#Afrika

Ein Slum-Radio kämpft für den Frieden

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Kenia Medien sind wichtige Pfeiler der Demokratie. In Nairobi zeigt sich, was das konkret heisst: Eine kleine Radiostation klärt die Bürger im Slum über Hygiene, friedvolle Wahlen und gute Regierungsführung auf.

Text Valerie Thurner Fotos Anna Mayumi Kerber

Andika Shariff ist ein zurückhaltender Mensch. Als DJ wird er zum Entertainer.
Aktuelles Team von Koch FM

«Ich muss jetzt kurz etwas zu diesem Song erzählen und mich verab-schieden», sagt Andika Shariff, schiebt den Reg-ler runter und spricht ins dicht ans Gesicht gesetzte Mikro-fon. Es ist schwül im fensterlosen Raum. Shariff verliest die Nachrichten und einen letzten SMS-Kommentar der Hörer-schaft. Es ist jetzt kurz vor vier Uhr nachmittags, das war die wöchentliche Sendung zu Taarab, einer besonders in der Küstenregion Ostafrikas beliebten Volksmusik. Einer der Momente, in denen Shariff, im Alltag ein eher ruhiger und zurückhaltender Mann, zu DJ Shariff Andika wird. Zum En-tertainer. «Mir macht es grossen Spass, etwas für die Ge-meinde zu tun», sagt er. Er ist Moderator bei Koch FM, wo er als Journalismus-student vor zehn Jahren seine ersten Er-fahrungen im Medienbereich machte.
Seine Reggae-Show, die jeden Samstagnachmittag über den Äther ging, wurde zur populärsten Sendung von Koch FM. «Reggae ist die Musik des Ghettos. Damit identifiziert sich die Jugend», erklärt sich Andika Shariff seinen prominenten Status bei der Jugend von Korogocho. Korogocho heisst der Slum, die Einheimischen sagen aber einfach Koch (sprich: Kotsch). Davon leitet sich auch der Name des Radios ab.
Der Weg hierher ins Studio führt am Sportfeld der Primar-schule vorbei, dann am einzigen Strassenschild weit und breit, vorbei an bunt bemalten Wellblechfassaden und Bretterverschlägen bis zum Gemeindeplatz von Korogocho. Nach einer Einfahrt stösst man auf zwei aneinandergefügte, rot gestrichene Seefracht-Container, die hinter ein paar ge-parkten Autos ver-borgen sind. Auf dem bereits stark abge-blätterten Lack ist ein Schild angebracht: Eine aufgemalte Faust hält ein Mikrofon, in das ein Schriftzug eingeschrieben ist: «Koch FM, Edutainment on FM 99.9». Was so unschein-bar aussieht und sich bescheiden «Edutainment» nennt – ge meint ist die Verbindung von Bildung und Unterhaltung –, ist eine Legende. Hier schlägt das Herz des ersten Slum-Radios in Kenia. Im hinteren Container ist ein kleines Studio eingerichtet, das durch eine Tür vom restlichen Raum schalldicht abgetrennt ist. Innen ist alles mit roten Wandpol-stern versehen.Korogocho ist multiethnisch, in den neun «Dörfern» des Slums leben etwa 150 000 Menschen. Sie stammen aus ver-schiedenen Volksgruppen. Aufgrund zahl-reicher somalia-stämmiger Einwohner besteht zusätzlich ein Nebeneinander von Katholiken und Muslimen. Die meisten der Slum-Bewohner sind unter 30 und gehören damit zur Hauptzielgruppe von Koch FM. 20 bis 30 Freiwillige arbeiten inzwischen in der dritten Radio-Generation für das Infotainment-Projekt. Die Betriebsleitung besteht aus drei Leuten, die Redaktion und Produktion verantworten. Koch FM ist seit 2006 täglich von 6 Uhr früh bis 22 Uhr auf 99,9 MhZ auf Sendung. In den Anfängen sendete man illegal, also ohne Lizenz der Regierung.

Ein Ort namens «Schrott»

Graffiti Schriftzug von Hope Raisers Initiative

Ein Motorradtaxi, ein sogenanntes Boda, kommt angerauscht. Vom Rücksitz steigt ein Mann mittleren Alters mit einem etwas schräg aufgesetzten Beret und beladen mit einer Laptop-Umhängetasche. Tom Mboya ist der Geschäfts-führer und ein vielbeschäftigter Mensch. Jetzt ist er für die Sitzung mit dem Kernteam hier. «Korogocho klebt wie ein Stigma an dir», sagt Mboya, und ein verlegenes Lächeln huscht über sein furchiges Gesicht. Der Mittvierziger wirkt älter, als er ist.
Korogocho ist ein Wort aus der Bantusprache Kikuyu und bedeute «Schrott» oder «Abfall». Das entspricht dem Bild, das die Medien über Jahre hinweg zeichneten: Was in Slum-Geschichten stets prominent thematisiert wurde, waren die Gewalt, das Drogenelend und die hohen HIV-Raten. Mboya ist selbst im Slum aufgewachsen und seit den frühen An-fängen des Radios dort aktiv. Auf die Geschichte des Senders ist er stolz.
Am Anfang standen zehn junge Aktivisten aus Korogocho, die den Sender in Eigeninitiative und ohne jegliche finan-zielle Mittel begründeten. Koch FM ergriff das Wort gegen die unhaltbaren Zustände in den Slums der Eastlands, wo Gangs die Bewohner terrorisierten. Gewalt insbesondere ge-gen Frauen war sehr verbreitet, dazu Alkohol- und Drogen-missbrauch, und es herrschten desaströse hygienische Zu-stände. Die Radio-Pioniere wollten gegen alltägliche Menschenrechtsverletzungen, Vergewaltigungen, Raub-morde, Zwangsheiraten ankämpfen. Und sie wollten der konstant negativen Berichterstattung und Stigmatisierung der Slum-Bewohner in den Medien etwas entgegenhalten.
Das Radio ist in Kenia nach wie vor das am weitesten ver-breitete Medium. Gemäss Uno-Schätzungen besitzen drei-viertel aller afrikanischen Haushalte einen Empfänger. Nebst unzähligen kommerziellen Radiostationen existieren immer mehr Spartensender in den verschiedenen Volks-sprachen. In Kenia gibt es 43 verschiedene Stämme und 68 gesprochene Sprachen. Die grössten Volksgruppen sind Kikuyu, Kalenjin, Kamba, Luhya und Luo. Als dritte Form nebst kommerziellen und volkssprachlichen Lokal sendern bieten Community-Radios wie Koch FM weit mehr als Unter-haltung. Sie sind eine Art Bürgerforum und dienen als Kommunikationsplattform und Sprachrohr für die sozial und ökonomisch Schwächsten. Am Anfang standen zehn junge Aktivisten aus Korogocho, die den Sender in Eigeninitiative und ohne jegliche finan-zielle Mittel begründeten. Koch FM ergriff das Wort gegen die unhaltbaren Zustände in den Slums der Eastlands, wo Gangs die Bewohner terrorisierten. Gewalt insbesondere ge-gen Frauen war sehr verbreitet, dazu Alkohol- und Drogen-missbrauch, und es herrschten desaströse hygienische Zu-stände. Die Radio-Pioniere wollten gegen alltägliche Menschenrechtsverletzungen, Vergewaltigungen, Raub-morde, Zwangsheiraten ankämpfen. Und sie wollten der konstant negativen Berichterstattung und Stigmatisierung der Slum-Bewohner in den Medien etwas entgegenhalten.
Das Radio ist in Kenia nach wie vor das am weitesten ver-breitete Medium. Gemäss Uno-Schätzungen besitzen drei-viertel aller afrikanischen Haushalte einen Empfänger. Nebst unzähligen kommerziellen Radiostationen existieren immer mehr Spartensender in den verschiedenen Volks-sprachen. In Kenia gibt es 43 verschiedene Stämme und 68 gesprochene Sprachen. Die grössten Volksgruppen sind Kikuyu, Kalenjin, Kamba, Luhya und Luo. Als dritte Form nebst kommerziellen und volkssprachlichen Lokal sendern bieten Community-Radios wie Koch FM weit mehr als Unter-haltung. Sie sind eine Art Bürgerforum und dienen als Kommunikationsplattform und Sprachrohr für die sozial und ökonomisch Schwächsten.

Die Karawane zieht durch Mathare
Mathare Valley

Friedensbotschaften aus dem Sound-Mobil

Ziel von Koch FM ist, nebst der Unterhaltung, der lokalen Be-völkerung Zu-gang zu relevanten Informationen zu ver-schaffen und mit ihr in Dialog zu treten. Mboya selbst führte über viele Jahre eine Sendung über «Good Governance», über gute Regierungsführung. Er lud Amtsträger ins Studio ein, die in aktuelleDebatten mit der Hörerschaft eingebun-den wurden.
Nebst einem lokalen Newsroom bietet Koch FM ein Bürger-forum, die Leute können sich in Call-in-Shows einbringen. Die täglichen Herausforderungen eines Lebens am unteren Ende der Wohlstandskette stehen dabei im Fokus, die The-men reichen von der Kriminalitätsbe-kämpfung bis zur Er-nährungssicherheit.
Dass der kleine Sender auch in politisch heiklen Phase eine wichtige Rolle spielen kann, zeigt der Blick zurück auf den Sommer 2017: Die Strassen sind drei Wochen vor dem ersten Wahlgang vom 8. August mit Propaganda zugepfla-stert, auf riesigen Plakatwänden an den Verkehrskreiseln prangen die Gesichter der Präsidentschaftskandidaten. An einem Samstag im Juli 2017, drei Wochen vor dem Urnen-gang, hat sich Koch FM der Friedenskampagne unter der Schirmherrschaft der örtlichen katholischen Kirche ange-schlossen. Die Organisatoren sind mit dem Aufbau des Sound-Mobils beschäftigt, eine halbe Stunde später dröhnt Reggae-Musik über einen Verstärker aus dem Laderaumdes Lastwagens. DJ Shariff Andika ruft durch ein Mikrofon den Schaulustigen zu: »Amani, Amani, Amani», das Wort für Frieden auf Kisuaheli. Angeschlossen ans Mischpult ist sein Mobil- telefon mit seiner privaten Playlist, er schaut konzen-triert auf den Flyer, während er versucht, auf der wackligen Fahrt das Gleichgewicht zu halten. Studenten einer katholi-schen Universität sowie Mitglieder einer lokalen Menschen-rechtsorganisation bilden eine Gruppe von ein paar Dutzend Menschen. Der Umzug folgt dem Sound-Mobil durch die drei Wahlkreise Mathare, Ruaraka und Embakasi in den East-lands von Nairobi.
Manche Slum-Bewohner verfolgen die Karawane skeptisch. «Die Leute haben Hunger, was nützt ihnen da Frieden!», ruft ein Beobachter. Die Kin-der schauen interessiert die Flug-blätter mit den Geboten für einen friedlichen Wahlgang an: «Wahlen, die sich an der Stammeszugehörigkeit orientieren, enden in Blutvergiessen und Chaos. Vergesst das nicht!»

Teilnehmerinnen am Umzug
Polizistin mahnt zu Frieden

Andika Shariff verkündet unermüdlich Friedensbotschafen. Das Fussvolk der Karawane hat sich längst in die Begleit-busse gesetzt, als der Lastwagen lange sechs Stunden später bei der Polizeistation von Korogocho vorfährt. Der Posten wurde dort errichtet, wo vor zehn Jahren die Gangs aufein-ander losgingen. Shariff kämpft langsam gegen die Müdig-keit, während er weiter hin seine Botschaft unter die Leute bringt. «Es gibt ein berühmtes Sprich-wort in Kisuaheli: Wer nicht bereit ist, seine Niederlage anzuerkennen, ist kein Herausforderer.» Will heissen: Wenn euer Kandidat verlo-ren hat, akzeptiert das Resultat. Während der Monate vor den anstehenden Wahlen gilt es, die Bevölkerung auf den Wahlgang vom August vorzubereiten und auf ein friedliches Nebeneinander zu pochen.

Andika ist langsam müde

Leitmedien, die zur Gewalt aufwiegeln

Politik in Kenia verläuft entlang ethnischer Linien. Die tief-sten Gräben verlaufen zwischen den beiden grössten Volks-gruppen, den Kikuyu und den Luo, was bis tief in die Kolo-nialvergangenheit zurückreicht. Die von den damaligen Kolonialmächten bestimmte Landverteilung ist bis heute ungelöst und spiegelt sich auf der politischen Bühne Kenias wider. So entlud sich vor zehn Jahren die Empörung über einen offensichtlichen Wahlbetrug in Unruhen in den eth-nisch gemischten Slums. Begünstigt durch grassierende Armut, Jugendarbeitslosigkeit und einer von Korruption durchzogenen Verwaltung und Politik brach der seit Jahr-zehnten schwelende Konflikt zwischen den ethnischen Gruppen in einer unerwarteten Heftigkeit auf den Strassen Nairobis und in anderen Landesteilen auf. Es kam zu Zu-sammenstössen zwischen Demonstranten, Banden und der Polizei. Hütten wurden angezündet, Menschen totgeschla-gen mit Stöcken, Steinen oder Macheten. Die Gewaltaus-brüche von 2007 hinterliessen gemäss Schätzungen der Uno weit über 1000 Tote und 650 000 Vertriebene.
Die Medien hätten in dieser Situation vollkommen versagt und ihre Verantwortung nicht wahrgenommen. So das Fazit einer vom BBC World Service Trust in Auftrag gegebenen Studie von 2008. Die Berichterstattung der Leitmedien, wie der Radiosender in lokalen Sprachen, wirkte sich demnach weder im Vorfeld noch während der Wochen danach in po-sitiver Weise auf die Geschehnisse aus. Im Gegenteil, ein Lokalsender musste sich sogar wegen Aufwiegelei zu ethni-scher Gewalt vor dem Internationalen Gerichtshof für Men-schenrechte in Den Haag verantworten. Die Studie erwähnt eine Ausnahme: die wenigen Community-Radios in den Slums von Nairobi. Eines davon ist Koch FM. Die BBC riet in dieser Aufarbeitung dringend, auch in der Entwicklungs-zusammenarbeit vermehrt in die kom-munalen Medien zu investieren, da sie in der Friedensarbeit und politischen Bildung wichtige Arbeit leisteten. Community-Medien wie Koch FM dürfen gemäss den staatlichen Richtlinien nur in den Amtssprachen Ki-suaheli oder Englisch senden und nicht in den ethnischen Sprachen der einzelnen Volksgrup-pen, wie es viele Lokalradios tun. So wurde Koch FM im Dezember 2007, als alle befürchteten, auch das multiethni-sche Korogocho würde brennen, zum Ad-hoc-Krisen-Corps. Sie suchten einerseits das persönliche Gespräch an den Fronten oder riefen über den Sender Koch FM zu einem Ende der Gewalt auf.
Die Radiomitarbeiter konnten wegen verschiedener ethni-scher Zugehörig-keiten und den damit einhergehenden Sprachkenntnissen die Gefahrenzonen eruieren oder von verschiedenen Religionsführern Friedensbotschaften ein-holen, die sie später mehrmals täglich über den Sender schickten.
Der damals knapp 20-jährige Andika Shariff gehörte zu den wenigen, die sich noch an den Schauplätzen der Gewalt bewegen konnten. Er wurde vom Radio-Team regelmässig von seinem Zuhause zum Studio eskortiert, um das Wort im Rahmen seiner populären Reggae-Show an die Jugend zu richten. «Ich war damals ziemlich hoch im Kurs in der Com-munity.» Shariff lacht verlegen. «Man rief mich manchmal sogar nachts um eins an, wenn es irgendwo im Slum ein Problem gab.»

Politiker versuchen, Sendezeit zu kaufen

Dass Community-Radios wie Koch FM fast unverzichtbare Brücken zwischen Organisationen, der Regierung und der Bevölkerung bilden, davon ist auch die Unesco überzeugt, die das kriselnde Radio 2015 in ihr vierjähriges Förderpro-gramm aufgenommen hat. Neben Workshops für die Radio-macher unterstützt sie die Institution bei der Suche nach einer nachhaltigen Finanzierung.
Die einzelnen Programme werden von internationalen wie lokalen NGOs finanziert. Es sind keine grossen Beträge, denn Löhne gibt es bis auf Sondereinsätze an Veranstaltungen kei-ne. Das durchschnittliche Jahres-budget beträgt zwischen 7000 und 11 000 US-Dollar. Davon müssen Betriebskosten wie Lizenz, Strom, Unterhalt sowie spezielle Veranstaltun-gen gedeckt werden.
Doch aktuell ist es nicht gut bestellt um die Finanzen. In den Anfängen konnte die norwegische Kirchenhilfe als Geldge-ber für die einfache Infrastruktur gewonnen werden. 2015 liess Norwegen aber seine Entwicklungsprogramme für Kenia auslaufen, und die Beiträge der Kirchenhilfe für Koch FM bleiben seither aus. Die Radiomacher hangeln sich von Projekteingabe zu Projekteingabe, um an Mittel zu kommen. Die Finanzierung des Radios sei ein ständiger Kampf, sagt Geschäftsführer Tom Mboya. Kurzfristig floss vom United Nations Development Programme UNDP, dem Entwicklungs-programm der Uno, etwas Geld für Bürgeraufklärung.
Über Geld spricht Mboya allerdings nicht gerne. Ein heikles Thema in diesem sehr sensiblen Umfeld von extremer Ar-mut, wie er erklärt. Auch Werbemöglichkeiten für Commu-nity-Medien wie Koch FM sind gesetzlich limitiert. «Ein Com-munity-Radio ist sehr anfällig für Bestechungen durch Politi-ker », sagt Mboya. «Mit hohen Geldbeträgen wollen sie sich Sendezeit erkaufen, um das Gegenlager zu diskreditieren.» Und Geld alleine bringt nicht nur Lösungen, im Gegenteil, es kreiert in einer prekären Umgebung von extremer Armut zusätzliche Probleme. Auch das gehört zur Geschichte von Koch FM. Ein Slum-Radio zu betreiben ist ein Balanceakt, der nicht nur Begeisterung hervorruft, sondern auch Missgunst oder falsche Erwartungen.

Radios im Markt von Kariobangi

Geld, Gerüchte und ein Mord

Vor vier Jahren lancierte Koch FM mit der Unterstützung der Organisation Action Aid Kenya, die Armut und soziale Un-gleichheit bekämpft, ein Musikprojekt, das ein Musikstudio in Korogocho aufbauen wollte. Es sollte lokalen Nachwuchs-musikern eine Möglichkeit für professionelle Aufnahmen bieten. Geldgeber war ein bekannter Festivalleiter in Gross-britannien. Ein Mitglied von KochFM betreute das Projekt, war für den Kauf des Equipments und die Suche nach einem geeigneten Raum zuständig. Der Andrang zur Gelegenheit, im Studio umsonst eigene Stücke einzuspielen, war gross, und über ein Jahr lang lief alles vielversprechend, es gab Wettbewerbe, Workshops und Shows im Rahmen des stadt-bekannten «Good Governance Festivals». Dann kam es zu Unstimmigkeiten innerhalb des Koch-FM-Teams, erinnert sich der Mitarbeiter von Action Aid, der das Projekt ver-antwortete.
Gerüchte kursierten, persönliche Anschuldigungen und Vor-würfe darüber, dass Gelder falsch verteilt würden. Nach zwei Jahren scheiterte das Projekt an diesem internen Kon-flikt, das Studio konnte langfristig nicht etabliert werden.
Der grösste Schlag, den Koch FM bisher verkraften musste, ist der Tod des ehemaligen Sendeleiters Nyagah wa Kamau, genannt Nyash, der im Februar 2012 kurz nach der Rück-kehr von einem NGO-Treffen in seiner eigenen Nachbar-schaft ermordet wurde. Es kam nie zu einer Anklage, poli-zeiliche Untersuchungen verliefen im Sand, nichts Ausserge-wöhnliches in den Eastlands.
Seither ranken sich unbestätigte Gerüchte um Identität und Motiv der Täter. Dieser ungeklärte Mord an einem bewun-derten Lokalmatador hat das Klima vergiftet, und seither ist nichts mehr, wie es mal war, bestätigen viele aus dem nähe-ren Umfeld des Radios. Stationsleiter Mboya sagt dazu: «Wir sind sehr vorsichtig geworden.» Informationen über das Budget gingen seither nicht mehr aus dem engsten Kreis der Radioleitung hinaus.

Tom Mboya, Manager von Koch FM

Die Abhängigkeit von internationalen Organisationen

Ob das langfristig sinnvoll ist, ist allerdings fraglich. So hatte die Sendeleitung die privaten Spenden-gelder verschwiegen, die auf Initia-tive der damaligen Programmleite-rin der Kirchenhilfe für die spezifi-schen Aktivitä-ten im Wahljahr 2017 zusammen-gekommen waren – immerhin 4000 US-Dollar, was er-neut für Unmut im engsten Umfeld der Verantwortlichen sorgte.
Der Medienwissenschaftler George Otieno Ogola unter-suchte Koch FM 2012 in einem Bericht und steht nicht nur der internationalen Entwicklungshilfe kritisch gegenüber. Er sieht grundsätzliche strukturelle Probleme. So teilt sich Koch FM mit anderen Community-Radios die Frequenz. Ogola ist überzeugt, dass diese Einschränkungen nicht zu-letzt eine Form subtiler politischer Kontrolle sind. In den Slums leben weitaus mehr Menschen als in den wohlhaben-den Nachbarschaften. Institutionen wie Koch FM Selbst-organisation zu gewähren, könnte die Regierung daher als Bedrohung der politischen Stabilität sehen, glaubt Ogolo.
Auch die Abhängigkeit von ausländischen Organisationen sieht der Medien-experte kritisch. «Die Krise von Koch FM ist symptomatisch. Eine Institution kollabiert, sobald NGO-Gelder rückläufig sind – ein Trend, der in den Community-Medien generell zu beobachten ist. Auch fehlt es an nachhal-tigen Strukturen, es wird zu sehr auf Einzelpersonen gesetzt. Wenn diese dann den Betrieb verlassen, scheitert das ge-samte Unternehmen», meint Ogola. «Es wäre dennoch gut, wenn das Community- Radio dank der Unter stützung der Unesco fortbestehen könnte, die Alternativen sind nämlich wenig reizvoll: kommerzielle Radiostationen, die nur Musik spielen. Oder eben ethnisch-sprachige Stationen, die sehr einfach für politische Zwecke missbraucht werden.»
Heutzutage hörten nicht mehr so viele das Community- Ra-dio, und die Reggae-Show laufe auch nicht mehr so wie da-mals, sagt Moderator Andika Shariff. Wohl, weil es inzwi-schen sehr viele kleine Lokalsender in den Eastlands gebe, die in den jeweiligen Dialekten einzelner Volksgruppen sen-den. Das Wegbrechen der regelmässigen Spenden sowie des Know-hows von Einzelpersonen hat Lücken hinterlassen, die eine Organisation in dieser Grösse schlecht verkraftet. Die meisten Volontäre geben ihre Sendung auf, sobald sie bezahlte Jobs haben. Ob Koch FM überleben wird? «Solange die Leute an Geldgeber von aussen gewohnt sind, bin ich wenig optimistisch.
Man darf nicht vergessen, dass Koch FM praktisch ohne Bud-get gestartet ist, mit dieser dynamischen Energie. Ich habe gelernt, dass richtige Verände-rung, also bleibender Wandel, hier niemals von aussen kommen kann, sondern von innen kommen muss», sagt Shariff bestimmt.
Er ist Koch FM bis heute treu geblieben. Die besten Jahre sei-en längst vorbei, aber er geht für seine Sendung immer noch jeden Freitag zum Container mit dem abgeblätterten Lack. Es erzählt viel über die derzeitige Stimmung, wenn Shariff seine Motivation intuitiv mittels Vergangenheitsform in Worte fasst: «Ich dachte, als Journalist hätte ich Raum, den Menschen zu berichten, was wirklich los ist im Land. Ich spürte den Drang in mir, die schlafende Menschheit aufzuklären.» Es sind Sätze, in denen genauso viel Über-zeugung wie Desillusionierung steckt.

English Version :

https://medium.com/@valeriethurner/a-slum-radio-fights-for-peace-a93594373b41

Straight Outta Compton an die Art Basel – am Tellerrand des Kunstgeschäfts

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#1 Tauchsafari mit Regina Pfister

I shoot communities because I think there’s a lot of richness there and a lot of honesty and a lot of pain. It’s interesting how they deal with that pain, it’s been there for centuries. And it’s not fake pain. They mask it with all these layers to the point where they don’t even know what they’re masking. Khalil Jospeh

Diese Woche machten meine neue Praktikantin Regina Pfister und ich einen Ausflug an die Art Basel. Die Sicherheitsleute am Eingang der Unlimited durchleuchteten unsere Taschen, und wünschten uns lächelnd viel Vergnügen. Diese Sektion ist jeweils die eindrücklichste, erkläre ich Regina, die noch nie an der Art war. Hier hat es grosse raumgreifende Kunst, Installationen, Videos und grossflächige Malerei, die in der Hauptmesse keinen Platz hätten.

Wie bei der Manifesta, stellte Regina fest. — Ja, so ähnlich, aber hier warten sie auf potente Käufer, an der Manifesta auf Schulklassen. Regina nahm meine Erklärung mit fragendem Blick zur Kenntnis.

Wir schlängelten uns durch die Menschenmenge und schauten uns das eine oder andere Werk an. Hörst Du den Beat? fragte mich Regina, als wir die Mitte der Halle erreichten. Wir folgten der pumpenden Musik, die uns zu einer beachtlichen Menschenschlange vor einer Blackbox führte. — Ja klar, darum sind wir ja hier. Wir stellten uns in die Reihe, um uns Khalil Josephs Videoinstallation m.A.A.d. anzuschauen. Das Akronym steht für „my Angel on Angel’s Dust“ oder „my Angry Adolesence divided“, erklärte ich Regina. Die Filmaufnahmen waren ursprünglich für die Platte von Kendrick Lamar good Kid m.A.A.d City gedreht. Aber es kam anders und jetzt ist Khalil Joseph eben nicht nur ein begabter Regisseur für Musik Videos, sondern auch Shooting Star der Kunstszene.

“Gli” von El Anatsui, Art Unlimited Basel

Regina bahnte sich durch die Menschentraube ins Innere des Kabäuschen, ich dicht an ihren Fersen. Wir liessen uns von traumwandlerischen Bildern und dem Beat berieseln. Alltägliche Szenen aus Compton, ein Mann hängt wie eine Fledermaus von einer Laterne, Jungs und Mädels sitzen am Pool und trocknen sich an der Sonne. Dann galoppiert plötzlich ein Pferd auf einer leeren nächtlichen Strasse. Dazwischen Bilder aus dem Familienarchiv von Kendrick Lamar. Compton ist jene Gegend im Süden von L.A., wo wie überall in den Staaten weisse Polizisten Schwarze drangsalieren, setzte ich flüsternd meine Schulstunde in Zeitgeschichte fort. Regina hörte wohl zu, es schien zu zu interessieren. — In Compton kam es 1992 zu bürgerkriegsähnlichen Gewaltausbrüchen, nachdem vier Polizisten frei gesprochen wurden, obwohl sie Rodney King misshandelt hatten. King wurde zur Ikone gegen rassistisch motivierte Polizeigewalt in den USA.

Warhol versus Basquiat

Ich wusste gar nicht, dass Hip Hop so angesagt ist in der Hochkultur, flüsterte Regina. Wir schauten uns den Loop schweigend zu Ende an. Straight Outta Compton und direkt an die Art, wow. Regina war sichtlich beeindruckt als wir unseren Rundgang fortsetzten. — Hat dieser Jospeh denn noch sowas wie Street Credibility? — Ach Regina, das ist doch jetzt wirklich ein Retrodiskurs. — Wenn Du meinst.

Die Kunst der Strasse, der black community wird spätestens seit Basquiat vom mehrheitlich weissen Bildungsbürgern gehandelt und gekauft. Die Street Credibility wurde längst auf den Schwellen der Galerien und Auktionshäuser für Millionenbeträge abgestreift. — Wenn Du meinst. –

filmstill aus “m.A.A. d.” von Khalil Joseph

Inzwischen standen wir vor einem Vorhang, der an ein vergoldetes Fischernetz erinnerte. Weißt du was ich denke? Regina zückte einen der Auflagetexte, „Gli“ heisst das Teil, in der Sprache der Ewe bedeutet das Mauer. Der Künstler El Anatsui stammt aus Ghana, lebt und arbeitet in Nigeria. Reginas Augen glänzten. — Diese Basler Schau hat jedenfalls mehr mit Afrika am Hut als unsere Zürcher Manifesta, ich kenne diesen Künstler, der wurde letztes Jahr an der Biennale in Venedig für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Offenbar hilft es, dass Okwui Envezor Kurator war. — Scheint so. Schliesslich kann es ja kaum ein Zufall sein, dass im gleichen Jahr auch Adrian Piper einen Goldenen Löwen erhielt. — Wirklich? Regina lachte laut auf. Es musste also ein Nigerianer kommen, um schwarze Künstler an Biennalen zu honorieren. Übrigens haben wir Adrian Piper auch an der Manifesta. Zwar im historischen Teil, die Auftragsarbeiten mit den Bezahlberuflern sind dann mehr von weissen Männern dominiert. — Ja, aber in Zürich arbeiten halt auch weisse Männer für Geld. — Ja, aber die Frage ist, wer arbeitet für das Geld der weissen Männer in Zürich, Regina. Und da hätte es also durchaus auch eine Kenianerin oder ein Burkinabe vertragen. Regina legte ihre Stirn kurz in Falten. — Wenn du meinst. Wir gingen ein paar Minuten schweigend durch die dröhnende Halle, bevor sie mich mit einer Aussage komplett überraschte. — Ich habe kürzlich in einer Studie von der ILO geblättert, die davon ausgeht, dass jeder fünfte Arbeitnehmer weltweit in eine globale Lieferkette eingebunden ist. — Ach ja, interessant. Und was hat das jetzt mit der Manifesta zu tun? — Ja, was wohl? Die Schweiz ist ja bestimmt nicht immer am Anfang dieser Kette.- Weisst Du wieviele Afrikaner letztlich für Zürich arbeiten?. — What Africa Does for Zurich kommt aber an der Manifesta nicht vor. — Naja, das Motto heisst ja auch What People Do for Money. Some Joint Ventures, was sich auf Unternehmungen mit beidseitiger Kapitalbeteiligung fokussiert. — Stimmt, da wären Afrikanische Künstler deplatziert, murmelte Regina. — Eigentlich Künstler generell. Gehen wir? Meine Füsse tun weh.

Titelbild: filmstill aus “m.A.A.d.” von Khalil Joseph, gesehen an der Art Unlimited 2016