten Standort“ für das Kongresszentrum sieht.

Ist es nun wieder realisitsch, dass die Kaserne als Standort für das Kongresszentrum in Erwägung gezogen wird?

Ich hoffe nicht. In den jüngsten Vorstossantworten des Regierungsrats zum Thema tauchte plötzlich wieder die Idee auf, das Kongresszentrum auf dem Kasernenareal zu bauen. Ich finde, das ist eine absurde Idee und sicher nicht das Resultat einer breit abgestützten Planung. Meines Wissens hat sich der Stadtrat der Stadt Zürich auch klar gegen diesen Standort ausgesprochen. Da das ganze Kasernenareal unter Denkmalschutz steht, ist ein schneller Bau eines Kongresszentrums zudem eher unrealistisch. Zudem kann doch der Regierungsrat jetzt nicht zusammen mit der Stadt einen breit abgestützten Mitwirkungsprozess lancieren und dann einfach mit solchen Ideen kommen. Sollte das dann doch eintreffen, kette ich mich aber an dieses Kasernenareal. (lacht)

Was gilt es gegen die Wohnungsnot zu tun?

Als Mitglied der Geschäftsleitung der SP Zürich und als Sektionsmitglied habe ich die Initiative „Wohnen für alle“ zur Förderung von preisgünstigem Wohnraum in der Stadt mitunterstützt. Und zur Zeit wird im Kantonsrat die SP-Initiative „Für mehr bezahlbaren Wohnraum“ behandelt, die fordert, dass die Gemeinden die Möglichkeit erhalten, in gewissen Gebieten einen Mindestanteil an Wohnungen festzulegen, die nach dem Prinzip der Kostenmiete vergeben werden müssen.

In Zürich-West ist ein Asylzentrum geplant, worüber man heftig streitet. Was ist ihre Haltung zum Standort Zürich West?

Ich begrüsse dass die Stadt dem Bund die Möglichkeit bietet, die beschleunigten Asylverfahren zu testen. Ich finde auch, es macht Sinn, dass das in der Stadt Zürich passiert. Die Bevölkerung im Quartier Zürich West hat es überwiegend positiv aufgenommen.

Davon hörte man aber in der Presse wenig…

Ja, es ist schade, dass einmal mehr der ganze Diskurs von ein paar wenigen ablehnenden Stimmen aus dem Quartierverein dominiert wurde. Diese konfusen Ängste, die geschürt werden, unter anderem, dass ein Asylzentrum die Immobilien abwerten solle, finde ich absurd. Speziell vor dem Hintergrund, dass die Stadt diese Entwicklung von Zürich West überhaupt erst ermöglicht und vorangetrieben hat. Wenn jetzt Grundeigentümer auf dem Recht bestehen, sie könnten mit dem gesamten Quartier machen, was sie wollen, ist für mich schlicht nicht nachvollziehbar.

Wird das Asylzentrum als Argument benutzt, um dann einen Sündenbock zu haben, wenn die Preise der überteuerten Immobilienpreise im Quartier fallen?

Vielleicht. Wenn sie das aber so offenkundig bejammern, wird es erst recht dazu führen, dass die Preise fallen. Aber ich glaube, das ist ausserhalb von Zürich West kein grosses Thema. Und ich möchte noch einmal betonen, eine Stadt braucht die Differenz.