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China zeigt Muskeln in Zürich West

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Artikel erschien am 1. März 2013 bei Westnetz.ch

17 Meter Kunst statt Werbung beim Bahnhof Hardbrücke

Die Fotografie „Anti Mona Lisa“ ziert neuerdings die Plakatfläche der Bahnhof-Unterführung. Unter dem Motto „Art works“ geht die Deutsche Bank damit auf Tuchfühlung mit der benachbarten Kunstszene.

Nur wenige Eingeweihte waren an der Vernissage im Kaffee Segafredo beim Bahnhof Hardbrücke. Zu gefährlich, so die Erklärung von den Verantwortlichen, wäre ein Kunst-Szene-Auflauf an diesem Nadelöhr für Pendler. Eingeweiht wurde eine grossformatige Fotografie: 25 chinesische Bäuerinnen in Kraftpose auf einer übergrossen Plakatwand von 17 Metern Länge und zwei Metern Höhe. Die Pendler strömen am Kunstwerk vorbei. Und so mancher Blick bleibt für Sekunden an der imposanten Fotografie hängen, einige Passanten bleiben sogar stehen. „Anti Mona Lisa“, so der Titel der Fotografie ist ein Werk des jungen chinesischen Künstlers Liao Wenfang.

Kunstvolle Nachbarschaftsgeste

Hinter dem Kunstwerk steckt die Deutsche Bank, eine der weltweit führenden Investmentbanken. 2011 zog die Schweizer Tochtergesellschaft in den Prime Tower in Zürich West, von wo aus sie die Vermögen von reichen Privatkunden aus der Schweiz, Europa, Afrika sowie dem Mittleren Osten betreut. Die Grossbank hat die Werbefläche unter der Hardbrücke angemietet, um jungen Künstlern eine Plattform im öffentlichen Raum zu bieten.

Es handelt sich bei 17ZWEI um ein Kooperationsprojekt mit der Zürcher Hochschule der Künste, die demnächst ins nah gelegene Toni Areal einziehen wird. „Art works“, mit diesem Motto sucht die Deutsche Bank den Kontakt zu Zürichs Kunst-Mekka. Seit vergangenem Frühling hat man im sechs Wochen-Turnus unter der Hardbrücke Werke von Studierenden der Zürcher Hochschule der Künste präsentiert. Für 2013 ist das Projekt international ausgeschrieben, „Anti Mona Lisa“ ist der Auftakt dieser globalen Erweiterung. „17ZWEI goes international“ soll Brücken zwischen den Kulturen der Welt bauen.

Carsten Kahl, Leitender Manager der Marktregion Schweiz betont die Bedeutung der Nachbarschaftsgeste. „Es ist unsere Art von Community Arbeit. Diese Kooperation ist Teil des kulturellen Engagements der Bank. Die Förderung der Bildenden Kunst ist unsere Art, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen.“

Die Mona Lisa auf dem Dorfe

Der Künstler Liao Wenfang wurde 1984 in der südchinesischen Provinz Jiangixi geboren, lebte in Shanghai und seit Juli 2012 in Berlin. Für sein Werk fotografierte er die ältesten Bewohnerinnen seines Heimatdorfes. Er bat die Frauen zuerst, die Pose der Mona Lisa zu imitieren. Im zweiten Foto „Anti Mona Lisa“ sollten die Chinesinnen ihre von der täglichen Feldarbeit geformten Muskeln zeigen. Auf Geheiss des Künstlers ahmten sie die Posen nach, ohne das Werk von Leonardo Da Vinci und seine Bedeutung für die westliche Kunstgeschichte zu kennen. Das berühmteste Gemälde der Welt zu zitieren, auf diese Idee sei Laio wegen Marcel Duchamps Reproduktion der Mona Lisa gekommen. Der Wegbereiter der Moderne wagte sich 1919 an die provokante Demontage der Ikone, indem er sie mit Schnurrbart und Ziegenbart zierte („L.H.O.O.Q.“).Damals eine subversive Geste. Liao aber will in seinem Zitat weder die Mona Lisa vom kunsthistorischen Thron stürzen, noch beabsichtigt er Kritik an einem eurozentristischen Weltbild. Ihm gehe es vielmehr um eine Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen und der Zuschreibung von geschlechtsspezifischen Posen. Die Frauen um eine Pose zu bitten, die ihnen fremd ist, das habe ihn gereizt.

Leider habe die Deutsche Bank nur eine Wand der Unterführung von der SBB mieten können, was eine Gegenüberstellung der beiden Fotografien nicht erlaubt, scherzt Kahl.

Die Nachbarn, in diesem Fall Studierende der Kunsthochschule Fachabteilung Bildende Kunst bilden die Jury der Werkauswahl, zusammen mit dem Künstler San Keller, der Kuratorin Alexandra Blättler und Noah Stolz von der eidgenössischen Kunstkommission. Aus den rund 150 Bewerbern haben sie acht ausgewählt, die während des kommenden Jahres gezeigt werden. Die Bank mischt sich kuratorisch nicht ein, hat aber das Vetorecht. Die Studierenden arbeiten unentgeltlich, ihr Engagement wird ihnen aber in Form von Credit Points fürs Studium angerechnet. Sie hätten aber alle schon viel mehr Punkte, als sie brauchen, fügen sie beiläufig an.

Die Grossbank als Kunstmäzenin

Die einen sammeln Studienpunkte, die andern Kunst. Die Deutsche Bank selbst besitzt eine der weltweit grössten Unternehmens-Kunstsammlungen. In ihren Büroräumen, auf fünf Etagen verteilt, kommen auf 370 Arbeitsplätze 300 Kunstwerke von Schweizer Künstlerinnen und Künstlern.

Kahl betont die traditionelle Kunstaffinität der Deutschen Bank, die sich langfristig etabliert hat. „Gegenwartskunst zu sammeln gehört seit dreissig Jahren zum zentralen Anliegen der kulturellen Initiativen der Deutschen Bank. Mit 17ZWEI möchten wir Künstlern eine Bühne bieten“, so Kahl. „Wir fühlen uns dem aufstrebenden Viertel rund um den Prime Tower verpflichtet und wollen dies so zum Ausdruck bringen.“ Und lockt man damit reiche Leute an?„Nein, das ist nicht die Motivation dieses Projekts, und so funktioniert das auch nicht“, sagt Kahl. Ebenfalls distanziert er sich vom Modetrend gewisser Unternehmen zeitgenössische Kunst auf reines Investment zu reduzieren. Die Wertschöpfung sei positiver Nebeneffekt, aber nicht primärer Anreiz. „Beim Ankauf setzen wir auf junge qualitativ hochstehende, innovative sowie kontroverse Kunst mit Potenzial“, sagt Kahl.

Die Deutsche Bank ist auch Hauptsponsorin der jährlich stattfindenden „Frieze Art Fair“ in London, einer der wichtigsten Kunstmessen weltweit, die seit letztem Jahr auch nach New York expandiert und die etwas peppigere jüngere Schwester der Art Basel ist. Kunstmessen sind Treffpunkt und Umschlagplatz von zeitgenössischer Kunst, wo sich viele reiche Leute und damit potenzielle Kunden tummeln. „Über unser Interesse und Verständnis von zeitgenössischer Kunst begegnen wir natürlich auch finanzstarken Personen. Es ist ein guter Weg, um möglichen Anlegern auf einer emotionalen Ebene zu begegnen: Über das geteilte Interesse an zeitgenössischer Kunst,“ gibt Kahl offen zu. Aber es handle sich nicht um eine Strategie der Kundenaquise. Das funktioniere so nicht.

Die „Anti Mona Lisa“ ist noch bis Anfang April zu sehen, danach wird ein neues Werk die Pendler überraschen.

 

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Der letzte Mohikaner

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Erschien am 27.09.2012 auf Westnetz.ch

Wie Zürich doch noch zu einem „Nagelhaus“ gekommen ist

Eine funktionierende Wohlstandsgesellschaft braucht immer auch ein bisschen Widerspenstigkeit, damit sie „gesund“ bleibt. Und dafür sorgen unter anderem auch junge Künstler, die im urbanen Raum arbeiten. Einer von ihnen ist Navid Tschopp. Wenn er in den öffentlichen Raum interveniert, ist sein Ziel Interessen, und Widersprüche im öffentlichen Raum aufzuzeigen. So auch bei seiner neusten Aktion „Résistance“ am Wohnhaus an der Turbinenstrasse im Trendviertel Zürich West.

Im Kontext von Art and the City und einer Ausstellung im K3 Project Space hatte er eine Intervention an der Fassade der Restmauer der Hausnummer 10 angebracht. Mit grossen Lettern steht nun seit vergangener Woche RESISTANCE. Der Schriftzug ist grafisch dem jenem des benachbarten Hotel Renaissance nachempfunden. Der Hotelbesitzer Peter Schickling zeigte sich gegenüber der Presse (TA vom 19.9.2012) kulant, ihn störe die Schrift nicht, aber das Haus selbst allerdings schon, weil es die Zufahrt auch zu seinem Hotel erschwere. Die Aktion weist sehr deutlich auf einen Territorialkampf, der die Umgestaltung von Zürich West mit sich führt.

Das Haus an der Turbinenstrasse ist ein letzter Mohikaner im knallharten Immobilienmarkt der Stadt. Das Haus mit Baujahr 1893 hätte eigentlich längst abgerissen werden sollen, denn es blockiert die ungestörte Zufahrt zum Maag Areal. Doch die Besitzer weigern sich zu verkaufen. Navid Tschopp hat im Rahmen seiner Arbeit den ältesten Bewohner des Hauses befragt. Das aufgezeichnete Gespräch war in der Ausstellung im K3 zu hören. Der ältere Herr wehrt sich gegen die Argumentation der Baulöwen, dass eine Beseitigung des Hauses im Interesse der Öffentlichkeit geschehen würde. Er meint nicht ohne Schalk, es sei doch eher so, dass eben dieser Kontrast im öffentlichen Interesse stünde. Regelmässig kämen Passanten, Touristen und sogar Hotelgäste des Renaissance, um das Symbol des Widerstands zu fotografieren.

Das Arbeiterhaus gehört wie die Original Fabrikgebäude oder die Schrebergärten zu den letzten Überreste einer anderen Zeit, als die Arbeiterklasse das Quartier besiedelte. Nicht mehr viel erinnert daran, geschmeidige Glasbauten, Hochhäuser und betonierte Plätze sind der Rauheit gewichen. Keine Kieswege mehr, wenig natürlich gewachsene Vegetation sind um das Areal Escherwyss Maag und Förrlibuck geblieben. Bis auf dieses kleine Mehrfamilienhaus an der Turbinenstrasse. Und da steht es nun, ein wild wucherndes Biotop inmitten der durch designten Umgebung.

Freiheit versus Regulierung

Tschopp begleitet mit seiner Kunst die Umgestaltung von Zürich West in eine Hochburg der Dienstleistung. Tschopps Interventionen im öffentlichen Raum operieren bewusst in Gegensätzen und reagieren damit auf die Tendenz der Regulierung im öffentlichen Leben. „Wir sind keine trivialen Maschinen, wir brauchen Freiheit“, meint er, und diese beginnt im Kopf. Mit seinen Interventionen möchte er gegen die Selbstzensur in unseren Köpfen reagieren und Handlungs- und Denkmöglichkeiten aufzeigen, deren wir uns schon nicht mehr bewusst sind. Mittels witzigen Eingriffen im öffentlichen Raum hinterfragt Tschopp Konventionen und Normen und führt diese in den gesellschaftlichen Diskurs. Er plädiert für mehr Rechte des Einzelnen im urbanen Raum, für mehr eigenständiges Denken und Kulanz gegenüber dem Ungewohntem und Fremden.

Das Nagelhaus als Symbol des Widerstands

Tschopp verweist mit der „Résistance“ unter anderem auf eine Kontroverse der städtischen Kunstpolitik aus dem Jahr 2010. Damals lehnte das Stimmvolk einen Kredit für das Projekt „Nagelhaus“ am neu gestalteten Escher Wyssplatz ab. Der Hybrid von Architektur und Kunst war als Kiosk-Toilette gedacht und stammte vom Londoner Architekten Caruso St John und dem Berliner Künstler Thomas Demand. Die SVP hatte das Referendum gegen das geplante „Nagelhaus“ ergriffen mit der Parole „5.9 Millione für e Schiissi“. Dabei verdeutlichte dieses Nagelhaus nach einem Vorbild aus China auf die radikalen städtebaulichen Massnahmen, wie die Hardbrücke, die einen Stadtteil brutal zerschneidet. Somit ist es ein Symbol des Widerstands. Nun hätte Zürich West sogar ein Original-Nagelhaus, und dieses stehe an der Turbinenstrasse, meint Tschopp mit einem Schmunzeln.

„Der öffentliche Raum soll demokratisch bleiben“

Wegen der demografischen Entwicklung und der abnehmenden kulturellen (sozialen) und architektonischen Durchmischung bietet Zürich West immer weniger reizvolle Gelegenheiten für künstlerische Interventionen. Es sei sehr schwierig in diesem ‚öffentlichen‘ Raum zu operieren und ein Werk zu gestalten. Stadtteile mit grosser kultureller und sozialer Durchmischung bieten Navid Tschopp mehr Inspiration und Möglichkeit neue Kunstwerke zu realisieren.

Und tatsächlich fällt auf, wie viele Überwachungskameras die Neugestaltung von Zürich West mit sich gebracht hat. Soll der öffentliche Raum nach demokratischen Grundsätzen folgen, ist bereits das Schwinden von unüberwachtem Raum eine Einschränkung für die Freiheit eines Individuums.

foto: navid tschopp

Webseite des Künstlers Navid Tschopp

Künstlerischer Freiheit den Maulkorb verpasst

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Was steckt hinter der Kunst Zensur am Prime Tower?

Am 14. September wurde der Streit zwischen dem Multikonzern Ernst & Young und dem kleinen Off Space K3 im Maag Areal publik (TA vom 14.9.2012). Hinter dem Kunstwerk der Genfer Künstlerin Joelle Flumet „Quality in everything we did“ steckt aber ganz viel mehr als ein provokativer Regelverstoss gegen den gesetzlichen Markenschutz.

Betrachten wir doch das Kunstwerk etwas genauer. Flumet nimmt den Werbeslogan von E&Y auf und interveniert auf der gegenüberliegenden Fassade. Sie verschiebt einen Slogan in einen anderen Kontext, nämlich in denjenigen des Kunstraums. „Quality in everthing we did“ spielt selbstreferenziell auf die Geschichte dieses Ortes als Standort der Kreativwirtschaft an.

Aber es stellt auch ganz klar einen Bezug zum gegenüberliegend eingemieteten Multikonzern her. Und hier wird es brisant. Ernst & Young ist einer der vier ganz grossen Global Players der Wirtschaftsprüfer und Beraterunternehmen, der sogenannten „Big Four“, die sich den globalen Markt praktisch untereinander aufteilen. Flumet hat mit sämtlichen Slogans der Multis gearbeitet, und dabei festgestellt, dass es sich immer um sehr unverbindliche, schwammige Aussagen handelt, die nun geschützte Marken sind. Ihr Spiel mit der Sprache ist ein künstlerisches Konzept, ergo sollte es nicht im Schutz der künstlerischen Freiheit stehen?

Die andern grossen Wirtschaftsprüfer sind KPMG, Deloitte und PWC. Ihre Slogans klingen ähnlich unverbindlich, „cutting through complexity“ oder „standard of excellence“ propagieren effizientes Durchsetzungsvermögen. Indem Joelle Flumet die Slogans in die Vergangenheit setzt, suggeriert sie Historizität. Tatsache ist, dass im globalen Verdrängungskampf auch Unternehmen dieser Grösse nicht überleben, wie der einst fünfte Riese Arthur Andersen. „Quality in everything we did“ ist ein Augenzwinkern seitens Flumet auf ein mögliches Zukunftsszenario, wovor sich alle fürchten.

Wer hat den Durchblick am Standort Maag?

„Wenn man auf dem Vorplatz des Hardbrücke-Bahnhofes Skateboard fährt, wird man nach 40 Sekunden weggewiesen mit dem Hinweis, dass Skateboarden als Verweilen gelte und hier Verweilen nicht gestattet sei, nur Durchgehen sei erlaubt.“

(Flugblatt im Rahmen der Ausstellung von Stefanie Brottrager)

Mit der Lage direkt an den Bahngleisen ist der Standort sowie Slogan von E&Y gut sichtbar, vom Bahnverkehr wie auch von der Hardbrücke aus. Mit Sichtbarkeitsverhältnissen beschäftigt sich die Ausstellung im K3 Project Space.

Flumets Schrift-Applikation ist Teil von „Durchblicken und abprallen– künstlerische Statements zu semitransparenten Konstruktionen,“ einem Projekt der freien Kuratorin Susanne Sauter. Sie versammelt Arbeiten von Künstlern, die sich mit den „aktuellen städtebaulichen und sozialen Veränderungen rund im das Maag Areal Zürich“ auseinandersetzen. Der Off Space begeht dieses Jahr sein 10jähriges Jubiläum. Und Sauter hat in den vergangenen Jahren die Gentrifizierung direkt vor Ort genau beobachtet.

Sie wirft nicht nur einen bewundernden Blick auf den Prime Tower von Gigon Guyer, architektonisch und ästhetisch unbestritten ein Meisterwerk. Sauters Kritik setzt bei der Metapher des Kristalls an, wovon die Architekten ja ausgegangen sind.

Sie ziehlt auf den Prozess der Kristallisierung, im Sinne von Verdichtung und Akkumulation von Kapital am Standort des Prime Tower. Sie befragt die Wirkungen, welche diese aus der Balance geratene wirtschaftliche Tätigkeit hier an diesem Ort an anderen Stellen der Welt auslösen, die für den nicht beteiligten eben nicht transparent sind.

Die Ausstellung geht von dieser scheinbaren Durchsichtigkeit von Glasbauten aus. „Die Transparenz der Glasfassaden ist trügerisch. In wie fern sind wir überhaupt in der Lage zu verstehen was sich hinter den Glaswänden abspielt?“ fragt sich Sauter. Der „Kristall“ löst nicht nur Freude aus, sondern auch Unbehagen. In Rekordzeit gebaut, stand er plötzlich da und mit ihm der Dresscode und die Standard Geschwindigkeit der globalen Business Welt. Geschalte Männer und Frauen im Deux Pièce bevölkern inzwischen den Standort. Das K3 hatte neue Nachbarn, die bisher in der Innenstadt ansässig waren. Und die Bedürfnisse und Regeln rund um den Hardbrücke Bahnhof haben sich schlagartig verändert. So wird Skateboard fahren nun als störend empfunden, genau so wie ein künstlerisches Statement an der Hausfassade. Und es musste weg.

Die Künstler der Ausstellung suchen den Dialog mit den neuen Nachbarn, wenn auch teilweise mit dem Mittel der Provokation. Joelle Flumet habe nicht mit dieser rigorosen Reaktion des Konzerns gerechnet, sondern mehr mit einer Auseinandersetzung mit ihrer Arbeit. Aber offensichtlich hat ihr Schriftzug derart für Unbehagen in den Teppichetagen des Unternehmens gesorgt, dass es der internationalen Delegation nicht zumutbar war, die an jenem Wochenende erwartet wurde. Fürchtete man im Zürcher Hauptsitz des Konzerns sich beim Anblick der Persiflage des Markenslogans vor einer Rüge? Hätte man dem Schweizer Hauptsitz etwa vorwerfen können, sie hätten ihre Nachbarn nicht unter Kontrolle? Ein leitendes Kadermitglied liess gegenüber K3 verlauten, er würde das Werk einfach nicht verstehen. Sich auf eine Auseinandersetzung einzulassen lag offensichtlich nicht drin, sodass man mit dem Recht auf Markenschutz beim Besitzer des Gebäudes klagte.

Die Stadt hatte das Werk von Flumet bewilligt, der private Besitzer der Gebäude am Areal ursprünglich auch, liess sich aber von Ernst & Young unter Druck setzen, dass die Stadt schliesslich nachgeben musste. Die Machtverhältnisse zwischen global agierenden Wirtschaftsunternehmen und Politik verschieben sich immer mehr zu Gunsten der Wirtschaft. Dieser Überzeugung sind auch die Macher der Ausstellung. Es zeigte sich einmal mehr am Beispiel von „quality in everything we did“. Die künstlerische Freiheit wurde vom Multi zensiert.

Den Dialog suchen im Areal

Glücklicherweise gibt es auch andere Nachbarschaftsverhältnisse rund im den Prime Tower. So zur Anwaltskanzlei Homburger, eine sehr kunstinteressierte Gesellschaft, die schon an Vernissagen ins K3 besuchte. Die Künstlerin Irene Weingartner hatte während zwei Wochen ihren Arbeitsort in die Räumen der Kanzlei verlegt, durfte sich frei bewegen In ihren Zeichnungsarbeiten versucht Irene Weingartner auf bestimmte Orte oder Fragestellungen zu reagieren, indem sie wie ein Seismograph wahrgenommene Impulse aufzeichnet. Sie fand dort eine offene Betriebskultur vor. Mag die Transparenz und das Vertrauen gegen aussen zwar auch seine Grenzen haben, zumindest besteht auf Seiten Homburger ein Interesse im Austausch mit den Machern von K3. Kürzlich wurde eine Privatführung durch die Ausstellung gewünscht.

Den Vorschlag, den „Spielverderbern“ von E&Y ihr Kunstwerk wenigstens „post mortem“ zu vermitteln, da ja offenbar Verständnisprobleme vorherrschen, lehnte die Künstlerin vehement ab. Die Chance für eine Auseinandersetzung mit dem Werk und einen konstruktiven Dialog sei passé. Schade. Den Diskurs über die Ökonomie des öffentlichen Raumes anregen ist das Ziel der Ausstellung, das wurde mit dem Streit um „Quality in everthing we did“ definitv erreicht. Fortsetzung folgt.

Die Ausstellung ist noch am Sonntag 23. September zwischen 16 und 18 Uhr geöffnet.

K3 project space