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Regisseur Tobias Nölle im Interview: «Der Schweizer Film ist sehr risikoscheu.»

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Artikel erschien am 25. März 2016 bei Tsüri.ch

Der Film ALOYS des Zürcher Regisseurs Tobias Nölle begeisterte an den diesjährigen Berliner Filmfestspielen, und wurde mit dem renommierten Filmkritikerpreis ausgezeichnet. Jetzt kommt er ins Kino. Warum ihn verschrobene Aussenseiter faszinieren, was er sich von der «Generation Heimatland» erhofft und warum das Kino Visionen braucht, erläutert er im Interview.

Der einsame Privatermittler Aloys Adorn nimmt am gesellschaftlichen Leben nur als Beobachter teil. Er befolgt dabei den Kodex der alten Samurai, ein Leben in völliger Unsichtbarkeit zu führen.

Tobias Nölle: Aloys verfolgt die zehn Schritte zur Unsichtbarkeit. Als Detektiv ist dies für ihn fast wie eine Religion und er murmelt die zehn Schritte ja auch wie ein Gebet. An Samurais habe ich dabei nicht gedacht.

Was faszinierte dich an dieser verschrobenen Figur? Ich suche immer nach Figuren, die in mir Bilder evozieren, und so bin ich auf den Privatdetektiven gestossen, der die Welt ausschliesslich durch seine Kamera wahrnimmt. Ursprünglich baute er sich zu Hause sogar ein Paralleluniversum auf, indem er die gefilmte Realität neu zusammenschnitt. Dies war mir dann aber zu verkopft und ich gab der Liebesgeschichte mehr Raum. Die Realitätsfrage wird so in der Begegnung zwischen den beiden Hauptfiguren verhandelt, das ist emotionaler.

Die Liebesgeschichte zwischen Aloys und Vera ist, obwohl oder vielleicht weil sie beide sehr unbeholfen sind, auch sehr romantisch. Beide wollen den andern ja irgendwie retten. Will Aloys sich selbst retten, indem er versucht sie zu retten?Nicht bewusst, zumindest nicht am Anfang, aber jede Rettung hat auch etwas egoistisches. Er durfte bis anhin ja nicht mit anderen Menschen interagieren. Sich von Emotionen leiten zu lassen ist der grösste Fehler, den ein Privatdetektiv begehen kann,  Aloys’ «Deformation professionelle» ist so extrem, dass der «Mensch» in ihm beinahe abgestorben ist bis Vera in sein Leben dringt. Lediglich mit seinem verstorbenen Vater, hatte er zuvor eine emotionale Beziehung.

portrait

Aloys ist ein sehr altmodischer Mensch, von der Wohnungseinrichtung über seine Kleidung bis zu seiner Sprache. Und auch seine Arbeitsgeräte sind keine Smartphones, sondern Kabeltelefone und DVCamcorder. Bist du Nostalgiker? Ja schon, bisschen. Aber mich interessierte vor allem die Idee, dass die Figur nicht nur räumlich und sozial isoliert ist, sondern auch zeitlich. So lebt Aloys wie in einer Zeitkapsel, er ist in der Vergangenheit stecken geblieben und muss den Sprung in die Gegenwart schaffen. Vom toten zum lebendigen. Eine Art Auferstehung.

Die Figur gibt die Ästhetik vor? Unbedingt. Ich versuche jeweils, eine eigene, stringente Welt aus der Figur heraus zu kreieren. Jeder Mensch ist anders und so auch die Welt in der er lebt. Dieses figurenspezifische Universum zu gestalten macht mir grossen Spass, das Eintauchen in die imaginäre Welt der Filmfiguren. Ehrlichkeit zur Figur ist dabei immer oberstes Gebot. Das galt auch für die Musik. Uns war schnell klar, dass es keine zu moderne oder gar hippe Musik sein kann, die hätte nicht zu Aloys gepasst.

Dein Filmuniversum wird auch von Tieren bevölkert, wie der Katze, aber auch  von Schafen, einem exotischen Vogel oder einem Leguan. Manchmal sind sie Teil der Handlung, aber manchmal auch surrealistische Zwischenbilder. Was war die Idee hinter den Tieren? Tiere gaben mir die Möglichkeit im Subtext etwas zu erzählen. Die Katze schleicht etwa so unbemerkt rum wie auch Aloys es zu tun pflegt. Der Leguan ist in seinem Glaskasten so gefangen wie Aloys in seinem Leben, und guckt aber manchmal so als wolle er Aloys ermahnen: Junge, du musst hier ausbrechen! Die Tiere im Film sind sehr geheimnisvoll, sie geben einem das Gefühl, sie wüssten mehr als wir. Als Georg (Georg Friedrich, der Hauptdarsteller, Anm. d. R.) und ich zum ersten Mal vor diesem Schuhschnabel Vogel standen im Zürcher Zoo, konnten wir’s nicht fassen, der Blick dieses Vogels war so bohrend, fast tödlich, der schaute drein als wisse er alles über uns. Er wurde natürlich zum dritten Hauptdarsteller.

schafe

An der Berlinale im Februar wurde der Film mit dem Preis der Internationalen Filmkritiker ausgezeichnet. Was bedeutet Dir diese Auszeichnung? Es ist ein wichtiger Preis und ich hab mich sehr gefreut. Man sagt aber, dass Filme, die Kritiker begeistern, beim Publikum durchfallen. Der Publikumspreis am Las Palmas Film Festival hat dieses Vorurteil aber glücklicherweise widerlegt. Aber das Kino ist dann noch eine ganz andere Geschichte, das wird sehr schwierig.

Mich erinnert Aloys auch an René, den Protagonisten deines ebenfalls prämierten Kurzspielfilms von 2007. Was fasziniert dich an solchen einsamen Aussenseitern?Mich faszinieren eben Menschen, die nicht wirklich gesellschaftlich integriert sind und in einem Paralleluniversum zu Hause sind, während sich unsere Welt mehr und mehr nivelliert indem wir alle den selben Pseudo-Idealen nachhängen. Da hat es immer weniger Platz für kantige Menschen, die nicht in unsere sozialen Raster passen. Vor Jahren gab es doch hier in Zürich diesen Typen, der zu jeder Jahreszeit mit seinen Rollerblades und kurzen Speedos durch die Stadt düste und auf seinem Rücken stand «Kill them all».

ALOYS – Trailer OV from Hugofilm on Vimeo.

Ja, den habe ich aber schon lange nicht mehr gesehen… Der interessierte mich extrem und ich fragte mich, wie es bei dem wohl zuhause aussieht, in seinem Badezimmer, wenn er sich die Zähne putzt, was er zum Abendbrot isst, alles.  Diese Frage stelle ich mir bei angepassten Leuten nie. Ich hätte den gleichen Film auch über zwei junge Hipster machen können, die über den Laptop eine Fernbeziehung führen, aber das interessierte mich einfach nicht.

Die Schweizer haben das Jammern zur Kunstform erhoben

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Artikel erschien am 23. Februar 2013 bei Westnetz.ch

Wie Du deinen Film in die Berlinale reinkriegst

Mit seiner Homage an den Schriftsteller Paul Bowles schaffte es Daniel Young bis an die Berlinale in Berlin. Der Regisseur, der zwischen Budapest und dem Kreis 5 pendelt, erklärt, warum so wenig Schweizer Filme Erfolg haben. Und wie man es trotzdem schafft.

Erschöpft lässt er sich in den Sessel der Kinolobby fallen. Er hätte nicht an die Party von letzter Nacht gehen sollen, meint Daniel Young reuig und bestellt ein Mineralwasser. Es ist ein Uhr mittags, doch an der Berlinale zählt die Zeit nach Mitternacht, wenn die letzten Screenings vorbei und die Leute endlich Zeit haben sich auszutauschen an einer der unzähligen Parties. Da wird es schnell mal vier Uhr in der früh, bis man sich hinlegt. In einer Stunde stellt der Regisseur und Drehbuchautor zum dritten und letzten Mal seinen Film „Paul Bowles – The Cage Door is Always Open“ einem vollbesetzten Kinosaal vor. Mit dabei ist sein ungarischer Kameramann und guter Freund Imre Juhász.

Der Film läuft in der Reihe Panorama, die in diesem Jahr im Zeichen des „angstlosen filmischen Erzählens“„steht. Es ist symptomatisch für den Status Quo des Schweizer Filmschaffens, dass ein Dokumentarfilm in dieser Reihe vertreten ist, und nicht ein Spielfilm. Kreative Energie fliesst in der Schweiz im dokumentarischen Genre unverkrampfter.

Das selbst gewählte Gefängnis verlassen

Dass Young an einem der renommiertesten Festivals seinen Film präsentieren kann, macht ihn stolz. Und es ist ein Wiedersehen mit Berlin, dass er 2004 überstürzt verlassen hatte, als er die Türe seiner Berliner Wohnung hinter sich schloss, um sich eben mal kurz mit einer Produktion in Zürich zu treffen. Er sei dann einfach in Zürich geblieben samt seiner damaligen Frau und seinem Sohn. Nach Berlin sei er bis heute nie mehr gekommen. Mehr verrät er nicht. Ohnehin hätte er viel zu viel über sich selbst geredet während der letzten Tage. Krass anstrengend sei das. . Die Müdigkeit schlägt ihm aber nicht auf die Laune, was eher atypisch für die Schweizer Filmszene ist. Daniel scheint mir eh nur Schweizer im Pass. Aufgewachsen ist der Sohn einer Schweizerin und eines Russen in Houston, Texas. Nach einem Film-Sommerkurs in New York, zog er über einen Abstecher in Moskau,1994 nach Budapest. Ungarn ist auch heute – neben Zürich – seine Wahlheimat geblieben.

Seinen ersten Job für eine Schweizer Produktion hatte er damals Mitte der Neunziger Jahre. Michael Steiner drehte seinen Erstling „Nacht der Gaukler“ in Budapest, Daniel war der erste Regie Assistent des Überraschungserfolgs von 1996. Seither ist er in beiden Ländern aktiv, schreibt Drehbücher, dreht Musik-Clips und Werbe-Spots. Ungarn sei ein beliebter Produktionsort für die Schweiz, eine gute Arbeitsachse offenbar. „Die Schweizer machen doch eigentlich einen ganz guten Job“ lobt er die vielen Koproduktionen. Und es werde mehr Geld für Filmprojekte gesprochen als noch vor 15 Jahren. Gerne erholt sich Young in Zürich, wo er die Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit der Schweizer schätzt. Zürich ist ihm eine Komfortzone. Einem, der seine Komfortzone ohne offene Hintertür verlassen hatte, ist sein Film gewidmet. Der Literat Paul Bowlses wusste genau, dass im bequemen Leben selten gute Geschichten entstehen. Daniel bewundert ihn für seinen Mut, diese Zone der Sicherheit zu verlassen. Im Begleittext zum Film schreibt er: „Der Film ist ein Tribut an diesen einzigartigen und bescheidenen Geist, der sich an den „point of no return“ vorwagte. Ein Tribut, das uns daran erinnert: The cage door is always open.“ Die Käfigtüre ist immer offen.

Bowles verbrachte fast sein ganzes Leben in Marokko, ihm reisten Freunde wie Tennesse Williams, Gore Vidal oder Jack Kerouac nach. Weltruhm erlangte er mit seinem Bestseller „The Sheltering Sky“. Ein Jahr bevor er 1999 starb, interviewte Daniel Young ihn auf seinem Krankenbett in Tanger, nicht ahnend, worauf er sich eingelassen hatte. Young war kein langjähriger Bewunderer, es war Abenteuerlust, die den naiven jungen Filmemacher nach Marokko aufbrechen liess. Als er sich damals in den Zug Richtung Süden setzte, wusste er nicht so genau, , wer dieser Paul Bowles war. Im Nachhinein sieht er das als glückliche Fügung. Dass der Film vierzehn Jahre bis zu seiner Fertigstellung brauchte, ist inzwischen schon eine Legende. Retrospektiv gäbe es vielerlei Gründe dafür. Andere Projekte, fehlendes Geld. Doch vor allem war er damals nicht bereit für Paul. «The Cage Door Is Always Open» ist ein Projekt, das über Jahre reifen musste.

Filmbusiness braucht Sex Appeal

Ein Vagabundenleben. Nomade, korrigiert mich Young. Reisen inspiriert und öffnet die Kanäle für gute Geschichten, die eigene Perspektive auf die Dinge verschiebt sich. Mir ist nicht ganz klar, was Daniel veranlasst hatte, nach Zürich zu ziehen. Bestimmt nicht das Filmbusiness, meint er lachend. In Berlin fehlt es schlicht an Geld, und Zürich biete eben ein sehr komfortables Leben. Sein Blick schweift durchs Fenster zum Sony Center, einem der vielen Prestige Projekte rund um den Potsdamerplatz. Dieser Ausbund von architektonischer Hässlichkeit ist im Zuge des Baubooms nach der Wende entstanden. Berlin hat den Potsdamer-platz, wir haben Zürich West als Eldorado für Investoren. Wie denkt Young über die Entwicklung von Zürichs Boomquartier? Er sieht das gelassen, stellt bloss fest, dass sich Zürich in den letzten fünfzehn Jahren enorm verändert hätte. In Zürich-West müsste die Stadt aber aufpassen, dass es nicht komplett leblos werde. Young nennt das Beispiel der Viaduktbogen, die er früher sehr schätzte. All es noch all die kleinen Clubs gab und das schräge Untergrund-Restaurant „Bananen und Frucht“. Das Spider Galaxy an der Geroldstrasse sei mit Abstand der beste Club der Stadt gewesen, sagt er schwärmerisch. Dass die Stadt auf dem Geroldareal als Standort für das Kongresszentrum ins Auge fasst, findet er nicht richtig. „Ich hoffe wirklich, dass die Kunststudenten, die bald ins Toni Areal einziehen werden, die Gegend beleben und etwas aufmischen.“ Zürich sei aber nach wie vor eine Kleinstadt, provinziell, aber gleichzeitig auch ein Wunder. Aufgrund ihres Finanzstandorts hat es diese Kleinstadt in vielen Bereichen zu weltweitem Ruhm gebracht. Ausser im Kino, sage ich Zähne knirschend.

Ob ihn denn das Jammern der Schweizer, speziell der Cineasten nicht rasend mache? „Die Schweizer haben das Jammern zur Kunstform erhoben“ entgegnet er amüsiert „da sind sie wirklich sehr talentiert.“ Er relativiert aber prompt, auch die Ungaren würden gerne klagen – die Deutschen allerdings weniger. Mir geht durch den Kopf, dass genau diese Tugend die Zürcher stört. Indem die Deutschen dem Klagen entsagen stellen sie ungewollt die Schweizer Mentalität in Frage. Wo die Helveter doch so schon nicht das beste Selbstbewusstsein haben. Und alle sind sich ja offenbar einig: Dem Schweizer Film fehlt es an allem, allem voran an guten Drehbüchern. Sind wir etwa eine talentfreie Zone, wenn es ums filmische Erzählen geht? Auf dieses Klagelied lässt sich Daniel gar nicht erst ein. Der Co-Autor des preisgekrönten Kurzfilms „Yuri Lennons Landing on Alpha 46“, der international ein grosser Festivalerfolg war, wehrt sich vehement dagegen, den Drehbuchautoren mangelndes Talent vorzuwerfen. „Ich wohne ja gleich beim Museum für Gestaltung, wo bis zur Eröffnung des Toniareals die Filmschule ist, und die gibt es ja erst so lange, wie ich in Zürich wohne, also 15 Jahre. International verglichen stecken die Schweizer Filmschulen in den Kinderschulen. Wieso also erwarten denn alle einen sensationellen Schweizer Film?“ Daniel sagt pointiert, dass nicht die Autoren an den fehlenden Geschichten Schuld seien, sondern viel mehr die Schweizer Mentalität. Da spricht der Amerikaner aus ihm, wenn er dafür plädiert, dass Film unbedingt Starkultur brauche, und in erster Linie sexy sein müsse. „Die Schweiz hat keinen Sinn für Sex-Appeal, und darum funktioniert es auch nicht mit dem grossen Kino. Ihr habt hier ja nicht mal einen positiv konnotierten Begriff für Celebrity – Cervelat Prominenz, das sagt doch schon alles aus über die Schweizer Beziehung zum Glamour. Die Schweizer gönnen jemandem nicht einmal fünf Minuten Ruhm.“

Eines Tages besucht man ein Arthouse Kino wie heute die Oper

Es gab sie, die Ausnahmeerscheinungen am Schweizer Himmel der Autorenfilme, und es gibt sie noch immer. Fragt man aber internationale Freunde aus der Branche nach ihrer Meinung zum Schweizer Film, folgt oft ratloses Schulterzucken. Oder die Flucht ins Namedropping der Altmeister, ob tot oder lebendig: Alain Tanner. Jean-Luc Godard. Claude Goretta. Fredi Murer. Betreffend des aktuellen Schweizer Kinos herrscht Ignoranz.

Beim Stichwort Kinokrise gerät Young ins Philosophieren. Das Arthouse Kino sei weltweit marginal geworden, sagt er , „Früher hatte das Independent Kino als klare Aufgabe, die Gesellschaft zu reflektieren. Heutzutage übernehmen das Fernsehserien. Die können flexibler und schneller auf gesellschaftliche Themen reagieren.“ Die USA haben starke Serien entwickelt in den letzten Jahren, die sowohl produktionstechnisch als auch von den Geschichten her anspruchsvoll sind. Arthouse Filme würden bald einen Status haben, wie er heute der Oper zusteht, sagt Daniel sarkastisch.

Nach dem Screening wird Daniel Young von einer Frau überschwenglich begrüsst. Sie liebe seinen Film, grossartig, fantatsich. Eine alte Berliner Freundin. Acht Jahre habe er sie nicht mehr gesehen. Damit ermpfiehlt sich der Regisseur. Schön, wenn sich dank gutem Kino die Wege wieder kreuzen.