#Gesellschaft

Ein Slum-Radio kämpft für den Frieden

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Kenia Medien sind wichtige Pfeiler der Demokratie. In Nairobi zeigt sich, was das konkret heisst: Eine kleine Radiostation klärt die Bürger im Slum über Hygiene, friedvolle Wahlen und gute Regierungsführung auf.

Text Valerie Thurner Fotos Anna Mayumi Kerber

Andika Shariff ist ein zurückhaltender Mensch. Als DJ wird er zum Entertainer.
Aktuelles Team von Koch FM

«Ich muss jetzt kurz etwas zu diesem Song erzählen und mich verab-schieden», sagt Andika Shariff, schiebt den Reg-ler runter und spricht ins dicht ans Gesicht gesetzte Mikro-fon. Es ist schwül im fensterlosen Raum. Shariff verliest die Nachrichten und einen letzten SMS-Kommentar der Hörer-schaft. Es ist jetzt kurz vor vier Uhr nachmittags, das war die wöchentliche Sendung zu Taarab, einer besonders in der Küstenregion Ostafrikas beliebten Volksmusik. Einer der Momente, in denen Shariff, im Alltag ein eher ruhiger und zurückhaltender Mann, zu DJ Shariff Andika wird. Zum En-tertainer. «Mir macht es grossen Spass, etwas für die Ge-meinde zu tun», sagt er. Er ist Moderator bei Koch FM, wo er als Journalismus-student vor zehn Jahren seine ersten Er-fahrungen im Medienbereich machte.
Seine Reggae-Show, die jeden Samstagnachmittag über den Äther ging, wurde zur populärsten Sendung von Koch FM. «Reggae ist die Musik des Ghettos. Damit identifiziert sich die Jugend», erklärt sich Andika Shariff seinen prominenten Status bei der Jugend von Korogocho. Korogocho heisst der Slum, die Einheimischen sagen aber einfach Koch (sprich: Kotsch). Davon leitet sich auch der Name des Radios ab.
Der Weg hierher ins Studio führt am Sportfeld der Primar-schule vorbei, dann am einzigen Strassenschild weit und breit, vorbei an bunt bemalten Wellblechfassaden und Bretterverschlägen bis zum Gemeindeplatz von Korogocho. Nach einer Einfahrt stösst man auf zwei aneinandergefügte, rot gestrichene Seefracht-Container, die hinter ein paar ge-parkten Autos ver-borgen sind. Auf dem bereits stark abge-blätterten Lack ist ein Schild angebracht: Eine aufgemalte Faust hält ein Mikrofon, in das ein Schriftzug eingeschrieben ist: «Koch FM, Edutainment on FM 99.9». Was so unschein-bar aussieht und sich bescheiden «Edutainment» nennt – ge meint ist die Verbindung von Bildung und Unterhaltung –, ist eine Legende. Hier schlägt das Herz des ersten Slum-Radios in Kenia. Im hinteren Container ist ein kleines Studio eingerichtet, das durch eine Tür vom restlichen Raum schalldicht abgetrennt ist. Innen ist alles mit roten Wandpol-stern versehen.Korogocho ist multiethnisch, in den neun «Dörfern» des Slums leben etwa 150 000 Menschen. Sie stammen aus ver-schiedenen Volksgruppen. Aufgrund zahl-reicher somalia-stämmiger Einwohner besteht zusätzlich ein Nebeneinander von Katholiken und Muslimen. Die meisten der Slum-Bewohner sind unter 30 und gehören damit zur Hauptzielgruppe von Koch FM. 20 bis 30 Freiwillige arbeiten inzwischen in der dritten Radio-Generation für das Infotainment-Projekt. Die Betriebsleitung besteht aus drei Leuten, die Redaktion und Produktion verantworten. Koch FM ist seit 2006 täglich von 6 Uhr früh bis 22 Uhr auf 99,9 MhZ auf Sendung. In den Anfängen sendete man illegal, also ohne Lizenz der Regierung.

Ein Ort namens «Schrott»

Graffiti Schriftzug von Hope Raisers Initiative

Ein Motorradtaxi, ein sogenanntes Boda, kommt angerauscht. Vom Rücksitz steigt ein Mann mittleren Alters mit einem etwas schräg aufgesetzten Beret und beladen mit einer Laptop-Umhängetasche. Tom Mboya ist der Geschäfts-führer und ein vielbeschäftigter Mensch. Jetzt ist er für die Sitzung mit dem Kernteam hier. «Korogocho klebt wie ein Stigma an dir», sagt Mboya, und ein verlegenes Lächeln huscht über sein furchiges Gesicht. Der Mittvierziger wirkt älter, als er ist.
Korogocho ist ein Wort aus der Bantusprache Kikuyu und bedeute «Schrott» oder «Abfall». Das entspricht dem Bild, das die Medien über Jahre hinweg zeichneten: Was in Slum-Geschichten stets prominent thematisiert wurde, waren die Gewalt, das Drogenelend und die hohen HIV-Raten. Mboya ist selbst im Slum aufgewachsen und seit den frühen An-fängen des Radios dort aktiv. Auf die Geschichte des Senders ist er stolz.
Am Anfang standen zehn junge Aktivisten aus Korogocho, die den Sender in Eigeninitiative und ohne jegliche finan-zielle Mittel begründeten. Koch FM ergriff das Wort gegen die unhaltbaren Zustände in den Slums der Eastlands, wo Gangs die Bewohner terrorisierten. Gewalt insbesondere ge-gen Frauen war sehr verbreitet, dazu Alkohol- und Drogen-missbrauch, und es herrschten desaströse hygienische Zu-stände. Die Radio-Pioniere wollten gegen alltägliche Menschenrechtsverletzungen, Vergewaltigungen, Raub-morde, Zwangsheiraten ankämpfen. Und sie wollten der konstant negativen Berichterstattung und Stigmatisierung der Slum-Bewohner in den Medien etwas entgegenhalten.
Das Radio ist in Kenia nach wie vor das am weitesten ver-breitete Medium. Gemäss Uno-Schätzungen besitzen drei-viertel aller afrikanischen Haushalte einen Empfänger. Nebst unzähligen kommerziellen Radiostationen existieren immer mehr Spartensender in den verschiedenen Volks-sprachen. In Kenia gibt es 43 verschiedene Stämme und 68 gesprochene Sprachen. Die grössten Volksgruppen sind Kikuyu, Kalenjin, Kamba, Luhya und Luo. Als dritte Form nebst kommerziellen und volkssprachlichen Lokal sendern bieten Community-Radios wie Koch FM weit mehr als Unter-haltung. Sie sind eine Art Bürgerforum und dienen als Kommunikationsplattform und Sprachrohr für die sozial und ökonomisch Schwächsten. Am Anfang standen zehn junge Aktivisten aus Korogocho, die den Sender in Eigeninitiative und ohne jegliche finan-zielle Mittel begründeten. Koch FM ergriff das Wort gegen die unhaltbaren Zustände in den Slums der Eastlands, wo Gangs die Bewohner terrorisierten. Gewalt insbesondere ge-gen Frauen war sehr verbreitet, dazu Alkohol- und Drogen-missbrauch, und es herrschten desaströse hygienische Zu-stände. Die Radio-Pioniere wollten gegen alltägliche Menschenrechtsverletzungen, Vergewaltigungen, Raub-morde, Zwangsheiraten ankämpfen. Und sie wollten der konstant negativen Berichterstattung und Stigmatisierung der Slum-Bewohner in den Medien etwas entgegenhalten.
Das Radio ist in Kenia nach wie vor das am weitesten ver-breitete Medium. Gemäss Uno-Schätzungen besitzen drei-viertel aller afrikanischen Haushalte einen Empfänger. Nebst unzähligen kommerziellen Radiostationen existieren immer mehr Spartensender in den verschiedenen Volks-sprachen. In Kenia gibt es 43 verschiedene Stämme und 68 gesprochene Sprachen. Die grössten Volksgruppen sind Kikuyu, Kalenjin, Kamba, Luhya und Luo. Als dritte Form nebst kommerziellen und volkssprachlichen Lokal sendern bieten Community-Radios wie Koch FM weit mehr als Unter-haltung. Sie sind eine Art Bürgerforum und dienen als Kommunikationsplattform und Sprachrohr für die sozial und ökonomisch Schwächsten.

Die Karawane zieht durch Mathare
Mathare Valley

Friedensbotschaften aus dem Sound-Mobil

Ziel von Koch FM ist, nebst der Unterhaltung, der lokalen Be-völkerung Zu-gang zu relevanten Informationen zu ver-schaffen und mit ihr in Dialog zu treten. Mboya selbst führte über viele Jahre eine Sendung über «Good Governance», über gute Regierungsführung. Er lud Amtsträger ins Studio ein, die in aktuelleDebatten mit der Hörerschaft eingebun-den wurden.
Nebst einem lokalen Newsroom bietet Koch FM ein Bürger-forum, die Leute können sich in Call-in-Shows einbringen. Die täglichen Herausforderungen eines Lebens am unteren Ende der Wohlstandskette stehen dabei im Fokus, die The-men reichen von der Kriminalitätsbe-kämpfung bis zur Er-nährungssicherheit.
Dass der kleine Sender auch in politisch heiklen Phase eine wichtige Rolle spielen kann, zeigt der Blick zurück auf den Sommer 2017: Die Strassen sind drei Wochen vor dem ersten Wahlgang vom 8. August mit Propaganda zugepfla-stert, auf riesigen Plakatwänden an den Verkehrskreiseln prangen die Gesichter der Präsidentschaftskandidaten. An einem Samstag im Juli 2017, drei Wochen vor dem Urnen-gang, hat sich Koch FM der Friedenskampagne unter der Schirmherrschaft der örtlichen katholischen Kirche ange-schlossen. Die Organisatoren sind mit dem Aufbau des Sound-Mobils beschäftigt, eine halbe Stunde später dröhnt Reggae-Musik über einen Verstärker aus dem Laderaumdes Lastwagens. DJ Shariff Andika ruft durch ein Mikrofon den Schaulustigen zu: »Amani, Amani, Amani», das Wort für Frieden auf Kisuaheli. Angeschlossen ans Mischpult ist sein Mobil- telefon mit seiner privaten Playlist, er schaut konzen-triert auf den Flyer, während er versucht, auf der wackligen Fahrt das Gleichgewicht zu halten. Studenten einer katholi-schen Universität sowie Mitglieder einer lokalen Menschen-rechtsorganisation bilden eine Gruppe von ein paar Dutzend Menschen. Der Umzug folgt dem Sound-Mobil durch die drei Wahlkreise Mathare, Ruaraka und Embakasi in den East-lands von Nairobi.
Manche Slum-Bewohner verfolgen die Karawane skeptisch. «Die Leute haben Hunger, was nützt ihnen da Frieden!», ruft ein Beobachter. Die Kin-der schauen interessiert die Flug-blätter mit den Geboten für einen friedlichen Wahlgang an: «Wahlen, die sich an der Stammeszugehörigkeit orientieren, enden in Blutvergiessen und Chaos. Vergesst das nicht!»

Teilnehmerinnen am Umzug
Polizistin mahnt zu Frieden

Andika Shariff verkündet unermüdlich Friedensbotschafen. Das Fussvolk der Karawane hat sich längst in die Begleit-busse gesetzt, als der Lastwagen lange sechs Stunden später bei der Polizeistation von Korogocho vorfährt. Der Posten wurde dort errichtet, wo vor zehn Jahren die Gangs aufein-ander losgingen. Shariff kämpft langsam gegen die Müdig-keit, während er weiter hin seine Botschaft unter die Leute bringt. «Es gibt ein berühmtes Sprich-wort in Kisuaheli: Wer nicht bereit ist, seine Niederlage anzuerkennen, ist kein Herausforderer.» Will heissen: Wenn euer Kandidat verlo-ren hat, akzeptiert das Resultat. Während der Monate vor den anstehenden Wahlen gilt es, die Bevölkerung auf den Wahlgang vom August vorzubereiten und auf ein friedliches Nebeneinander zu pochen.

Andika ist langsam müde

Leitmedien, die zur Gewalt aufwiegeln

Politik in Kenia verläuft entlang ethnischer Linien. Die tief-sten Gräben verlaufen zwischen den beiden grössten Volks-gruppen, den Kikuyu und den Luo, was bis tief in die Kolo-nialvergangenheit zurückreicht. Die von den damaligen Kolonialmächten bestimmte Landverteilung ist bis heute ungelöst und spiegelt sich auf der politischen Bühne Kenias wider. So entlud sich vor zehn Jahren die Empörung über einen offensichtlichen Wahlbetrug in Unruhen in den eth-nisch gemischten Slums. Begünstigt durch grassierende Armut, Jugendarbeitslosigkeit und einer von Korruption durchzogenen Verwaltung und Politik brach der seit Jahr-zehnten schwelende Konflikt zwischen den ethnischen Gruppen in einer unerwarteten Heftigkeit auf den Strassen Nairobis und in anderen Landesteilen auf. Es kam zu Zu-sammenstössen zwischen Demonstranten, Banden und der Polizei. Hütten wurden angezündet, Menschen totgeschla-gen mit Stöcken, Steinen oder Macheten. Die Gewaltaus-brüche von 2007 hinterliessen gemäss Schätzungen der Uno weit über 1000 Tote und 650 000 Vertriebene.
Die Medien hätten in dieser Situation vollkommen versagt und ihre Verantwortung nicht wahrgenommen. So das Fazit einer vom BBC World Service Trust in Auftrag gegebenen Studie von 2008. Die Berichterstattung der Leitmedien, wie der Radiosender in lokalen Sprachen, wirkte sich demnach weder im Vorfeld noch während der Wochen danach in po-sitiver Weise auf die Geschehnisse aus. Im Gegenteil, ein Lokalsender musste sich sogar wegen Aufwiegelei zu ethni-scher Gewalt vor dem Internationalen Gerichtshof für Men-schenrechte in Den Haag verantworten. Die Studie erwähnt eine Ausnahme: die wenigen Community-Radios in den Slums von Nairobi. Eines davon ist Koch FM. Die BBC riet in dieser Aufarbeitung dringend, auch in der Entwicklungs-zusammenarbeit vermehrt in die kom-munalen Medien zu investieren, da sie in der Friedensarbeit und politischen Bildung wichtige Arbeit leisteten. Community-Medien wie Koch FM dürfen gemäss den staatlichen Richtlinien nur in den Amtssprachen Ki-suaheli oder Englisch senden und nicht in den ethnischen Sprachen der einzelnen Volksgrup-pen, wie es viele Lokalradios tun. So wurde Koch FM im Dezember 2007, als alle befürchteten, auch das multiethni-sche Korogocho würde brennen, zum Ad-hoc-Krisen-Corps. Sie suchten einerseits das persönliche Gespräch an den Fronten oder riefen über den Sender Koch FM zu einem Ende der Gewalt auf.
Die Radiomitarbeiter konnten wegen verschiedener ethni-scher Zugehörig-keiten und den damit einhergehenden Sprachkenntnissen die Gefahrenzonen eruieren oder von verschiedenen Religionsführern Friedensbotschaften ein-holen, die sie später mehrmals täglich über den Sender schickten.
Der damals knapp 20-jährige Andika Shariff gehörte zu den wenigen, die sich noch an den Schauplätzen der Gewalt bewegen konnten. Er wurde vom Radio-Team regelmässig von seinem Zuhause zum Studio eskortiert, um das Wort im Rahmen seiner populären Reggae-Show an die Jugend zu richten. «Ich war damals ziemlich hoch im Kurs in der Com-munity.» Shariff lacht verlegen. «Man rief mich manchmal sogar nachts um eins an, wenn es irgendwo im Slum ein Problem gab.»

Politiker versuchen, Sendezeit zu kaufen

Dass Community-Radios wie Koch FM fast unverzichtbare Brücken zwischen Organisationen, der Regierung und der Bevölkerung bilden, davon ist auch die Unesco überzeugt, die das kriselnde Radio 2015 in ihr vierjähriges Förderpro-gramm aufgenommen hat. Neben Workshops für die Radio-macher unterstützt sie die Institution bei der Suche nach einer nachhaltigen Finanzierung.
Die einzelnen Programme werden von internationalen wie lokalen NGOs finanziert. Es sind keine grossen Beträge, denn Löhne gibt es bis auf Sondereinsätze an Veranstaltungen kei-ne. Das durchschnittliche Jahres-budget beträgt zwischen 7000 und 11 000 US-Dollar. Davon müssen Betriebskosten wie Lizenz, Strom, Unterhalt sowie spezielle Veranstaltun-gen gedeckt werden.
Doch aktuell ist es nicht gut bestellt um die Finanzen. In den Anfängen konnte die norwegische Kirchenhilfe als Geldge-ber für die einfache Infrastruktur gewonnen werden. 2015 liess Norwegen aber seine Entwicklungsprogramme für Kenia auslaufen, und die Beiträge der Kirchenhilfe für Koch FM bleiben seither aus. Die Radiomacher hangeln sich von Projekteingabe zu Projekteingabe, um an Mittel zu kommen. Die Finanzierung des Radios sei ein ständiger Kampf, sagt Geschäftsführer Tom Mboya. Kurzfristig floss vom United Nations Development Programme UNDP, dem Entwicklungs-programm der Uno, etwas Geld für Bürgeraufklärung.
Über Geld spricht Mboya allerdings nicht gerne. Ein heikles Thema in diesem sehr sensiblen Umfeld von extremer Ar-mut, wie er erklärt. Auch Werbemöglichkeiten für Commu-nity-Medien wie Koch FM sind gesetzlich limitiert. «Ein Com-munity-Radio ist sehr anfällig für Bestechungen durch Politi-ker », sagt Mboya. «Mit hohen Geldbeträgen wollen sie sich Sendezeit erkaufen, um das Gegenlager zu diskreditieren.» Und Geld alleine bringt nicht nur Lösungen, im Gegenteil, es kreiert in einer prekären Umgebung von extremer Armut zusätzliche Probleme. Auch das gehört zur Geschichte von Koch FM. Ein Slum-Radio zu betreiben ist ein Balanceakt, der nicht nur Begeisterung hervorruft, sondern auch Missgunst oder falsche Erwartungen.

Radios im Markt von Kariobangi

Geld, Gerüchte und ein Mord

Vor vier Jahren lancierte Koch FM mit der Unterstützung der Organisation Action Aid Kenya, die Armut und soziale Un-gleichheit bekämpft, ein Musikprojekt, das ein Musikstudio in Korogocho aufbauen wollte. Es sollte lokalen Nachwuchs-musikern eine Möglichkeit für professionelle Aufnahmen bieten. Geldgeber war ein bekannter Festivalleiter in Gross-britannien. Ein Mitglied von KochFM betreute das Projekt, war für den Kauf des Equipments und die Suche nach einem geeigneten Raum zuständig. Der Andrang zur Gelegenheit, im Studio umsonst eigene Stücke einzuspielen, war gross, und über ein Jahr lang lief alles vielversprechend, es gab Wettbewerbe, Workshops und Shows im Rahmen des stadt-bekannten «Good Governance Festivals». Dann kam es zu Unstimmigkeiten innerhalb des Koch-FM-Teams, erinnert sich der Mitarbeiter von Action Aid, der das Projekt ver-antwortete.
Gerüchte kursierten, persönliche Anschuldigungen und Vor-würfe darüber, dass Gelder falsch verteilt würden. Nach zwei Jahren scheiterte das Projekt an diesem internen Kon-flikt, das Studio konnte langfristig nicht etabliert werden.
Der grösste Schlag, den Koch FM bisher verkraften musste, ist der Tod des ehemaligen Sendeleiters Nyagah wa Kamau, genannt Nyash, der im Februar 2012 kurz nach der Rück-kehr von einem NGO-Treffen in seiner eigenen Nachbar-schaft ermordet wurde. Es kam nie zu einer Anklage, poli-zeiliche Untersuchungen verliefen im Sand, nichts Ausserge-wöhnliches in den Eastlands.
Seither ranken sich unbestätigte Gerüchte um Identität und Motiv der Täter. Dieser ungeklärte Mord an einem bewun-derten Lokalmatador hat das Klima vergiftet, und seither ist nichts mehr, wie es mal war, bestätigen viele aus dem nähe-ren Umfeld des Radios. Stationsleiter Mboya sagt dazu: «Wir sind sehr vorsichtig geworden.» Informationen über das Budget gingen seither nicht mehr aus dem engsten Kreis der Radioleitung hinaus.

Tom Mboya, Manager von Koch FM

Die Abhängigkeit von internationalen Organisationen

Ob das langfristig sinnvoll ist, ist allerdings fraglich. So hatte die Sendeleitung die privaten Spenden-gelder verschwiegen, die auf Initia-tive der damaligen Programmleite-rin der Kirchenhilfe für die spezifi-schen Aktivitä-ten im Wahljahr 2017 zusammen-gekommen waren – immerhin 4000 US-Dollar, was er-neut für Unmut im engsten Umfeld der Verantwortlichen sorgte.
Der Medienwissenschaftler George Otieno Ogola unter-suchte Koch FM 2012 in einem Bericht und steht nicht nur der internationalen Entwicklungshilfe kritisch gegenüber. Er sieht grundsätzliche strukturelle Probleme. So teilt sich Koch FM mit anderen Community-Radios die Frequenz. Ogola ist überzeugt, dass diese Einschränkungen nicht zu-letzt eine Form subtiler politischer Kontrolle sind. In den Slums leben weitaus mehr Menschen als in den wohlhaben-den Nachbarschaften. Institutionen wie Koch FM Selbst-organisation zu gewähren, könnte die Regierung daher als Bedrohung der politischen Stabilität sehen, glaubt Ogolo.
Auch die Abhängigkeit von ausländischen Organisationen sieht der Medien-experte kritisch. «Die Krise von Koch FM ist symptomatisch. Eine Institution kollabiert, sobald NGO-Gelder rückläufig sind – ein Trend, der in den Community-Medien generell zu beobachten ist. Auch fehlt es an nachhal-tigen Strukturen, es wird zu sehr auf Einzelpersonen gesetzt. Wenn diese dann den Betrieb verlassen, scheitert das ge-samte Unternehmen», meint Ogola. «Es wäre dennoch gut, wenn das Community- Radio dank der Unter stützung der Unesco fortbestehen könnte, die Alternativen sind nämlich wenig reizvoll: kommerzielle Radiostationen, die nur Musik spielen. Oder eben ethnisch-sprachige Stationen, die sehr einfach für politische Zwecke missbraucht werden.»
Heutzutage hörten nicht mehr so viele das Community- Ra-dio, und die Reggae-Show laufe auch nicht mehr so wie da-mals, sagt Moderator Andika Shariff. Wohl, weil es inzwi-schen sehr viele kleine Lokalsender in den Eastlands gebe, die in den jeweiligen Dialekten einzelner Volksgruppen sen-den. Das Wegbrechen der regelmässigen Spenden sowie des Know-hows von Einzelpersonen hat Lücken hinterlassen, die eine Organisation in dieser Grösse schlecht verkraftet. Die meisten Volontäre geben ihre Sendung auf, sobald sie bezahlte Jobs haben. Ob Koch FM überleben wird? «Solange die Leute an Geldgeber von aussen gewohnt sind, bin ich wenig optimistisch.
Man darf nicht vergessen, dass Koch FM praktisch ohne Bud-get gestartet ist, mit dieser dynamischen Energie. Ich habe gelernt, dass richtige Verände-rung, also bleibender Wandel, hier niemals von aussen kommen kann, sondern von innen kommen muss», sagt Shariff bestimmt.
Er ist Koch FM bis heute treu geblieben. Die besten Jahre sei-en längst vorbei, aber er geht für seine Sendung immer noch jeden Freitag zum Container mit dem abgeblätterten Lack. Es erzählt viel über die derzeitige Stimmung, wenn Shariff seine Motivation intuitiv mittels Vergangenheitsform in Worte fasst: «Ich dachte, als Journalist hätte ich Raum, den Menschen zu berichten, was wirklich los ist im Land. Ich spürte den Drang in mir, die schlafende Menschheit aufzuklären.» Es sind Sätze, in denen genauso viel Über-zeugung wie Desillusionierung steckt.

English Version :

https://medium.com/@valeriethurner/a-slum-radio-fights-for-peace-a93594373b41

The Voice: Das Märchen von der grossen Schlacht

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Artikel erschien am 14. März 2014 bei Clack/Texted

Heute Abend gehen die ersten Talente in den Nahkampf. In den Battles werden sie sich wie in der alten Hip Hop Manier gesanglich ins Knock out trällern. Die Drehstühle der vier Coachs haben ausgedreht und mit ihnen wohl auch die immer gleichen Statements. Valerie schaut Voice!

Die Familien sind gebildet, die Rollen verteilt. Erfolgshecht Stress hat die scharfen Miezen, Grossonkel Fankhauser nimmt die zarteren Saiten unter seine Fittiche, um ihnen den Hausfrauenblues beizubringen, Steffi kümmert sich um ihre Klone, und Marc mag es harmonisch, als Ausgleich zu seinem etwas dysfunktionalen Sprachfehler, den er sich zum Markenzeichen zugelegt hat.

Das Märchen vom grossen Traum einer Sängerkarriere zieht zu meinem Erstaunen nur gelangweilte Langzeitpaare oder Spätadoleszente. Der scharfzüngige Autor und Unternehmer H. entschuldigte vergangenen Samstag sein verspätetes Erscheinen zu einem runden Geburtstag damit, er hätte noch mit seiner Familie The Voice schauen müssen. Der belesene und nachdenkliche Filmemacher S. klebte Salven von Begeisterungsvoten ins soziale Netzwerk, als die Tessiner Werberin Charlie mit Mütze und Skateboard ihre Einzigartigkeit mit einem Björksong untermalte.

Was ist los im Lande Helvetias? Ist hier eine kollektive Verschwörung des seichten Pathos im Gange, ohne meines Wissens? Oder warum fesseln die Träume und Versagerängste von Charlie, June oder Cabry Bildungsbürger? Meiner besten Freundin A. steigen nur schon Tränen der Rührung in die Augen, wenn sie von The Voice spricht, fasst sich aber alsbald mit der nachdenklichen Frage: «Gell, das Ganze ist ein Fake?» Ich antworte meiner besten Freundin A., es käme drauf an, wo man die Grenze zwischen authentisch und Show ziehe. Was es bei dir auslöst ist sehr echt oder? Und die gesungenen Lieder, der Angstschweiss, die zitternden Hände im Vorfeld sind es auch. All diese Träume und Hoffnungen sind ebenso echt wie die Enttäuschung, die den gescheiterten Talenten ins Gesicht geschrieben steht, wenn sich kein Wächterstuhl am Eingang des Abenteuerlands nach ihnen umdrehte. Und sie dem Ruf des Abenteuers nicht folgen dürfen. The Voice ist etwa so echt wie die Märchen der Gebrüder Grimm. Und die sind ja total angesagt. Gab es doch unlängst nicht weniger als drei Kinofilme über diese legendären Storyteller.

«The Voice of Switzerland» hat mit der Märchenwelt mehr zu tun als mit den Samstagabendkisten, die wir noch aus Kindsbeinzeiten kennen. Und genau so universell wie die Grimmschen Märchenwelt ist diese Franchise Show. Trudi Gerster für Erwachsene. Märchen wollen ja den Kindern Lebensweisheiten auf den Weg geben. Und das spüren sie, und hören deshalb so gebannt zu. Genauso gebannt sassen nun meine Freunde des Bildungsbürgertums vor dem Fernseher, als die Blind Auditions ihnen in unzähligen Variationen erzählten: «Es war einmal ein Königssohn, eine Prinzessin oder ein tapferes Schneiderlein» beginnt. Sie alle, Schneewittchen, König Drosselbart mussten auf ihrem Weg ins Königreich des «Böözers» durch einen tiefen dunklen Wald (also Korridor zwischen Backstage und Bühne in Zeitlupe).Um in dieses Reich zu gelangen müssen sie Prüfungen bestehen, um danach als gereifter Mensch in ihre Heimat zurückzukehren. Und dort leben sie glücklich bis zum Ende ihrer Tage.

Märchen sind die phantasievollere und intuitivere Form von Lebenshilfeliteratur. Nur, dass die Erwachsenen meist den Zugang zur mystischen symbolhaften Märchenwelt verloren haben. Hexen, Feen und Riesen sind uns schnuppe, Promis und Türöffner für die eigene Karriere hingegen weniger. Das Setting des Showbusiness‘ ist doch die perfekte Märchenkulisse für uns. Der Korridor ein lupenreiner Märchenwald, die Bühne ein der verwunschene Garten, die Lichtung oder ein Haus oder Schloss, wo der Märchenheld oder die Heldin einer fatalen Verführung erliegt und schliesslich den Schlüssel zum Glück findet. Schneewittchen beisst in den verführerischen Giftapfel, Hänsel und Gretel werden von der bösen Hexe ins Lebkuchenhaus gelockt. Und Drosselbart gerät an die hochmütige Prinzessin. Und wozu all das? Damit sie alle über sich hinauswachsen und reifen. Aus hässlichen Entlein werden Schwäne, aus vernachlässgten Töchtern oder ungeliebte Prinzessinnen.

Je grösser der Einsatz einer Märchenfigur ist, umso mehr leiden wir mit ihr mit. Die Albanerin Enrika Derza, war dort im Final der Voice of Albania, und erhofft sich nun in der Schweiz einen Plattenvertrag. Sie würde sogar ihre Heimat dafür verlassen und in die Schweiz ziehen. Oder Freschta Akbarzada, deren Eltern aus Afghanistan in die Schweiz immigrierten und der Vater Tränen in den Augen hatte, als seine Tochter sich mit Amy Winehouse Stress eroberte. Ein Vater heult, weil seine Tochter eine kleine Chance auf ein Leben im Rampenlicht hat. Und endlich jene Anerkennung erhält, die ihr gebührt? Enrika und Freschta. Es gibt aber auch die Hänsels und Gretels, die sich im dunkeln gefährlichen Wald verirrten, und sich von bunten Lebkuchenhäuern verführen liessen. Wir erinnern uns an die Selfie-Queen Diana Speranza, die sich einen dermassen schwierigen Soul Song auswählte, und sich in ihm in alle Himmelsrichtungen verlor. Mein liebstes Aschenbrödel ist Michelle Imhof die sogar selber sang „I am a Creep“ und dabei fast scheiterte, weil sie aus Angst nicht zu genügen, achterbahnmässige Phrasierungen einbaute. Der ungeschliffene Diamant wurde aber erkannt und steigt nun für Soul Familienvater Sway in den Ring.

Auch tapfere Schneiderlein gab es zu Hauf in den Blind Auditions. Sie kommen dank einer List und viel Selbstvertrauen zum Ziel. Das Schneiderlein, das sieben Fliegen tot schlägt und sich in den Ledergürtel ritzt: „Sieben auf einen Schlag“, beeindruckt Riesen und Könige. Ein solches Schneiderlein ist Béatrice Verzier, die Zuschauer und Juroren um den Finger wickelte. Den Kontrabass spielt sie zwar mässig, aber das grosse Instrument in Kombination mit der italienischen Adelsherkunft und ihre Prahlerei, sie hätte mit Phil Collins und Youssou n‘ Dour gesungen, reichte, um ein Full House zu schaffen. Hochstapelei zahlt sich manchmal aus. Es sei uns eine Lehre.

Und wie in den Märchen funktioniert auch bei the Voice die magische Zahl drei hervorragend. Oder war es etwa Zufall, dass ausgerechnet die Portugiesin Carla Quartas als allerletzte von drei Anwärtern einen Platz im Team Stefanie ergatterte? Und dann auch noch mit dem Song Mommy von Zelah Sue, in der sie sich bei ihrer Mutter bedankt im Moment des Erfolgs, im Augenblick, wo sämtliche Scheinwerfer auf sie gerichtet sind, und sie aus dem Schatten schreitet, wie Aschenbrödel auf dem Weg zum Traualtar. Und das ist es, was meine Freundin A., Autor H. und Regisseur S. fesselt. Das Märchen der Selbstentfaltung. Besseres Handwerk als jeder Schweizer Fernsehfilm. Mit weit höherem Identifikationsgrad. Genauso wie die Grimmsche Märchenwelt für unsere Kleinen, sehen wir doch in uns auch eine Carla Quartas, einen oder eine Michelle Imhof. Sind wir gespannt auf die heutigen Duelle. Prinzen, Stiefkinder und Schneiderlein, ab in den Ring und singt euch tapfer in die nächste Runde. Allen, denen ich jetzt eine Illusion geraubt habe, Reality TV sei real, wacht auf und träumt weiter.