#Sozialarbeit

Ein Slum-Radio kämpft für den Frieden

by

Kenia Medien sind wichtige Pfeiler der Demokratie. In Nairobi zeigt sich, was das konkret heisst: Eine kleine Radiostation klärt die Bürger im Slum über Hygiene, friedvolle Wahlen und gute Regierungsführung auf.

Text Valerie Thurner Fotos Anna Mayumi Kerber

Andika Shariff ist ein zurückhaltender Mensch. Als DJ wird er zum Entertainer.
Aktuelles Team von Koch FM

«Ich muss jetzt kurz etwas zu diesem Song erzählen und mich verab-schieden», sagt Andika Shariff, schiebt den Reg-ler runter und spricht ins dicht ans Gesicht gesetzte Mikro-fon. Es ist schwül im fensterlosen Raum. Shariff verliest die Nachrichten und einen letzten SMS-Kommentar der Hörer-schaft. Es ist jetzt kurz vor vier Uhr nachmittags, das war die wöchentliche Sendung zu Taarab, einer besonders in der Küstenregion Ostafrikas beliebten Volksmusik. Einer der Momente, in denen Shariff, im Alltag ein eher ruhiger und zurückhaltender Mann, zu DJ Shariff Andika wird. Zum En-tertainer. «Mir macht es grossen Spass, etwas für die Ge-meinde zu tun», sagt er. Er ist Moderator bei Koch FM, wo er als Journalismus-student vor zehn Jahren seine ersten Er-fahrungen im Medienbereich machte.
Seine Reggae-Show, die jeden Samstagnachmittag über den Äther ging, wurde zur populärsten Sendung von Koch FM. «Reggae ist die Musik des Ghettos. Damit identifiziert sich die Jugend», erklärt sich Andika Shariff seinen prominenten Status bei der Jugend von Korogocho. Korogocho heisst der Slum, die Einheimischen sagen aber einfach Koch (sprich: Kotsch). Davon leitet sich auch der Name des Radios ab.
Der Weg hierher ins Studio führt am Sportfeld der Primar-schule vorbei, dann am einzigen Strassenschild weit und breit, vorbei an bunt bemalten Wellblechfassaden und Bretterverschlägen bis zum Gemeindeplatz von Korogocho. Nach einer Einfahrt stösst man auf zwei aneinandergefügte, rot gestrichene Seefracht-Container, die hinter ein paar ge-parkten Autos ver-borgen sind. Auf dem bereits stark abge-blätterten Lack ist ein Schild angebracht: Eine aufgemalte Faust hält ein Mikrofon, in das ein Schriftzug eingeschrieben ist: «Koch FM, Edutainment on FM 99.9». Was so unschein-bar aussieht und sich bescheiden «Edutainment» nennt – ge meint ist die Verbindung von Bildung und Unterhaltung –, ist eine Legende. Hier schlägt das Herz des ersten Slum-Radios in Kenia. Im hinteren Container ist ein kleines Studio eingerichtet, das durch eine Tür vom restlichen Raum schalldicht abgetrennt ist. Innen ist alles mit roten Wandpol-stern versehen.Korogocho ist multiethnisch, in den neun «Dörfern» des Slums leben etwa 150 000 Menschen. Sie stammen aus ver-schiedenen Volksgruppen. Aufgrund zahl-reicher somalia-stämmiger Einwohner besteht zusätzlich ein Nebeneinander von Katholiken und Muslimen. Die meisten der Slum-Bewohner sind unter 30 und gehören damit zur Hauptzielgruppe von Koch FM. 20 bis 30 Freiwillige arbeiten inzwischen in der dritten Radio-Generation für das Infotainment-Projekt. Die Betriebsleitung besteht aus drei Leuten, die Redaktion und Produktion verantworten. Koch FM ist seit 2006 täglich von 6 Uhr früh bis 22 Uhr auf 99,9 MhZ auf Sendung. In den Anfängen sendete man illegal, also ohne Lizenz der Regierung.

Ein Ort namens «Schrott»

Graffiti Schriftzug von Hope Raisers Initiative

Ein Motorradtaxi, ein sogenanntes Boda, kommt angerauscht. Vom Rücksitz steigt ein Mann mittleren Alters mit einem etwas schräg aufgesetzten Beret und beladen mit einer Laptop-Umhängetasche. Tom Mboya ist der Geschäfts-führer und ein vielbeschäftigter Mensch. Jetzt ist er für die Sitzung mit dem Kernteam hier. «Korogocho klebt wie ein Stigma an dir», sagt Mboya, und ein verlegenes Lächeln huscht über sein furchiges Gesicht. Der Mittvierziger wirkt älter, als er ist.
Korogocho ist ein Wort aus der Bantusprache Kikuyu und bedeute «Schrott» oder «Abfall». Das entspricht dem Bild, das die Medien über Jahre hinweg zeichneten: Was in Slum-Geschichten stets prominent thematisiert wurde, waren die Gewalt, das Drogenelend und die hohen HIV-Raten. Mboya ist selbst im Slum aufgewachsen und seit den frühen An-fängen des Radios dort aktiv. Auf die Geschichte des Senders ist er stolz.
Am Anfang standen zehn junge Aktivisten aus Korogocho, die den Sender in Eigeninitiative und ohne jegliche finan-zielle Mittel begründeten. Koch FM ergriff das Wort gegen die unhaltbaren Zustände in den Slums der Eastlands, wo Gangs die Bewohner terrorisierten. Gewalt insbesondere ge-gen Frauen war sehr verbreitet, dazu Alkohol- und Drogen-missbrauch, und es herrschten desaströse hygienische Zu-stände. Die Radio-Pioniere wollten gegen alltägliche Menschenrechtsverletzungen, Vergewaltigungen, Raub-morde, Zwangsheiraten ankämpfen. Und sie wollten der konstant negativen Berichterstattung und Stigmatisierung der Slum-Bewohner in den Medien etwas entgegenhalten.
Das Radio ist in Kenia nach wie vor das am weitesten ver-breitete Medium. Gemäss Uno-Schätzungen besitzen drei-viertel aller afrikanischen Haushalte einen Empfänger. Nebst unzähligen kommerziellen Radiostationen existieren immer mehr Spartensender in den verschiedenen Volks-sprachen. In Kenia gibt es 43 verschiedene Stämme und 68 gesprochene Sprachen. Die grössten Volksgruppen sind Kikuyu, Kalenjin, Kamba, Luhya und Luo. Als dritte Form nebst kommerziellen und volkssprachlichen Lokal sendern bieten Community-Radios wie Koch FM weit mehr als Unter-haltung. Sie sind eine Art Bürgerforum und dienen als Kommunikationsplattform und Sprachrohr für die sozial und ökonomisch Schwächsten. Am Anfang standen zehn junge Aktivisten aus Korogocho, die den Sender in Eigeninitiative und ohne jegliche finan-zielle Mittel begründeten. Koch FM ergriff das Wort gegen die unhaltbaren Zustände in den Slums der Eastlands, wo Gangs die Bewohner terrorisierten. Gewalt insbesondere ge-gen Frauen war sehr verbreitet, dazu Alkohol- und Drogen-missbrauch, und es herrschten desaströse hygienische Zu-stände. Die Radio-Pioniere wollten gegen alltägliche Menschenrechtsverletzungen, Vergewaltigungen, Raub-morde, Zwangsheiraten ankämpfen. Und sie wollten der konstant negativen Berichterstattung und Stigmatisierung der Slum-Bewohner in den Medien etwas entgegenhalten.
Das Radio ist in Kenia nach wie vor das am weitesten ver-breitete Medium. Gemäss Uno-Schätzungen besitzen drei-viertel aller afrikanischen Haushalte einen Empfänger. Nebst unzähligen kommerziellen Radiostationen existieren immer mehr Spartensender in den verschiedenen Volks-sprachen. In Kenia gibt es 43 verschiedene Stämme und 68 gesprochene Sprachen. Die grössten Volksgruppen sind Kikuyu, Kalenjin, Kamba, Luhya und Luo. Als dritte Form nebst kommerziellen und volkssprachlichen Lokal sendern bieten Community-Radios wie Koch FM weit mehr als Unter-haltung. Sie sind eine Art Bürgerforum und dienen als Kommunikationsplattform und Sprachrohr für die sozial und ökonomisch Schwächsten.

Die Karawane zieht durch Mathare
Mathare Valley

Friedensbotschaften aus dem Sound-Mobil

Ziel von Koch FM ist, nebst der Unterhaltung, der lokalen Be-völkerung Zu-gang zu relevanten Informationen zu ver-schaffen und mit ihr in Dialog zu treten. Mboya selbst führte über viele Jahre eine Sendung über «Good Governance», über gute Regierungsführung. Er lud Amtsträger ins Studio ein, die in aktuelleDebatten mit der Hörerschaft eingebun-den wurden.
Nebst einem lokalen Newsroom bietet Koch FM ein Bürger-forum, die Leute können sich in Call-in-Shows einbringen. Die täglichen Herausforderungen eines Lebens am unteren Ende der Wohlstandskette stehen dabei im Fokus, die The-men reichen von der Kriminalitätsbe-kämpfung bis zur Er-nährungssicherheit.
Dass der kleine Sender auch in politisch heiklen Phase eine wichtige Rolle spielen kann, zeigt der Blick zurück auf den Sommer 2017: Die Strassen sind drei Wochen vor dem ersten Wahlgang vom 8. August mit Propaganda zugepfla-stert, auf riesigen Plakatwänden an den Verkehrskreiseln prangen die Gesichter der Präsidentschaftskandidaten. An einem Samstag im Juli 2017, drei Wochen vor dem Urnen-gang, hat sich Koch FM der Friedenskampagne unter der Schirmherrschaft der örtlichen katholischen Kirche ange-schlossen. Die Organisatoren sind mit dem Aufbau des Sound-Mobils beschäftigt, eine halbe Stunde später dröhnt Reggae-Musik über einen Verstärker aus dem Laderaumdes Lastwagens. DJ Shariff Andika ruft durch ein Mikrofon den Schaulustigen zu: »Amani, Amani, Amani», das Wort für Frieden auf Kisuaheli. Angeschlossen ans Mischpult ist sein Mobil- telefon mit seiner privaten Playlist, er schaut konzen-triert auf den Flyer, während er versucht, auf der wackligen Fahrt das Gleichgewicht zu halten. Studenten einer katholi-schen Universität sowie Mitglieder einer lokalen Menschen-rechtsorganisation bilden eine Gruppe von ein paar Dutzend Menschen. Der Umzug folgt dem Sound-Mobil durch die drei Wahlkreise Mathare, Ruaraka und Embakasi in den East-lands von Nairobi.
Manche Slum-Bewohner verfolgen die Karawane skeptisch. «Die Leute haben Hunger, was nützt ihnen da Frieden!», ruft ein Beobachter. Die Kin-der schauen interessiert die Flug-blätter mit den Geboten für einen friedlichen Wahlgang an: «Wahlen, die sich an der Stammeszugehörigkeit orientieren, enden in Blutvergiessen und Chaos. Vergesst das nicht!»

Teilnehmerinnen am Umzug
Polizistin mahnt zu Frieden

Andika Shariff verkündet unermüdlich Friedensbotschafen. Das Fussvolk der Karawane hat sich längst in die Begleit-busse gesetzt, als der Lastwagen lange sechs Stunden später bei der Polizeistation von Korogocho vorfährt. Der Posten wurde dort errichtet, wo vor zehn Jahren die Gangs aufein-ander losgingen. Shariff kämpft langsam gegen die Müdig-keit, während er weiter hin seine Botschaft unter die Leute bringt. «Es gibt ein berühmtes Sprich-wort in Kisuaheli: Wer nicht bereit ist, seine Niederlage anzuerkennen, ist kein Herausforderer.» Will heissen: Wenn euer Kandidat verlo-ren hat, akzeptiert das Resultat. Während der Monate vor den anstehenden Wahlen gilt es, die Bevölkerung auf den Wahlgang vom August vorzubereiten und auf ein friedliches Nebeneinander zu pochen.

Andika ist langsam müde

Leitmedien, die zur Gewalt aufwiegeln

Politik in Kenia verläuft entlang ethnischer Linien. Die tief-sten Gräben verlaufen zwischen den beiden grössten Volks-gruppen, den Kikuyu und den Luo, was bis tief in die Kolo-nialvergangenheit zurückreicht. Die von den damaligen Kolonialmächten bestimmte Landverteilung ist bis heute ungelöst und spiegelt sich auf der politischen Bühne Kenias wider. So entlud sich vor zehn Jahren die Empörung über einen offensichtlichen Wahlbetrug in Unruhen in den eth-nisch gemischten Slums. Begünstigt durch grassierende Armut, Jugendarbeitslosigkeit und einer von Korruption durchzogenen Verwaltung und Politik brach der seit Jahr-zehnten schwelende Konflikt zwischen den ethnischen Gruppen in einer unerwarteten Heftigkeit auf den Strassen Nairobis und in anderen Landesteilen auf. Es kam zu Zu-sammenstössen zwischen Demonstranten, Banden und der Polizei. Hütten wurden angezündet, Menschen totgeschla-gen mit Stöcken, Steinen oder Macheten. Die Gewaltaus-brüche von 2007 hinterliessen gemäss Schätzungen der Uno weit über 1000 Tote und 650 000 Vertriebene.
Die Medien hätten in dieser Situation vollkommen versagt und ihre Verantwortung nicht wahrgenommen. So das Fazit einer vom BBC World Service Trust in Auftrag gegebenen Studie von 2008. Die Berichterstattung der Leitmedien, wie der Radiosender in lokalen Sprachen, wirkte sich demnach weder im Vorfeld noch während der Wochen danach in po-sitiver Weise auf die Geschehnisse aus. Im Gegenteil, ein Lokalsender musste sich sogar wegen Aufwiegelei zu ethni-scher Gewalt vor dem Internationalen Gerichtshof für Men-schenrechte in Den Haag verantworten. Die Studie erwähnt eine Ausnahme: die wenigen Community-Radios in den Slums von Nairobi. Eines davon ist Koch FM. Die BBC riet in dieser Aufarbeitung dringend, auch in der Entwicklungs-zusammenarbeit vermehrt in die kom-munalen Medien zu investieren, da sie in der Friedensarbeit und politischen Bildung wichtige Arbeit leisteten. Community-Medien wie Koch FM dürfen gemäss den staatlichen Richtlinien nur in den Amtssprachen Ki-suaheli oder Englisch senden und nicht in den ethnischen Sprachen der einzelnen Volksgrup-pen, wie es viele Lokalradios tun. So wurde Koch FM im Dezember 2007, als alle befürchteten, auch das multiethni-sche Korogocho würde brennen, zum Ad-hoc-Krisen-Corps. Sie suchten einerseits das persönliche Gespräch an den Fronten oder riefen über den Sender Koch FM zu einem Ende der Gewalt auf.
Die Radiomitarbeiter konnten wegen verschiedener ethni-scher Zugehörig-keiten und den damit einhergehenden Sprachkenntnissen die Gefahrenzonen eruieren oder von verschiedenen Religionsführern Friedensbotschaften ein-holen, die sie später mehrmals täglich über den Sender schickten.
Der damals knapp 20-jährige Andika Shariff gehörte zu den wenigen, die sich noch an den Schauplätzen der Gewalt bewegen konnten. Er wurde vom Radio-Team regelmässig von seinem Zuhause zum Studio eskortiert, um das Wort im Rahmen seiner populären Reggae-Show an die Jugend zu richten. «Ich war damals ziemlich hoch im Kurs in der Com-munity.» Shariff lacht verlegen. «Man rief mich manchmal sogar nachts um eins an, wenn es irgendwo im Slum ein Problem gab.»

Politiker versuchen, Sendezeit zu kaufen

Dass Community-Radios wie Koch FM fast unverzichtbare Brücken zwischen Organisationen, der Regierung und der Bevölkerung bilden, davon ist auch die Unesco überzeugt, die das kriselnde Radio 2015 in ihr vierjähriges Förderpro-gramm aufgenommen hat. Neben Workshops für die Radio-macher unterstützt sie die Institution bei der Suche nach einer nachhaltigen Finanzierung.
Die einzelnen Programme werden von internationalen wie lokalen NGOs finanziert. Es sind keine grossen Beträge, denn Löhne gibt es bis auf Sondereinsätze an Veranstaltungen kei-ne. Das durchschnittliche Jahres-budget beträgt zwischen 7000 und 11 000 US-Dollar. Davon müssen Betriebskosten wie Lizenz, Strom, Unterhalt sowie spezielle Veranstaltun-gen gedeckt werden.
Doch aktuell ist es nicht gut bestellt um die Finanzen. In den Anfängen konnte die norwegische Kirchenhilfe als Geldge-ber für die einfache Infrastruktur gewonnen werden. 2015 liess Norwegen aber seine Entwicklungsprogramme für Kenia auslaufen, und die Beiträge der Kirchenhilfe für Koch FM bleiben seither aus. Die Radiomacher hangeln sich von Projekteingabe zu Projekteingabe, um an Mittel zu kommen. Die Finanzierung des Radios sei ein ständiger Kampf, sagt Geschäftsführer Tom Mboya. Kurzfristig floss vom United Nations Development Programme UNDP, dem Entwicklungs-programm der Uno, etwas Geld für Bürgeraufklärung.
Über Geld spricht Mboya allerdings nicht gerne. Ein heikles Thema in diesem sehr sensiblen Umfeld von extremer Ar-mut, wie er erklärt. Auch Werbemöglichkeiten für Commu-nity-Medien wie Koch FM sind gesetzlich limitiert. «Ein Com-munity-Radio ist sehr anfällig für Bestechungen durch Politi-ker », sagt Mboya. «Mit hohen Geldbeträgen wollen sie sich Sendezeit erkaufen, um das Gegenlager zu diskreditieren.» Und Geld alleine bringt nicht nur Lösungen, im Gegenteil, es kreiert in einer prekären Umgebung von extremer Armut zusätzliche Probleme. Auch das gehört zur Geschichte von Koch FM. Ein Slum-Radio zu betreiben ist ein Balanceakt, der nicht nur Begeisterung hervorruft, sondern auch Missgunst oder falsche Erwartungen.

Radios im Markt von Kariobangi

Geld, Gerüchte und ein Mord

Vor vier Jahren lancierte Koch FM mit der Unterstützung der Organisation Action Aid Kenya, die Armut und soziale Un-gleichheit bekämpft, ein Musikprojekt, das ein Musikstudio in Korogocho aufbauen wollte. Es sollte lokalen Nachwuchs-musikern eine Möglichkeit für professionelle Aufnahmen bieten. Geldgeber war ein bekannter Festivalleiter in Gross-britannien. Ein Mitglied von KochFM betreute das Projekt, war für den Kauf des Equipments und die Suche nach einem geeigneten Raum zuständig. Der Andrang zur Gelegenheit, im Studio umsonst eigene Stücke einzuspielen, war gross, und über ein Jahr lang lief alles vielversprechend, es gab Wettbewerbe, Workshops und Shows im Rahmen des stadt-bekannten «Good Governance Festivals». Dann kam es zu Unstimmigkeiten innerhalb des Koch-FM-Teams, erinnert sich der Mitarbeiter von Action Aid, der das Projekt ver-antwortete.
Gerüchte kursierten, persönliche Anschuldigungen und Vor-würfe darüber, dass Gelder falsch verteilt würden. Nach zwei Jahren scheiterte das Projekt an diesem internen Kon-flikt, das Studio konnte langfristig nicht etabliert werden.
Der grösste Schlag, den Koch FM bisher verkraften musste, ist der Tod des ehemaligen Sendeleiters Nyagah wa Kamau, genannt Nyash, der im Februar 2012 kurz nach der Rück-kehr von einem NGO-Treffen in seiner eigenen Nachbar-schaft ermordet wurde. Es kam nie zu einer Anklage, poli-zeiliche Untersuchungen verliefen im Sand, nichts Ausserge-wöhnliches in den Eastlands.
Seither ranken sich unbestätigte Gerüchte um Identität und Motiv der Täter. Dieser ungeklärte Mord an einem bewun-derten Lokalmatador hat das Klima vergiftet, und seither ist nichts mehr, wie es mal war, bestätigen viele aus dem nähe-ren Umfeld des Radios. Stationsleiter Mboya sagt dazu: «Wir sind sehr vorsichtig geworden.» Informationen über das Budget gingen seither nicht mehr aus dem engsten Kreis der Radioleitung hinaus.

Tom Mboya, Manager von Koch FM

Die Abhängigkeit von internationalen Organisationen

Ob das langfristig sinnvoll ist, ist allerdings fraglich. So hatte die Sendeleitung die privaten Spenden-gelder verschwiegen, die auf Initia-tive der damaligen Programmleite-rin der Kirchenhilfe für die spezifi-schen Aktivitä-ten im Wahljahr 2017 zusammen-gekommen waren – immerhin 4000 US-Dollar, was er-neut für Unmut im engsten Umfeld der Verantwortlichen sorgte.
Der Medienwissenschaftler George Otieno Ogola unter-suchte Koch FM 2012 in einem Bericht und steht nicht nur der internationalen Entwicklungshilfe kritisch gegenüber. Er sieht grundsätzliche strukturelle Probleme. So teilt sich Koch FM mit anderen Community-Radios die Frequenz. Ogola ist überzeugt, dass diese Einschränkungen nicht zu-letzt eine Form subtiler politischer Kontrolle sind. In den Slums leben weitaus mehr Menschen als in den wohlhaben-den Nachbarschaften. Institutionen wie Koch FM Selbst-organisation zu gewähren, könnte die Regierung daher als Bedrohung der politischen Stabilität sehen, glaubt Ogolo.
Auch die Abhängigkeit von ausländischen Organisationen sieht der Medien-experte kritisch. «Die Krise von Koch FM ist symptomatisch. Eine Institution kollabiert, sobald NGO-Gelder rückläufig sind – ein Trend, der in den Community-Medien generell zu beobachten ist. Auch fehlt es an nachhal-tigen Strukturen, es wird zu sehr auf Einzelpersonen gesetzt. Wenn diese dann den Betrieb verlassen, scheitert das ge-samte Unternehmen», meint Ogola. «Es wäre dennoch gut, wenn das Community- Radio dank der Unter stützung der Unesco fortbestehen könnte, die Alternativen sind nämlich wenig reizvoll: kommerzielle Radiostationen, die nur Musik spielen. Oder eben ethnisch-sprachige Stationen, die sehr einfach für politische Zwecke missbraucht werden.»
Heutzutage hörten nicht mehr so viele das Community- Ra-dio, und die Reggae-Show laufe auch nicht mehr so wie da-mals, sagt Moderator Andika Shariff. Wohl, weil es inzwi-schen sehr viele kleine Lokalsender in den Eastlands gebe, die in den jeweiligen Dialekten einzelner Volksgruppen sen-den. Das Wegbrechen der regelmässigen Spenden sowie des Know-hows von Einzelpersonen hat Lücken hinterlassen, die eine Organisation in dieser Grösse schlecht verkraftet. Die meisten Volontäre geben ihre Sendung auf, sobald sie bezahlte Jobs haben. Ob Koch FM überleben wird? «Solange die Leute an Geldgeber von aussen gewohnt sind, bin ich wenig optimistisch.
Man darf nicht vergessen, dass Koch FM praktisch ohne Bud-get gestartet ist, mit dieser dynamischen Energie. Ich habe gelernt, dass richtige Verände-rung, also bleibender Wandel, hier niemals von aussen kommen kann, sondern von innen kommen muss», sagt Shariff bestimmt.
Er ist Koch FM bis heute treu geblieben. Die besten Jahre sei-en längst vorbei, aber er geht für seine Sendung immer noch jeden Freitag zum Container mit dem abgeblätterten Lack. Es erzählt viel über die derzeitige Stimmung, wenn Shariff seine Motivation intuitiv mittels Vergangenheitsform in Worte fasst: «Ich dachte, als Journalist hätte ich Raum, den Menschen zu berichten, was wirklich los ist im Land. Ich spürte den Drang in mir, die schlafende Menschheit aufzuklären.» Es sind Sätze, in denen genauso viel Über-zeugung wie Desillusionierung steckt.

English Version :

https://medium.com/@valeriethurner/a-slum-radio-fights-for-peace-a93594373b41

„Müssen wir jetzt den Pirelli Kalender abhängen?“

by
Der Artikel erschien am 11. August 2013 auf Westnetz.ch

Warum die VBZ eine Sozialberaterin hat

 In einem guten Betriebsklima arbeiten die Menschen besser und sind weniger krank. Indem ein Betrieb Invalidisierung verhindert, kann er bis zu einer halben Million Franken jährlich sparen. Dafür braucht es interne Sozialberatung. Bei der VBZ ist Brigitte Gerig Ansprechperson für die Probleme sämtlicher Mitarbeiter, vom Manager bis zum Garagisten.  Sie schildert, warum sie dennoch nicht Anwältin der Mitarbeiter ist und weshalb eine stereotype Sozialarbeiterin fehlplatziert wäre.

Mobbing ist ein Modebegriff. Das weiss auch Brigitte Gerig, Sozialberaterin der VBZ. Mitten im Satz steht sie kurz auf, um wohlweislich die Telefonumleitung zu aktivieren. Eine trennscharfe Linie zu ziehen, ist jedoch schwierig: „Es nützt nichts, wenn ich zu jemandem, der sich unfair behandelt fühlt sage, das ist jetzt aber noch kein Mobbing, sie können wieder gehen. Sondern dann sind Lösungen zu suchen, damit sich die Person wieder wohl fühlt am Arbeitsplatz.“ Das ist Aufgabe der internen Sozialberaterin.

An einer internen Impulsveranstaltung zum Thema „Mobbing am Arbeitsplatz“ diskutierten die Teilnehmer anhand von fiktiven Fallbeispielen, wie man Mobbing Vorfälle angehen soll. In einer ausgeprägten Mobbing Situation kann sich das Opfer nicht mehr wehren. Dann muss man das regeln, sonst wird der Betroffene krank. Aber nicht bei jedem Konflikt kann man gleich von Mobbing reden.

Ob das oft vorkomme, dass sich Mitarbeiter gegenseitig schikanieren? Brigitte Gerigs Blick schweift durch das karg eingerichtete Büro. Eigentlich herrsche ein gutes Arbeitsklima bei der VBZ, natürlich gebe es Konflikte, bei denen sie herbeigezogen würde. Sie berichtet von einem Vorfall, der sich bis zu Mobbing zuspitzte. Zwei Mitarbeiter am gleichen Arbeitsplatz konnten sich aufgrund einer Vorgeschichte – es ging wohl um eine private Angelegenheit – nicht mehr leiden. Die beiden attackierten sich dauernd verbal und schaukelten sich gegenseitig hoch. Der Vorgesetzte kam zur Sozialberatung. Er war ratlos. Er wusste nicht mehr weiter, er könne die beiden nicht zusammen zur Schicht einteilen. Beide Mitarbeiter fürchteten sich vor einander. Jeder hatte Angst, dass der andere irgendwann auf ihn losgehen könnte. Solche Situationen sind eher die Ausnahme bei der VBZ, aber da greift die Sozialfachfrau schlichtend ein. Ihr Vorschlag war, die beiden gemeinsam an den Tisch bitten. Da konnten sie sich gegenseitig sagen, was ihnen am andern nicht passt. Es stellte sich heraus, dass im Hintergrund eine ganze Gruppe den Streit anheizte und den einen der beiden anstachelte. Und dass Mobbing betrieben wurde. Am „runden Tisch“ konnten Regeln besprochen werden, wie die Umgangsformen in Zukunft sein müssen und dass bei Nichteinhalten die Konsequenzen für beide Parteien die gleichen sein könnten. Seit diesem Gespräch ist Ruhe eingekehrt und beide arbeiten immer noch im Betrieb. Vorgesetzte sind in Fällen wie diesem darauf angewiesen, sich auf eine neutrale Instanz und Fachstelle wie die betriebliche Sozialberatung abstützen zu können.

Im Dienst für den Menschen

Das „Blaue Haus“ ist ein kleines ehemaliges Wohnhaus auf dem Areal des VBZ Hauptsitzes an der Badenerstrasse in Altstetten. Hier im zweiten Stock ist Gerigs Reich, das sie sich mit dem Case Management und mit der Stiftung Behinderten Transporte Zürich BTZ teilt. Mit einer 70 Prozent-Stelle kümmert sie sich um etwa 2400 Mitarbeitern sämtlicher Hierarchiestufen, sowie deren Angehörigen.

Gerig ist eine neutrale Ansprechperson für sämtliche psychosozialen Belange wie familiäre Konflikte, Scheidungen oder Alkoholismus, oder auch finanzielle Nöte. Gerig unterstützt die VBZ Angestellten nicht nur in ihrer Arbeits- sondern ganzen Lebenssituation. Konkret kann sie jeder Mitarbeiter um ein individuelles Beratungsgespräch bitten. Sie untersteht der beruflichen Schweigepflicht, die Beratungen sind streng vertraulich und unentgeltlich. Zu Gerings Aufgabenbereich gehört auch die Vorbereitung auf die Pension.

Seit 1991 bietet die VBZ eine interne Sozialberatung an. Initiant war der damalige Personalchef, der bereits in den Achtzigern das „Sozialwesen“ eingeführt hatte. Seit Januar 2010 ist Gerig bei der VBZ. Früher arbeitete die diplomierte Sozialarbeiterin beim Sozialamt Schlieren. „Betriebliche Sozialberatung sind begehrte Jobs“, so Gerig. „Die Beratungsthemen sind sehr vielfältig und erfordern ein breites Fachwissen. „Man braucht immer wieder innovative Ideen, wie man die Themen unter die Leute bringt, beispielsweise in Form von Präventionskampagnen oder Workshops. Die Sozialberatung ist dem Personalchef unterstellt, hat keine Weisungsbefugnis aber innerhalb ihres Fachbereichs arbeitet sie selbstverantwortlich. „Bei der Sozialberatung handelt sich um eine neutrale Stelle. Ich sollte beratend eine Lösung finden, mich aber keinesfalls parteiisch verhalten. Ich bin nicht einfach die Anwältin der Mitarbeiter, sondern muss auch für das Unternehmen denken“, stellt sie pragmatisch fest. „Klar setze ich mich für die Anliegen der Mitarbeiter ein. Aber gewisse Rahmenbedingungen des Unternehmens sind gegeben. Gegen diese kämpfe ich mit dem Mitarbeiter nicht an, sondern versuche die Person zu gewinnen, dass auch sie diese akzeptieren kann. Es kommt aber vereinzelt schon vor, dass Mitarbeiter finden, ich würde ihnen nicht helfen, weil ich mich in einem Konflikt mit einem Vorgesetzten nicht auf ihre Seite stelle.“ Es ist eine grosse Herausforderung sich in den Dienst der Mitarbeiter zu stellen, ohne dabei die Ziele der Unternehmung zu unterlaufen.

Eine Frau im Männerclub

Der Frauenanteil liegt bei der VBZ bei 17 %. Nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, dass der grosse Teil der Mitarbeiter auf technischen Berufen arbeiten: In der grossen Zentralwerkstätte, mit den technischen Abteilungen, der hauseigenen Schlosserei, der Schreinerei, dort wo die Fahrzeuge instand gehalten werden, arbeiten kaum Frauen. Was unterscheidet sie von anderen Sozialberaterinnen? „Ich komme aus einer Bähnlerfamilie“ sagt Gering, „ich bin wohl näher an den Schienen als andere.“ Ihr Grossvater und ihr Vater waren Lokomotivführer bei der SBB. Und ebenso ihr Bruder, auch ihre Nichte fährt jetzt bei der Rigibahn. Gerig ist mit dem Alltag von Verkehrsbetrieben aufgewachsen, was ihr im Umgang im Verkehrsbetrieb hilft. „Es braucht das richtige Gespür für die Kultur eines Unternehmens.“

Zur VBZ würde wirklich keine stereotype Sozialarbeiterin passen, die nach Räucherstäbchen riecht und ihre Socken selbst strickt. Aber es ist gut, dass es eine Frau ist. Letztes Jahr lief eine Aufklärungskampagne zum Thema „Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz“. Da kamen dann fragen wie: „Müssen wir jetzt den Pirelli Kalender im Büro abhängen?“ Im Fall von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz bezieht Gerig klar Position für die Mitarbeiterin. Gerigs Tonfall wird sehr bestimmt. „Es geht dann zunächst nicht um die Details, ob es nun wirklich so gewesen ist, wie es die Betroffene schildert. Oder ob es letztlich doch etwas weniger schlimm oder gar nicht so gemeint war. Die Frau, die damit zu mir kommt, hat es so erlebt. Mein Job ist nicht, dass ich dem anderen auf die Finger klopfe, sondern ich schaue, was die Mitarbeiterin braucht und was sie dagegen unternehmen möchte“. Gerig klärt in einem oder mehreren Gesprächen ab, ob die betroffene Person eine Meldung machen will, oder ob es ein einmaliger Vorfall war, den sie selber regeln kann. Es sind überwiegend verbale Übergriffe. “Mir werden allerdings nicht viele solche Fälle zugetragen“

Möglichst flächendeckend über Pflichten und Rechte aufzuklären ist wichtig für ein gutes Betriebsklima. „Die Leute müssen wissen, es gibt eine Ansprechperson für sie, und die bin ich.“ Nebst Informationskampagnen organisiert sie Schulungen für Führungskräfte. Sie möchte Kaderleute für gewisse Probleme, wie sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz oder Alkoholmissbrauch sensibilisieren.

Burnout verhindern

Bei Unfällen, verfügt die VBZ über ein ausgereiftes Care Konzept. Das VBZ Care Team ist am Unfallort und zuständig für den betroffenen Tram- oder Buschauffeur. Momentan wird jedoch die Nachbetreuung neu organisiert. In Zukunft übernimmt die Sozialberaterin zusammen mit einem Case Manager diese Aufgabe. Wie muss man sich eine Nachbetreuung vorstellen? „Das beinhaltet die gesamte Betreuung im Zusammenhang mit Schock und Trauma. Ich kläre bei der betroffenen Person in einem Gespräch ab, wie es ihr geht, was sie belastet und wer sie im persönlichen Umfeld unterstützt. Und informiere sie darüber, dass bestimmte Reaktionen in den ersten Tagen normal sind, wie schlecht schlafen, träumen, dauernd daran denken. Erst wenn sich das nach einer gewissen Zeit nicht legt, rate ich zu einer psychologischen Unterstützung. Es gilt abzuschätzen, inwiefern das Risiko zu einer posttraumatischen Störung besteht.“

Gerig kümmerst sich auch um Prävention und Früherkennung, etwa bei Alkoholismus oder Erschöpfungsdepressionen. Neben der Sozialberatung kümmert sich das umfangreichere Case Management um erkrankte Mitarbeiter. Ziel für das Unternehmen ist bei komplexen Gesundheitsstörungen von Mitarbeitern diese möglichst optimal zu versorgen und wieder zu integrieren. Welche Kosteneinsparungen die VBZ dank dieser Präventionseinrichtungen von Case Management und Sozialdienst kalkuliere, könne man kaum mit klaren Zahlen belegen. Dass sich die Sozialberatung auch ökonomisch ausbezahlt, lässt sich kaum belegen und wenn, dann erst im Nachhinein. „Wie willst du das in Zahlen messen, wenn wir Präventionsarbeit leisten? Man kann da nur spekulieren und Hochrechnungen anstellen.“ Fest steht aber für Gerig: „Zu einer modernen Unternehmensführung gehört eine interne Ansprechperson für psychosoziale Belange.“ Auch der Leiter des Case Management Heinz Hof betont die Schwierigkeit, die Rentabilität von solchen Präventionsbestrebungen im Gesundheitsmanagement. Seit einigen Jahr forscht man sehr intensiv im Bereich des betrieblichen Gesundheitsmanagements. Studien der ETH Zürich belegen die Annahme, dass Krankheitsprävention und Konfliktmanagement sich auch langfristig wirtschaftlich ausbezahlen. (LINK:http://www.poh.ethz.ch/) Heinz Hof nennt ein einfaches Beispiel, um die Rentabilität aufzuzeigen: Verhindert man eine Invalidisierung, spart man für den Betrieb unter Umständen eine halbe Million Franken. Soviel kostet nämlich eine vollinvalide Person im Schnitt. Studien der ETH gehen davon aus, dass das Fünffache der Investitionen für Präventionsbestrebungen wieder zurück in den Betrieb fliesst. Im Moment ist sie aber immer noch von der Einschätzung der Unternehmensführung abhängig wieviel man investieren will. So muss auch eine Sozialberatung von der obersten Hierarchiestufe getragen werden und als integrierter Bestandteil der Betriebskultur gesehen werden.

Langweilig werde es ihr bei ihrem Job sicher nie, meint Brigitte Gerig, die sich jetztauf ihre wohlverdienten Ferien in den Bündner Alpen freut.

foto: donat bräm