Artikel erschien am 13. März 2013 bei Westnetz.ch

Warten auf Voltage

Der mehrstündige Stromausfall in Zürich West legt 3600 Haushalte und Firmenanschlüsse lahm. Und einen wichtigen Finanzstandort: den Primetower. Der Büroturm wird zum ersten Mal in seiner Geschichte evakuiert. Anwälte und Vermögensberater sind zur Zvieripause genötigt.

Ein ungewohntes Bild bietet sich mir am Dienstagnachmittag in Zürich-West. Vom Prime-Tower aus strömen Aktentaschen in alle Richtungen. Wer auf dem Platz bleibt trägt Signal-Orange oder Knall-Gelb. Beides gerne als Warnweste. Und statt per Handy kommuniziert man hier über Funkgeräte. Ein ganz neuer Style, denn sonst dominieren hier Kravatten-Menschen mit Blackberries und I Phones.

Mitarbeiter der Sicherheitsfirma Mibag halten sämtliche Eingänge des Prime Towers und der Nachbargebäude unter Kontrolle. Unbefugte dürfen die Gebäude nicht betreten, nicht einmal die Presse. Aus dem unbeleuchteten Coop Pronto schielt ab und zu eine Mitarbeiterin etwas ratlos nach draussen. Zielstrebig schreitet eine junge Frau zum Bankomaten vor der Filiale der Zürcher Kantonalbank und wendet sich alsbald wieder ab. Dann will sie in die Bank. Die Türe steht offen, aber im Innern ist es wie ausgestorben. Erst jetzt nimmt sie in ihrer routinierten Blindheit den Sicherheitsbeamten und somit den Ausnahmezustand am Prime Tower wahr.

hier kommt kein Unbefugter mehr rein…

Übung für den Ernstfall

Für die Gebäudesicherheit der Swiss Prime Site ist die Firma Mibag zuständig. Sicherheitsbeauftragter und Einsatzleiter Mathias Knellwolf sagt, sie hätten dieses Manöver vor fünf Monaten zum letzten Mal geübt. Es klappe wie am Schnürchen. Es hätte keine Fälle von Panik gegeben. Es bestünde halt auch keine akute Lebensgefahr, wie zum Beispiel bei einem Brand oder einem Bombenalarm. Er fügt an, dass gemäss EWZ um 17. 45 wieder Strom fliessen soll.

Eine Evakuation ohne dringenden Notfall scheint mir seltsam. Sie sei aufgrund der Dunkelheit in den Treppenhäusern erfolgt, die ein Sicherheitsrisiko darstelle, bestätigt mir Knellwolf. Die Evakuation erfolgte ausschliesslich über das Treppenhaus. Leute, die in Aufzügen festsitzen, werden im Fall eines Stromausfalls manuell befreit. Peter Wullschleger, CFO von Swiss Prime Site war zur Zeit der Evakuierung im 34. Stock. Es lief alles ordentlich, den Umständen enstprechend, aber problemlos, bestätigt er gegenüber Westnetz.

Für das Sicherheitspersonal bedeutet der Einsatz viel Treppensteigen. Zuerst in die unteren Etagen, und immer weiter hoch bis in den 35. Stock, bis alle Büroleute ins Freie begleitet sind. Ein gutes Fitnessprogramm, sagt ein Angestellter lachend. Eine Dame, die sagt, sie dürfe auf keinen Fall zitiert werden, erzählt mir, wie sie von ganz oben die 35 Treppen runter gestiegen sei. Zuerst sei alles ganz problemlos gewesen. Aber je weiter sie sich nach unten vorgearbeitet hätte, desto verstopfter sei alles gewesen.“Wie Rushhour im HB“ sagt sie, und macht eine Miene, wie jemand, der vom täglichen Pendlerexistenzkampf gut gegerbt ist.

Sicherheitsbeamte evakuieren 2000 Leute

Ich frage mich, wo all die anderen Büroleute ihre Zwangspause verbringen. Denn die Bar Hotel Rivington and Sons im Erdgeschoss des Towers ist auch stromlos und deshalb geschlossen. Der Geschäftsführer Antonio Carabantes und seine Mitarbeiter erwarten an einem normalen Feierabend bis zu 1000 Gäste. Die heutige Katastophe bedeutet eine empfindliche Gewinneinbusse. Das gilt auch fürs Restaurant Clouds im obersten Stock. Dessen Personal treffe ich im Ableger der Asia Food Kette Lilly’s nebenan. Der Imbiss verströmt die Aura eines Wartesaals, so unbeleuchtet und regungslos. Die Clouds Crew sitzt auf dem Trockenen, aber wenigstens ist es hier warm, sagt der Verantwortliche für Einkauf. Eigentlich sei alles bereit, man müsse nur noch in den 35. Stock und die Küche könne starten. Es sei denn, der Strom fliesse heute gar nicht mehr. Zu Trinken gibt es hier jedenfalls auch nichts. Und nirgends finde ich Büroleute. Vielleicht sind sie ja alle nach Hause. Hurra! Stromfrei!

Nischenkultur mal anders

Der Feierabendverkehr an der stark befahrenen Kreuzung Pfingstweidstrasse Hardstrasse regelt eine Verkehrskadettin, denn sämtliche Ampeln sind aus.

Mein Blick bleibt an einem Fenster des Big Ben Pub kleben. Da brennt nicht nur Licht, sondern es scheint rammelvoll. Ungewöhnlich zu dieser Uhrzeit, wo sich doch normalerweise höchstens eine Hand voll Fussball Fans versammelt, um am Grossschirm einen Match zu verfolgen. Heute schart sich eine Gesellschaft in Anzug und Deux-Pieces um den Tresen. Sie wirken wie Ausserirdische. Was sie aber nicht anficht, ganz im Gegenteil: Angeregt, lauthals, ja, ein wenig aufgekratzt hört man sie im ungewohnten Dekor herumposaunen. Die Lauthälse sind Anwälteder renommierten Kanzlei Homburger, die im Prime Tower residiert. Während die einen hoffen, dass sie um sechs wieder zurück in ihre Büros können (Dringend! Wichitig! Klienten!), geniessen die anderen den vorgezogenen Feierabend (Noch eine Stange! Pröschtli! Uf oisäs EWZ!).

Homburgers beim Bier

Sie hätten den Vorfall in einen Teambildungsanlass verwandelt, sagt gelassen ein Rechtsanwalt. Nicht alle seien aber so ruhig, sagt seine Kollegin. Dränge eine Deadline, so sei so ein Stromausfall sehr unangenehm. Einige Arbeitskollegen habe man vom Schreibtisch zerren müssen, die hätten partout nicht evakuieren wollen. Zeit ist Geld in Zürich-West, und jetzt versickern die Homburger-Stunden-Honorare im Bier.

Vor dem Restaurant Les Halles sitzt die bierselige Truppe eines Schokoladenherstellers. Gibt es denn morgen keine Schokolade? Doch, doch, die Fabrik sei glücklicherweise nicht in Zürich-West. Dann höre ich, man habe einen Trupp der Deutschen Bank eben noch auf dem Turbinenplatz gesichtet. Es scheint, als habe jede Firma sich eine temporäre Nische gesucht. Beim Turbinenplatz angekommen, sind keine Bankangestellten mehr da. Ob sie vielleicht in die Lobby des Hotel Ibis geflüchtet sind? Heute ist alles möglich. Als ich die zappendustere Hotel Lobby betrete, sehe ich wie die Receptionistinnen sich mit Kerzen behelfen. Sieht aus wie ein Event der romantischen Art, der danach schreit fotographiert zu werden. Just im Moment, als ich den Auslöser drücke, wird’s hell. Die anwesenden Mitarbeiter jubeln. Bloss ich jaule enttäuscht. Pünktlich um 17.45, wie angekündigt, fliesst wieder Strom in Zürich-West, brave Angestellte zieht’s zurück in den Primetower.

Das sagen die andern: Ein Medienspiegel

Telefoninterview mit EWZ Sprecherin Esther Rutz