Artikel erschien am 24. Juni 2013 bei Westnetz

Interview mit kitag  Chef Philippe Täschler

Die kitag ist die grösste Kinobetreiberin der Deutschschweiz und besitzt Kinos in Zürich, Basel, Bern, Luzern, St. Gallen und Winterthur. So auch das Kino Abaton am Escherwyssplatz in Zürich-West. Für „Cinema Cinque – Film im Foifi“ berichtet der kitag CEO Philippe Täschler über sprachfaule Kinogänger, wetterfühlige Schweizer und Dichtestress im Kinostandort Zürich.

Philippe Täschler, wie sind Sie zum Kinobusiness gekommen ?

Ich hatte immer schon mit Film zu tun und führte früher einen Filmverleih. Dann kam ich mit Stephan Sager zusammen. Und wir hatten die Chance, die Kinos der Jean Frei AG in einer Aktionärsgemeinschaft übernommen. 1992 begannen wir die Kinos zu betreiben.

Damals lief die Kino-Theater AG nicht gut. Sie und Ihr Partner führten sie zum Erfolg.

Die Kinos wurde etwas seelenlos betrieben. Sie waren einfach da, man hatte es nicht gelebt. Wir wussten, dass wir das Geschäft richtig anpacken und vorantreiben wollten.

Sind Sie inzwischen der grösste Kinobetreiber in der Schweiz?

Nein, Pathé ist grösser.

Die kitag betreibt unter anderem das Multiplex Abaton am Escherwyssplatz. Was sind die Programmgrundsätze?

Das Abaton ist ein sogenanntes „All Age“ Kino. Dort laufen Filme wie zum Beispiel „Ice Age“ sehr gut. Den kann die Grossmutter mit ihren Enkeln ebenso gut schauen wie Erwachsene und Jugendliche.

„Ice Age 4-Continental Drift“ 2012

Wie ist das Potenzial vom Abaton in Zürich-West?

Gut. Am Anfang hatte Zürich-West ein Standortproblem. Inzwischen ist das gut. Da wird noch viel passieren. Was uns aber fehlt, sind Parkplätze. Da sind die Leute auf den öffentlichen Verkehr angewiesen.

Hat jedes Kino in der Schweiz seine eigene Programmausrichtung?

Grundsätzlich gibt es immer eine spezifische Ausrichtung der Kinos. Die Stadt beliefern wir eher mit Titeln in der Originalsprache. Leider laufen inzwischen in Multiplex Kinos fast ausschliesslich deutsche Synchronfassungen. Das Abaton ist da die grosse Ausnahme, es hält nach wie vor an beiden Sprachfassungen fest. Ich hoffe, dass sich die Originalfassungen noch möglichst lange halten.

Warum sagen Sie noch?

Das Zuschauerverhalten hat sich stark verändert. Die Jugend wächst heute unter komplett anderen Bedingungen auf: Mit Videogames, mit TV, DVD und VOD. Deshalb sind seit 2007 die synchronisierten Filme in Schweizer Kinos stärker als die Originalversion. Am Bedürfnis des Publikums kann man nicht vorbei programmieren. Nichtsdestotrotz halten wir aber an Originalfassungen fest, sofern sie im Zielsegment sind. Ist das Zielsegment jugendlich, dann machen sie keinen grossen Sinn mehr. Ein nicht synchronisierter Film hält sich dann nicht einmal zwei Wochen im Kino, weil zu wenig Besucher den Weg ins Kino finden.

Skyfall, 2012

Welches Publikum mag Originalversionen?

Das Zuschauersegment von Dreissig plus. Der Lucky Punch ist einen Film zu haben, den sämtliche Altersgruppen sehen wollen. Wie den letzten James Bond. Da war die englische Fassung sogar noch stärker als die Synchronfassung.

Originalfassungen werden immer unbeliebter. Ist die Schweiz da ein Sonderfall?

Die Schweiz mit ihrer Sprachenvielfalt ist ein Land, das die Amerikaner immer noch nicht richtig verstehen. Hier werden Filme in drei Landessprachen sowie der englischen Originalfassung gespielt. Der Entscheid hängt auch davon ab, wie stark ein Titel in Deutschland oder der Schweiz beworben wird. Die Schweiz ist diesbezüglich sehr viel komplexer als Österreich, Deutschland oder Frankreich. Diese Länder haben alle eine Sprachfassung und das war’s. Die Untertitelungen haben eigentlich nur noch die Holländer und die Schweizer.

Gefallen Ihnen persönlich die Filme im Programmangebot der kitag?

Vieles ist nicht nach meinem Gusto. Aber das ist mein persönlicher Geschmack. Die Filme die wir spielen müssen ja nicht mir gefallen. Dennoch ist es schön, wenn mir ein Film gut gefällt, und der dann auch gut läuft. Handkehrum sieht man auch oft Hammerfilme, die vor zehn Jahren gut gelaufen wären, heute aber nur beschränkt interessieren.

Zum Beispiel?

Da möchte ich keine konkreten Beispiele nennen.

Warum nicht?

Ich möchte niemandem zu nahe treten.

The Great Gatsby, 2013

Und ein Erfolgsbeispiel?

„The Great Gatsby“ hat mir gut gefallen. Der ist auch gut gelaufen, was nicht voraussehbar war. Gut ist immer relativ. Man hat immer ein Estimate für einen Film, also eine Erfolgsprognose, die auf Marktanalysen beruht. Da schaut man wie die ganze Welt startet. Mit wie vielen Kopien. Man kennt etwa den Strassenwert von so einem Film. Heute muss man noch die Sprachfassungen beachten, sowie die Laufzeit, die immer kürzer wird. Ich bin mit dem Umsatz bisher sehr zufrieden. Würde ich aber auf zehn Millionen eingespielte Franken hoffen, wäre ich etwas falsch im Business. Umsatzmässig kann man aber einen „Great Gatsby“ nicht mit der „Hangover“ Triologie vergleichen, aber dort positioniert man ihn auch nicht. Es gibt viele Filme, die mir gefallen und ich sage okey, das ist jetzt ein anständiges Business. Aber das sind nie die Filme, die wirklich viel einspielen. Ich sehe natürlich viele Filme, da sage ich: Hammer, das wird riesig. Muss ich persönlich aber nicht sehen. Und umgekehrt.

In einem Interview mit dem St. Galler Tagblatt werden Sie zitiert: „Das Kino ist nur noch ein Franchise Produkt am Anfang der Verwertungskette“. Ist Kino zur Werbeplattform degradiert?

Nein, Kino ist Kultur. Ein Film muss einen eigenständigen Wert haben. Aber die Globalisierung hat viele Veränderungen mit sich gebracht. Früher startete ein Hollywood Film in den USA viele Monate bevor wir starteten. Aber das Internet und die illegalen Download Plattformen haben diese Grenzen geöffnet. Heute muss man wegen der Internet Piraterie weltweit gleichzeitig starten.

Ausschnitt Filmplakat „Hangover II“, 2011

Die Internet Piraterie sorgt für massive Einspieleinbussen. Sind die für alle gleich hoch?

Es gibt Filme, die sind prädestiniert für illegalen Downloads, wie zum Beispiel „Batman“.Wenn s ie dann keinen Day to Day Start haben, also der Film nicht gleichzeitig wie in den Staaten anläuft, dann wissen Sie, dass ganz viele Leute den Film schon in einer anderen Form angeschaut haben. Beim „Great Gatsby ist das weniger ein Problem, der hat ein beschränkteres Zielpublikum als die „Batman“ Sequels.

Sequels sind in Hollywood ein Erfolgsrezept. Garantieren Fortsetzungsfilme den Erfolg an den Kinokassen?

Nicht unbedingt. Wenn man ein Konzept über Jahre plant, dann verändert sich in der Zwischenzeit das Zuschauerverhalten. Auch Innerhalb einer Serie, einem starken Franchise etwa wie „The Fast And the Furious“. Als wir 2001 mit dem ersten Film starteten war der englische Umsatz noch 85% und heute ist es genau umgekehrt. Die Synchronfassung macht 85% des Umsatzes aus. Die Fans des ersten Teils sind inzwischen älter und nicht mehr interessiert. Die Jungen haben ihn bereits über DVD oder den Schwarzmarkt im Internet aufgegriffen.

Läuft die Hollywood Industrie nicht einfach nach einer Rezeptur von der Produktion bis zur Auswertung.

Amerika versucht immer Franchise zu produzieren. Was natürlich verständlich ist. In der gesamten Verwertungskette ist das dann eine riesen Kiste. Bei solchen Mehrteilern kann man ziemlich genau vorhersagen, wieviel Umsatz der Film im Kino und mit den weiteren Verwertungsrechte wie DVD, Video on Demand (VOD) und Pay-TV macht.

Und in der Schweiz?

Nach welcher Rezeptur soll ein Film in der Schweiz funktionieren? Ich kann hier als Kinobetreiber keinen Kinostart einkaufen. Des Schweizers Kinoverhalten ist auch speziell. Hier ist der Box Office Erfolg, also wie viele Leute einen Film im Kino sehen, auch stark vom Wetter abhängig. Dass der Erfolg nicht absehbar ist, sah man am Beispiel „Champions“, in den Ringier ja alles versucht hat. Aber da kam nur ein bescheidenes Resultat zustande.

Ist der Erfolg eines Filmes also nicht absehbar?

Teilweise schon. Aber uns fehlen heutzutage Referenzen aus anderen Ländern. Mit dem Day to Day Start entfallen uns die Vergleichsländer. Andererseits sind solche Referenzen auch keine Garantie. Ein Film funktioniert in der Romandie ähnlich wie in Frankreich. Das gilt aber nicht für die Deutschschweiz und Deutschland. Der Deutsche funktioniert anders als der Schweizer.

In der Schweiz stagnieren die Kinozahlen.

Die Schweiz hat ein kleineres Wachstum im Vergleich zu anderen Ländern, weil es uns einfach immer schon besser ging. Andere Länder hatten nie so eine Kinodichte wie die Schweiz. Die Schweiz war schon früher gut erschlossen.

Das Zurich Film Festival wirbt jedes Jahr mit dem Slogan, Zürich habe die grösste Kinodichte Europas. Hat es zu viele Leinwände in Zürich?

Ja. In Zürich haben wir eine aussergewöhnliche Angebotsvielfalt im Kinoprogramm. Das ist cool, aber es wird auch alles immer schwieriger. Wenn sie die Umsatzstatistik der letzten zehn bis fünfzehn Jahre anschauen, dann stagnieren die. Der Umsatz bleibt gleich, aber wir verteilen ihn auf viel mehr Leinwände. Je mehr Leinwände, desto mehr Kopien. Je mehr Kopien, umso mehr Teilung und umso kürzere Laufzeit.

Sie sprechen nach nur vier Wochen Laufzeit beim „Great Gatsby“ bereits in der Vergangenheitsform: Er sei gut gelaufen. Konzentriert sich heute alles auf das Startwochenende?

Wir sind da angelangt, wo die Amerikaner schon seit X Jahren sind: Der Start eines Films ist wichtig. Für grosse Hollywood Produktionen trifft das zu. Aber man kann nicht mit jedem Film gross starten.

Ist die forcierte Mehrfachbelegung von Kinosälen mit ein und demselben Film, um möglichst viele Tickets an einem Startwochenende zu verkaufen sinnvoll? Kleinere Filme werden so auch manchmal aus dem Programm gekippt.

Das habe ich genau nur einmal gemacht: als der neue James Bond anlief. „Skyfall“ war eine ausserordentliche Geschichte. Niemand wusste, dass der so erfolgreich wäre. Skyfall ist der erfolgreichste Bond aller Zeiten. Wir waren da die einzigen in ganz Europa – ausser den Engländern, die im Rahmen des 50 Jahre Bond-Jubiläums auch die Dokumentation „EON“ zeigten. Normalerweise ist uns die Programmvielfalt aber schon wichtig. Und man muss festhalten. Nicht nur der Mainstream Bereich, auch das Arthouse setzt immer mehr auf Mehrfachstarts. Der Aufwand ist seit der Digitalisierung äussert gering. Man muss ja nur noch den KDM-Schlüssel verschicken und das DCP liefern.

„The Fast and the Furious“, 2001

Die Anzahl Neustarts haben gemäss Statistik massiv zugenommen. Man spricht von 30 bis 40 % mehr Filmen als noch vor 10 Jahren. Wie gehen Sie mit dieser Filmschwemme um?

Beim Stichwort Filmschwemme muss man vorsichtig sein. Schon früher wurden sehr viele Filme produziert. 1989 hat ein Hollywood Studio sechs Filme produziert. Das hatte mit dem Aufkommen der privaten Fernsehanstalten zutun, die plötzlich mehr Filme brauchten. Die immer kürzer werdenden Laufzeiten sind tatsächlich ein Problem. Bei „The Fast and Furious““ hatten wir genau eine Woche Zeit bis „Hangover“ anlief. Für den brauchten wir dann die genau gleich grossen Säle. Um die Abschöpfung am Startwochenende zu vergrössern, fahre ich mit zwei bis drei Kopien mehr. Das wiederum funktioniert nur bei Regenwetter. Wenn dann aber in der zweiten Spielwoche die Sonne scheint, haben wir einen Drop von bis zu 70%. Die Schweizer reagieren extrem auf das Wetter.

Gewisse Leute fordern die Kopienzahl zu regeln oder sogar zu beschränken. Was halten sie von einer Regulierung?

Das kann ja nur von einem Independent Verleiher kommen. Fragen Sie ihn das nächste Mal, wenn er Avatar II im Verleih hat. Und mit einem Drittel der Kopien raus soll, wie beim ersten. Diese Regulierung passiert von alleine und findet durch den Markt statt. Wenn sie politisch stattfindet, ist das immer schlecht. Ein Verleiher hat auch Mehrkosten für jede zusätzliche Kopie. Hat ein amerikanischer Major nicht mehr Budget zur Verfügung, erhöht er auch die Kopienzahl nicht. Die Independent Verleiher funktionieren anders. Wenn der mehr Kopien hat, erhöht er sein Promotionsbudget kaum.

Hollywood steckt in einer Krise. Fürchten Sie, dass die Kinos längerfristig ausgedient haben und sich alles in Richtung Fernsehen verschiebt?

Dann würde ich ja auf der falschen Seite des Astes sitzen, an dem ich säge. Die amerikanische Industrie hat das Kino immer gebraucht als Marketingmaschine. Nehmen wir einmal an, es gebe das Kino nicht mehr, woher sollten Sie dann wissen, ob ein Film gut ist oder nicht? Das Gemeinschaftserlebnis würde ja auch verloren gehen. Heute ist es so, dass mit einem Kinofilm ein Brand kreiert wird, der immer einmalig ist. Wenn Sie das nicht mehr haben, dann gibt es kein Branding mehr. Wie machen Sie denn die Öffentlichkeitsarbeit? Das Kino ist Kultur. Und es hat die Aufmerksamkeit des Journalismus. DVD, VOD und TV haben das nur beschränkt.

Was halten Sie im heutigen Kontext von der historischen Wortprägung, dass es hier Independent Kino, da Mainstream gibt?

Für den Volksmund finde ich die Bezeichnung vertretbar. Die Grenzen sind aber unklar. Ein Independent kauft ja teilweise auch zum Beispiel bei Fox oder Warner Filme ein. Sobald ein Kino seine Filme nicht über einen Major einkauft, nennt man es Independent. Ein lokaler Filmverleih kauft aber genau so grosse Produkte ein. Ist nun „American Beauty“ ein Arthouse Film oder Mainstream? Es ist eine Hollywood Produktion, die bei uns im Arthouse lief. Deshalb ist er in der Schublade Arthouse. Letztlich machen die einfachen Geschichten die grossen Umsätze. Der Grosserfolg „Les Intouchables“ wurde nicht mal in Cannes gespielt. Der Verleih Frenetic hat den unabhängig rausgebracht. Der Film steht an zweiter Stelle im Schweizer Zuschauer-Ranking. Mainstream oder eben nicht Mainstream ist eigentlich egal. Das sahen wir damals mit „Il Postino“. Das ist nur eine nette Geschichte. Da brauche ich kein 3D, kein digitalen Sound. Den könnte ich auf Mono spielen lassen und er würde funktionieren.

Wozu dann die grossen Produktionen?

Film ist wie ein Ökosystem. Es braucht alles, damit es funktioniert. Hollywood ist ein Driver, damit die ganze Maschine Kino funktioniert. Und die Amerikaner geben natürlich für ihre Filme viel Geld aus. Die sind populär während die kleineren auch ihren Weg in die Kinos finden. Das ist wie der Hai und die kleinen Fische, die um ihn herum leben. Ich bin der Meinung es braucht alles.

Seit 2007 gibt es jetzt auch noch das Multiplex Arena in Sihlcity und die kitag hat nebst der Pahté in Dietlikon nochmals einen Konkurrenten. Wer bekommt schliesslich einen Film vom Verleih?

Der Verleih möchte natürlich möglichst viele Kopien bei unterschiedlichen Gruppen im Markt haben, um mehr Werbung und Trailer platzieren zu können. Und selbstverständlich jedem eine, auch wenn das geschäftlich nicht gerade viel Sinn macht. Der Kampf um die Marktanteile ist härter geworden.

Ausschnitt Filmplakat „Les Intouchables“, 2011

Gibt es also zu viele lokale Verleiher?

Ja, und sie kannibalisieren sich gegenseitig, indem sie sich gegenseitig in ein Juhee hinauf bieten, ohne ein Nebenrecht für die Auswertung gesichert zu haben. Bei VOD haben wir starke Konkurrenz aus Deutschland, die günstiger Filme anbieten. Ergo ist ein lokaler Verleiher in der Schweiz darauf angewiesen, dass ein Film im Kino funktioniert.

Wie sieht das Multiplex Kino der Zukunft aus? Wie ein Vergnügungspark?

Was heisst Vergnügungspark? Der Film steht immer im Zentrum. Den Aufwand für die Nebenschauplätze halten wir relativ tief. Wie das in Zukunft aussieht, weiss ich nicht. Man kann aber Trends setzen. In der Schweiz dauert alles immer etwas länger. Aber auch hier wissen wir inzwischen, dass Multiplex auf der Wiese mit ausreichend Parkgelegenheiten funktionieren. Und dass Stadtkinos nicht mehr so funktionieren.

Sehen Sie noch Potenzial ihr Unternehmen in die Provinzen auszubauen?

Ja, aber nichts ist spruchreif. Die Leute ziehen mehr aus der Stadt, weil es zu teuer ist. Man muss das analysieren und dann auch eine richtige Grösse angehen. In Zukunft könnte ich mir vorstellen, dass mehr Arthouse Multiplexe entstehen werden.

So wie Frank Braun von der Neugass Kino AG mit dem Kino Riffraff? Er eröffnet 2014 ein Miniplex bei der Kalkbreite

Ja. Aber wenn ich sehe, was die ganze Arthouse Szene hier alles hinstellen möchte, dann will jeder auch eine Kopie vom gleichen Film spielen. Dann sind wir in der Arthouse Szene nicht mehr weit von den Mechanismen des kommerziellen Multiplex Kinos entfernt. Frank Braun eröffnet das Multiplex, Samir von Dschoint Ventschr mit Bruno Deckert ein Kino in der Europa Allee. Das Uto wurde von der Arthouse Kette übernommen. Dann wird von einem Film in jedem dieser Kinos plus noch eine in der Arthouse-Gruppe und bei uns im in der kitag laufen. Dann sind sie eins zu eins dort wo das Mainstreamkino jetzt schon ist. Bei den Mehrfachstarts.

Spielen Sie viele Schweizer Filme?

Ich spiele praktisch jeden Schweizer Film, der mir angeboten wird.

Warum haben Sie aber den Boys Are US von Peter Luisi nicht gespielt, der ja klar auf ein jugendliches Segment ausgerichtet ist?

Der wurde mir nicht angeboten. Es gibt viele Verleiher, die mit anderen Kinobetreibern ein Agreement haben. Und wenn frühere Filme von Luisi immer im Riffraff liefen, dann kann man nicht gut in die Bresche springen und sagen, ah jetzt hats mal einen grösseren Film, den nehmen wir. Das ist Cherry Picking, also Rosinenpickerei, was nicht fair ist.

Finden Sie den Schweizer Film nicht gut?

Es gibt gute wie weniger gute. Wie in andern Ländern auch. Wir sind auf Dauer einfach nicht wirklich erfolgreich – mit Ausnahme von einzelnen Produktionen. In den Top Ten der Schweiz ist praktisch nie ein Schweizer Film anzutreffen. Die Herbstzeitlosen oder – jüngstes Beispiel – Nachtzug nach Lissabon haben gezeigt, dass eine wichtige Zielgruppe mit einem bescheidenen Filmangebot beglückt wird: Die Rentner. Zwei Drittel der Schweizer sind im oder vor dem AHV Alter und würden gerne ins Kino gehen. Es gibt fast keine Filme für diese Zielgruppe. Eine Patentlösung weiss ich auch nicht: ist auch nicht meine Aufgabe. Ich freue mich aber für jede einheimische Produktion die den Weg ins Kino findet.

„Rosie“ von Marcel Gisler ist doch für diese Altersgruppen. Wurde der Ihnen nicht angeboten?

Nein, sie wurde mir nicht angeboten. Mir werden viele Schweizer Filme angeboten, aber man muss ehrlich sein: Die meisten Schweizer Filme haben ein bescheidenes Potenzial. Wir machen aber viel für den Schweizer Film. Wir machen bei den Grossen wie den Kleinen alle Türen auf. Wenn ich aber einen Schweizer Film habe, den niemand sehen will, dann verhält sich das wie mit jedem anderen Film auch. Das Publikum entscheidet. Das wäre ja sonst Protektionismus. Wenn ein Schweizer Film gut ist, dann sind die Leute auch bereit ins Kino zu gehen. Das Publikum sagt was es sehen will.