#Broken Circle

„Du kannst Kummer nicht teilen“

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erschien am 20. Mai 2013 auf Westnetz.ch

Interview mit Regisseur Felix van Groeningen und Schauspieler Johan Heldenbergh

Was hält uns am Leben, wenn sich plötzlich alles in einen Albtraum verwandelt? Spontan neigt man zu antworten, die Liebe. Dass das nicht immer funktioniert, davon handelt der preisgekrönte Spielfilm „The Broken Circle“, der im Riffraff anläuft. Regisseur Felix van Groeningen und sein Hauptdarsteller Johan Heldenbergh über Liebe, Countrymusik und rückständiges Amerika.

Johan Heldenbergh, „The Broken Circle“ erzählt vom Albtraum, wenn Eltern ein Kind verlieren. Aber ebenso von einer grossen Liebesgeschichte, um nicht zu sagen, der perfekten Liebe.

J.H. „The Broken Circle“ handelt von einer tragischen, perfekten Liebe. Liebe ist für Elise einerseits etwas Absolutes. Und das wird im Film über das visuelle Element der Tätowierung erzählt. Jedes Tattoo auf Elises Körper steht für eine vergangene Liebe. Für jede Liebe liess Elise sich ein Tattoo mit dem Namen des Mannes stechen, den sie später wieder überdeckt hat. Ohne jetzt das Ende des Films vorwegzunehmen, kann ich sagen, dass man das Kino mit dem Gefühl verlässt, Didier und Elise, seien eigentlich füreinander bestimmt, einfach nicht unter diesen Lebensumständen.

Felix van Groeningen, Glauben Sie persönlich an die perfekte Liebe?

F.v.G. Ja. Ich möchte zumindest daran glauben.

Warum wollen Sie die Zuschauer mit Ihren Filmen zum Weinen bringen?

F.v.G. Tu ich das? Nun gut, Sie haben Recht, das möchte ich. Und zwar geht es mir um jenen magischen Moment, auf den ich selbst warten, wenn ich mir im Kino einen Film ansehe: Wenn mich der Film ergreift und ich aufhöre den Film zu reflektieren. Wenn ich mich ganz meinem emotionalen Erleben hingebe.

Das ist ihr Ziel als Filmemacher, die Zuschauer emotional so abzuholen, dass sie sich selbst vergessen?

F.v.G. Ja. Dabei bin ich selbst der einzige Barometer, den ich zu diesem Zeitpunkt habe, um zu prüfen, ob mich eine Szene berührt. Mir sind bereits bei den Dreharbeiten zu „The Broken Circle“ einige Male die Tränen gekommen. Und dann beim Schneiden auch wieder. Und das sind die Momente, die ich suche. Schon beim Drehbuch schreiben oder beim Drehen einer Szene. Natürlich benutzt man auch rationale Tricks, damit die Geschichte an diesen Punkt kommt, wo es den Zuschauer ergreift.

Zum Beispiel?

F.v.G. Zum Beispiel in der Erzählstruktur. Nach dem Dreh kam mein langjähriger Editor Nico Leunen dazu. Wir haben dann die ursprüngliche dramaturgische Struktur des Buches über den Haufen geworfen. Ich liebe es, im Schnitt neue Ideen zu entwickeln und etwas auszuprobieren.

Wie lange haben Sie geschnitten?

F.v.G. Sieben Monate.

Warum haben Sie die Geschichte nicht chronologisch erzählt?

F.v.G. Ich hatte schon beim Schreiben die Idee, den Film nicht linear zu erzählen, sondern in Rückblenden, in denen sich die Liebesgeschichte von Elise und Didier auffächert. Du hast da eine bestimmte Reihenfolge von Szenen und plötzlich beginnt es dich zu packen, ganz anders als du es dir während dem Schreiben oder Drehen vorgestellt hattest. Erzählt man jemandem eine Geschichte, dann tut man das, wenn man natürlich erzählt, auch nicht chronologisch. Man wechselt intuitiv immer wieder in den Zeiten, um die Geschichte lebendig zu halten. Der Film basiert auf dem Theaterstück, an dem Johan mitgeschrieben hatte und auch die Hauptrolle spielt. Das Stück hat mich tief beeindruckt. Das war sehr einfach: Nur das Paar Elise und Didier, die ihre Geschichte erzählen. Und zwar auch nicht chronologisch, sondern thematisch.

Worum dreht sich Ihr Theaterstück Johan?

J.H. Ich wollte immer schon etwas zum Thema Religion machen. Und meine Angst von der Seele schreiben, dass meinen eigenen Kindern etwas zustossen könnte. Für meine Recherchen interviewte ich damals Paare, die ein Kind verloren hatten. Eine Frau sagte mir: „Du kannst Kummer nicht teilen.“ Davon handelt das Theaterstück sowie der Film.

Didier und Elise driften also in ihrem Kummer von einander weg, statt zusammen zu halten?

J.H. Ja. Es gibt nicht immer Heilung durch die Liebe. Das ist eine sehr romantische Vorstellung von der Liebe. Didier und Elise sind sehr unterschiedlich, und im Schmerz entfernen sie sich von einander. Didier ist überzeuger Atheist. Er reagiert auf seinen Schmerz mit Wutausbrüchen und versucht den Verlust rational zu verarbeiten. Ganz anders Elise, die sehr introvertiert und rätselhaft ist. Sie klammer sich an kleinen Symbolen fest und meint in einem Vogel die Seele der verstorbenen Tochter zu erkennen. Bestimmte Wunden kann die Liebe nicht heilen. Sie kann auch nicht immer Trost spenden. Das ist eine romantische Vorstellung der Liebe. Zugegeben, ich kämpfe nach wie vor für diese Idee.

Und auch gegen religiöse Borniertheit? Im Film wird am Rande auch der amerikanische religiöse Fundamentalismus thematisiert.

J.H. Ich wollte auch die Moral von George W. Bush thematisieren und meine Beobachtungen seit 9/11 zu globalen Entwicklungen des religiöse Fanatismus. Bush legte 2006 als damaliger Präsident der USA sein Veto gegen die staatliche Förderung der Stammzellenforschung ein. Und die ist enorm wichtig für den medizinischen Fortschritt. Diese moralische politische Agenda dreht das Rad der Geschichte wieder rückwärts. Und steht gegen alle Errungenschaften, die Gesellschaft von der Religion zu befreien. Dafür haben unsere Vorfahren seit der Reformation gekämpft. Im Theaterstück war die Religion noch viel zentraler. Da hielt ich alias Didier Monologe gegen Gott und den christlichen Fundamentalismus.

F.v.G. Im Film konnten wir natürlich keine vierzig Seiten Monolog einbauen. Das war schwierig zu adaptieren. Der Film erzählt die Geschichte des Paares über sieben Jahre.

Didier und Elise spielen in einer Bluegrass Band. Welche Rolle spielt diese melancholische Form des Country für die Geschichte?

J.H. Ich wählte die Musik als Gegensatz zum Atheismus von Didier. Blue Grass ist ja der weisse Gospel, eine sehr spirituelle Musik. Ich bin ein Geschichtenerzähler, mir gefällt, dass im Bluegrass jeder Song eine in sich geschlossene Geschichte erzählt. Nicht wie in der Rock- oder Popmusik, die mehr assoziativ ist und wo der eine Satz nichts mit dem nächsten zu tun hat. Aber im Bluegrass erzählt ein Song eine Geschichte, die mitten ins Herz zielt. Und das liebe ich daran. Und erst mit dieser Musik funktionierte auch die Geschichte.

F.v.G. Im Film sind die einzelnen Songs ja ganz bewusst gewählt und haben eine dramaturgische Funktion. Die Lieder sind Teil der Handlung.

J.H. Ja, und es gibt kein Lied, dass eine schönere Liebeserklärung ist, als der Song „If I needed you, would you come to me for to ease my pain.“ Dieser Song spricht von einem Abkommen zwischen Liebenden. Und das Lied spielt auch im Film immer wieder eine Rolle.

Es gibt Kritiker, die finden den Atheismus von Didier und seine Liebe zum Bluegrass unvereinbar.

F.v.G (lacht)Wer schreibt so was? Was denken denn Sie über Didiers Leidenschaft zum Bluegrass?

Nun, ich hab sie ihm abgekauft, auch dass er sich in dieser Musik ausdrückt.

J.H. Wer das schreibt hat nicht begriffen, was Hingabe bedeutet. Die Figur des Didier ist mir sehr ähnlich. Ich bin eigentlich ein sehr gläubiger Mensch, aber ich bin gegen Religionen. Ich empfinde Dankbarkeit dem Leben gegenüber, aber Verantwortung muss jeder selbst übernehmen und sie nicht an einen Gott übergeben. Didier ist ein radikaler Atheist wie ich, und dennoch würde er den Rest seines Lebens jeden Abend auf einer Bühne seinen Bluegrass spielen, „Over In the Glory Land“ oder „Wayfaring Stranger“ singen.

Menschen sind voller Widersprüche und nicht logisch?

F.v.G. Didier ist einerseits sehr rational, aber seine Rationalität verteidigt er in einer ausgesprochenen Emotionalität.

Wie war es tNell Cattrysse ein todkrankes Mädchen zu spielen?

F.v.G. Sie hatte eine grossartige Zeit auf dem Dreh. Nell war total in Johan verliebt. Und Veerle holte sie für ein Wochenende zu sich vor dem Dreh, um die Beziehung aufzubauen. Es war wichtig, dass Johan und Veerle für Nell wie Eltern waren, also ihre nächsten Bezugspersonen während des Drehs. Wir redeten auch viel mit ihren echten Eltern darüber. Sie hatte überhaupt keine Angst, ein krankes Mädchen zu spielen.

Haben Kinder ein natürlicheres Verhältnis zum Tod?

J.H. Kindern in diesem Alter fehlt die Konnotation mit dem persönlichen Verlust, den ein Tod bedeutet. Als zwei sehr nahe stehende Menschen kurz nacheinander starben, mein Stiefvater sowie ein guter Freund, sahen mich meine eigenen Kinder weinen. Für sie war Opa einfach weg. Sie haben noch kein Bewusstsein ausgebildet, was für sie dieser Tod nun bedeuten wird, und das ist ja die Basis von Kummer, das Bewusstsein über einen Verlust.

F.v.G Am liebsten spielte Nell die Szene worin Maybelle stirbt. Während die ganze Crew weinte, hatte sie ihren grössten Spass.

Das belgische Kino ist bekannt für seine raue Ästhetik und Geschichten von gewöhnlichen Menschen. Felix, warum haben Sie sich für einen nicht naturalistischen Look des Film entschieden. Sie haben warme Farben, eine ruhige Kamera und langsame Fahrten gewählt.

F.v.G. Das mit dem Naturalismus ist wegen der Gebrüder Dardenne.(lacht) Ich wählte eine Ästhetik, die gut für meine Geschichte ist. Diese Geschichte fühlte sich irgendwie „larger than life“ an. Den Look entwickelte ich mit meinem langjährigen Kameramann Ruben Impens. Wir haben natürlich im Vorfeld auch über einen naturalistischeren Look diskutiert.

J.H. Ich spielte in früheren Filmen von Felix. In „Die Beschissenheit der Dinge“ oder „Steve & Sky“. Und damals war die Kamera immer sehr bewegt und nah an den Darstellern, so im dokumentarischen Stil. Für Fahrten benutzten wir einen Rollstuhl.

F.v.G. Jetzt wollten wir wirklich grosses Kino machen. In einer Ästhetik, die ich früher an der Filmschule hasste (lacht). Aber inzwischen habe ich diese Panik vor Klischees abgelegt. Ich fühle mich nicht mehr authentischer mit einer unruhigen Kamera und möglichst wenig Farbkorrekturen.

J.H. Eine naturalistische Darstellung hätte der Geschichte wohl eher geschadet. Er wäre zu hart geworden. Die Ästhetik der Langsamkeit, die Musik sowie der feine Humor gibt dem Publikum den Raum zum atmen, den es braucht für diesen Film.

Lied der perfekten Liebe

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Artikel erschien am 20. Mai 2013 bei Westnetz.ch

Der Film „The Broken Circle“ lässt kein Auge trocken

Der belgische Erfolgsfilm „The Broken Circle“ kommt ins Kino Riffraff. Eine Schicksalsgeschichte, die den Bauch und das Herz anspricht. „Cinema Cinque – Film im Foifi“ stellt den Film und seine Macher vor.

Die tragische Geschichte von Didier (Johan Heldenbergh) und Else (Veerle Baetens) betitelt die Zeit: „Leben wie im Countrysong“. Allerdings muss man vorwegnehmen, dass es sich um Bluegrass handelt, dem melancholischen Ur-Country. Bluegrass-Musik koppelt grosse Gefühle mit grossen Themen des Lebens: Liebe, Tod, Glaube, Hoffnung und Verzweiflung. Einer der berühmtesten Songs „Let the circle be unbroken“ ist auch namensgebend für den Film des jungen Belgiers Felix van Groeningen.

Mit Banjo, Charme und Bodypainting

Als der Musiker Didier das Tattoo-Studio von Elise betritt, nimmt die Liebesgeschichte ihren Lauf. Elise beginnt in Didiers Countryband zu singen und sie ziehen zusammen in ein selbst renoviertes Landhaus. Mit der Geburt der Tochter Maybelle (Nell Cattrysse) ist das Idyll des Paares perfekt. Doch dann erlebt das Traumpaar den grössten Albtraum aller Eltern – ihre sechsjährige Tochter erkrankt an Krebs und stirbt. Die Liebe von Didier und Elise zerbricht daran.

Wäre da nicht diese Bluegrass-Musik, die Geschichte wäre schnell erzählt und unerträglich trostlos. Aber weil die Schauspieler mit der Filmband so leidenschaftlich vom Schmerz und der Schönheit des Lebens singen und spielen, haben die Zuschauer, Raum zu atmen. Und die Songs erfüllen eine dramaturgische Funktion: sie kommen dann, wenn die Protagonisten mit Worten und Taten nicht weiter wissen. Oder wenn der Film dem Zuschauer genug Verzweiflung zugemutet hat.

Flämisches Ausnahmetalent

Die Musik war bereits fester Bestandteil des Theaterstücks, auf dem der Film basiert. Die Idee stammt von Johan Heldenbergh, der auch im Film die Hauptrolle spielt. Ebenfalls ist er Co-Autor von „The Broken Circle Breakdown featuring The Cover-Ups of Alabama“, das in Belgien einen grossen Bühnenerfolg feierte. Heldenbergh hat Liebe, Tod, Tattoos, Bluegrass-Musik, Irrsinn und Religion so beeindruckend kombiniert, dass auch sein Freund, der Regisseur Felix van Groeningen tief berührt war. Groeningen wagte sich ans ehrgeizige Vorhaben, ein Theaterstück für einen Spielfilm zu adaptieren, das keine eigentliche Handlung hat, sondern grösstenteils aus Monologen und Musik besteht. In seiner Heimat Belgien gilt Regisseur Felix van Groeningen zurecht zu den bedeutensten Filmemachern der sogenannten belgischen „Nouvelle Vague“. (Link.)„The Broken Circle“ ist van Groeningens vierter Spielfilm und gewann ander Berlinale den Panorama-Publikumspreis. In seiner Heimat sowie in Holland war er ein grosser Kassenschlager.

Das Paradox Mensch

„The Broken Circle“ wirft uns als Zuschauer auf unser eigenes menschliches Drama zurück: Der Widerspruch von Verstand und Spiritualität. Wofür entscheiden wir uns, wenn uns das Leben seine widrigste Seite zeigt? Für den rationalen Weg der Vernunft?. Oder suchen wir Trost in spirituellen, religiösen Ritualen?Mit „The Broken Circle“ ist den Machern ein erschütterndes Drama gelungen, todtraurig und voller Leben. Nur zeitweise drückt noch ein wenig der Bühnentext durch. Und eine gewisse naive Wunschvorstellung von einem, der noch an die perfekte Liebe glaubt. Aber weil die Darsteller so überzeugend sind, verzeiht man dem Film, dass Didiers Klagen ab und an doch etwas ausufert.Felix van Groeningen und Johan Heldenbergh sind sich einig: Die Essenz des Films klingt so banal, dass es für die Promotion nach Gemeinplatz klingt: Liebt das Leben. Aber wenn ein Film uns mit diesem tief empfundenen Wunsch wieder in unsere eigene kleine Welt hinaus spuckt, dann hat uns eines der wertvollsten Geschenke gemacht, wozu Kino im Stande ist.

Interview mit Regisseur Felix van Groeningen und Schauspieler Johan Heldenbergh