Zeugs

China zeigt Muskeln in Zürich West

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Artikel erschien am 1. März 2013 bei Westnetz.ch

17 Meter Kunst statt Werbung beim Bahnhof Hardbrücke

Die Fotografie „Anti Mona Lisa“ ziert neuerdings die Plakatfläche der Bahnhof-Unterführung. Unter dem Motto „Art works“ geht die Deutsche Bank damit auf Tuchfühlung mit der benachbarten Kunstszene.

Nur wenige Eingeweihte waren an der Vernissage im Kaffee Segafredo beim Bahnhof Hardbrücke. Zu gefährlich, so die Erklärung von den Verantwortlichen, wäre ein Kunst-Szene-Auflauf an diesem Nadelöhr für Pendler. Eingeweiht wurde eine grossformatige Fotografie: 25 chinesische Bäuerinnen in Kraftpose auf einer übergrossen Plakatwand von 17 Metern Länge und zwei Metern Höhe. Die Pendler strömen am Kunstwerk vorbei. Und so mancher Blick bleibt für Sekunden an der imposanten Fotografie hängen, einige Passanten bleiben sogar stehen. „Anti Mona Lisa“, so der Titel der Fotografie ist ein Werk des jungen chinesischen Künstlers Liao Wenfang.

Kunstvolle Nachbarschaftsgeste

Hinter dem Kunstwerk steckt die Deutsche Bank, eine der weltweit führenden Investmentbanken. 2011 zog die Schweizer Tochtergesellschaft in den Prime Tower in Zürich West, von wo aus sie die Vermögen von reichen Privatkunden aus der Schweiz, Europa, Afrika sowie dem Mittleren Osten betreut. Die Grossbank hat die Werbefläche unter der Hardbrücke angemietet, um jungen Künstlern eine Plattform im öffentlichen Raum zu bieten.

Es handelt sich bei 17ZWEI um ein Kooperationsprojekt mit der Zürcher Hochschule der Künste, die demnächst ins nah gelegene Toni Areal einziehen wird. „Art works“, mit diesem Motto sucht die Deutsche Bank den Kontakt zu Zürichs Kunst-Mekka. Seit vergangenem Frühling hat man im sechs Wochen-Turnus unter der Hardbrücke Werke von Studierenden der Zürcher Hochschule der Künste präsentiert. Für 2013 ist das Projekt international ausgeschrieben, „Anti Mona Lisa“ ist der Auftakt dieser globalen Erweiterung. „17ZWEI goes international“ soll Brücken zwischen den Kulturen der Welt bauen.

Carsten Kahl, Leitender Manager der Marktregion Schweiz betont die Bedeutung der Nachbarschaftsgeste. „Es ist unsere Art von Community Arbeit. Diese Kooperation ist Teil des kulturellen Engagements der Bank. Die Förderung der Bildenden Kunst ist unsere Art, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen.“

Die Mona Lisa auf dem Dorfe

Der Künstler Liao Wenfang wurde 1984 in der südchinesischen Provinz Jiangixi geboren, lebte in Shanghai und seit Juli 2012 in Berlin. Für sein Werk fotografierte er die ältesten Bewohnerinnen seines Heimatdorfes. Er bat die Frauen zuerst, die Pose der Mona Lisa zu imitieren. Im zweiten Foto „Anti Mona Lisa“ sollten die Chinesinnen ihre von der täglichen Feldarbeit geformten Muskeln zeigen. Auf Geheiss des Künstlers ahmten sie die Posen nach, ohne das Werk von Leonardo Da Vinci und seine Bedeutung für die westliche Kunstgeschichte zu kennen. Das berühmteste Gemälde der Welt zu zitieren, auf diese Idee sei Laio wegen Marcel Duchamps Reproduktion der Mona Lisa gekommen. Der Wegbereiter der Moderne wagte sich 1919 an die provokante Demontage der Ikone, indem er sie mit Schnurrbart und Ziegenbart zierte („L.H.O.O.Q.“).Damals eine subversive Geste. Liao aber will in seinem Zitat weder die Mona Lisa vom kunsthistorischen Thron stürzen, noch beabsichtigt er Kritik an einem eurozentristischen Weltbild. Ihm gehe es vielmehr um eine Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen und der Zuschreibung von geschlechtsspezifischen Posen. Die Frauen um eine Pose zu bitten, die ihnen fremd ist, das habe ihn gereizt.

Leider habe die Deutsche Bank nur eine Wand der Unterführung von der SBB mieten können, was eine Gegenüberstellung der beiden Fotografien nicht erlaubt, scherzt Kahl.

Die Nachbarn, in diesem Fall Studierende der Kunsthochschule Fachabteilung Bildende Kunst bilden die Jury der Werkauswahl, zusammen mit dem Künstler San Keller, der Kuratorin Alexandra Blättler und Noah Stolz von der eidgenössischen Kunstkommission. Aus den rund 150 Bewerbern haben sie acht ausgewählt, die während des kommenden Jahres gezeigt werden. Die Bank mischt sich kuratorisch nicht ein, hat aber das Vetorecht. Die Studierenden arbeiten unentgeltlich, ihr Engagement wird ihnen aber in Form von Credit Points fürs Studium angerechnet. Sie hätten aber alle schon viel mehr Punkte, als sie brauchen, fügen sie beiläufig an.

Die Grossbank als Kunstmäzenin

Die einen sammeln Studienpunkte, die andern Kunst. Die Deutsche Bank selbst besitzt eine der weltweit grössten Unternehmens-Kunstsammlungen. In ihren Büroräumen, auf fünf Etagen verteilt, kommen auf 370 Arbeitsplätze 300 Kunstwerke von Schweizer Künstlerinnen und Künstlern.

Kahl betont die traditionelle Kunstaffinität der Deutschen Bank, die sich langfristig etabliert hat. „Gegenwartskunst zu sammeln gehört seit dreissig Jahren zum zentralen Anliegen der kulturellen Initiativen der Deutschen Bank. Mit 17ZWEI möchten wir Künstlern eine Bühne bieten“, so Kahl. „Wir fühlen uns dem aufstrebenden Viertel rund um den Prime Tower verpflichtet und wollen dies so zum Ausdruck bringen.“ Und lockt man damit reiche Leute an?„Nein, das ist nicht die Motivation dieses Projekts, und so funktioniert das auch nicht“, sagt Kahl. Ebenfalls distanziert er sich vom Modetrend gewisser Unternehmen zeitgenössische Kunst auf reines Investment zu reduzieren. Die Wertschöpfung sei positiver Nebeneffekt, aber nicht primärer Anreiz. „Beim Ankauf setzen wir auf junge qualitativ hochstehende, innovative sowie kontroverse Kunst mit Potenzial“, sagt Kahl.

Die Deutsche Bank ist auch Hauptsponsorin der jährlich stattfindenden „Frieze Art Fair“ in London, einer der wichtigsten Kunstmessen weltweit, die seit letztem Jahr auch nach New York expandiert und die etwas peppigere jüngere Schwester der Art Basel ist. Kunstmessen sind Treffpunkt und Umschlagplatz von zeitgenössischer Kunst, wo sich viele reiche Leute und damit potenzielle Kunden tummeln. „Über unser Interesse und Verständnis von zeitgenössischer Kunst begegnen wir natürlich auch finanzstarken Personen. Es ist ein guter Weg, um möglichen Anlegern auf einer emotionalen Ebene zu begegnen: Über das geteilte Interesse an zeitgenössischer Kunst,“ gibt Kahl offen zu. Aber es handle sich nicht um eine Strategie der Kundenaquise. Das funktioniere so nicht.

Die „Anti Mona Lisa“ ist noch bis Anfang April zu sehen, danach wird ein neues Werk die Pendler überraschen.

 

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Der letzte Mohikaner

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Erschien am 27.09.2012 auf Westnetz.ch

Wie Zürich doch noch zu einem „Nagelhaus“ gekommen ist

Eine funktionierende Wohlstandsgesellschaft braucht immer auch ein bisschen Widerspenstigkeit, damit sie „gesund“ bleibt. Und dafür sorgen unter anderem auch junge Künstler, die im urbanen Raum arbeiten. Einer von ihnen ist Navid Tschopp. Wenn er in den öffentlichen Raum interveniert, ist sein Ziel Interessen, und Widersprüche im öffentlichen Raum aufzuzeigen. So auch bei seiner neusten Aktion „Résistance“ am Wohnhaus an der Turbinenstrasse im Trendviertel Zürich West.

Im Kontext von Art and the City und einer Ausstellung im K3 Project Space hatte er eine Intervention an der Fassade der Restmauer der Hausnummer 10 angebracht. Mit grossen Lettern steht nun seit vergangener Woche RESISTANCE. Der Schriftzug ist grafisch dem jenem des benachbarten Hotel Renaissance nachempfunden. Der Hotelbesitzer Peter Schickling zeigte sich gegenüber der Presse (TA vom 19.9.2012) kulant, ihn störe die Schrift nicht, aber das Haus selbst allerdings schon, weil es die Zufahrt auch zu seinem Hotel erschwere. Die Aktion weist sehr deutlich auf einen Territorialkampf, der die Umgestaltung von Zürich West mit sich führt.

Das Haus an der Turbinenstrasse ist ein letzter Mohikaner im knallharten Immobilienmarkt der Stadt. Das Haus mit Baujahr 1893 hätte eigentlich längst abgerissen werden sollen, denn es blockiert die ungestörte Zufahrt zum Maag Areal. Doch die Besitzer weigern sich zu verkaufen. Navid Tschopp hat im Rahmen seiner Arbeit den ältesten Bewohner des Hauses befragt. Das aufgezeichnete Gespräch war in der Ausstellung im K3 zu hören. Der ältere Herr wehrt sich gegen die Argumentation der Baulöwen, dass eine Beseitigung des Hauses im Interesse der Öffentlichkeit geschehen würde. Er meint nicht ohne Schalk, es sei doch eher so, dass eben dieser Kontrast im öffentlichen Interesse stünde. Regelmässig kämen Passanten, Touristen und sogar Hotelgäste des Renaissance, um das Symbol des Widerstands zu fotografieren.

Das Arbeiterhaus gehört wie die Original Fabrikgebäude oder die Schrebergärten zu den letzten Überreste einer anderen Zeit, als die Arbeiterklasse das Quartier besiedelte. Nicht mehr viel erinnert daran, geschmeidige Glasbauten, Hochhäuser und betonierte Plätze sind der Rauheit gewichen. Keine Kieswege mehr, wenig natürlich gewachsene Vegetation sind um das Areal Escherwyss Maag und Förrlibuck geblieben. Bis auf dieses kleine Mehrfamilienhaus an der Turbinenstrasse. Und da steht es nun, ein wild wucherndes Biotop inmitten der durch designten Umgebung.

Freiheit versus Regulierung

Tschopp begleitet mit seiner Kunst die Umgestaltung von Zürich West in eine Hochburg der Dienstleistung. Tschopps Interventionen im öffentlichen Raum operieren bewusst in Gegensätzen und reagieren damit auf die Tendenz der Regulierung im öffentlichen Leben. „Wir sind keine trivialen Maschinen, wir brauchen Freiheit“, meint er, und diese beginnt im Kopf. Mit seinen Interventionen möchte er gegen die Selbstzensur in unseren Köpfen reagieren und Handlungs- und Denkmöglichkeiten aufzeigen, deren wir uns schon nicht mehr bewusst sind. Mittels witzigen Eingriffen im öffentlichen Raum hinterfragt Tschopp Konventionen und Normen und führt diese in den gesellschaftlichen Diskurs. Er plädiert für mehr Rechte des Einzelnen im urbanen Raum, für mehr eigenständiges Denken und Kulanz gegenüber dem Ungewohntem und Fremden.

Das Nagelhaus als Symbol des Widerstands

Tschopp verweist mit der „Résistance“ unter anderem auf eine Kontroverse der städtischen Kunstpolitik aus dem Jahr 2010. Damals lehnte das Stimmvolk einen Kredit für das Projekt „Nagelhaus“ am neu gestalteten Escher Wyssplatz ab. Der Hybrid von Architektur und Kunst war als Kiosk-Toilette gedacht und stammte vom Londoner Architekten Caruso St John und dem Berliner Künstler Thomas Demand. Die SVP hatte das Referendum gegen das geplante „Nagelhaus“ ergriffen mit der Parole „5.9 Millione für e Schiissi“. Dabei verdeutlichte dieses Nagelhaus nach einem Vorbild aus China auf die radikalen städtebaulichen Massnahmen, wie die Hardbrücke, die einen Stadtteil brutal zerschneidet. Somit ist es ein Symbol des Widerstands. Nun hätte Zürich West sogar ein Original-Nagelhaus, und dieses stehe an der Turbinenstrasse, meint Tschopp mit einem Schmunzeln.

„Der öffentliche Raum soll demokratisch bleiben“

Wegen der demografischen Entwicklung und der abnehmenden kulturellen (sozialen) und architektonischen Durchmischung bietet Zürich West immer weniger reizvolle Gelegenheiten für künstlerische Interventionen. Es sei sehr schwierig in diesem ‚öffentlichen‘ Raum zu operieren und ein Werk zu gestalten. Stadtteile mit grosser kultureller und sozialer Durchmischung bieten Navid Tschopp mehr Inspiration und Möglichkeit neue Kunstwerke zu realisieren.

Und tatsächlich fällt auf, wie viele Überwachungskameras die Neugestaltung von Zürich West mit sich gebracht hat. Soll der öffentliche Raum nach demokratischen Grundsätzen folgen, ist bereits das Schwinden von unüberwachtem Raum eine Einschränkung für die Freiheit eines Individuums.

foto: navid tschopp

Webseite des Künstlers Navid Tschopp

„Müssen wir jetzt den Pirelli Kalender abhängen?“

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Der Artikel erschien am 11. August 2013 auf Westnetz.ch

Warum die VBZ eine Sozialberaterin hat

 In einem guten Betriebsklima arbeiten die Menschen besser und sind weniger krank. Indem ein Betrieb Invalidisierung verhindert, kann er bis zu einer halben Million Franken jährlich sparen. Dafür braucht es interne Sozialberatung. Bei der VBZ ist Brigitte Gerig Ansprechperson für die Probleme sämtlicher Mitarbeiter, vom Manager bis zum Garagisten.  Sie schildert, warum sie dennoch nicht Anwältin der Mitarbeiter ist und weshalb eine stereotype Sozialarbeiterin fehlplatziert wäre.

Mobbing ist ein Modebegriff. Das weiss auch Brigitte Gerig, Sozialberaterin der VBZ. Mitten im Satz steht sie kurz auf, um wohlweislich die Telefonumleitung zu aktivieren. Eine trennscharfe Linie zu ziehen, ist jedoch schwierig: „Es nützt nichts, wenn ich zu jemandem, der sich unfair behandelt fühlt sage, das ist jetzt aber noch kein Mobbing, sie können wieder gehen. Sondern dann sind Lösungen zu suchen, damit sich die Person wieder wohl fühlt am Arbeitsplatz.“ Das ist Aufgabe der internen Sozialberaterin.

An einer internen Impulsveranstaltung zum Thema „Mobbing am Arbeitsplatz“ diskutierten die Teilnehmer anhand von fiktiven Fallbeispielen, wie man Mobbing Vorfälle angehen soll. In einer ausgeprägten Mobbing Situation kann sich das Opfer nicht mehr wehren. Dann muss man das regeln, sonst wird der Betroffene krank. Aber nicht bei jedem Konflikt kann man gleich von Mobbing reden.

Ob das oft vorkomme, dass sich Mitarbeiter gegenseitig schikanieren? Brigitte Gerigs Blick schweift durch das karg eingerichtete Büro. Eigentlich herrsche ein gutes Arbeitsklima bei der VBZ, natürlich gebe es Konflikte, bei denen sie herbeigezogen würde. Sie berichtet von einem Vorfall, der sich bis zu Mobbing zuspitzte. Zwei Mitarbeiter am gleichen Arbeitsplatz konnten sich aufgrund einer Vorgeschichte – es ging wohl um eine private Angelegenheit – nicht mehr leiden. Die beiden attackierten sich dauernd verbal und schaukelten sich gegenseitig hoch. Der Vorgesetzte kam zur Sozialberatung. Er war ratlos. Er wusste nicht mehr weiter, er könne die beiden nicht zusammen zur Schicht einteilen. Beide Mitarbeiter fürchteten sich vor einander. Jeder hatte Angst, dass der andere irgendwann auf ihn losgehen könnte. Solche Situationen sind eher die Ausnahme bei der VBZ, aber da greift die Sozialfachfrau schlichtend ein. Ihr Vorschlag war, die beiden gemeinsam an den Tisch bitten. Da konnten sie sich gegenseitig sagen, was ihnen am andern nicht passt. Es stellte sich heraus, dass im Hintergrund eine ganze Gruppe den Streit anheizte und den einen der beiden anstachelte. Und dass Mobbing betrieben wurde. Am „runden Tisch“ konnten Regeln besprochen werden, wie die Umgangsformen in Zukunft sein müssen und dass bei Nichteinhalten die Konsequenzen für beide Parteien die gleichen sein könnten. Seit diesem Gespräch ist Ruhe eingekehrt und beide arbeiten immer noch im Betrieb. Vorgesetzte sind in Fällen wie diesem darauf angewiesen, sich auf eine neutrale Instanz und Fachstelle wie die betriebliche Sozialberatung abstützen zu können.

Im Dienst für den Menschen

Das „Blaue Haus“ ist ein kleines ehemaliges Wohnhaus auf dem Areal des VBZ Hauptsitzes an der Badenerstrasse in Altstetten. Hier im zweiten Stock ist Gerigs Reich, das sie sich mit dem Case Management und mit der Stiftung Behinderten Transporte Zürich BTZ teilt. Mit einer 70 Prozent-Stelle kümmert sie sich um etwa 2400 Mitarbeitern sämtlicher Hierarchiestufen, sowie deren Angehörigen.

Gerig ist eine neutrale Ansprechperson für sämtliche psychosozialen Belange wie familiäre Konflikte, Scheidungen oder Alkoholismus, oder auch finanzielle Nöte. Gerig unterstützt die VBZ Angestellten nicht nur in ihrer Arbeits- sondern ganzen Lebenssituation. Konkret kann sie jeder Mitarbeiter um ein individuelles Beratungsgespräch bitten. Sie untersteht der beruflichen Schweigepflicht, die Beratungen sind streng vertraulich und unentgeltlich. Zu Gerings Aufgabenbereich gehört auch die Vorbereitung auf die Pension.

Seit 1991 bietet die VBZ eine interne Sozialberatung an. Initiant war der damalige Personalchef, der bereits in den Achtzigern das „Sozialwesen“ eingeführt hatte. Seit Januar 2010 ist Gerig bei der VBZ. Früher arbeitete die diplomierte Sozialarbeiterin beim Sozialamt Schlieren. „Betriebliche Sozialberatung sind begehrte Jobs“, so Gerig. „Die Beratungsthemen sind sehr vielfältig und erfordern ein breites Fachwissen. „Man braucht immer wieder innovative Ideen, wie man die Themen unter die Leute bringt, beispielsweise in Form von Präventionskampagnen oder Workshops. Die Sozialberatung ist dem Personalchef unterstellt, hat keine Weisungsbefugnis aber innerhalb ihres Fachbereichs arbeitet sie selbstverantwortlich. „Bei der Sozialberatung handelt sich um eine neutrale Stelle. Ich sollte beratend eine Lösung finden, mich aber keinesfalls parteiisch verhalten. Ich bin nicht einfach die Anwältin der Mitarbeiter, sondern muss auch für das Unternehmen denken“, stellt sie pragmatisch fest. „Klar setze ich mich für die Anliegen der Mitarbeiter ein. Aber gewisse Rahmenbedingungen des Unternehmens sind gegeben. Gegen diese kämpfe ich mit dem Mitarbeiter nicht an, sondern versuche die Person zu gewinnen, dass auch sie diese akzeptieren kann. Es kommt aber vereinzelt schon vor, dass Mitarbeiter finden, ich würde ihnen nicht helfen, weil ich mich in einem Konflikt mit einem Vorgesetzten nicht auf ihre Seite stelle.“ Es ist eine grosse Herausforderung sich in den Dienst der Mitarbeiter zu stellen, ohne dabei die Ziele der Unternehmung zu unterlaufen.

Eine Frau im Männerclub

Der Frauenanteil liegt bei der VBZ bei 17 %. Nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, dass der grosse Teil der Mitarbeiter auf technischen Berufen arbeiten: In der grossen Zentralwerkstätte, mit den technischen Abteilungen, der hauseigenen Schlosserei, der Schreinerei, dort wo die Fahrzeuge instand gehalten werden, arbeiten kaum Frauen. Was unterscheidet sie von anderen Sozialberaterinnen? „Ich komme aus einer Bähnlerfamilie“ sagt Gering, „ich bin wohl näher an den Schienen als andere.“ Ihr Grossvater und ihr Vater waren Lokomotivführer bei der SBB. Und ebenso ihr Bruder, auch ihre Nichte fährt jetzt bei der Rigibahn. Gerig ist mit dem Alltag von Verkehrsbetrieben aufgewachsen, was ihr im Umgang im Verkehrsbetrieb hilft. „Es braucht das richtige Gespür für die Kultur eines Unternehmens.“

Zur VBZ würde wirklich keine stereotype Sozialarbeiterin passen, die nach Räucherstäbchen riecht und ihre Socken selbst strickt. Aber es ist gut, dass es eine Frau ist. Letztes Jahr lief eine Aufklärungskampagne zum Thema „Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz“. Da kamen dann fragen wie: „Müssen wir jetzt den Pirelli Kalender im Büro abhängen?“ Im Fall von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz bezieht Gerig klar Position für die Mitarbeiterin. Gerigs Tonfall wird sehr bestimmt. „Es geht dann zunächst nicht um die Details, ob es nun wirklich so gewesen ist, wie es die Betroffene schildert. Oder ob es letztlich doch etwas weniger schlimm oder gar nicht so gemeint war. Die Frau, die damit zu mir kommt, hat es so erlebt. Mein Job ist nicht, dass ich dem anderen auf die Finger klopfe, sondern ich schaue, was die Mitarbeiterin braucht und was sie dagegen unternehmen möchte“. Gerig klärt in einem oder mehreren Gesprächen ab, ob die betroffene Person eine Meldung machen will, oder ob es ein einmaliger Vorfall war, den sie selber regeln kann. Es sind überwiegend verbale Übergriffe. “Mir werden allerdings nicht viele solche Fälle zugetragen“

Möglichst flächendeckend über Pflichten und Rechte aufzuklären ist wichtig für ein gutes Betriebsklima. „Die Leute müssen wissen, es gibt eine Ansprechperson für sie, und die bin ich.“ Nebst Informationskampagnen organisiert sie Schulungen für Führungskräfte. Sie möchte Kaderleute für gewisse Probleme, wie sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz oder Alkoholmissbrauch sensibilisieren.

Burnout verhindern

Bei Unfällen, verfügt die VBZ über ein ausgereiftes Care Konzept. Das VBZ Care Team ist am Unfallort und zuständig für den betroffenen Tram- oder Buschauffeur. Momentan wird jedoch die Nachbetreuung neu organisiert. In Zukunft übernimmt die Sozialberaterin zusammen mit einem Case Manager diese Aufgabe. Wie muss man sich eine Nachbetreuung vorstellen? „Das beinhaltet die gesamte Betreuung im Zusammenhang mit Schock und Trauma. Ich kläre bei der betroffenen Person in einem Gespräch ab, wie es ihr geht, was sie belastet und wer sie im persönlichen Umfeld unterstützt. Und informiere sie darüber, dass bestimmte Reaktionen in den ersten Tagen normal sind, wie schlecht schlafen, träumen, dauernd daran denken. Erst wenn sich das nach einer gewissen Zeit nicht legt, rate ich zu einer psychologischen Unterstützung. Es gilt abzuschätzen, inwiefern das Risiko zu einer posttraumatischen Störung besteht.“

Gerig kümmerst sich auch um Prävention und Früherkennung, etwa bei Alkoholismus oder Erschöpfungsdepressionen. Neben der Sozialberatung kümmert sich das umfangreichere Case Management um erkrankte Mitarbeiter. Ziel für das Unternehmen ist bei komplexen Gesundheitsstörungen von Mitarbeitern diese möglichst optimal zu versorgen und wieder zu integrieren. Welche Kosteneinsparungen die VBZ dank dieser Präventionseinrichtungen von Case Management und Sozialdienst kalkuliere, könne man kaum mit klaren Zahlen belegen. Dass sich die Sozialberatung auch ökonomisch ausbezahlt, lässt sich kaum belegen und wenn, dann erst im Nachhinein. „Wie willst du das in Zahlen messen, wenn wir Präventionsarbeit leisten? Man kann da nur spekulieren und Hochrechnungen anstellen.“ Fest steht aber für Gerig: „Zu einer modernen Unternehmensführung gehört eine interne Ansprechperson für psychosoziale Belange.“ Auch der Leiter des Case Management Heinz Hof betont die Schwierigkeit, die Rentabilität von solchen Präventionsbestrebungen im Gesundheitsmanagement. Seit einigen Jahr forscht man sehr intensiv im Bereich des betrieblichen Gesundheitsmanagements. Studien der ETH Zürich belegen die Annahme, dass Krankheitsprävention und Konfliktmanagement sich auch langfristig wirtschaftlich ausbezahlen. (LINK:http://www.poh.ethz.ch/) Heinz Hof nennt ein einfaches Beispiel, um die Rentabilität aufzuzeigen: Verhindert man eine Invalidisierung, spart man für den Betrieb unter Umständen eine halbe Million Franken. Soviel kostet nämlich eine vollinvalide Person im Schnitt. Studien der ETH gehen davon aus, dass das Fünffache der Investitionen für Präventionsbestrebungen wieder zurück in den Betrieb fliesst. Im Moment ist sie aber immer noch von der Einschätzung der Unternehmensführung abhängig wieviel man investieren will. So muss auch eine Sozialberatung von der obersten Hierarchiestufe getragen werden und als integrierter Bestandteil der Betriebskultur gesehen werden.

Langweilig werde es ihr bei ihrem Job sicher nie, meint Brigitte Gerig, die sich jetztauf ihre wohlverdienten Ferien in den Bündner Alpen freut.

foto: donat bräm

„Mir rede üs de Arsch schön“

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Der Artikel erschien am 15. Juli 2013

Daniel Waser, Leiter der Filmstiftung Zürich, erklärt wen er fördert.

Daniel Waser, seit 2005 gibt es die Zürcher Filmstiftung. Sie sind von Anfang an Geschäftsleiter. Wie hat das alles angefangen?

Gegründet wurde die Zürcher Filmstiftung im November 2004, nachdem der Kantonsrat das Stiftungskapital gesprochen hatte und in der Stadt Zürich eine Volksabstimmung gewonnen wurde. Im April 2005 nahmen wir dann das Büro in Betrieb. Die Zürcher Filmstiftung ist die Rechtsnachfolgerin der ehemaligen Filmkommission von Stadt und Kanton Zürich. Der Übergang war fliessend. Die erste Sitzung 2005 war noch mit der alten Filmkommission. Ich setzte mich einfach dazu, um zuzuhören. Drei Monate später kam die erste Mitarbeiterin und fortan waren wir zu zweit in der Geschäftsstelle.

Seit der Gründung der Zürcher Filmstiftung hat sich die Schweizer Filmindustrie stark professionalisiert und es wird auch mehr produziert. Hat das Auswirkungen auf die Stiftung?

Das Arbeitsvolumen der Filmstiftung ist kontinuierlich gewachsen. Wir fingen bei Null an, hatten aber relativ schnell sehr viele Eingabedossiers zu bearbeiten. Der grosse Unterschied zur früheren Filmkommission ist, dass die ZFS bedingt rückzahlbare Darlehen an Filmprojekte vergibt. Das ist dann viel aufwändiger. Man muss die Abrechnungen kontrollieren und während drei Jahren weiter verfolgen, ob die Produktionen etwas zurückbezahlen müssen oder nicht. Obwohl die Produzenten auf Eigenverantwortung pochen, fordern sie immer mehr Kontroll- und Dienstleistungen von den Förderstellen. Das geht natürlich immer einher mit Mehraufwand. So stieg die Zahl der Mitarbeiter in den letzten acht Jahren auf vier. Alle arbeiten Teilzeit, 50% und 80%. Ich bin der einzige mit einer 100% Anstellung.

Die Verdoppelung der Stellen ist wegen der vielen Anträge?

Das ist der eine Grund. Das andere ist der Verwaltungsaufwand. Früher gab es einfach den Kommissionsbescheid über den Betrag X, der damals auch noch tiefer war. Früher konnte man maximal 200 000 Franken erhalten für die Herstellung eines Projektes. Heute sind es 750 000 Franken. Das hatte zur Folge, dass man jetzt mit den rückzahlbaren Darlehensverträgen die Ratenzahlung eingeführt hatte.Das macht die ganze Verwaltung aufwändiger. Bei Overheadkosten von knapp 6% des Gesamtbudgets haben wir aber verglichen mit ähnlichen Institutionen immer noch sehr schlanke Strukturen.

Es gibt seit 30 Jahren den Verein „Zürich für den Film“, der sich jüngst für die Abstimmungskampagne zur Aufstockung des Filmkredits engagierte. Wie hängt der Verein mit der ZFS zusammen?

Historisch ist der Verein ein Zusammenschluss der gesamten Branche: Techniker, Verleiher, Produzenten sowie Regie und Autoren. Der Verein wurde gegründet, weil man den Filmkredit massiv erhöhen wollte. Relativ rasch wurde dann die Idee einer verwaltungsunabhängigen Förderung – einer Filmstiftung – entwickelt. Aber es dauerte im politischen Prozess schliesslich 20 Jahre, bis es soweit war. So gesehen gehört der Verein zu unseren «Gründungseltern» und er kann auch zwei Sitze im Stiftungsrat besetzen. Die Filmstiftung ist aber eine vom Verein vollständig unabhängige Institution. Unsere wichtigsten Träger bzw. Geldgeber sind Stadt und Kanton Zürich, welche ebenfalls im Stiftungsrat vertreten sind.

Wie sind Sie zur ZFS gekommen?

Für den Posten des Geschäftsführers gab es umfangreiche Assessments. Ich vemute, drei Elemente führten zu meiner Wahl. Erstens bin ich von Haus aus Jurist, machte den Fürsprecher – das ist der Berner Titel für einen Anwalt mit einer Gerichtszulassung. Zweitens war ich über längere Zeit als Journalist tätig bei der Tageszeitung «Der Bund». Nachher arbeitete ich beim Strafsamtsgericht in Bern bis 1995 das Kinoprojekt Cinématte gestartet wurde, was dann wohl der dritte wichtige Punkt für meine spätere Wahl war. Dieses Reprisenkino mit Bistro an der Aare gibt es heute noch. Ursprünglich nur für das Administrative zuständig, übernahm ich immer mehr Verantwortung im Gastrobereich und später bei der Kinoprogrammation. Da stieg ich Schritt für Schritt ein. 1996 reiste ich zum ersten Mal an die Berlinale und war überwältigt. Dort ist dann der Virus Film definitiv auf mich übergesprungen.

Und was folgte dann?

Nach der Cinématte wurde ich Geschäftsleiter der Quinnie Kinos in Bern.

Das ist neben der kitag ag die grösste Kinobetreiberin in Bern.

Genau. Ich war auch noch in die Planung des Arthouse Kinos Bubenberg involviert.

Was hatte sie dazu bewogen, sich als Berner bei der Zürcher Filmstiftung zu bewerben?

Ich arbeitete damals für den Schweizerischen Verband der Journalisten. Mein Job hatte die geschwollene Bezeichnung «Zentralsekretär», aber eigentlich machte ich Rechtsberatung. Das war kurz bevor 2003 die grosse Abbauphase in der Medienland-schaft begann und der Verlegerverband unter der neuen Leitung von Hanspeter Lebrument den GAV spühlte. Darauf lockte mich wieder der Film und ich bewarb mich für die Filmstiftung. Mich interessierten vor allem die Fragen rund um den Aufbau einer neuen Institution. Offenbar konnte ich den Stiftungsrat mit meinen Ideen begeistern und zeite, dass ich der Richtige war für diese «Gründerzeit».

Die ZFS hat je eine Kommissionen aus fünf Mitgliedern für Fiktion und Non-Fiktion. Wie wird da entschieden?

Es gibt keine Doktrin, was gefördert werden soll. Aber die Kommissionen haben eine Praxis zur Projektbeurteilung entwickelt, um eine gewisse Kontinuität und Verlässlichkeit gewährleisten zu können. Wir arbeiten bewusst nicht mit dem Intendantensystem, wo eine Person alleine entscheidet. Wir achten darauf, dass in den Kommissionen die verschiedenen Bereiche wie Dramaturgie, Produktion, Regie oder Auswertung vertreten sind. Ganz wichtig ist auch der Blick von aussen. Deshalb haben wir immer zwei Mitglieder aus dem Ausland oder von ausserhalb der Region in den Kommissionen.

Wie lange bleiben die Mitglieder auf ihren Posten?

Im Gegensatz zur Kommission im Bundesamt für Kultur BAK sind sie auf zwei Jahre fix gewählt. Ein Kommissionsmitglied kann einmal wiedergewählt werden, aber nach vier Jahren ist spätestens Schluss. Sollte jemand ausnahmsweise verhindert sein an einer Session teilzunehmen, greifen wir auf unseren Pool von ehemaligen Mitgliedern zurück. Weil mir die Kontinuität in der Argumentation zu einzelnen Projekten sehr wichtig ist – auch bei einer Zweiteingabe, werden nicht alle vier Jahre alle Kommissionsmitglieder auf einmal ersetzt, sondern wir machen das gestaffelt.

Wie wird entschieden was förderwürdig ist?

Die beiden Kommissionen betreuen die gesamte Bandbreite von Projekten. Vom Spielfilm aus etablierten Produktionen bis zu Newcomern und Schulabgängern, das reicht von VITUS des renommierten Fredi Murer bis hin zum experimentellen Film PAUL BOWLES-THE CAGE DOOR IS ALWAYS OPEN von Daniel Young.

Und wie wird entschieden?

In einem ersten Schritt entscheidet jedes Mitglied für sich, ob es einem Projekt ein JA, NEIN oder UNENTSCHIEDEN geben will. Auf dieser Basis beginnt die Diskussion in den Sitzungen. Und zwar beginnt immer zuerst die Minderheit mit ihrer Einschätzung. Zuerst inhaltlich und dann produktionstechnisch. In der Diskussion werden die Argumente abgewogen. Weil solche Diskussionen immer eine gewisse Eigendynamik entwickeln können, machen wir am Ende nochmals einen Kontrollgang, ob wir an alles gedacht haben. Der Prozess ist zwar manchmal zeitaufwändig, hat aber den grossen Vorteil, dass am Ende alle Kommissionsmitglieder einen Entscheid tragen. Wir machen praktisch nie eine Abstimmung.

Wieviele Projekte können Sie überhaupt unterstützen?

Wir haben immer viel mehr Projekte auf dem Tisch als man fördern kann. Im Durchschnitt konnten wir seit Gründung etwas mehr als einem Drittel aller Projekte einen Herstellungsbeitrag zusprechen, rund zwei Drittel gingen leer aus. Bei der Höhe eines konkreten Förderbeitrags spielen dann sehr viele Faktoren mit. Wenn es sich um ein kleines Projekt handelt, das von einer grossen künstlerischen Qualität zeugt, gibt man vielleicht mal ein wenig mehr, als einem grösseren Projekt, das bereits gut finanziert ist, oder aber mehr Chancen hat, auch aus kommerziellen Mitteln etwa mit Sponsoren finanziert zu werden. Finanzierungspläne im einzelnen sind oft sehr komplex und die Beitragshöhe der Filmstiftung gibt oft Anlass zu hitzigen Diskussionen. Insbesondere natürlich, wenn wir einen Antrag kürzen.

Die Zürcher Filmstiftung konzentriert sich also nicht auf die Box Office Hoffnungen, wie es damals unter Nicolas Bideau, dem Ex-Chef der Abteilung Film beim BAK, propagiert wurde. KeineLokomotiven?

Ach, dieses Unwort. Ich dachte, wir hätten jetzt langsam alle Lokomotiven-Phantasien zurück in die Remisen geschoben und die Tore geschlossen. Nein, die Zürcher Filmstiftung versucht, in der unglaublichen Vielfalt den einzelnen Projektidee gerecht zu werden. So haben wir begonnen, die Idee des kohärenten Projekts zu entwickeln.

Das heisst?

Die Geschichte, die erzählt werden möchte, sollte inhaltlich, künstlerisch sowie produktionstechnisch zusammen passen, eben eine Kohärenz aufweisen. Die Vorstellungen zur Gestaltung und Umsetzung müssen mit der gewählten Produktionsstruktur zusammenpassen. Kalkulation, Optionen, Verträge und Deal-Memos müssen zu Treatment, Personenbeschreibung, Drehbuch und zum Potential passen. Immer wichtiger wird mit Blick auf das Publikum die Frage: Was macht das Projekt einzigartig und mit welchen Massnahmen können diese Herausstellungsmerkmale umgesetzt werden? Wie soll das beschriebene Zielpublikum erreicht werden? Dabei geht es überhaupt nicht darum, mit der Projekteingabe bereits für alles eine Lösung zu haben. Der Anspruch ist aber schon, dass aus dem Dossier hervorgeht, welches aus Sicht der Produktion und der Kreativen die heiklen oder noch offenen Probleme im Projekt sind und nachvollziehbare Lösungsstrategien formuliert werden.

Film ist keine exakte Wissenschaft, die Filmförderung hängt von subjektiven Einschätzungen ab. Da kann man auch mal irren.

Voilà. Es gibt keine Formeln oder verlässliche Parameter, ob ein Projekt zum Erfolg bestimmt ist oder nicht. Es gibt lediglich Hinweise, dank derer ein «Erfolg» wahrscheinlicher sein kann. Eine grosse Herausforderung für unsere Kommissionsmitglieder ist der Fakt, dass wir eigentlich aufgrund einer Momentaufnahme über die Förderwürdigkeit eines Projekts entscheiden müssen: Die Drehvorlage und der Finanzierungsplan. Und wir bewegen uns obendrein auch noch im falschen Medium.

Das heisst?

Wir lesen linear geschriebene Drehbücher, die lediglich einen Filmstoff repräsentieren. Wie will man im Papier beispielsweise eine dramaturgisch non-lineare Erzählstruktur darlegen? Wie soll die visuelle Umsetzung beschrieben werden? Das ist eine enorme Schwierigkeit. Oder wenn eine Geschichte mit verschiedenen Erzählelementen spielt. Eine Drehvorlage für einen Spielfilm ist etwas ganz anderes als für einen Animationsfilm oder ein Konzept für einen Dokumentarfilm. Wir versuchen eine möglichst klare Analyse eines Projektes zu machen. Was wollen die Antragsteller? Was ist ihr Fokus? Wofür «brennen» sie? Könnte die gewählte Umsetzungsabsicht für das geplante Projekt erfolgversprechend sein?

Wie wichtig ist etwa die Drehvorlage bei einem Animations- im Gegensatz zu einem Spielfilm?

Ein Drehbuch für einen Animationsfilm muss sehr exakt sein. Das Drehbuch muss die Umsetzung schon viel präziser vorgeben. Im Gegensatz zum Spielfilm können keinen Szenen mehrmals gedreht werden, um damit im Schneideraum dramaturgisch zu «spielen». Zudem prägen im Spielfilm die Schauspieler das Werk wesentlich mit. Wenn sich ein Künstler vom Spielfilm zum ersten Mal in ein anderes Genre wagt, treiben uns Fragen wie: Kann sie oder er sich selbst realistisch einschätzen und holt sich die notwendige Erfahrung von anderen Fachkräften? Es ist nicht immer einfach, die wahren Motivationen und Überzeugungen der Leute zu ihrem Projekt heraus zu spüren. Auf der anderen Seite dürfen wir aber auch nicht darauf reinfallen, wenn sie ihre Projekte schön reden.

AN DER PREMIERE SAGEN ALLE, WIE TOLL DER FILM IST. UND HINTER VOGEHALTENER HAND: DAS GEHT GAR NICHT.

Lassen Sie sich also nicht blenden von guten Produktionsschreibern?

Nein. Weil wir zu sechst sind in der Diskussion, ist die Chance gut, dass wir das erkennen. Aber es lässt sich nie ausschliessen, super guten «Verkäufern» auf den Leim zu gehen. Handkehrum kommt es natürlich auch vor, dass wir Leute unterschätzen, die sich nicht so gut verkaufen können.

Wie beurteilen sie reine Kommerz-Filme?

Ich verstehe jeden, der mal ein Projekt haben will, bei dem Kohle reinkommt und man sich nicht immer vom einen zum nächsten hangeln muss. Kommerz ist bei unserem kleinen Heimmarkt sowieso ein eher schwieriger Begriff. Aber sollte ein Film tatsächlich zu einem Box Office Knaller werden, müssen die Macher unser Fördergeld sowieso zurückbezahlen. In dieser Diskussion kommt eben das rückzahlbare Darlehen zum Tragen. Somit erübrigt sich die Frage, die wir früher stellen mussten: Ist ein Projekt förderwürdige hehre Kultur oder ist das förderunwürdiger Kommerz.

Wie geht es Ihnen wenn Sie sich irren?

Bezüglich Erfolg ist es sehr schwierig im Nachhinein zu beurteilen ob eine Gutheissung richtig war, obwohl der Film dann nur 1’000 Besucher ins Kino gelockt hat. Oder ob es richtig war, ein Projekt abzulehnen, das dann im Kino doch 40’000 Zuschauer macht. Es gibt andere Kriterien als das Box Office Resultat. Aber der Kassenerfolg ist halt am besten messbar und wirkt so wunderbar «objektiv». Bei den künstlerischen Qualitäten ist die Argumentation viel anspruchsvoller. Manchmal habe ich den Eindruck, uns fehlt heute allen etwas das Vokabular, um nicht-messbare Qualitäten benennen zu können. Wir bewegen uns auf einem Gebiet der philosophischen Debatte, welche hohe intellektuelle Redlichkeit fordert. Jede Etikettierung «künstlerisch wertvoll» ist zunächst mal nur eine Behauptung, welche dann argumentativ unterlegt und gefestigt werden muss. Ich wünschte mir mehr solche inhaltlichen Diskussionen.

Die Schweizer Filmbranche ist sehr klein und überschaubar. Setzt man sich da als Förderkommission nicht Angriffen aus?

Grundsätzlich gilt, wie man’s macht, macht man’s lätz. Absagen gehen immer mit einer gewissen Kränkung einher. Die Antragsteller sind ja überzeugt von ihrem Projekt. Aus ihrer Wahrnehmung kommen da fünf Nasen, die nicht so toll finden, was sie selber toll finden, und die entscheiden dann darüber, ob es Geld gibt oder nicht. Diese Subjektivität ist ein Dilemma, das sich nicht lösen lässt. Damit kann man nur mit einer möglichst offenen und transparenten Kommunikation zu leben versuchen.

Finden sie den Schweizer Film qualitativ zufriedenstellend?

Die Qualität der Dossiers sowie die Produktionsstrukturen haben sich in den letzten Jahren enorm verbessert. Wer heute mit dem gleichen professionellen Ansatz kommt, mit dem man 2005 noch Förderung bekam, hat heute keine Chance mehr. . Inhaltlich, beim Drehbuch und der Umsetzung ist das immer noch so eine Sache. Wir haben in der Schweiz leider keinen Mechanismus, in dem die weniger Fähigen mit der Zeit aus der Filmproduktion rausfaulen würden. Ich habe den Eindruck, dass alle, die früher oder später den Einstieg in die Branche gefunden haben, bleiben können. Sie halten sich mit anderen Jobs über Wasser, können auch nicht davon leben. Sie sind aber nach wie vor überzeugt, sie könnten etwas – nur hat’s nie jemand gemerkt. Und je länger diese Phase geht, in der es niemand merkt, umso schwerer wird es.

Warum haben wir nicht mehr gute Stoffe?

Die Krux ist eben – hier gebe ich den Eindruck unserer Kommissionen wieder- dass es sehr viele spannende und sehr gute Ideen mit grossem Potential gibt. Aber danach bleiben die Ideen bei der weiteren Drehbuchentwicklung auf halber Strecke liegen. Ich denke, da kommen verschiedene Faktoren zusammen. Der Beruf des Drehbuchautoren ist noch zu wenig als eigenständige Berufsgattung wahrgenommen. Wir haben noch sehr viele Autorenfilmer, was nicht per se schlecht ist. Aber meistens ist jemand entweder als Autor oder in der Regie stärker und selten in beiden Bereichen gleich gut. Und sich in dem Bereich, in dem man schwächer ist, einen starken Partner an Bord zu holen, scheint hierzulande ein psychologisch ausserordentlich schwieriger Akt zu sein. Kritisch ist auch anzumerken, dass wohl auch vielen Produzenten das Knowhow fehlt, in der Stoff- und Projektentwicklung der strenge, kritisch Sparring-Partner zu sein, der inhaltlich kämpft und hartnäckig das Optimum einfordert. Da wären wir wieder bei unserer Schweizerischen Streitkultur…

Aber auch bei der Arbeitsteilung kommen nicht zwingend besseren Geschichten raus?

Die Bücher sind oft zu brav. Angelegte Konflikte in einem Drehbuch werden nicht bis zum bitteren Ende entwickelt, sondern man löst sie relativ schnell auf und geht zum nächsten. Oder man vermeidet sie von Anfang an. Wir hatten beispielsweise verschiedene Projekte in den letzten drei Jahren, die sich mit dem Thema Exit auseinandersetzten. Eigentlich ein wahnsinniges Thema von gesellschaftlicher Relevanz: Selbstbestimmung und Tod. Aber jedes dieser Projekte hatte lustigerweise ein Ende, bei dem der Protagonist durch die Hintertür entlassen wird und durch eine überraschende Wendung eines natürlichen Todes stirbt. Damit entzieht sich der Autor der ethischen und moralischen Frage des Freitods. Im Stil von: zum Glück ist er noch unters Auto gekommen oder hat einen Herzinfarkt erlitten. Die Figuren kamen nie bis zum Punkt an dem sie sich wirklich entscheiden mussten: Mach ich es jetzt wirklich oder nicht?

Verschonen denn die Schweizer Drehbücher ihre Figuren?

So wie wir uns selbst vor einer harten Diskussion verschonen, verschonen wir auch unsere Filmcharaktere. Das scheint in der Schweizer Mentalität zu stecken und ist wohl nur schwierig zu ändern. Lustigerweise sind die in den Projekten genannten Referenzfilme immer viel konsequenter und viel radikaler. Eine Zeit lang wurde oft auf das britische oder belgische Kino Bezug genommen. Die Schweizer Stoffentwicklung sieht, wohin sie eigentlich will. Schafft es aber irgendwie kaum je, dorthin zu gelangen. Da stellt sich die Frage, welche Anreize müsste eine Förderung schaffen, damit die Leute den Mut entwickeln, an diesen Punkt zu gelangen.

Warum gibt das Reglement der ZFS einem Autoren bereits in einer sehr frühen Stufe vor, eine dramaturgische Zusammenarbeit einzugehen?

Wir haben drei Förderstufen: Autorenförderung, Treatmentförderung und als dritte Stufe schliesslich die Herstellungsförderung. Bei der Autorenförderung geht es darum, dass ein Autor arbeiten und sich mit dem Stoff auseinandersetzen kann. Die Förderung gibt es allerdings nur dann, wenn der Autor mit einem Partner, also einem Koautoren oder Dramaturgen zusammen arbeitet.

Was versprechen Sie sich von der gemeinsamen Arbeit?

Dass ein Autor nicht in seinem Kämmerlein allein mit dem Stoff gefangen bleibt. Die Idee knüpft am vorher Ggesagten an: Der Autor soll die Möglichkeit erhalten, mit jemand anderen um den Kern eines Stoffes zu kämpfen. Und so das Optimum aus einem Stoff zu holen. Das wird im Reglement aber bewusst offen formuliert, weil es zentral ist, dass sich die Leute selbst suchen und finden. Es muss sich ein Vertrauen zwischen ihnen entwickeln, innerhalb dessen man auch hart miteinander sein kann. Dieser Sparringpartner muss natürlich ein bestimmtes Know-how mit sich bringt für das Genre, mit dem der Autor arbeiten will.

Und Leute, die lieber und besser für sich alleine arbeiten?

Selbstverständlich darf auch jeder für sich „brösmelen“. Für solche Arbeitskonzepte gibt es von uns aber kein Geld. Film ist Teamarbeit. Früher oder später muss man sich eh mit einem Regisseur oder einem Geldgeber auseinandersetzen, der das Buch vielleicht nicht nur toll findet. Wer diese Teamarbeit nicht kann oder will, sollte sich eventuell überlegen, in die Literatur zu wechseln.

Die Schweizer Filmbranche ist aber nicht dafür bekannt einen direkten offenen Umgangston zu pflegen. Wie erleben Sie das?

Das ist eine zusätzliche Schwierigkeit. In der Schweiz und insbesondere in der Filmbranche sind wir uns eine direkte, offene Kritik nicht gewohnt. Wir fassen uns immer ein wenig mit Samthandschuhen an. Im Berndeutschen sagen wir salopp: „Mir rede üs dr Arsch schön.“ Das merkt man überall. Beispielsweise kommt man aus einer Premiere, und alle sagen vorne herum wie toll sie den Film fanden. Später hinter vorgehaltener Hand hört man dann: Hast du gemerkt, da beim zweiten Akt, geht dies oder jenes dann gar nicht. Aber man würde das ja nie der Regisseurin oder dem Produzenten direkt sagen.

Was antworten sie auf das Raunen in der Branche, die Schweiz betreibe keine Filmförderungs- sondern eine Filmverhinderungspolitik?

Das ist ein wohlfeiles, billiges Schlagwort von frustrierten Leuten, deren Projekt abgelehnt wurde. Dieser Vorwurf ist schlicht nicht belegbar. Etwas unter 40Prozent bekommen eine Förderung in irgendwelcher Form. Das ist ein ziemlich hohe Quote. Im Ausland liegt die Quote meistens zwischen 25 bis 30 Prozent.

Was sagen sie zur Abwanderung von Schweizer Kreativen ins Ausland, während sie nach wie vor an Projekten beteiligt sind, die aus Schweizer Mitteln finanziert sind?

Dieses Problem hat jede Regionalförderung, dass die Mittel in der Region bleiben müssen und die lokalen Leute unterstützt werden müssen. Diese Diskussion ist überall in Europa dieselbe. Eigentlich ist es gut, wenn die Leute rausgehen. Das kann auch befruchtend sein, und man sollte es nicht verhindern. Wir dachten schon, es wäre eigentlich super, wenn wir eine Dependance in Berlin auftun könnten. Dann hätten wir weniger weit für die Antragsteller. Aber im Ernst: man muss den Regionalbezug irgendwie festmachen. Die ZFS hat dafür den Wohnsitz gewählt. Wenn jemand Wochenaufenthalter in Berlin ist, aber immer noch steuerpflichtig in Zürich, dann ist das für die Stoffentwicklung für uns noch OK. Wenn es dann aber Richtung Herstellung geht, muss ein solcher Autor mit einem Schweizer Produzenten zusammen arbeiten, der auch in Zürich antragsberechtigt ist. Früher gab es noch Regionale Förderungen, die sich über den Heimatort definierten. Das hat dann zu absurden Situationen geführt. Aargauer, die in Zürich lebten, konnten an beiden Töpfen abgreifen, und der blöde Zürcher, der preisgünstig an der Grenze zwischen dem Kt. Zürich und dem Aargau wohnte, konnte nirgends beantragen. In den meisten Kantonen ist das inzwischen über den Erstwohnsitz geregelt.

KREATIVE BEREICHE WIE DIE FILMPRODUKTION MÜSSEN AUCH FÜR «QUEREINSTEIGER» OFFEN GEHALTEN WERDEN

Die Filmbranche ist mehr und mehr verschult. Jährlich absolvieren über 100 neue Leute eine Filmhochschule. Wie gross sind die Chancen für fähige Leute ohne Diplome?

Kreative Bereiche wie die Filmproduktion müssen auch für «Quereinsteiger» offen gehalten werden. Nachwuchs hört bei uns nicht bei 35 Jahren auf. Andererseits haben wir die Tendenz, dass das Filmbusiness mehr und mehr verschult wird. Eine Filmschule garantiert vielleicht ein solides Handwerk, aber nicht unbedingt einen guten Regisseuren oder Autoren.

Eine Vita zu betrachten ist auch praktisch, um sich einer Diskussion zu entziehen. Wir bewegen uns in einem Metier, in dem immer subjektive Urteile massgeblich sind, und die müssen wir versuchen argumentativ zu belegen. Und je länger je mehr habe ich den Eindruck, dass wir die Fähigkeit in einem argumentativen Diskurs etwas zu lösen, verlernen. Tendenziell soll alles an objektiven oder vermeintlich objektiven Kriterien festgemacht werden. So muss man anschliessend nicht für einen falschen Entscheid gerade stehen – alles war «objektiv begründbar» und «alternativlos». Wenn man jemanden mit ganz vielen Diplomen fördert, ist die Verantwortung «delegiert»: Der hatte doch so eine tolle Vita. Wie sollte man da ahnen, dass er eine Niete ist? Aber zurück zur Frage: Für Quereinsteiger ist ein gelungener Kurzfilm sicherlich die beste Visitenkarte. Was sicherlich nicht geht: Als Newcommer out of the blue mit einem 5 Millionen Projekt bei uns anzuklopfen.

Seit kurzem hat das Bundesamt für Kultur eine neue Direktorin:Isabelle Chassot. Was wünschen Sie sich von ihr?

Ich erhoffe mir von ihr, dass sie in allen Kulturbereichen und natürlich auch im Film in der Lage sein wird, zwischen den verschiedenen Interessenslagen zu unterscheiden, die Gruppierungen anzuhören und dann die Interessen der Förderung zu vertreten.

Die wären?

Dass die Förderung unabhängig sein mus: von der Politik und der Verwaltung, vonden Interessenverbänden und Lobbisten. Und dass Kontinuität gegeben ist. Nur so können sich Verlässlichkeit und ein Diskussionstandard entwickeln. Auf jede kleine Kritik gleich mit einer Änderung oder Anpassung zu reagieren, erachte ich als falsch.

Cine-Regio ist der Zusammenschluss der Europäischen Regionalförderungen. Was bringt es der ZFS dort dabei zu sein?

Cine-Regio hat zwei Aufgaben: Lobbying auf europäischer Ebene. Da war sie eben gerade erfolgreich im Zusammenhang mit dem Verhandlungsmandat über ein Freihandelsabkommen zwischen den USA und Europa. Dank dem Druck der Belgier und Franzosen und ihrem Beharren auf der «exception culturelle» konnte der audiovisuelle Bereich von den Verhandlungen über ein Freihan-delsabkommen ausgeklammert werden. Ein Verhandlungsmandat hätte die Filmförderung in ihrer heutigen Form in Frage gestellt.

Weil die Amerikaner eine Filmförderung wie wir sie in Europa haben nicht kennen, und sie Filmförderung als wirtschaftliche Subvention verstehen.

Für die Filmstiftung ist Cine-Regio aber auch ein wichtiges Netzwerk, um Schweizer Produzenten die Teilnahme an Koproduktionstreffen zu ermöglichen und Zürich als Filmregion ins Gespräch zu bringen.

Wie hoch schätzen sie die Chancen, dass der Filmkredit wie gefordert von 10 Mio auf 40 Mio erhöht wird?

Die «Forderung» des Vereins Zürich für den Film kann ich nicht einschätzen. Die grundsätzliche Notwendigkeit, eine Erhöhung des Filmkredits in die politische Debatte einzubringen ergibt sich aus der Entwicklung der letzten Jahre. Innerhalb der Filmstiftung sind wir aber auch überzeugt davon, dass eine Erhöhung des Förderkredits gemeinsam und mit einer klugen Argumentation angegangen werden muss. Zuerst braucht es eine Bedarfsanalyse und daraus lässt sich dann ein konkreter Antrag ableiten. Die Filmbranche muss sich bewusst sein, dass sie aus Sicht der Politik nicht die einzigen sind. Forderungen nach mehr Geld kommen aus allen Bereichen mit durchaus nachvollziehbaren Argumenten. Aktuell kann jemandem nur mehr geben werden, was an einem anderen Ort weggenommen wird. Da ist eine seriöse und kohärente Argumentation zentral.

Die Verlagerung der Genres und Kanäle ist das ein Thema?

Die Entwicklungen im Bereich Crossmedia stellen uns vor neue Fragen. Alles beginnt miteinander zu verschmelzen, nicht nur in der Auswertung, sondern schon in der Art wie eine Geschichte erzählt wird. Die Videogamekultur hat sich zum Beispiel in eine Richtung entwickelt, die auch für Autoren interessant wird. In diesem Zusammenhang wurde uns aber auch bewusst, dass wir neues Knowhow in der Projektbeurteilung aufbauen und uns Gedanken zu neuen Förderformen machen müssen. Das konkret von der Filmstiftung geförderte Projekt «Everyday Rebellion» zeigt sehr eindrücklich, in welche Richtung es gehen kann. Nämlich einen Dokumentarfilm noch von einem interaktiven Webtool begleiten zu lassen.

Da geht es um die Macht des gewaltlosen Widerstands und neue Formen des zivilen Ungehorsams in einer Zeit des globalen Umbruchs. Wichtige Arbeiten. Das braucht mehr Geld?

Es werden mehr Projekte gemacht, die auch produktionell auf einem höheren Niveau angesiedelt sind. Für einen durchschnittlichen Spielfilm können bisher zwischen 2 und 2.5 Millionen Franken aus Schweizer Fördergeldern finanziert werden. Bei allem darüber erreicht man schnell die Grenze. Im europäischen Vergleich sind das sehr bescheidene Budgets. Wenn man mehr Geld an einzelne Projekte geben will, dann fehlt es bei anderen. Und dann sind wir wieder beim Thema der reinen Spitzenförderung, was wir auch nicht wollen. Sie sehen, es gibt ganz viele Argumente, warum der Filmkredit erhöht werden sollte. Und jetzt müssen wir daran arbeiten, wie wir das hinkriegen können.

Der Westnetz Rainstyle Check

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Artikel erschien am 2. Juli 2013 bei Westnetz.ch

Für alle Regenfälle gerüstet

Der Sommer ist inzwischen wieder eingekehrt. Freut euch, liebe Leserschaft, über jeden gegönnten Sonnenstrahl! Denn erfahrungsgemäss dauert ein Zwischenhoch dieses Jahr nie länger als drei Tage. Besonders die Sonnenstunden an Wochenenden kann man an einer Hand abzählen. Als selbsternannte Stilikonen, fühlen wir, Eric und Valerie, uns verpflichtet, Weitsicht walten zu lassen. Eins steht fest: Der Regen kommt wieder! Wir wollen euch aber nicht die Laune verderben, sondern euch wappnen. Wir haben uns beim letzten grossen Regen vor die Tür gewagt und Ausschau nach wetterfester Gutelaune Mode gehalten. Ein Hoch auf die muntersten Regen Accessoires des Sommers 2013.

BARBARA GIBT GUMMI

Als Regisseurin beim Schweizer Farbfernsehen war Barbara für die jüngste Papstwahl in Rom. Der neue Papst Franziskus, mit bürgerlichem Namen Jorge Mario Bergoglio aus Buenos Aries konnte nicht wie geplant rote Schuhe tragen. Sie waren ihm zu klein. Dann sollte, dachte Barbara, wenigstens jemand in Rom zur Feier rote Schuhe tragen. Und sie schloff in ihre modischen Gummiboots. Und so schwitzte sie stundenlang im Regiewagen, nur damit jemand rote Schuhe bei der Ordination trägt. Gekauft hatte Barbara die exklusiven Stiefel in Florida; nicht unbedingt die Ecke für Gummistiefel. Kreiert hat sie aber die New Yorker Designerin Kate Spade.

DIE BAZ LÄSST SIE NICHT IM REGEN STEHEN

Caroline und Joelle

Er hat den Look eines Werbegeschenks, wurde aber in für Bares ergattert: der Regenschirm aus dem Hause Basler Zeitung. Caroline hat das Design angesprochen: sieht witzig aus mit seinen applizierten Markenschriftzügen. Jedenfalls sind die beiden Baslerinnen Caroline und Joelle dank BaZ Schirm trockenen Hauptes bei ihrem Einkaufsbummel in Zürich West unterwegs. Vielleicht versucht so der Verlag die sinkenden Abonnentenzahlen mit Merchandising Wett zu machen. Wir von Westnetz sind mehr Fan von Sonnenschirmen aus dem Hause WoZ, Surprise oder TeleZüri.

EINE WAHRE RITTERIN KENNT KEINE WETTERFÜHLIGKEIT

Lo kennt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung. Sie mag sie es auch einmal praktisch. Ihr Regen Outfit stammt nicht von schicken urbanen Boutiquen, sondern aus dem Agrar-Outdoorfachgeschäft Landi. Der Reithut ist nicht nur ein Schnäppli für nasskalte Tage, er bringt ausserdem die blonden Haare jeder Regenelfe erst richtig zum Glänzen. Zugegeben die selbsternannte Stilikone Valerie kannte diesen Geheimtipp nicht und assoziierte den schicken Reiterhut mit der Schweizer Landesausstellung von anno domini 1939.

DIE ANALYSTEN PFEIFEN AUF WIND UND WETTER

Leandro und Jean

Die beiden Maturanden Leandro und Sean machen für ihre Maturarbeit eine Untersuchung der Viaduktbögen. Mit einem Evaluationsbogen ausgerüstet befragen sie die Bevölkerung nach deren Zufriedenheit mit dem Angebot – an einem schulfreien Samstag; wohlbemerkt bei jedem Wetter. Dafür haben sie ihre geliebten Sportjacken. Jean griff dennoch etwas optimistisch in den Kleiderschrank. Seine Frühlingsjacke von Nike ist zwar windfest aber gar nicht wasserdicht. Dich es ist eben seine Lieblingsjacke seit über drei Jahren. Die selbsternannten Stilikonen Eric und Valerie haben dafür vollstes Verständnis: Aussehen kommt vor Komfort. Leandros rote Addidas Jacke ist hingegen nicht nur sehr schick, sondern auch extra Wasser abweisend und erst noch ein Schnäppchen. Der Teenager ergatterte sie zum halben Preis im Addidas Store.

Westnetz Natur mit René Blumer

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Artikel erschien am 14. Juni 2013 bei Westnetz.ch

Auf den Spuren des Hartschalenzwitters

Im letzten Jahrhundert brachte der gemeine Fernseher das Weltgeschehen ins Wohnzimmer, heute bricht er zwecks Nahrungssuche in die Stuben der Bürger ein. Was einmal unbeschreiblich neu war, ist heute fast vergessen. Wir folgen den Spuren des medialen Vorfahren im digitalen Zeitalter.

Westnetz Natur mit René Blumer Video

Lies dieses Buch nicht, gebrauche es!

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Artikel erschien am 10. Mai 2013bei Westnetz.ch

Ein Handbuch für den grünen Alltag

Greenpeace Schweiz gibt ein Handbuch heraus mit Ratschlägen für ein grüneres Leben. Matthias Wyssmann, Leiter der Organisationskommunikation über Solarstrom in Zürich-West, moderner Ablasshandel und die Vielfliegerei.

Es gibt Bücher, die liest man von Seite eins bis zu Ende, um es dann ins Regal zu den anderen verstaubten Büchern zu stellen. Und es gibt Bücher, die man immer wieder zur Hand nimmt, wenn man Rat, Inspiration, oder Trost sucht: Etwa Wolf Wondratscheks Liebesgedichte oder das Schweizer Schul-Kochbuch Tiptopf. Neu können wir unsere Bibliothek für den Alltag mit einem Rezeptbuch von Greenpeace bereichern. „Dieses Buch sollst du zu den Kochbüchern stellen“, schreibt Herausgeber Matthias Wyssmann. „Lies dieses Buch nicht. Gebrauche es.“ Die Menschheit steckt in einer Sackgasse. Ihr Lenker, der grenzenlose Konsum, findet alleine nicht mehr hinaus. Das wissen die meisten. Wenige aber handeln danach, weil man glaubt, auf gewohnten Komfort nicht verzichten zu können. Nun will Greenpeace uns mit einem Handbuch auf unserem Weg zu einem umweltverträglichen Leben unterstützen zu mehr Eigenverantwortung und Kreativität unterstützen. Das muss nicht zwingend mit Verzicht einhergehen. Sondern kann sogar Spass machen. Mit Aufsätzen von Gastautoren angereichert, soll uns das Buch die Angst vor dem grossen Verzicht zu Gunsten der Umwelt nehmen. Ein grünes Leben lohnt sich. Dafür plädieren Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger, Ex-Cabaret Voltaire-Kurator Philipp Meier, Daniel Freitag oder Soziologie Professor Ueli Mäder.

Meine drei Lieblingstipps:

1 Wurmkomposter auf dem Balkon

Ich brauche keinen Garten, um Bioabfälle zu kompostieren. Ich kann mir einen Kompost auf dem Balkon anlegen, einen sogenannten Wurmkomposter. Oder aber einen Bokashi-Eimer in die Wohnung stellen. Damit reduziere ich die Abfallmenge, die dann in die Kehrrichtverbrennung gefugt wird.

Zitronen werden zu Erde, sofern Mensch sie lässt

2 Viel Mode für wenig Geld

Lohnt sich nicht. Unsere Geiz-ist-geil-Mentalität verursacht in anderen Ländern grosses Leid. Unlängst war der Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch Auslöser für mediale Weckrufe. Als Sweatshops bezeichnet die kalifornische Organisation Sweatshop Watch Ausbeutungsbetriebe, an denen die Grundrechte von Arbeitnehmern missachtet werden. Das gilt auch für weniger preisgünstige Labels. Unlängst stellte sich heraus, dass Benetton in jener eingestürzten Fabrik in Bangladesch produzieren liess. Es gibt in der Textilbranche leider kein Zertifizierungssystem, aber man kann jene unterstützen, die für faire Bedingungen in den Produktionsländern kämpfen. Prominentes Beispiel: Die Etwicklungshilfeorganisation Erklärung von Bern.

selbst gestrickt von meiner Mama

3 Kafiplausch

Ich liebe Kaffee über alle Massen. Ein Prozent des gesamtschweizerischen Stromverbrauchs fliesst in Kaffeemaschinen. Wenn ich die Maschine nicht brauche, sollte ich sie ausschalten. Jährlich kostet der Stand-by-Modus von vollautomatischen Kaffeemaschinen die Schweizer Haushalte 60 Millionen Franken. Warum also nicht einfach eine kleine Espresso Kanne benutzen, die erst noch besseren Kaffee brüht als die vollautomatischen Geräte?

Kommunikationsgerät mit Nebenprodukt Kaffee

Das Buch wird von einer Webseite www. thoreau.ch begleitet, die stetig aktualisiert wird, um der Wirklichkeit nicht hinterherzuhinken:

hubertusdesign.ch

applausverlag.ch

 

Spargeln auf der Josefwiese

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Artikel erschien am 25. April 2013 bei Westnetz.ch

Zürich essbar mit SP Gemeinderätin Simone Brander

Die Zukunft der Menschheit ist urban, und Land wird längerfristig knapp. Also muss man sich aus aus der Stadtumgebung ernähren können. So hält auch in Zürich der Trend des Urban Farming Einzug. Jetzt fordert Gemeinderätin Simone Brander die essbare Stadt.

Statt Tulpen könnten eigentlich Spargeln auf der Josefwiese wachsen. Und anstelle der langweiligen Buchshecken könnten Brombeerstauden die Wiese einzäunen. Das ist nur eine von vielen konkreten Möglichkeiten, inmitten urbaner Betriebsamkeit Selbstversorgung zu pflegen. Eine „essbare Stadt Zürich“ fordert SP-Gemeinderätin und Umweltfachfrau Simone Brander. Und siehe da, ihr Postulat wird im Zuge der Budgetdebatten im Dezember 2012 von der Stadt gutgeheissen. Brander wünscht sich, öffentliche Grünflächen nicht mehr nur mit Zierpflanzen, sondern mit Gemüse und Obst zu bepflanzen. Herr und Frau Zürcher sollen gleich selbst zum Spaten greifen und dann die Früchte ihrer Arbeit ernten.

Primeli oder Krauskohl, das ist hier die Frage

Was in New York, Barcelona oder Berlin möglich ist, sollte ja in Zürich auch machbar sein. Die Stadt begrünt die Wechselflor-Rabatten schon seit Jahren mit verschiedenen thematischen Konzepten. Für 2014 hat Grün Stadt Zürich ein Bepflanzungskonzept mit Namen „Kraut und Rüben“ entwickelt. Dieses Konzept nimmt die seit längerem aktuelle Thematik der „essbaren Stadt“ beziehungsweise des „Urban Farming“ auf. Entgegen der Meldung in der NZZ am Sonntag steht dieses das Konzept in keinem direkten Zusammenhang mit dem Postulat von Simone Brander. Das Blatt behauptete, die Stadt Zürich sehe vor, Nutzpflanzen zum Verzehr in Blumenbeeten und an Tramendstationen anzupflanzen. „Völlig falsch“ sagt Axel Fischer von Grün Stadt Zürich, „unser Zierkohl, Krautstiel, Randen und Lauch in den Wechselflor-Rabatten sind zwar im botanischen Sinn Gemüse und grundsätzlich essbar, auf keinen Fall aber für den Verzehr gedacht. Die NZZ am Sonntag hat hier einen komplett falschen Zusammenhang geschaffen“, so Fischer. „Die Stadtverwaltung beabsichtigt nicht eine „zweite Anbauschlacht“ auf den Wechselflor-Rabatten zu propagieren. Dafür gibt es besser geeignete Flächen wie in Zwischennutzungen, Schulgärten und Obstanlagen.“ Unmittelbar neben stark befahrenen Strassen Nutzpflanzen zu kultivieren, macht tatsächlich wenig Sinn, und an Tramgeleisen sollten Herr und Frau Zürcher auch besser nicht während der Ernte vom Tram überfahren werden.

Simone Brander hat nie mit Grün Stadt Zürich direkt gesprochen, schon deswegen nicht, weil es eine politische Abmachung gibt, die Gemeinderäten untersagt, direkt mit der Stadtverwaltung über ihre politischen Motionen zu reden. Ihre Vision der „essbaren Stadt“ beschränkt sich nicht auf Strassenränder und Tramendstationen. Aber wo im Zürcher Kreis 5 könnte sie sich eine landwirtschaftliche Nutzung vorstellen? „Ich will ja nicht gerade von Agrarwirtschaft reden“, sagt sie lachend. „Es geht ja nicht darum die Josefwiese in einen Kartoffelacker umzufunktionieren, aber es wäre doch super, wenn am Wiesenrand ein Streifen Gemüse wäre. Das stört nicht mal beim Fussballspielen. Die Buchshecken könnte man gut durch Brombeerstauden ersetzen, die sehen genauso schön aus – nachdem die Beeren gepflückt worden sind.“ Die Bevölkerung soll noch stärker in die Diskussion über die Gestaltung des öffentlichen Raums miteinbezogen werden. „Urban farming“ ist eine Möglichkeit“, sagt Brander. „Ich schätze das Fachwissen von Grün Stadt Zürich und habe Verständnis, wenn sie sich vor den Kopf gestossen fühlen, wenn man ihre Arbeit nicht schätzt. Sie haben einen klaren Auftrag, dass der Unterhalt kostenbewusst und unkompliziert sein muss. Solange aber Zürich so hohe Ansprüche an Sauberkeit hat, sind Kirschbäume wohl utopisch. Aber Kostenoptimierung beim Unterhalt darf doch nicht die einzige Überlegung sein, führt Brander weiter aus.

Kopfsalat im Hinterhof?

Die Lust an einer Gartenstadt

Die essbare Stadt gibt es schon länger, der Ursprung des Trends wird einmal mehr New York zugesprochen. Dort – entsprechend der Architektur – betreibt man inzwischen bereits „Vertical Farming“. Und in Zürich-West wird auch bereits wacker gegärtnert. Und zwar im Zuge von Zwischennutzungen. Das Projekt Stadiongarten in der Stadionbrache ist bei der Anwohnerschaft auf reges Interesse gestossen. Vertikal Farming am Primetower ist aber wohl eher nicht so realistisch. Urban Farming als Lifestyle hat sich das auf fünf Jahre terminierte Zwischennutzungs-Projekt Frau Gerolds Garten auf die Fahnen geschrieben. Die Köche des Restaurants bauen das Gemüse, die Früchte und Kräuter für den Zmittag und Znacht gleich selbst an. Dabei soll ein Park inmitten des ehemaligen Industriequartiers entstehen. In solchen Projekten sieht auch Zürich Tourismus Potential. „Zürich-West spielt eine grosse Rolle für uns“, sagt Zürich Tourismus Direktor Martin Sturzenegger. „Urban Farming“ passe sehr gut in dieses Trendquartier. Wo die Stadt mit Lifestyle. Angebot und Nachtleben lockt, erwartet man als Tourist nicht unbedingt Gemüsebeete und Beerenstauden. Der Überraschungseffekt sei hier einfach viel grösser als zum Beispiel am Bürkliplatz, wo die Natur ohnehin sehr präsent sei. In einen direkten Zusammenhang mit Branders Postulat möchte Tourismus Zürich aber ja nicht gestellt werden.

Dattelhain im Ödland Turbinenplatz?

Teure Design Läden

Ist Zürich-West bereit für den Stadtgarten? „Urban gardening funktioniert dort, wo es eine soziale Durchmischung gibt“, sagt Simone Brander, „denn es handelt sich um eine Bewegung von unten.“ Ob das in Zürich-West Zukunft hat, darüber wagt die Umweltfachfrau nicht zu spekulieren. Bisher geschieht Stadt-Agrikultur auf Vereinsebene. Mit der „essbaren Stadt“ jedenfalls könnte man einen globalen Trend institutionalisieren. Das ist möglich. Das schmucke Andernach, die erste «essbare Stadt» Deutschlands in Rheinland-Pfalz, war Auslöser für Simone Branders Forderung an die Stadt Zürich, auch hier Zucchetti und Spargeln Primeli vorzuziehen. Die Stadt Andernach wendet heute für die Pflege der ehemaligen Blumenbeete nur noch einen Zehntel der Kosten auf. Grün Stadt Zürich bepflanzt die Blumenrabatten heute dreimal pro Jahr neu. Würden die Blumenbeete nur noch zweimal pro Jahr mit Nutzpflanzen bepflanzt, liessen sich sicher Kosten sparen.

Schaut man sich in Zürich-West genauer um, entdeckt man einige Flecken, die man durchaus mit Gemüse bepflanzen könnte. Nicht nur auf der Josefwiese, in der Stadionbrache, sondern auch auf dem Turbinenplatz beim Puls 5, oder auch auf Privatgrund, wie an der Josefstrasse gleich bei den Viaduktbögen. Auf dem Vorplatz wurde ein Gartenarchitekt beauftragt ihn zu gestalten. Mit dem Resultat ist Hausabwart Benjamin Zuber weniger glücklich. „Mir wäre alles lieber als das da, warum nicht Gemüse? Das wäre doch schön für die Kinder, wenn sie miterleben könnten, wie das wächst.“

Bedenken, der Schadstoffgehalt im Gemüse aus der Stadt sei gesundheitsgefährdend räumt Brander aus: „Es wird ja niemand gezwungen, das Gemüse zu essen. Zudem sind Böden ausserhalb der Stadt nicht zwingend frei von Schadstoffen. In vielen Gegenden nahe von Autobahnen ist der Gehalt an Rückständen von Schwermetall nicht weniger hoch als hier in der Stadt. Ein Souvenir aus Zeiten vor dem bleifrei betriebenen Benzinmotor. Und das essen die Leute dann bedenkenlos. Das gilt auch für Gemüse aus ihren Schrebergärten und Balkontöpfen“.

Benjamin Zuber: Alles lieber als Ziergras

Zusammen im Garten Eden

In ihrem Postulat zur essbaren Stadt geht es der Gemeinderätin nicht um eine zweite Anbauschlacht. Und es geht ihr auch nicht bloss um Bio Diversität oder darum das ökologische Bewusstsein zu schärfen und grosse Transportwege zu vermeiden. Brander gehört zu jener Generation um die dreissig, die neue Formen der Solidarität ausprobieren wollen. Es ist eine Tatsache, dass es viele Leute in Zürich gibt, die den öffentlichen Raum gemeinsam neu verhandeln wollen. Und nicht nur ihren Schrebergarten oder ihr zu Hause. Das führt auch zu einem verstärkten Verantwortungsgefühl für den öffentlichen Raum. „Es braucht diese Diskussion, wie wollen wir als Bürgerinnen und Bürger unseren öffentlichen Raum gestalten? Die Beschilderung „Rasen betreten verboten“ wurde in den 70er Jahren entfernt. Seither ist viel passiert. Der nächste Schritt in diesem Prozess, die Gemeinschaft darf den Rasen nicht nur betreten, sondern mitbestimmen, wie er gestaltet werden soll.“ Dass diesem Volksbegehren Grenzen gesetzt sind, liegt auf der Hand. Auf die Frage, ob es nicht möglich sei, die Bevölkerung mitbestimmen zulassen, welche Pflanzen sie in öffentlichen Grünflächen haben wollen, sagt Axel Fischer von Grün Stadt Zürich: „Die Antwort ist einfach. Man kann es nicht allen Recht machen. Der Planungsprozess der Bepflanzung wäre unendlich.“

Graffitti und Gurken

Besteht uns ein Paradigmenwechsel bevor und sind wir auf dem Weg das einstige Guerilla Gardeding salonfähig zu machen? Bisher hat Grün Stadt Zürich die Kürbisse des stadtbekannten Guerilla Gärtners Maurice Maggi ausgerissen. Dies könnte sich ändern, wenn ein Umdenken in der breiten Bevölkerung stattfindet. Davon ist auch Brander überzeugt. „Ich hoffe, dass Zürich das anders sieht. Dieses Jahr hat die Stadt ja zumindest Blumensaat gratis verteilt, und so das Guerilla Gardening behördlich legitimiert. Als eine Informationsveranstaltung über das von mir initiierte Projekt „Garte über de Gleis“ stattfand, kamen über hundert Interessierte, es wird sich zeigen, ob die 30 Kistli für alle reichen.“ Brander hat in ihrer politischen Karriere jedenfalls noch nie zuvor so viel positives Feedback aus der Bevölkerung erhalten. „Das liegt wohl daran, dass meine Forderung für alle greifbar ist und keine abstrakte Änderung in einer Verordnung. Ich habe Anrufe aus der ganzen Schweiz erhalten.“ Ob die Stadt Zürich bald auf diesen Trend aufspringt, dürfte sich in den kommenden zwei Jahren zeigen. Die Stadt wird es nun prüfen.

„Dieselcrème-Süppli“ bei Giacobbo/Müller Foto: SRF / Nici Jost

Für humoristische Einlagen sorgt übrigens die mediale Verwirrung um die städtische Gemüsepflanzung. Brander findet die Karikaturen in der Presse auch sehr lustig: weidende Kühe auf Verkehrsinseln oder Obstplantagen auf Flachdächern. Urban Farming hat selbst die komödiantische Presseschau von Mike Müller und Viktor Giacobbo aufs Korn genommen: Stangensellerie sei in Zürich weniger beliebt wegen dem Schattenwurf.

Der Traum einer essbaren Stadt wird gelebt und diskutiert. Wir sind gespannt, wann wir uns von selbstgezogenem Gemüse ernähren können.

Alles neu im Löwenbräu mit Radio 24

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Alltagskultur zieht in den Tempel der Kunst

Artikel erschien am 11. April 2013 bei Westnetz.ch

Mit dem Umzug ins Löwenbräu schlägt Radio 24 ein neues Kapitel bewegter Radiogeschichte auf. Der Weg zum Radio der Zukunft beginnt mit einem komplett modernisierten System.

Radio 24 ist umgezogen. Am 8. April um sieben Uhr früh trägt Ufsteller Moderator Dominik Widmer den symbolischen Sendekoffer in den dritten Stock des Löwenbräu-Areals. Um Viertel nach sieben ertönt der erste Song aus dem neuen Studio 1 im ehemaligen Blauen Saal. Das Radiohaus bei der Tramstation Quellenstrasse ist hiermit endgültig Geschichte.

Der Umzug von Radio24 ist gross inszeniert. So wurde eigens für dieses Ereignis ein Zügelsong produziert, der die Zeit überbrückt, während das Signal live gezügelt wird. Auf der Strecke zwischen Quellenstrasse und Escherwyssplatz verkehrt ein kostenloses Radio24 Tram. Die Moderatoren animieren die Fahrgäste und verteilen Cupcakes.

Technisch zügelt man so ein Radio Signal natürlich nicht in einem Koffer, erklärt Geschäftsleiterin und Chefredaktorin Karin Müller. Das läuft über Leitungen vom alten ins neue Studio und dann über die bewährte Distribution. Radio 24 wollte den historischen Schritt in ein neues Studio zur Primetime in der Livesendung umsetzen. Damit Moderator und Crew Zeit haben, das Studio zu wechseln, läuft im Anschluss an die 7 Uhr News eine Produktion mit historischen Sendemomenten und eben dem Zügelsong.

„DIE NEUE HEILIGE HALLE VOM NUMMERE 1 VO ZÜRI“

In den letzten Wochen hätte sie und ihre Mitarbeiter eigentlich non-stop gearbeitet, sagt Müller. Mit dem Umzug wechselt die Radio24 Crew nicht nur den Arbeitsplatz, sondern die gesamte Studio Software und Produktionstechnik. Das ist eine grosse Herausforderung, und so sind an diesem historischen Zügeltag auch Spezialisten vor Ort, die den Radiomachern bei auftretenden Problemen zur Seite stehen. Wer den Telefonregler nicht mehr findet oder unsicher ist beider Faderbelegung ist in der Anfangszeit betreut. Die „Nummer 1 vo Züri“ kann sich schliesslich einen pannenbedingten Unterbruch nicht leisten. Radio24 ist das erfolgreichste Privatradio der Deutschschweiz und gehört seit 2012 zusammen mit TeleZüri zu den AZ Medien. Im Schnitt hören 300’000 Hörer am Tag Radio24 entweder über Lokalradiowelle oder digital.

Das neue Grossraumbüro

Die neuen Räumlichkeiten sind mit einem Hauptstudio und einem zweiten Studio für live Übertragungen ausgestattet. Gleich hinter den Studios eröffnet sich das Grossraumbüro, komplett weiss gestrichen und Licht durchflutet. An den Blauen Saal, den Off-Kunst-Space, der da einmal war, erinnern lediglich die original Oberlichtfenster aus blau gefärbtem Glas. Sie verweisen an die ursprüngliche Funktion des Saals: „Phänomenal dr blaui Saal, wo’sie s Bier händ küehlt dazumal“, erklärt auch der Zügelsong.

Der neue Standort im frisch renovierten Löwenbräu hat einige Vorteile: bessere Lüftung, Klimaanlage, sowie ein kompaktes Grossraumbüro auf einer Etage. „Die wichtigste Erneuerung ist das sogenannte integrierte Sendungs- und Produktionssystem “, sagt Geschäftsleiterin Karin Müller. Die Redaktoren haben keine fixen Arbeitsplätze, sondern sind im Redaktionsflügel entsprechend ihrer Aktualität im Sendeplan aufgereiht. Es gilt, wer näher am Studio 1 sitzt hat mehr mit der Sendung zu tun, die gerade on air ist. Dank dieser kompletten Umstellung Radio24 endlich auf den Weg ins „Radio der Zukunft“ machen kann.

Das neue Studio 1

Das Ziel ist, möglichst flexibel in Herstellung und Sendung von den drei Kompetenzfeldern Information, Unterhaltung und Musik zu sein. Mit der neuen Technik gehen alle aufbereiteten Inhalte zentralisiert in die Sendestrasse und können viel flexibler von mehreren Arbeitsplätzen am zentralen DJ Pult bedient werden. Die sendungsverantwortliche Person kann noch flexibler mit Inhalten jonglieren, diese herstellen oder produzieren, und das während laufendem Sendebetrieb. Auch lässt sich durch Vektorensplitting beispielsweise DAB+ und UKW verschieden bedienen.

„SOCIAL RADIO“

„Wir blicken auf ein hart umkämpftes Radiojahr 2012 zurück.“ sagt Karin Müller. Regional ist Ringier mit Radio Energy Zürich der grösste Konkurrent. In der gesamten Deutschschweiz ist aber der öffentlich rechtliche Sender SRF 3 der Sender mit Abstand am meisten Zuhörern. Da will sich Radio24 auch einiges einfallen lassen, um auf nationaler Ebene stärker zu werden. „Radio24 will auch 2013 die beste Musik und die wichtigsten News senden. Somit war die technische Umrüstung längst fällig“. Die jetzige Infrastruktur und Software entsprechen dem State of the Art der Radiotechnik. „Wir haben zwei Generationen des technologischen Fortschritts übersprungen. Jetzt sind wir auf dem allerneusten Stand“, so Müller.

„Nähe und Erlebnis, das ist Radio24“ so Müller. Vom neuen Studio aus soll auch die Hörerschaft stärker miteinbezogen werden. Vieles hat Müller, die seit 2008 die Geschäfte von Radio24 führt, bereits umgesetzt. Radio24 sendet seit 2011 bereits digital über DWB+ in die gesamte Deutschschweiz. Auf dem neuen Webauftritt ist das Prinzip der crossmedialen Kanäle über den Player auch bereits umgesetzt. Crossmediale oder die Strategie der Konvergenz bedeutet im Journalismus, Inhalte für die verschiedenen Medienkanäle aufzubereiten, Online, TV oder Hörfunk. So baut auch Radio24 sein Web-TV aus, um live von der stage24 oder aus dem Studio zu senden. Über das Web-TV will man auch näher an die Hörerschaft rücken:„Wir haben für den Dialog nicht nur Telefon, sondern auch den Social Media Strom am DJ-Pult. Wir wollen offen sein für die vielen Themen, die von aussen zu uns kommen. Es soll ein stetiger Dialog sein.“

Ufsteller Moderator Dominik Widmer

Unter der aktuellen Tendenz zur Konvergenz, stellt sich die Frage, inwiefern Tele Züri und Radio 24 in Zukunft näher zusammen rücken werden. „Ideen sind in Diskussion, das ist aber im Moment nicht unser Hauptfokus, weder bei Tele Züri, noch bei Radio 24.“

Das Popradio zieht in den Tempel der bildenden Kunst. „Wir verstehen uns als Kulturinstitution, wenn auch mehr als Lifestyle Produkt der Alltagskultur“, aber das Löwenbräu ist für uns ein sehr attraktives Umfeld, und ich hoffe, auch umgekehrt, dass wir das Haus beleben,“ sagt Karin Müller.

VOM PIRATENRADIO ZUM MARKTFÜHRER

Nicht mehr viel erinnert an die Anfänge von Radio 24. 1979 startete Medienpionier Roger Schawinski die Station als Piratenradio. Weil Privatradio in der Schweiz damals verboten war, sendete man vom norditalienischen Pizzo Groppera im Veltlin aus in den Raum Zürich. Schawinski organisierte sich die stärkste UKW Technik, die damals erhältlich war. Die Behörden setzten Schawinski stark unter Druck, den Sender zu schliessen. Er fand aber grosse Unterstützung aus der Zürcher Bevölkerung, so kam es im Winter 1980 zu Grosskundgebungen jenen legendären Szenen auf dem Bellevue. Nachdem die italienische Polizei den Sender mehrmals geschlossen hatte, kämpfte Schawinski für eine legale Sendekonzession in der Schweiz. 1983 ging schliesslich Radio 24 legal über ein Signal vom Uetliberg on air.

2001, einen Monat vor 9/11, verkaufte Schawinski das Radio für 90 Millionen Franken an Tamedia. Und im Mai 2011 verkaufte sie Radio 24 für die geschätzte Hälfte an den Verleger Peter Wanner, Eigentümer der BT Holding, die die AZ Medien besitzen. Es war lange klar, dass man aus dem alten Radiohaus raus musste. Unter der Tamedia wäre das Radio an die Werdstrasse gezogen. Mit diesem Verkauf musste auch ein neuer Standort für Radio 24 gefunden werden. Die Zeit drängte, ab Juli 2012 erst konnte man sich mit der Standortfrage verbindlich beschäftigen, da dann der Besitzerwechsel vollzogen war.

 

S NUMMERE EIS VO ZÜRI IN AARGAUER HAND

Peter Wanner, Besitzer der AZ Medien sagt „Löwenbräu steht für Aufbruch“. Der Verleger ist froh über diesen Umzug. Für ihn sei klares Ziel, dass das Radio 24 Nummer eins der deutschsprachigen Radiosender bleibe. Am Sonntag vor dem Umzug war er zu Gast bei „Giaccobo/Müller“ und stellte sich der spitzen Zunge von Viktor Giaccobo. Er sei ja nicht immer Verleger gewesen, sondern ein linker Chaib. Inzwischen sei er aber vernünftig geworden. Mit der Übernahme der Marken Radio24 und TeleZüri und TeleBärn ist der Alt-68er jetzt in die Gilde der mächtigsten Verleger aufgestiegen.

Radio24 sendet zwar nach wie vor aus seiner Homebase, dem Kreis 5. Das Ziel sei weiterhin nationaler zu werden, so Wanner. In einem Interview in der Bilanz sagt Wanner: „Mit Tele M1 verfügen wir über ein Bindeglied zwischen diesen beiden Sendern, das Tamedia fehlte. So können wir quasi eine Fernsehstrasse der A1 entlang von Zürich nach Bern legen.“ Das Radio 32 aus Solothurn musste er verkaufen, da ein Verlagshaus rechtlich höchstens zwei Privatradiostationen besitzen darf. Das AZ Imperium breitet sich aus. Auch im Grossraum Basel könnte Christoph Blochers BAZ Medien einen starkenKonkurrenten erhalten. Wir dürfen gespannt sein, wie sich Radio 24 in Peter Wanners Medienreich zum Radio der Zukunft entwickeln wird.

Titelfoto: Karin Müller und Dominik Widmer

Güselsack-Blues in Kuckmoll

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Artikel erschien am 6. April 2013 bei Westnetz.ch

Los Dos Monos und Pfuri Baldenweg zelebrieren den Moment

Die Kult verdächtigen „Los Dos Monos“ Abende im Exil krönt der Gastauftritt von Pfuri Baldenweg. Eine lebende Legende, die eins mit dem Trio „Pfuri,Gorps und Kniri“ Weltruhm erlangte und manchmal selbst Bob Dylan in den Schatten stellt. Ein Bericht

Wenn Pfuri (Roland Baldenweg) den Blues auf seiner Mundharmonika schmettert, ist klar: Nicht Bob Dylan, sondern Pfuri setzt die Massstäbe. Sein Spiel groovt und ist nuancenreich. Und zum ersten Mal in meinem Leben tanz ich zu einem Mundharmonika-Solo. Pfuri steht als Gast der „Los Dos Monos“ für eine Jam Session auf der Bühne. Berühmt wurde er in den Siebzigerjahren als Trio mit Gorps (Anthony Fischer) und Kniri (Peter Knaus ). Sie musizierten auf ausrangierten Gegenständen, oder Alltagsobjekten, wie Giesskannen, Rechen, Abfallsäcken oder auch mal ein Fensterladen.

Ein brennender Fan von Pfuri, Gorps und Kniri ist Los Dos Bandleader und Gittarist Hansueli Tischhauser schon seit seiner Jugend. Und als er vor etwa einem Jahr Pfuri Baldenweg kennen lernte, beschlossen sie, zusammen zu spielen. Und es groovte gleich zwischen ihnen. Viele Proben waren nicht nötig, sie sammelten die Stücke, einigten sich vorab auf eine Tonart, der Rest entstehe spontan auf der Bühne, ein Jam eben. „Wir spielen heute in „kuck-moll“, sagt Pfuri. Los Dos Gitarist Hansueli Tischhauser bestätigt lachend.

Pfuri Baldenweg und Hansueli Tischhauser © Denise Ferrarese

Der Blues altert nicht

Gekommen sind vor allem alte Freunde von Pfuri, seine Familie und das Stammpublikum von Los Dos. Die erste halbe Stunde spielen Los Dos, Tischhauser an der Gitarre und Andi Wettsteinn am Schlagzeug, alleine. Tischhausers Ansagen zeugen von kabarettistischem Talent. Eigentlich, meint er selber, sei er eher schüchtern. Sein opulentes Outfit mit Halsschmuck und glänzendem Hemd setze einen Kontrast zu seinem Wesen. Der erste Boogie Woogie bringt das Publikum noch nicht zum Wippen. Wir Schweizer brauchen eben immer ein wenig Anlaufzeit. Der Abend ist ja auch noch jung. Als Tischhauer nach einer halben Stunde dann sein Idol auf der Bühne begrüsst, steigt die Energie im Raum. Los Dos und Pfuri harmonieren, als spielten sie schon seit Jahren miteinander. Pfuri wiegt sich auf der Mundharmonika in eine Improvisation, jene Kunst, über klaren Strukturen mit Esprit auf den Moment zu reagieren. Die Kunst, im Moment zu leben hält offenbar auch Pfuri jung. Und er spricht lieber über die Gegenwart als über vergangene Zeiten. Zusammen mit Kniri arbeitet er an einem neuen Album, das im Herbst erscheint. Fragt man ihn, ob er wie damals bei seinem legendären Eurovisions-Auftritt in Israel 1979 wieder im Pijama auftreten werde, sagt er, wohl eher nicht, aber man wisse ja nie, was komme. Und auf stereotype Journalistenfragen, etwa wann er seinen musikalischen Höhepunkt gehabt habe, fällt Tischhauser ein: „Vorgestern“. Und da lachen sie wieder, die zwei Männer, die nicht nur der Panamahut-Look miteinander verbindet.

Güselsackblues © Denise Ferrarese

Dennoch erzählt mir Pfuri bereitwillig die eine oder andere nostalgische Anekdote. Zum Beispiel wie er als Dreikäsehoch zu seiner ersten Mundharmonika kam. „Als Junge habe ich oft meinem Vater beim Gärtnern geholfen, und da bin ich beim Graben auf ein „Schnöregigeli“ gestossen. Ich putzte es, packte es in meine Hosentasche, und seither ist es mein ständiger Begleiter.“ Pfuri gilt als einer der besten Mundharmonikaspieler der Schweiz, der früher oft auf Bob Dylans Spielkünste angesprochen wurde. Bob Dylan sei nicht so gut, sagt Pfuri und lacht.

Mit Frank Zappa auf der Alp

Gekonnt gespielt ist die Mundharmonika ein Instrument, das sehr viel Variation und Ausdruck hat. Es komme dem Gesang sehr nah, sagt Pfuri. Und so jauchzt es dann einen Folkblues, der die Kuh im Refrain besingt – dem kleinsten gemeinsamen Nenner von amerikanischen Cowboys und Schweizer Bauern. Schweizer Kühe gemolken hatte damals in den Siebzigerjahren auch Frank Zappa, als er eine Zeit lang bei Urban Gwerder auf der Alp hauste. Gwerder ist ein alter Wegefährte von Pfuri Baldenweg und heute auch im Publikum. Mir fällt der Autor und Künstler, der in den Sechzigern ein Lokalmatador der Subkultur war, gleich auf wegen seiner extravaganten Mütze. Er kannte Frank Zappa persönlich, war eine Zeit lang sein Hofarchivar und widmete ihm das Buch „Im Zeichen des magischen Affen“, das 1998 erschien.

Foto © Denise Ferrarese

Hier im Exil versprühen die „Affen“, die Los Dos Monos erdige Leidenschaft, die sich mit Pfuris Vitalität paart. Nach einer Stunde laufen sie zur Hochform auf. Jetzt kommt, worauf alle gewartet haben, die sich noch an „Pfuri, Gorps und Kniri“ erinnern: Der legendäre Güselsack-Blues. Und der zieht. Auch das anwesende Boulevard Fernsehen, wirft die Kamera an. Und gestandene Fünfziger schütteln jetzt alle Glieder. Assoziative Bilder von Barfussdiscos erscheinen vor meinem inneren Auge. An der Bar bestellt ein Mann einen Gin Tonic. Urban Gwerder und sein Kumpane kommentieren süffisant, wie der Mann in ihrem Alter, die Gurke aus dem Hendrix nimmt und dem Barkeeper aushändigt. Nicht alle können sich mit den neusten Trends der Zürcher Gastroszene anfreunden. „Das Gemüse nimm ich lieber zum Znacht, danke.“ Es gibt halt doch unüberbrückbare Differenzen zwischen den Generationen. Der Güselsack klingt schön, auch wenn ich nicht immer trennscharf unterscheiden kann, was der Güselsack und was die Snare Trommel dank Wettsteins Jazzbesen verlautet. Unter tosendem Beifall wirft Pfuri den benutzten Güselsack – wie es sich für einen Rockstar gehört – mit Schwung in die Zuschauerränge: Eine vom Blues geweihte Relique. Ich bin gespannt auf den neusten Wurf von Pfuri und Kniri.