Artikel erschien am 20. Mai 2013 bei Westnetz.ch

Der Film „The Broken Circle“ lässt kein Auge trocken

Der belgische Erfolgsfilm „The Broken Circle“ kommt ins Kino Riffraff. Eine Schicksalsgeschichte, die den Bauch und das Herz anspricht. „Cinema Cinque – Film im Foifi“ stellt den Film und seine Macher vor.

Die tragische Geschichte von Didier (Johan Heldenbergh) und Else (Veerle Baetens) betitelt die Zeit: „Leben wie im Countrysong“. Allerdings muss man vorwegnehmen, dass es sich um Bluegrass handelt, dem melancholischen Ur-Country. Bluegrass-Musik koppelt grosse Gefühle mit grossen Themen des Lebens: Liebe, Tod, Glaube, Hoffnung und Verzweiflung. Einer der berühmtesten Songs „Let the circle be unbroken“ ist auch namensgebend für den Film des jungen Belgiers Felix van Groeningen.

Mit Banjo, Charme und Bodypainting

Als der Musiker Didier das Tattoo-Studio von Elise betritt, nimmt die Liebesgeschichte ihren Lauf. Elise beginnt in Didiers Countryband zu singen und sie ziehen zusammen in ein selbst renoviertes Landhaus. Mit der Geburt der Tochter Maybelle (Nell Cattrysse) ist das Idyll des Paares perfekt. Doch dann erlebt das Traumpaar den grössten Albtraum aller Eltern – ihre sechsjährige Tochter erkrankt an Krebs und stirbt. Die Liebe von Didier und Elise zerbricht daran.

Wäre da nicht diese Bluegrass-Musik, die Geschichte wäre schnell erzählt und unerträglich trostlos. Aber weil die Schauspieler mit der Filmband so leidenschaftlich vom Schmerz und der Schönheit des Lebens singen und spielen, haben die Zuschauer, Raum zu atmen. Und die Songs erfüllen eine dramaturgische Funktion: sie kommen dann, wenn die Protagonisten mit Worten und Taten nicht weiter wissen. Oder wenn der Film dem Zuschauer genug Verzweiflung zugemutet hat.

Flämisches Ausnahmetalent

Die Musik war bereits fester Bestandteil des Theaterstücks, auf dem der Film basiert. Die Idee stammt von Johan Heldenbergh, der auch im Film die Hauptrolle spielt. Ebenfalls ist er Co-Autor von „The Broken Circle Breakdown featuring The Cover-Ups of Alabama“, das in Belgien einen grossen Bühnenerfolg feierte. Heldenbergh hat Liebe, Tod, Tattoos, Bluegrass-Musik, Irrsinn und Religion so beeindruckend kombiniert, dass auch sein Freund, der Regisseur Felix van Groeningen tief berührt war. Groeningen wagte sich ans ehrgeizige Vorhaben, ein Theaterstück für einen Spielfilm zu adaptieren, das keine eigentliche Handlung hat, sondern grösstenteils aus Monologen und Musik besteht. In seiner Heimat Belgien gilt Regisseur Felix van Groeningen zurecht zu den bedeutensten Filmemachern der sogenannten belgischen „Nouvelle Vague“. (Link.)„The Broken Circle“ ist van Groeningens vierter Spielfilm und gewann ander Berlinale den Panorama-Publikumspreis. In seiner Heimat sowie in Holland war er ein grosser Kassenschlager.

Das Paradox Mensch

„The Broken Circle“ wirft uns als Zuschauer auf unser eigenes menschliches Drama zurück: Der Widerspruch von Verstand und Spiritualität. Wofür entscheiden wir uns, wenn uns das Leben seine widrigste Seite zeigt? Für den rationalen Weg der Vernunft?. Oder suchen wir Trost in spirituellen, religiösen Ritualen?Mit „The Broken Circle“ ist den Machern ein erschütterndes Drama gelungen, todtraurig und voller Leben. Nur zeitweise drückt noch ein wenig der Bühnentext durch. Und eine gewisse naive Wunschvorstellung von einem, der noch an die perfekte Liebe glaubt. Aber weil die Darsteller so überzeugend sind, verzeiht man dem Film, dass Didiers Klagen ab und an doch etwas ausufert.Felix van Groeningen und Johan Heldenbergh sind sich einig: Die Essenz des Films klingt so banal, dass es für die Promotion nach Gemeinplatz klingt: Liebt das Leben. Aber wenn ein Film uns mit diesem tief empfundenen Wunsch wieder in unsere eigene kleine Welt hinaus spuckt, dann hat uns eines der wertvollsten Geschenke gemacht, wozu Kino im Stande ist.

Interview mit Regisseur Felix van Groeningen und Schauspieler Johan Heldenbergh