Artikel erschien im Juli 2015 bei Der Kulturblog.de

Ein Filmporträt über Amy Winehouse blickt hinter abgedroschene Klischees

Eine junge Frau versteckt sich unter einer Decke vor der Wackelkamera, die sie beim Nickerchen auf der Autorückbank aufgeschreckt hat. Die Frau ist Amy Winehouse, hinter der Kamera ihr Kumpel und Manager Nick Shymansky. Es ist ein Spiel zwischen Vertrauten, die sich gerne necken. Wir schreiben das Jahr 2003, Winehouse feiert mit ihrem Album „Frank“ erste grosse Erfolge in England. Die Aufnahmen stammen aus dem Privatfundus von Shymansky, der ihre gemeinsame Album-Tour filmisch festgehalten hat. Mit jugendlicher Begeisterung klappern sie die Provinzstädte und Kleinbühnen Englands ab. Amy, etwas pickelig  mit offenem Haar, schrummt ihre Jazzakkorde auf der mintgrünen Fender. Sie tut dies beinahe nachlässig. Als wüsste sie, dass ihre Stimme auf keine elaborierte Instrumenalbegleitung angewiesen ist. Solche Aufnahmen hat die Welt bisher nicht gesehen von Amy Winehouse. Aufgetrieben hat sie der britische Regisseur Asif Kapadia, der sich zwei Jahre lang um das Vertrauen von Amys engstem Freundeskreis bemühte. Diese Freunde sind es, die als Zeugen auftreten. Der Film verwebt bisher unveröffentlichtes Material mit bereits Bekanntem und schafft damit ein intimes Porträt dieses komplexen Charakters. Und er demontiert den abgegriffenen, eindimensionalen Narrativ der selbstzerstörerischen Künstlerseele.

Unter Bergen von Haare und Schminke

Der rote Faden der Geschichte bilden die Songs und vor allem die Texte, die unverblühmt und sehr persönlich von Amys Lieben und Nöten erzählen. Solche Textpassagen fliessen zusätzlich zur Originalmusik als Schriftzug ins Bild, so dass die Liedtexte wie die Stellungnahme der Verstorbenen wirken. Diese formale Überlegung und die Wahl der Zeugen – Kapadia interviewte über 80 Leute – zeichnen den Film in seiner Sorgfalt aus. Die Erinnerungen des Freundeskreises kombiniert er mit bisher unveröffentlichem Bildmaterial. Selbst gedrehte Videos rollen die Erzählung auf. Wir lernen dabei Amy nicht nur in ihrer Masslosigkeit und Selbstzerstörung kennen, sondern auch als schlagfertige, komödiantisch begabte Person, die bestimmt nicht sterben, sondern sich selber eher zum Verschwinden bringen wollte. Sie verschwand mit Hilfe vom Alkohol- und Drogenrausch aus ihrem immer dünner werdenden Körper, unter Bergen von Haaren und Schminke.

Vater Mitchel distanzierte sich empört vom Film

Der Film rekonstruiert diese Chronik des Verschwindens. Er demontiert die abgedroschene Erzählweise der Medien, die oftmals Amys Langzeitlover und Drogenfreund Blake Fielder zum alleinigen Sündenbock stilisieren. Der Regisseur Kapadia scheint der erste zu sein, der anhand glaubwürdiger Aussagen von Amys Jugendfreunden nach der Verantwortung ihres Vaters und des späteren Managements sucht. Beide trieben die Abwärtsspirale an, auf der sich Winehouse befand. Vater Mitchel, Taxifahrer und verhinderter Jazzmusiker, distanzierte sich empört vom Film, attestierte ihm sogar Unwahrheiten, zum Beispiel seinen angelblichen Anteil an der Therapieresistenz seiner Tochter. Der Film suggeriert jedenfalls, dass man die Songzeilen ihres Hits „Rehab“ durchaus wörtlich nehmen sollte. „I ain’t got the time and if my daddy thinks I’m fine “, sie wolle nicht in den Alkoholentzug weil sie keine Zeit habe und der Vater findet, es gehe ihr ja gut. Der Satz, gemäss Film, berechtige Zweifel an der Vater-Tochter Beziehung.

Wäre Amys Leben Fiktion, dann hätte Tony Bennet sie gerettet

In einer Schlüsselstelle des Films begleiten wir Amy ins Aufnahmestudio mit ihrem grossen Vorbild, der alternden Jazzlegende Tony Bennett. Sie singen für seine Duett Compilation das Lied „Body&Soul“ ein. Dies in der Gegenwart von Kameras. Amy fühlt sich sichtlich unwohl in ihrer Haut, ihre Versagensangst ist auch für den Betrachter kaum auszuhalten. Plötzlich sieht man das kleine Mädchen in der taumelnden Pop Diva, die um jeden Preis ihrem Vater gefallen will. Sie vermasselt den ersten Einsatz, sagt laut, „ich bin nicht gut, ich bin nicht gut“, während Bennet ihr väterlich Mut zuspricht. Wäre Amys Leben Fiktion, dann hätte Tony Bennet sie gerettet. Der Seelenverwandte, der alte weise Mann, der den Notausgang aus der Abwärtsspirale kennt. Doch Bennet war nicht in der Lage, sie zu retten. Er bereut rückblickend, dass er Amy gebeten habe, vom Gas zu gehen. Ihr nicht gesagt zu haben, dass ihre Kunst zu wichtig sei für die Welt. Gerne hätte er ihr gesagt, dass man das Leben lernen könne, aber eben nur, wenn man lange genug lebt.

Wichtig ist nicht, was geschah, sondern was die Leute glauben

In der Tragödie steht die Verantwortung des Umfelds unweigerlich im Raum, Einigkeit über den Hergang des Dramas wird kaum jemals herrschen, vielmehr gehen subjektive Realitäten des Umfelds auf Kollisionskurs. Es geht um Geld, um das eigene Gewissen in der kollektiven Schuld.

Der 27 Club – jene Gruppe von Pop Ikonen, die alle im Alter von 27 gestorben sind, hat schon für unzählige Spekulationen gesorgt. Reportagen und Biopics für Kino und TV ergründen das wilde Leben von Janis Joplin, Jim Morrison oder Jimi Hendrix. Rockumentaries lassen sie für die Nachgeborenen wieder auferstehen. Oft behaupten solche Filme, eine neue Wahrheit über die Legende ans Licht zu befördern. Aktuell sind wieder grosse Hollywood Produktionen zu Janis Joplin oder Jimi Hendrix geplant. Legenden lassen sich immer wieder neu erzählen, eine abschliessende Wahrheit gibt es sowieso nicht. Und wer das Leben eines Mitglieds im Club 27 erzählt, ruft unweigerlich Widerspruch auf den Plan. Das jüngste Beispiel: Brett Morgans Kurt Cobain Kinodoku „Kurt Cobain – Montage of Heck“ stiess nicht gerade auf einhelige Begeisterung. Der ehemalige Weggefährte Cobains, der Melvins Leadsänger Buzz Osborne äusserte sich auf der Musiker-Plattform TheTalkhouse. 90 Prozent des Films sei Bullshit, nicht obwohl, sondern gerade weil er zu einem Grossteil auf Schilderungen von Cobain selbst basiert. Wenn es etwas gebe, was man über Cobain wissen müsse, er war ein Meister darin, Dinge zu erfinden. („That’s the one thing no one gets about Cobain — he was a master of jerking your chain“). Aber zählen würden nicht Fakten, sondern was die Menschen glaubten. Und so glauben jetzt eben alle, dass Cobain sich bereits als Teenager das Leben nehmen wollte, oder dass Courtney Loves Beinahe-Fremdgehen einen Monat vor seinem Tod, in ihrer Einschätzung einen grossen Einfluss gehabt hätte.

So warten wir nun auch auf weitere Wahrheiten über Amy Winehouse, die neue Widersprüche aufreissen. Was sich allerdings schwer bestreiten lässt, ist die Tatsache, dass diese hochbegabte Künstlerin nicht bestimmt war für die grosse Bühne. Sie sang, um zu überleben. Sie hätte nie daran gedacht, professionelle Sängerin zu werden. Singen sei einfach etwas, das sie immer tun könne, wenn ihr danach ist, erklärt sie in einem frühen Interview. Man wünscht sich, Amy Winehouse hätte sich nicht verloren, wäre dem Jazz, ihren Vorbildern Sarah Vaughn oder Bennet, den kleinen Bühnen treu geblieben, und würde dann vielleicht noch heute ihre Lieder etwas nachlässig auf ihrer Fender begleiten.