Artikel erschien am 30.09.2013 auf Westnetz.ch

Peter Liechtis Film Vaters Garten – die Liebe meiner Eltern

Unerschrocken und tragikomisch: so kennen wir Peter Liechti. Für seinen neuen Film setzt er sich in die Höhle des Löwen. Entstanden ist dabei ein eindrückliches Porträt seiner Eltern – einer verschwindenden Generation. Liechti über „Schisshasen“, schwindende Solidarität und warum er keine Genre-Diskussionen mag.

Peter Liechti, Ihr neuster Film “Vaters Garten – die Liebe meiner Eltern” ist die Geschichte verlorener Eltern.

Ja, meine Eltern waren für mich als Sohn verloren. Ich hatte sie eigentlich mein Leben lang immer nur auf mein Bild aus meiner Jugendzeit festgelegt. Auf alte Klischees; die hatte ich von ihnen stärker als umgekehrt. Dadurch wurden sie mir über all die Jahre auch immer fremder und rückten mehr und mehr in die Ferne. Der Film war ein Versuch, meine verlorenen Eltern wieder heranzuholen. Die Auseinandersetzung mit den Eltern hat sehr viel mit sich selbst zu tun, man wird dadurch stark auf sich selbst zurückgeworfen.

Wann ist man bereit für diese Begegnung?

Das kann man nicht generell beantworten. Einige sind bereits sehr jung dazu bereit. Das kommt sehr auf das Verhältnis an, das man zu den Eltern hat. Bei mir hat es sehr lange gedauert und ich hätte dieses Projekt noch gerne um weitere zehn Jahre verschoben.

Warum?

Im Grunde war die Angst davor, mich auf dieses psychische Experiment einzulassen, die mich zuwarten liess. Ich hatte noch immer das Gefühl, ich sei noch nicht reif, um mit einer gewissen Gelassenheit zurück ins Elternhaus zu gehen. Um all die schwierigen Themen nochmals anzusprechen. Ich wollte warten bis noch weniger Emotionen und mehr Verständnis vorhanden sein würde. Meine Eltern sind zwar sowohl physisch wie mental noch super beieinander, aber mein Vater wird bald neunzig. Man kann nicht davon ausgehen, dass das noch ewig so weiter geht in diesem hohen Alter. Es gibt diese Deadline, und so war es wie der letzte Moment für mich, den Film zu machen.

Am Anfang des Films steht die zufällige Begegnung zwischen Ihnen und ihrem Vater. Sie bezeichnen sich als zwei Ertappte, die nicht wissen, wie auf einander zugehen. Ist der Film eine Versöhnungsgeschichte?

Nein. Ein Versöhnungsritual war weder Zweck noch Absicht dieses Films. Mir ging es um Verständigung. Wie weit sind wir heute in der Lage, uns mit gegenseitigem Respekt zu begegnen und uns so nochmals neu kennen zu lernen. Nach all den Jahren, in denen wir uns ausgewichen sind und uns immer wieder auf die gleichen alten Geschichten behaftet haben, konnten wir uns gar nicht mehr richtig zuhören. Egal wie die Beziehung danach sein würde, zumindest wollte ich uns die Chance einer Neubegegnung geben.

 

Max Liechti (Filmstill)
Sie haben eine spezielle Erzählform gewählt. Nebst dokumentarischen Passagen haben Sie gewisse Szenen anhand eines “Kasperlitheaters” nachspielen lassen. Die Puppen sind Hasen.

Die Idee mit den Handpuppen stand von Anfang an. Ich wollte unmittelbare Interview-Szenen mit den Eltern vermeiden. Erstens, um sie nicht vorzuführen. Zweitens, um durch diese Distanzierung eine textliche Verdichtung zu erreichen. Denn meine Eltern sind wie viele ältere Leute sehr ausführlich und redundant im Erzählen. Und durch die sprachliche Verdichtung kann man unglaublich viel mehr erzählen, als wenn sie live erzählen, ohne dabei zu verfälschen. Und drittens fängt die Niedlichkeit der Hasen vieles auf, was im live Interview beinahe unerträglich ist, mit anzuhören. All die harten Geschichten ihres Umgangs miteinander, vorallem der Vater. Wenn man das live miterlebt ist das viel zu hart und durch die Hasenfiguren bekommt es dann fast schon einen Slapstik-Effekt.

Besteht nicht die Gefahr, ihre Eltern als “Schisshasen” blosszustellen?

Ich glaube nicht, dass die Hasen letztlich einen Verulkungseffekt mit sich bringen. Aber es war natürlich eine Gratwanderung. Wo verulke ich meine Eltern und wo dient mir das Theater – und das war die eigentliche Idee dahinter – als Stilmittel der Distanzierung und Ironie.

Ihr Film zeigt, wie Ihre Mutter fürchterliche Schmerzen hat, nachdem sie erneut in der Badewanne gestürzt ist. Haltegriffe zu montieren kommt aber für den Vater nicht in Frage, weil die Plättliwand dann beschädigt würde. Es könnte Probleme mit den Nachmietern geben. Er stellt die Unversehrtheit der Wohnung über das Wohl seiner Frau.

Ja, dass die anderen Leute schlecht über ihn denken, ist die schlimmste Vorstellung. Was die anderen denken ist weit wichtiger, als was die eigene Frau denkt. Dennoch verteidige ich die Beziehung meiner Eltern. Durch alle Grausamkeiten und gegenseitigen Behinderungen, die sie sich antun, ist es eine Liebesbeziehung. Für mich war wichtig, auch mal direkt von 90 jährigen zu hören, was es bedeutet, 64 Jahre zusammen zu sein.

Ihre Eltern sind sehr verschieden. Ihr Vater ist dominant und kontrolliert, während ihre Mutter sehr nachdenklich und religiös ist. Sie haben wenig gemeinsam. Ihre Mutter sagt, ihr Mann und sie stimmten weder körperlich noch mental überein. Was bleibt dann noch von der Liebe?

Das kann ich Ihnen so nicht in einem Wort beantworten, was diese Liebe ausmacht. Das zeigt der Film, und der zeigt, Liebe ist sehr viel komplexer als wir gerne hätten. Wir reduzieren Liebe oft auf diesen durchwegs positiv belegten romantischen Begriff. Dass eine Liebesbeziehung auch unglaublich kompliziert und grausam sein kann, das verdrängen wir.

Filmstill „Vaters Garten–die Liebe meiner Eltern“
Ihr Vater erscheint öfter mal selbstgerecht. Fehlbarkeit ist für ihn ein Tabu. Warum?

Diese rechthaberische Attitüde hat viel mit Unsicherheit zu tun. Im Grunde ist mein Vater ein extrem ängstlicher und unsicherer Mensch. Früher provozierte mich diese Haltung sehr. Aber ich sehe heute auch seine liebenswerten, charmanten Aspekte, die seine Pedanterie haben.

Kleine Alltagsszenen zeigen auch seine Hilflosigkeit.

Das sind menschliche Momente, die wir alle kennen. Alte Menschen sind einfach etwas „dattriger“. Aber meine Eltern sind nicht grundsätzlich hilflos. Sie leben immer noch in ihrer eigenen Wohnung und schlagen sich ziemlich gut durch.

Ihre Eltern leben bescheiden, fernab gesellschaftlicher und individueller Aufbrüche. Das ist typisch kleinbürgerlich. Lehnen sie das durchwegs ab?

Diese Generation verschwindet und mit ihnen viele Werten, denen wir nun wahrhaft nicht nachtrauern.

Hedi Liechti (Filmstill)
Wie die patriarchalen Gesellschaftsordnung, die Wahrung der scheinbaren Ordnung oder diese Frömmigkeit?

Ja, genau. Aber es gibt auch Werte, die wir noch vermissen werden. Sie pflegen eine ganz andere Solidarität und ein breiter angelegtes Verantwortungsgefühl. Sie fühlen sich ein Stück weit verantwortlich für die Nachbarn, gegenüber den Menschen, denen man auf der Strasse begegnet, ist man nicht gleichgültig. Und man hilft, wo man kann, spendet Geld. Und nicht weil man sich als Sozialdemokrat versteht oder in der richtigen Partei ist. Sondern aus einem Impuls der Sparsamkeit und Bescheidenheit heraus. Meine Eltern sind auch weit davon entfernt sich mit den Grünen zu identifizieren. Wobei so wie sie mit Strom und generell mit Ressourcen umgehen, hoch ökologisch ist, nur schon verglichen mit meiner Lebensführung. Sie tun das alles ganz selbstverständlich, weil sie wertschätzen, was sie haben. Das ist gerade in der heutigen Zeit, wo man alles gleich entsorgt und ersetzt, höchst erinnerungswürdig.

Ihre Eltern wussten keine Antwort auf ihre Frage, was für sie ein interessantes Leben bedeutet?

Nein. (schmunzelt) Die Frage ist für sie gar nicht relevant. Natürlich mögen sie einiges lieber als anderes. Aber es geht bei ihnen nicht permanent um diese Frage, die wir uns ja fast schon gierig dauernd stellen: was ist ein spannendes Leben? Es muss immer spannend und interessant sein. Wir brauchen immer wieder diesen Kick.

Wie haben Ihre Eltern den Film aufgenommen?

Sehr gut. Sie beide haben sehr unterschiedlich darauf reagiert. Ich machte eine Sondervorstellung im Bekanntenkreis mit ihnen, nicht im öffentlichen Rahmen. Das war ein sehr guter Anlass und ich danach sehr erleichtert.

“Vaters Garten – die Liebe meiner Eltern” porträtiert eine Generation, die langsam aus dieser Welt verschwindet. Ihr letzter Film “Sounds of Insects” ist ein künstlerlisches Protokoll eines Suizids. Beschäftigt Sie der Tod und unsere Endlichkeit besonders?

Nein, es geht mir im Film nie ums Verschwinden, immer um Leben. Aber wenn man wirklich in ein Thema eindringen will und man sich mit dem Leben schonungslos auseinandersetzen will, was ich in meiner Arbeit möglichst radikal tue, dann stösst man unweigerlich auf den Tod. Wenn ich in die Natur hinaus, in einen Wald gehe, dann ist der gleichzeitig voll von Leben und von Tod. Der Tod ist permanent da, ist die Kehrseite des Lebens. In unserer Gesellschaft wird es einfach stark verdrängt. Ich versuche ihn nicht zu verdrängen, sondern unsere Sterblichkeit immer mitzudenken.

Wem möchten Sie „Vaters Garten“ besonders ans Herz legen?

Allen. Dieser Film spricht thematisch alle an. Wenn wir Menschen etwas gemeinsam haben, dann die Tatsache, dass wir alle irgendwo Eltern haben und unseren Knatsch mit ihnen. Das Elternhaus hinterlässt bei uns allen eine tiefe Prägung. Es ist ein universelles Thema, wo sich jeder sofort einklinken kann. Das bemerkte ich bereits beim Entstehungsprozess. Nach zwei, drei Sätzen über meinen Film, begannen die Leute schon von den eigenen Eltern zu erzählen.

„ICH MAG KEINE UNTERWÜRFIGEN KÜNSTLERPORTRÄTS“
In ihrer Arbeitsweise suchen sie jeweils lange nach einer Erzählform und sie mögen keine Genre-Zuschreibungen. Warum das?

Die Genre-Diskussion ist völlig unproduktiv. Dokumentarfilm und Spielfilm haben beide beschränkte Möglichkeiten und diese hermetischen Kategorien schränken enorm ein. Es entstehen dadurch fundamentalistische Gruppen. Die einen machen nur noch Fiktion, die andern nur noch Dokumentarfilm. Ich bin grundsätzlich an allen cineastischen Möglichkeiten interessiert. Dokumentarische und fiktionale Arbeitsweisen können fliessend in einander übergehen.

Das nennt man jetzt sinnhaft “Dokufiktion”.

Stimmt. Grosse Festivals wie Cannes, Venedig oder auch Locarno zeigen immer mehr sogenannte Dokumentarfilme in ihren Wettbewerben. Das ist eine durchwegs positive Entwicklung. Wenn mich Festivals fragen, ob es sich nun um einen Dokumentar- oder Spielfilm handle, dann ist meine Antwort: Das interessiert mich überhaupt nicht, es ist einfach ein Film. Er soll das Publikum ansprechen. Mich beschäftigt, ob ich die richtige Sprache finde für einen Film.

Wie denken Sie über die schweizerischen Förderstrukturen?

Anfangs hatte ich es schwer aufgrund meiner speziellen Arbeitsweise. Inzwischen bin ich akzeptiert mit meiner Art. Das einzige, was mich wirklich nervt, ist diese automatische Förderung. Nur schon diese Bezeichnung! Diese erfolgsabhängige Förderung ist in letzter Zeit massiv in den Vordergrund gerückt.

Unter der Fördermassnahme Success Cinema und Success Festival bekommen Filmemacher und Produzenten Gutschriften für Erfolgsbilanzen.

Diese Massnahmen sind kontraproduktiv und gegen den Kulturartikel: Das Publikum entscheiden zu lassen, was es im Kino braucht. Das müssen die Künstler sagen, nicht das Publikum. Ich fühle mich als Regisseur nicht verpflichtet, einem subsumierten Publikumsgeschmack zu entsprechen. Das Publikum kann auf Filme mit Wohlwollen oder Ablehnung reagieren, aber durch Ticketverkäufe quasi mitentscheiden, wer weiter Filme macht, finde ich Schwachsinn. Ich stehe relativ alleine da mit dieser Haltung.

lhr Film über den Schweizer Künstler Roman Signer “Signers Koffer” ist legendär. Verstehen Sie sich als Dokumentarist oder als Künstler bei solchen filmischen Begegnungen?

Ganz klar als eine Begegnung zwischen zwei Künstlern. Ich mag keine unterwürfigen Künstler Porträts, wo sich ein Dokumentarist in den Dienst eines Künstlers stellt. Einfach zuschauen und das Geschehen möglichst schön in Szene setzen interessiert mich nicht. Sich auf Augenhöhe zu begegnen und sich von Künstler zu Künstler zu begegnen, ist viel produktiver. Ich hatte auch mit Musikern gearbeitet bei “Hardcore Chamber Music”. Wenn ich diese Begegnung zwischen zwei Künstlerin nicht habe, dann fehlt mir die Auseinandersetzung. Und ohne diese, davon bin ich überzeugt, ist der Film dann viel schwächer als die eigentliche Arbeit des Künstlers. Hingegen wenn ich selber in eine kreative Begegnung gehe, entsteht etwas Drittes, was interessant sein kann.