Artikel erschien am 6. April 2013 bei Westnetz.ch

Los Dos Monos und Pfuri Baldenweg zelebrieren den Moment

Die Kult verdächtigen „Los Dos Monos“ Abende im Exil krönt der Gastauftritt von Pfuri Baldenweg. Eine lebende Legende, die eins mit dem Trio „Pfuri,Gorps und Kniri“ Weltruhm erlangte und manchmal selbst Bob Dylan in den Schatten stellt. Ein Bericht

Wenn Pfuri (Roland Baldenweg) den Blues auf seiner Mundharmonika schmettert, ist klar: Nicht Bob Dylan, sondern Pfuri setzt die Massstäbe. Sein Spiel groovt und ist nuancenreich. Und zum ersten Mal in meinem Leben tanz ich zu einem Mundharmonika-Solo. Pfuri steht als Gast der „Los Dos Monos“ für eine Jam Session auf der Bühne. Berühmt wurde er in den Siebzigerjahren als Trio mit Gorps (Anthony Fischer) und Kniri (Peter Knaus ). Sie musizierten auf ausrangierten Gegenständen, oder Alltagsobjekten, wie Giesskannen, Rechen, Abfallsäcken oder auch mal ein Fensterladen.

Ein brennender Fan von Pfuri, Gorps und Kniri ist Los Dos Bandleader und Gittarist Hansueli Tischhauser schon seit seiner Jugend. Und als er vor etwa einem Jahr Pfuri Baldenweg kennen lernte, beschlossen sie, zusammen zu spielen. Und es groovte gleich zwischen ihnen. Viele Proben waren nicht nötig, sie sammelten die Stücke, einigten sich vorab auf eine Tonart, der Rest entstehe spontan auf der Bühne, ein Jam eben. „Wir spielen heute in „kuck-moll“, sagt Pfuri. Los Dos Gitarist Hansueli Tischhauser bestätigt lachend.

Pfuri Baldenweg und Hansueli Tischhauser © Denise Ferrarese

Der Blues altert nicht

Gekommen sind vor allem alte Freunde von Pfuri, seine Familie und das Stammpublikum von Los Dos. Die erste halbe Stunde spielen Los Dos, Tischhauser an der Gitarre und Andi Wettsteinn am Schlagzeug, alleine. Tischhausers Ansagen zeugen von kabarettistischem Talent. Eigentlich, meint er selber, sei er eher schüchtern. Sein opulentes Outfit mit Halsschmuck und glänzendem Hemd setze einen Kontrast zu seinem Wesen. Der erste Boogie Woogie bringt das Publikum noch nicht zum Wippen. Wir Schweizer brauchen eben immer ein wenig Anlaufzeit. Der Abend ist ja auch noch jung. Als Tischhauer nach einer halben Stunde dann sein Idol auf der Bühne begrüsst, steigt die Energie im Raum. Los Dos und Pfuri harmonieren, als spielten sie schon seit Jahren miteinander. Pfuri wiegt sich auf der Mundharmonika in eine Improvisation, jene Kunst, über klaren Strukturen mit Esprit auf den Moment zu reagieren. Die Kunst, im Moment zu leben hält offenbar auch Pfuri jung. Und er spricht lieber über die Gegenwart als über vergangene Zeiten. Zusammen mit Kniri arbeitet er an einem neuen Album, das im Herbst erscheint. Fragt man ihn, ob er wie damals bei seinem legendären Eurovisions-Auftritt in Israel 1979 wieder im Pijama auftreten werde, sagt er, wohl eher nicht, aber man wisse ja nie, was komme. Und auf stereotype Journalistenfragen, etwa wann er seinen musikalischen Höhepunkt gehabt habe, fällt Tischhauser ein: „Vorgestern“. Und da lachen sie wieder, die zwei Männer, die nicht nur der Panamahut-Look miteinander verbindet.

Güselsackblues © Denise Ferrarese

Dennoch erzählt mir Pfuri bereitwillig die eine oder andere nostalgische Anekdote. Zum Beispiel wie er als Dreikäsehoch zu seiner ersten Mundharmonika kam. „Als Junge habe ich oft meinem Vater beim Gärtnern geholfen, und da bin ich beim Graben auf ein „Schnöregigeli“ gestossen. Ich putzte es, packte es in meine Hosentasche, und seither ist es mein ständiger Begleiter.“ Pfuri gilt als einer der besten Mundharmonikaspieler der Schweiz, der früher oft auf Bob Dylans Spielkünste angesprochen wurde. Bob Dylan sei nicht so gut, sagt Pfuri und lacht.

Mit Frank Zappa auf der Alp

Gekonnt gespielt ist die Mundharmonika ein Instrument, das sehr viel Variation und Ausdruck hat. Es komme dem Gesang sehr nah, sagt Pfuri. Und so jauchzt es dann einen Folkblues, der die Kuh im Refrain besingt – dem kleinsten gemeinsamen Nenner von amerikanischen Cowboys und Schweizer Bauern. Schweizer Kühe gemolken hatte damals in den Siebzigerjahren auch Frank Zappa, als er eine Zeit lang bei Urban Gwerder auf der Alp hauste. Gwerder ist ein alter Wegefährte von Pfuri Baldenweg und heute auch im Publikum. Mir fällt der Autor und Künstler, der in den Sechzigern ein Lokalmatador der Subkultur war, gleich auf wegen seiner extravaganten Mütze. Er kannte Frank Zappa persönlich, war eine Zeit lang sein Hofarchivar und widmete ihm das Buch „Im Zeichen des magischen Affen“, das 1998 erschien.

Foto © Denise Ferrarese

Hier im Exil versprühen die „Affen“, die Los Dos Monos erdige Leidenschaft, die sich mit Pfuris Vitalität paart. Nach einer Stunde laufen sie zur Hochform auf. Jetzt kommt, worauf alle gewartet haben, die sich noch an „Pfuri, Gorps und Kniri“ erinnern: Der legendäre Güselsack-Blues. Und der zieht. Auch das anwesende Boulevard Fernsehen, wirft die Kamera an. Und gestandene Fünfziger schütteln jetzt alle Glieder. Assoziative Bilder von Barfussdiscos erscheinen vor meinem inneren Auge. An der Bar bestellt ein Mann einen Gin Tonic. Urban Gwerder und sein Kumpane kommentieren süffisant, wie der Mann in ihrem Alter, die Gurke aus dem Hendrix nimmt und dem Barkeeper aushändigt. Nicht alle können sich mit den neusten Trends der Zürcher Gastroszene anfreunden. „Das Gemüse nimm ich lieber zum Znacht, danke.“ Es gibt halt doch unüberbrückbare Differenzen zwischen den Generationen. Der Güselsack klingt schön, auch wenn ich nicht immer trennscharf unterscheiden kann, was der Güselsack und was die Snare Trommel dank Wettsteins Jazzbesen verlautet. Unter tosendem Beifall wirft Pfuri den benutzten Güselsack – wie es sich für einen Rockstar gehört – mit Schwung in die Zuschauerränge: Eine vom Blues geweihte Relique. Ich bin gespannt auf den neusten Wurf von Pfuri und Kniri.