#1 Tauchsafari mit Regina Pfister

I shoot communities because I think there’s a lot of richness there and a lot of honesty and a lot of pain. It’s interesting how they deal with that pain, it’s been there for centuries. And it’s not fake pain. They mask it with all these layers to the point where they don’t even know what they’re masking. Khalil Jospeh

Diese Woche machten meine neue Praktikantin Regina Pfister und ich einen Ausflug an die Art Basel. Die Sicherheitsleute am Eingang der Unlimited durchleuchteten unsere Taschen, und wünschten uns lächelnd viel Vergnügen. Diese Sektion ist jeweils die eindrücklichste, erkläre ich Regina, die noch nie an der Art war. Hier hat es grosse raumgreifende Kunst, Installationen, Videos und grossflächige Malerei, die in der Hauptmesse keinen Platz hätten.

Wie bei der Manifesta, stellte Regina fest. — Ja, so ähnlich, aber hier warten sie auf potente Käufer, an der Manifesta auf Schulklassen. Regina nahm meine Erklärung mit fragendem Blick zur Kenntnis.

Wir schlängelten uns durch die Menschenmenge und schauten uns das eine oder andere Werk an. Hörst Du den Beat? fragte mich Regina, als wir die Mitte der Halle erreichten. Wir folgten der pumpenden Musik, die uns zu einer beachtlichen Menschenschlange vor einer Blackbox führte. — Ja klar, darum sind wir ja hier. Wir stellten uns in die Reihe, um uns Khalil Josephs Videoinstallation m.A.A.d. anzuschauen. Das Akronym steht für „my Angel on Angel’s Dust“ oder „my Angry Adolesence divided“, erklärte ich Regina. Die Filmaufnahmen waren ursprünglich für die Platte von Kendrick Lamar good Kid m.A.A.d City gedreht. Aber es kam anders und jetzt ist Khalil Joseph eben nicht nur ein begabter Regisseur für Musik Videos, sondern auch Shooting Star der Kunstszene.

“Gli” von El Anatsui, Art Unlimited Basel

Regina bahnte sich durch die Menschentraube ins Innere des Kabäuschen, ich dicht an ihren Fersen. Wir liessen uns von traumwandlerischen Bildern und dem Beat berieseln. Alltägliche Szenen aus Compton, ein Mann hängt wie eine Fledermaus von einer Laterne, Jungs und Mädels sitzen am Pool und trocknen sich an der Sonne. Dann galoppiert plötzlich ein Pferd auf einer leeren nächtlichen Strasse. Dazwischen Bilder aus dem Familienarchiv von Kendrick Lamar. Compton ist jene Gegend im Süden von L.A., wo wie überall in den Staaten weisse Polizisten Schwarze drangsalieren, setzte ich flüsternd meine Schulstunde in Zeitgeschichte fort. Regina hörte wohl zu, es schien zu zu interessieren. — In Compton kam es 1992 zu bürgerkriegsähnlichen Gewaltausbrüchen, nachdem vier Polizisten frei gesprochen wurden, obwohl sie Rodney King misshandelt hatten. King wurde zur Ikone gegen rassistisch motivierte Polizeigewalt in den USA.

Warhol versus Basquiat

Ich wusste gar nicht, dass Hip Hop so angesagt ist in der Hochkultur, flüsterte Regina. Wir schauten uns den Loop schweigend zu Ende an. Straight Outta Compton und direkt an die Art, wow. Regina war sichtlich beeindruckt als wir unseren Rundgang fortsetzten. — Hat dieser Jospeh denn noch sowas wie Street Credibility? — Ach Regina, das ist doch jetzt wirklich ein Retrodiskurs. — Wenn Du meinst.

Die Kunst der Strasse, der black community wird spätestens seit Basquiat vom mehrheitlich weissen Bildungsbürgern gehandelt und gekauft. Die Street Credibility wurde längst auf den Schwellen der Galerien und Auktionshäuser für Millionenbeträge abgestreift. — Wenn Du meinst. –

filmstill aus “m.A.A. d.” von Khalil Joseph

Inzwischen standen wir vor einem Vorhang, der an ein vergoldetes Fischernetz erinnerte. Weißt du was ich denke? Regina zückte einen der Auflagetexte, „Gli“ heisst das Teil, in der Sprache der Ewe bedeutet das Mauer. Der Künstler El Anatsui stammt aus Ghana, lebt und arbeitet in Nigeria. Reginas Augen glänzten. — Diese Basler Schau hat jedenfalls mehr mit Afrika am Hut als unsere Zürcher Manifesta, ich kenne diesen Künstler, der wurde letztes Jahr an der Biennale in Venedig für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Offenbar hilft es, dass Okwui Envezor Kurator war. — Scheint so. Schliesslich kann es ja kaum ein Zufall sein, dass im gleichen Jahr auch Adrian Piper einen Goldenen Löwen erhielt. — Wirklich? Regina lachte laut auf. Es musste also ein Nigerianer kommen, um schwarze Künstler an Biennalen zu honorieren. Übrigens haben wir Adrian Piper auch an der Manifesta. Zwar im historischen Teil, die Auftragsarbeiten mit den Bezahlberuflern sind dann mehr von weissen Männern dominiert. — Ja, aber in Zürich arbeiten halt auch weisse Männer für Geld. — Ja, aber die Frage ist, wer arbeitet für das Geld der weissen Männer in Zürich, Regina. Und da hätte es also durchaus auch eine Kenianerin oder ein Burkinabe vertragen. Regina legte ihre Stirn kurz in Falten. — Wenn du meinst. Wir gingen ein paar Minuten schweigend durch die dröhnende Halle, bevor sie mich mit einer Aussage komplett überraschte. — Ich habe kürzlich in einer Studie von der ILO geblättert, die davon ausgeht, dass jeder fünfte Arbeitnehmer weltweit in eine globale Lieferkette eingebunden ist. — Ach ja, interessant. Und was hat das jetzt mit der Manifesta zu tun? — Ja, was wohl? Die Schweiz ist ja bestimmt nicht immer am Anfang dieser Kette.- Weisst Du wieviele Afrikaner letztlich für Zürich arbeiten?. — What Africa Does for Zurich kommt aber an der Manifesta nicht vor. — Naja, das Motto heisst ja auch What People Do for Money. Some Joint Ventures, was sich auf Unternehmungen mit beidseitiger Kapitalbeteiligung fokussiert. — Stimmt, da wären Afrikanische Künstler deplatziert, murmelte Regina. — Eigentlich Künstler generell. Gehen wir? Meine Füsse tun weh.

Titelbild: filmstill aus “m.A.A.d.” von Khalil Joseph, gesehen an der Art Unlimited 2016