#Gentrification

Der letzte Mohikaner

by
Kommentare deaktiviert für Der letzte Mohikaner

Erschien am 27.09.2012 auf Westnetz.ch

Wie Zürich doch noch zu einem „Nagelhaus“ gekommen ist

Eine funktionierende Wohlstandsgesellschaft braucht immer auch ein bisschen Widerspenstigkeit, damit sie „gesund“ bleibt. Und dafür sorgen unter anderem auch junge Künstler, die im urbanen Raum arbeiten. Einer von ihnen ist Navid Tschopp. Wenn er in den öffentlichen Raum interveniert, ist sein Ziel Interessen, und Widersprüche im öffentlichen Raum aufzuzeigen. So auch bei seiner neusten Aktion „Résistance“ am Wohnhaus an der Turbinenstrasse im Trendviertel Zürich West.

Im Kontext von Art and the City und einer Ausstellung im K3 Project Space hatte er eine Intervention an der Fassade der Restmauer der Hausnummer 10 angebracht. Mit grossen Lettern steht nun seit vergangener Woche RESISTANCE. Der Schriftzug ist grafisch dem jenem des benachbarten Hotel Renaissance nachempfunden. Der Hotelbesitzer Peter Schickling zeigte sich gegenüber der Presse (TA vom 19.9.2012) kulant, ihn störe die Schrift nicht, aber das Haus selbst allerdings schon, weil es die Zufahrt auch zu seinem Hotel erschwere. Die Aktion weist sehr deutlich auf einen Territorialkampf, der die Umgestaltung von Zürich West mit sich führt.

Das Haus an der Turbinenstrasse ist ein letzter Mohikaner im knallharten Immobilienmarkt der Stadt. Das Haus mit Baujahr 1893 hätte eigentlich längst abgerissen werden sollen, denn es blockiert die ungestörte Zufahrt zum Maag Areal. Doch die Besitzer weigern sich zu verkaufen. Navid Tschopp hat im Rahmen seiner Arbeit den ältesten Bewohner des Hauses befragt. Das aufgezeichnete Gespräch war in der Ausstellung im K3 zu hören. Der ältere Herr wehrt sich gegen die Argumentation der Baulöwen, dass eine Beseitigung des Hauses im Interesse der Öffentlichkeit geschehen würde. Er meint nicht ohne Schalk, es sei doch eher so, dass eben dieser Kontrast im öffentlichen Interesse stünde. Regelmässig kämen Passanten, Touristen und sogar Hotelgäste des Renaissance, um das Symbol des Widerstands zu fotografieren.

Das Arbeiterhaus gehört wie die Original Fabrikgebäude oder die Schrebergärten zu den letzten Überreste einer anderen Zeit, als die Arbeiterklasse das Quartier besiedelte. Nicht mehr viel erinnert daran, geschmeidige Glasbauten, Hochhäuser und betonierte Plätze sind der Rauheit gewichen. Keine Kieswege mehr, wenig natürlich gewachsene Vegetation sind um das Areal Escherwyss Maag und Förrlibuck geblieben. Bis auf dieses kleine Mehrfamilienhaus an der Turbinenstrasse. Und da steht es nun, ein wild wucherndes Biotop inmitten der durch designten Umgebung.

Freiheit versus Regulierung

Tschopp begleitet mit seiner Kunst die Umgestaltung von Zürich West in eine Hochburg der Dienstleistung. Tschopps Interventionen im öffentlichen Raum operieren bewusst in Gegensätzen und reagieren damit auf die Tendenz der Regulierung im öffentlichen Leben. „Wir sind keine trivialen Maschinen, wir brauchen Freiheit“, meint er, und diese beginnt im Kopf. Mit seinen Interventionen möchte er gegen die Selbstzensur in unseren Köpfen reagieren und Handlungs- und Denkmöglichkeiten aufzeigen, deren wir uns schon nicht mehr bewusst sind. Mittels witzigen Eingriffen im öffentlichen Raum hinterfragt Tschopp Konventionen und Normen und führt diese in den gesellschaftlichen Diskurs. Er plädiert für mehr Rechte des Einzelnen im urbanen Raum, für mehr eigenständiges Denken und Kulanz gegenüber dem Ungewohntem und Fremden.

Das Nagelhaus als Symbol des Widerstands

Tschopp verweist mit der „Résistance“ unter anderem auf eine Kontroverse der städtischen Kunstpolitik aus dem Jahr 2010. Damals lehnte das Stimmvolk einen Kredit für das Projekt „Nagelhaus“ am neu gestalteten Escher Wyssplatz ab. Der Hybrid von Architektur und Kunst war als Kiosk-Toilette gedacht und stammte vom Londoner Architekten Caruso St John und dem Berliner Künstler Thomas Demand. Die SVP hatte das Referendum gegen das geplante „Nagelhaus“ ergriffen mit der Parole „5.9 Millione für e Schiissi“. Dabei verdeutlichte dieses Nagelhaus nach einem Vorbild aus China auf die radikalen städtebaulichen Massnahmen, wie die Hardbrücke, die einen Stadtteil brutal zerschneidet. Somit ist es ein Symbol des Widerstands. Nun hätte Zürich West sogar ein Original-Nagelhaus, und dieses stehe an der Turbinenstrasse, meint Tschopp mit einem Schmunzeln.

„Der öffentliche Raum soll demokratisch bleiben“

Wegen der demografischen Entwicklung und der abnehmenden kulturellen (sozialen) und architektonischen Durchmischung bietet Zürich West immer weniger reizvolle Gelegenheiten für künstlerische Interventionen. Es sei sehr schwierig in diesem ‚öffentlichen‘ Raum zu operieren und ein Werk zu gestalten. Stadtteile mit grosser kultureller und sozialer Durchmischung bieten Navid Tschopp mehr Inspiration und Möglichkeit neue Kunstwerke zu realisieren.

Und tatsächlich fällt auf, wie viele Überwachungskameras die Neugestaltung von Zürich West mit sich gebracht hat. Soll der öffentliche Raum nach demokratischen Grundsätzen folgen, ist bereits das Schwinden von unüberwachtem Raum eine Einschränkung für die Freiheit eines Individuums.

foto: navid tschopp

Webseite des Künstlers Navid Tschopp

Hurra, Stromfrei!

by

Artikel erschien am 13. März 2013 bei Westnetz.ch

Warten auf Voltage

Der mehrstündige Stromausfall in Zürich West legt 3600 Haushalte und Firmenanschlüsse lahm. Und einen wichtigen Finanzstandort: den Primetower. Der Büroturm wird zum ersten Mal in seiner Geschichte evakuiert. Anwälte und Vermögensberater sind zur Zvieripause genötigt.

Ein ungewohntes Bild bietet sich mir am Dienstagnachmittag in Zürich-West. Vom Prime-Tower aus strömen Aktentaschen in alle Richtungen. Wer auf dem Platz bleibt trägt Signal-Orange oder Knall-Gelb. Beides gerne als Warnweste. Und statt per Handy kommuniziert man hier über Funkgeräte. Ein ganz neuer Style, denn sonst dominieren hier Kravatten-Menschen mit Blackberries und I Phones.

Mitarbeiter der Sicherheitsfirma Mibag halten sämtliche Eingänge des Prime Towers und der Nachbargebäude unter Kontrolle. Unbefugte dürfen die Gebäude nicht betreten, nicht einmal die Presse. Aus dem unbeleuchteten Coop Pronto schielt ab und zu eine Mitarbeiterin etwas ratlos nach draussen. Zielstrebig schreitet eine junge Frau zum Bankomaten vor der Filiale der Zürcher Kantonalbank und wendet sich alsbald wieder ab. Dann will sie in die Bank. Die Türe steht offen, aber im Innern ist es wie ausgestorben. Erst jetzt nimmt sie in ihrer routinierten Blindheit den Sicherheitsbeamten und somit den Ausnahmezustand am Prime Tower wahr.

hier kommt kein Unbefugter mehr rein…

Übung für den Ernstfall

Für die Gebäudesicherheit der Swiss Prime Site ist die Firma Mibag zuständig. Sicherheitsbeauftragter und Einsatzleiter Mathias Knellwolf sagt, sie hätten dieses Manöver vor fünf Monaten zum letzten Mal geübt. Es klappe wie am Schnürchen. Es hätte keine Fälle von Panik gegeben. Es bestünde halt auch keine akute Lebensgefahr, wie zum Beispiel bei einem Brand oder einem Bombenalarm. Er fügt an, dass gemäss EWZ um 17. 45 wieder Strom fliessen soll.

Eine Evakuation ohne dringenden Notfall scheint mir seltsam. Sie sei aufgrund der Dunkelheit in den Treppenhäusern erfolgt, die ein Sicherheitsrisiko darstelle, bestätigt mir Knellwolf. Die Evakuation erfolgte ausschliesslich über das Treppenhaus. Leute, die in Aufzügen festsitzen, werden im Fall eines Stromausfalls manuell befreit. Peter Wullschleger, CFO von Swiss Prime Site war zur Zeit der Evakuierung im 34. Stock. Es lief alles ordentlich, den Umständen enstprechend, aber problemlos, bestätigt er gegenüber Westnetz.

Für das Sicherheitspersonal bedeutet der Einsatz viel Treppensteigen. Zuerst in die unteren Etagen, und immer weiter hoch bis in den 35. Stock, bis alle Büroleute ins Freie begleitet sind. Ein gutes Fitnessprogramm, sagt ein Angestellter lachend. Eine Dame, die sagt, sie dürfe auf keinen Fall zitiert werden, erzählt mir, wie sie von ganz oben die 35 Treppen runter gestiegen sei. Zuerst sei alles ganz problemlos gewesen. Aber je weiter sie sich nach unten vorgearbeitet hätte, desto verstopfter sei alles gewesen.“Wie Rushhour im HB“ sagt sie, und macht eine Miene, wie jemand, der vom täglichen Pendlerexistenzkampf gut gegerbt ist.

Sicherheitsbeamte evakuieren 2000 Leute

Ich frage mich, wo all die anderen Büroleute ihre Zwangspause verbringen. Denn die Bar Hotel Rivington and Sons im Erdgeschoss des Towers ist auch stromlos und deshalb geschlossen. Der Geschäftsführer Antonio Carabantes und seine Mitarbeiter erwarten an einem normalen Feierabend bis zu 1000 Gäste. Die heutige Katastophe bedeutet eine empfindliche Gewinneinbusse. Das gilt auch fürs Restaurant Clouds im obersten Stock. Dessen Personal treffe ich im Ableger der Asia Food Kette Lilly’s nebenan. Der Imbiss verströmt die Aura eines Wartesaals, so unbeleuchtet und regungslos. Die Clouds Crew sitzt auf dem Trockenen, aber wenigstens ist es hier warm, sagt der Verantwortliche für Einkauf. Eigentlich sei alles bereit, man müsse nur noch in den 35. Stock und die Küche könne starten. Es sei denn, der Strom fliesse heute gar nicht mehr. Zu Trinken gibt es hier jedenfalls auch nichts. Und nirgends finde ich Büroleute. Vielleicht sind sie ja alle nach Hause. Hurra! Stromfrei!

Nischenkultur mal anders

Der Feierabendverkehr an der stark befahrenen Kreuzung Pfingstweidstrasse Hardstrasse regelt eine Verkehrskadettin, denn sämtliche Ampeln sind aus.

Mein Blick bleibt an einem Fenster des Big Ben Pub kleben. Da brennt nicht nur Licht, sondern es scheint rammelvoll. Ungewöhnlich zu dieser Uhrzeit, wo sich doch normalerweise höchstens eine Hand voll Fussball Fans versammelt, um am Grossschirm einen Match zu verfolgen. Heute schart sich eine Gesellschaft in Anzug und Deux-Pieces um den Tresen. Sie wirken wie Ausserirdische. Was sie aber nicht anficht, ganz im Gegenteil: Angeregt, lauthals, ja, ein wenig aufgekratzt hört man sie im ungewohnten Dekor herumposaunen. Die Lauthälse sind Anwälteder renommierten Kanzlei Homburger, die im Prime Tower residiert. Während die einen hoffen, dass sie um sechs wieder zurück in ihre Büros können (Dringend! Wichitig! Klienten!), geniessen die anderen den vorgezogenen Feierabend (Noch eine Stange! Pröschtli! Uf oisäs EWZ!).

Homburgers beim Bier

Sie hätten den Vorfall in einen Teambildungsanlass verwandelt, sagt gelassen ein Rechtsanwalt. Nicht alle seien aber so ruhig, sagt seine Kollegin. Dränge eine Deadline, so sei so ein Stromausfall sehr unangenehm. Einige Arbeitskollegen habe man vom Schreibtisch zerren müssen, die hätten partout nicht evakuieren wollen. Zeit ist Geld in Zürich-West, und jetzt versickern die Homburger-Stunden-Honorare im Bier.

Vor dem Restaurant Les Halles sitzt die bierselige Truppe eines Schokoladenherstellers. Gibt es denn morgen keine Schokolade? Doch, doch, die Fabrik sei glücklicherweise nicht in Zürich-West. Dann höre ich, man habe einen Trupp der Deutschen Bank eben noch auf dem Turbinenplatz gesichtet. Es scheint, als habe jede Firma sich eine temporäre Nische gesucht. Beim Turbinenplatz angekommen, sind keine Bankangestellten mehr da. Ob sie vielleicht in die Lobby des Hotel Ibis geflüchtet sind? Heute ist alles möglich. Als ich die zappendustere Hotel Lobby betrete, sehe ich wie die Receptionistinnen sich mit Kerzen behelfen. Sieht aus wie ein Event der romantischen Art, der danach schreit fotographiert zu werden. Just im Moment, als ich den Auslöser drücke, wird’s hell. Die anwesenden Mitarbeiter jubeln. Bloss ich jaule enttäuscht. Pünktlich um 17.45, wie angekündigt, fliesst wieder Strom in Zürich-West, brave Angestellte zieht’s zurück in den Primetower.

Das sagen die andern: Ein Medienspiegel

Telefoninterview mit EWZ Sprecherin Esther Rutz

Künstlerischer Freiheit den Maulkorb verpasst

by

Was steckt hinter der Kunst Zensur am Prime Tower?

Am 14. September wurde der Streit zwischen dem Multikonzern Ernst & Young und dem kleinen Off Space K3 im Maag Areal publik (TA vom 14.9.2012). Hinter dem Kunstwerk der Genfer Künstlerin Joelle Flumet „Quality in everything we did“ steckt aber ganz viel mehr als ein provokativer Regelverstoss gegen den gesetzlichen Markenschutz.

Betrachten wir doch das Kunstwerk etwas genauer. Flumet nimmt den Werbeslogan von E&Y auf und interveniert auf der gegenüberliegenden Fassade. Sie verschiebt einen Slogan in einen anderen Kontext, nämlich in denjenigen des Kunstraums. „Quality in everthing we did“ spielt selbstreferenziell auf die Geschichte dieses Ortes als Standort der Kreativwirtschaft an.

Aber es stellt auch ganz klar einen Bezug zum gegenüberliegend eingemieteten Multikonzern her. Und hier wird es brisant. Ernst & Young ist einer der vier ganz grossen Global Players der Wirtschaftsprüfer und Beraterunternehmen, der sogenannten „Big Four“, die sich den globalen Markt praktisch untereinander aufteilen. Flumet hat mit sämtlichen Slogans der Multis gearbeitet, und dabei festgestellt, dass es sich immer um sehr unverbindliche, schwammige Aussagen handelt, die nun geschützte Marken sind. Ihr Spiel mit der Sprache ist ein künstlerisches Konzept, ergo sollte es nicht im Schutz der künstlerischen Freiheit stehen?

Die andern grossen Wirtschaftsprüfer sind KPMG, Deloitte und PWC. Ihre Slogans klingen ähnlich unverbindlich, „cutting through complexity“ oder „standard of excellence“ propagieren effizientes Durchsetzungsvermögen. Indem Joelle Flumet die Slogans in die Vergangenheit setzt, suggeriert sie Historizität. Tatsache ist, dass im globalen Verdrängungskampf auch Unternehmen dieser Grösse nicht überleben, wie der einst fünfte Riese Arthur Andersen. „Quality in everything we did“ ist ein Augenzwinkern seitens Flumet auf ein mögliches Zukunftsszenario, wovor sich alle fürchten.

Wer hat den Durchblick am Standort Maag?

„Wenn man auf dem Vorplatz des Hardbrücke-Bahnhofes Skateboard fährt, wird man nach 40 Sekunden weggewiesen mit dem Hinweis, dass Skateboarden als Verweilen gelte und hier Verweilen nicht gestattet sei, nur Durchgehen sei erlaubt.“

(Flugblatt im Rahmen der Ausstellung von Stefanie Brottrager)

Mit der Lage direkt an den Bahngleisen ist der Standort sowie Slogan von E&Y gut sichtbar, vom Bahnverkehr wie auch von der Hardbrücke aus. Mit Sichtbarkeitsverhältnissen beschäftigt sich die Ausstellung im K3 Project Space.

Flumets Schrift-Applikation ist Teil von „Durchblicken und abprallen– künstlerische Statements zu semitransparenten Konstruktionen,“ einem Projekt der freien Kuratorin Susanne Sauter. Sie versammelt Arbeiten von Künstlern, die sich mit den „aktuellen städtebaulichen und sozialen Veränderungen rund im das Maag Areal Zürich“ auseinandersetzen. Der Off Space begeht dieses Jahr sein 10jähriges Jubiläum. Und Sauter hat in den vergangenen Jahren die Gentrifizierung direkt vor Ort genau beobachtet.

Sie wirft nicht nur einen bewundernden Blick auf den Prime Tower von Gigon Guyer, architektonisch und ästhetisch unbestritten ein Meisterwerk. Sauters Kritik setzt bei der Metapher des Kristalls an, wovon die Architekten ja ausgegangen sind.

Sie ziehlt auf den Prozess der Kristallisierung, im Sinne von Verdichtung und Akkumulation von Kapital am Standort des Prime Tower. Sie befragt die Wirkungen, welche diese aus der Balance geratene wirtschaftliche Tätigkeit hier an diesem Ort an anderen Stellen der Welt auslösen, die für den nicht beteiligten eben nicht transparent sind.

Die Ausstellung geht von dieser scheinbaren Durchsichtigkeit von Glasbauten aus. „Die Transparenz der Glasfassaden ist trügerisch. In wie fern sind wir überhaupt in der Lage zu verstehen was sich hinter den Glaswänden abspielt?“ fragt sich Sauter. Der „Kristall“ löst nicht nur Freude aus, sondern auch Unbehagen. In Rekordzeit gebaut, stand er plötzlich da und mit ihm der Dresscode und die Standard Geschwindigkeit der globalen Business Welt. Geschalte Männer und Frauen im Deux Pièce bevölkern inzwischen den Standort. Das K3 hatte neue Nachbarn, die bisher in der Innenstadt ansässig waren. Und die Bedürfnisse und Regeln rund um den Hardbrücke Bahnhof haben sich schlagartig verändert. So wird Skateboard fahren nun als störend empfunden, genau so wie ein künstlerisches Statement an der Hausfassade. Und es musste weg.

Die Künstler der Ausstellung suchen den Dialog mit den neuen Nachbarn, wenn auch teilweise mit dem Mittel der Provokation. Joelle Flumet habe nicht mit dieser rigorosen Reaktion des Konzerns gerechnet, sondern mehr mit einer Auseinandersetzung mit ihrer Arbeit. Aber offensichtlich hat ihr Schriftzug derart für Unbehagen in den Teppichetagen des Unternehmens gesorgt, dass es der internationalen Delegation nicht zumutbar war, die an jenem Wochenende erwartet wurde. Fürchtete man im Zürcher Hauptsitz des Konzerns sich beim Anblick der Persiflage des Markenslogans vor einer Rüge? Hätte man dem Schweizer Hauptsitz etwa vorwerfen können, sie hätten ihre Nachbarn nicht unter Kontrolle? Ein leitendes Kadermitglied liess gegenüber K3 verlauten, er würde das Werk einfach nicht verstehen. Sich auf eine Auseinandersetzung einzulassen lag offensichtlich nicht drin, sodass man mit dem Recht auf Markenschutz beim Besitzer des Gebäudes klagte.

Die Stadt hatte das Werk von Flumet bewilligt, der private Besitzer der Gebäude am Areal ursprünglich auch, liess sich aber von Ernst & Young unter Druck setzen, dass die Stadt schliesslich nachgeben musste. Die Machtverhältnisse zwischen global agierenden Wirtschaftsunternehmen und Politik verschieben sich immer mehr zu Gunsten der Wirtschaft. Dieser Überzeugung sind auch die Macher der Ausstellung. Es zeigte sich einmal mehr am Beispiel von „quality in everything we did“. Die künstlerische Freiheit wurde vom Multi zensiert.

Den Dialog suchen im Areal

Glücklicherweise gibt es auch andere Nachbarschaftsverhältnisse rund im den Prime Tower. So zur Anwaltskanzlei Homburger, eine sehr kunstinteressierte Gesellschaft, die schon an Vernissagen ins K3 besuchte. Die Künstlerin Irene Weingartner hatte während zwei Wochen ihren Arbeitsort in die Räumen der Kanzlei verlegt, durfte sich frei bewegen In ihren Zeichnungsarbeiten versucht Irene Weingartner auf bestimmte Orte oder Fragestellungen zu reagieren, indem sie wie ein Seismograph wahrgenommene Impulse aufzeichnet. Sie fand dort eine offene Betriebskultur vor. Mag die Transparenz und das Vertrauen gegen aussen zwar auch seine Grenzen haben, zumindest besteht auf Seiten Homburger ein Interesse im Austausch mit den Machern von K3. Kürzlich wurde eine Privatführung durch die Ausstellung gewünscht.

Den Vorschlag, den „Spielverderbern“ von E&Y ihr Kunstwerk wenigstens „post mortem“ zu vermitteln, da ja offenbar Verständnisprobleme vorherrschen, lehnte die Künstlerin vehement ab. Die Chance für eine Auseinandersetzung mit dem Werk und einen konstruktiven Dialog sei passé. Schade. Den Diskurs über die Ökonomie des öffentlichen Raumes anregen ist das Ziel der Ausstellung, das wurde mit dem Streit um „Quality in everthing we did“ definitv erreicht. Fortsetzung folgt.

Die Ausstellung ist noch am Sonntag 23. September zwischen 16 und 18 Uhr geöffnet.

K3 project space