Artikel erschien am 25. April 2013 bei Westnetz.ch

Zürich essbar mit SP Gemeinderätin Simone Brander

Die Zukunft der Menschheit ist urban, und Land wird längerfristig knapp. Also muss man sich aus aus der Stadtumgebung ernähren können. So hält auch in Zürich der Trend des Urban Farming Einzug. Jetzt fordert Gemeinderätin Simone Brander die essbare Stadt.

Statt Tulpen könnten eigentlich Spargeln auf der Josefwiese wachsen. Und anstelle der langweiligen Buchshecken könnten Brombeerstauden die Wiese einzäunen. Das ist nur eine von vielen konkreten Möglichkeiten, inmitten urbaner Betriebsamkeit Selbstversorgung zu pflegen. Eine „essbare Stadt Zürich“ fordert SP-Gemeinderätin und Umweltfachfrau Simone Brander. Und siehe da, ihr Postulat wird im Zuge der Budgetdebatten im Dezember 2012 von der Stadt gutgeheissen. Brander wünscht sich, öffentliche Grünflächen nicht mehr nur mit Zierpflanzen, sondern mit Gemüse und Obst zu bepflanzen. Herr und Frau Zürcher sollen gleich selbst zum Spaten greifen und dann die Früchte ihrer Arbeit ernten.

Primeli oder Krauskohl, das ist hier die Frage

Was in New York, Barcelona oder Berlin möglich ist, sollte ja in Zürich auch machbar sein. Die Stadt begrünt die Wechselflor-Rabatten schon seit Jahren mit verschiedenen thematischen Konzepten. Für 2014 hat Grün Stadt Zürich ein Bepflanzungskonzept mit Namen „Kraut und Rüben“ entwickelt. Dieses Konzept nimmt die seit längerem aktuelle Thematik der „essbaren Stadt“ beziehungsweise des „Urban Farming“ auf. Entgegen der Meldung in der NZZ am Sonntag steht dieses das Konzept in keinem direkten Zusammenhang mit dem Postulat von Simone Brander. Das Blatt behauptete, die Stadt Zürich sehe vor, Nutzpflanzen zum Verzehr in Blumenbeeten und an Tramendstationen anzupflanzen. „Völlig falsch“ sagt Axel Fischer von Grün Stadt Zürich, „unser Zierkohl, Krautstiel, Randen und Lauch in den Wechselflor-Rabatten sind zwar im botanischen Sinn Gemüse und grundsätzlich essbar, auf keinen Fall aber für den Verzehr gedacht. Die NZZ am Sonntag hat hier einen komplett falschen Zusammenhang geschaffen“, so Fischer. „Die Stadtverwaltung beabsichtigt nicht eine „zweite Anbauschlacht“ auf den Wechselflor-Rabatten zu propagieren. Dafür gibt es besser geeignete Flächen wie in Zwischennutzungen, Schulgärten und Obstanlagen.“ Unmittelbar neben stark befahrenen Strassen Nutzpflanzen zu kultivieren, macht tatsächlich wenig Sinn, und an Tramgeleisen sollten Herr und Frau Zürcher auch besser nicht während der Ernte vom Tram überfahren werden.

Simone Brander hat nie mit Grün Stadt Zürich direkt gesprochen, schon deswegen nicht, weil es eine politische Abmachung gibt, die Gemeinderäten untersagt, direkt mit der Stadtverwaltung über ihre politischen Motionen zu reden. Ihre Vision der „essbaren Stadt“ beschränkt sich nicht auf Strassenränder und Tramendstationen. Aber wo im Zürcher Kreis 5 könnte sie sich eine landwirtschaftliche Nutzung vorstellen? „Ich will ja nicht gerade von Agrarwirtschaft reden“, sagt sie lachend. „Es geht ja nicht darum die Josefwiese in einen Kartoffelacker umzufunktionieren, aber es wäre doch super, wenn am Wiesenrand ein Streifen Gemüse wäre. Das stört nicht mal beim Fussballspielen. Die Buchshecken könnte man gut durch Brombeerstauden ersetzen, die sehen genauso schön aus – nachdem die Beeren gepflückt worden sind.“ Die Bevölkerung soll noch stärker in die Diskussion über die Gestaltung des öffentlichen Raums miteinbezogen werden. „Urban farming“ ist eine Möglichkeit“, sagt Brander. „Ich schätze das Fachwissen von Grün Stadt Zürich und habe Verständnis, wenn sie sich vor den Kopf gestossen fühlen, wenn man ihre Arbeit nicht schätzt. Sie haben einen klaren Auftrag, dass der Unterhalt kostenbewusst und unkompliziert sein muss. Solange aber Zürich so hohe Ansprüche an Sauberkeit hat, sind Kirschbäume wohl utopisch. Aber Kostenoptimierung beim Unterhalt darf doch nicht die einzige Überlegung sein, führt Brander weiter aus.

Kopfsalat im Hinterhof?

Die Lust an einer Gartenstadt

Die essbare Stadt gibt es schon länger, der Ursprung des Trends wird einmal mehr New York zugesprochen. Dort – entsprechend der Architektur – betreibt man inzwischen bereits „Vertical Farming“. Und in Zürich-West wird auch bereits wacker gegärtnert. Und zwar im Zuge von Zwischennutzungen. Das Projekt Stadiongarten in der Stadionbrache ist bei der Anwohnerschaft auf reges Interesse gestossen. Vertikal Farming am Primetower ist aber wohl eher nicht so realistisch. Urban Farming als Lifestyle hat sich das auf fünf Jahre terminierte Zwischennutzungs-Projekt Frau Gerolds Garten auf die Fahnen geschrieben. Die Köche des Restaurants bauen das Gemüse, die Früchte und Kräuter für den Zmittag und Znacht gleich selbst an. Dabei soll ein Park inmitten des ehemaligen Industriequartiers entstehen. In solchen Projekten sieht auch Zürich Tourismus Potential. „Zürich-West spielt eine grosse Rolle für uns“, sagt Zürich Tourismus Direktor Martin Sturzenegger. „Urban Farming“ passe sehr gut in dieses Trendquartier. Wo die Stadt mit Lifestyle. Angebot und Nachtleben lockt, erwartet man als Tourist nicht unbedingt Gemüsebeete und Beerenstauden. Der Überraschungseffekt sei hier einfach viel grösser als zum Beispiel am Bürkliplatz, wo die Natur ohnehin sehr präsent sei. In einen direkten Zusammenhang mit Branders Postulat möchte Tourismus Zürich aber ja nicht gestellt werden.

Dattelhain im Ödland Turbinenplatz?

Teure Design Läden

Ist Zürich-West bereit für den Stadtgarten? „Urban gardening funktioniert dort, wo es eine soziale Durchmischung gibt“, sagt Simone Brander, „denn es handelt sich um eine Bewegung von unten.“ Ob das in Zürich-West Zukunft hat, darüber wagt die Umweltfachfrau nicht zu spekulieren. Bisher geschieht Stadt-Agrikultur auf Vereinsebene. Mit der „essbaren Stadt“ jedenfalls könnte man einen globalen Trend institutionalisieren. Das ist möglich. Das schmucke Andernach, die erste «essbare Stadt» Deutschlands in Rheinland-Pfalz, war Auslöser für Simone Branders Forderung an die Stadt Zürich, auch hier Zucchetti und Spargeln Primeli vorzuziehen. Die Stadt Andernach wendet heute für die Pflege der ehemaligen Blumenbeete nur noch einen Zehntel der Kosten auf. Grün Stadt Zürich bepflanzt die Blumenrabatten heute dreimal pro Jahr neu. Würden die Blumenbeete nur noch zweimal pro Jahr mit Nutzpflanzen bepflanzt, liessen sich sicher Kosten sparen.

Schaut man sich in Zürich-West genauer um, entdeckt man einige Flecken, die man durchaus mit Gemüse bepflanzen könnte. Nicht nur auf der Josefwiese, in der Stadionbrache, sondern auch auf dem Turbinenplatz beim Puls 5, oder auch auf Privatgrund, wie an der Josefstrasse gleich bei den Viaduktbögen. Auf dem Vorplatz wurde ein Gartenarchitekt beauftragt ihn zu gestalten. Mit dem Resultat ist Hausabwart Benjamin Zuber weniger glücklich. „Mir wäre alles lieber als das da, warum nicht Gemüse? Das wäre doch schön für die Kinder, wenn sie miterleben könnten, wie das wächst.“

Bedenken, der Schadstoffgehalt im Gemüse aus der Stadt sei gesundheitsgefährdend räumt Brander aus: „Es wird ja niemand gezwungen, das Gemüse zu essen. Zudem sind Böden ausserhalb der Stadt nicht zwingend frei von Schadstoffen. In vielen Gegenden nahe von Autobahnen ist der Gehalt an Rückständen von Schwermetall nicht weniger hoch als hier in der Stadt. Ein Souvenir aus Zeiten vor dem bleifrei betriebenen Benzinmotor. Und das essen die Leute dann bedenkenlos. Das gilt auch für Gemüse aus ihren Schrebergärten und Balkontöpfen“.

Benjamin Zuber: Alles lieber als Ziergras

Zusammen im Garten Eden

In ihrem Postulat zur essbaren Stadt geht es der Gemeinderätin nicht um eine zweite Anbauschlacht. Und es geht ihr auch nicht bloss um Bio Diversität oder darum das ökologische Bewusstsein zu schärfen und grosse Transportwege zu vermeiden. Brander gehört zu jener Generation um die dreissig, die neue Formen der Solidarität ausprobieren wollen. Es ist eine Tatsache, dass es viele Leute in Zürich gibt, die den öffentlichen Raum gemeinsam neu verhandeln wollen. Und nicht nur ihren Schrebergarten oder ihr zu Hause. Das führt auch zu einem verstärkten Verantwortungsgefühl für den öffentlichen Raum. „Es braucht diese Diskussion, wie wollen wir als Bürgerinnen und Bürger unseren öffentlichen Raum gestalten? Die Beschilderung „Rasen betreten verboten“ wurde in den 70er Jahren entfernt. Seither ist viel passiert. Der nächste Schritt in diesem Prozess, die Gemeinschaft darf den Rasen nicht nur betreten, sondern mitbestimmen, wie er gestaltet werden soll.“ Dass diesem Volksbegehren Grenzen gesetzt sind, liegt auf der Hand. Auf die Frage, ob es nicht möglich sei, die Bevölkerung mitbestimmen zulassen, welche Pflanzen sie in öffentlichen Grünflächen haben wollen, sagt Axel Fischer von Grün Stadt Zürich: „Die Antwort ist einfach. Man kann es nicht allen Recht machen. Der Planungsprozess der Bepflanzung wäre unendlich.“

Graffitti und Gurken

Besteht uns ein Paradigmenwechsel bevor und sind wir auf dem Weg das einstige Guerilla Gardeding salonfähig zu machen? Bisher hat Grün Stadt Zürich die Kürbisse des stadtbekannten Guerilla Gärtners Maurice Maggi ausgerissen. Dies könnte sich ändern, wenn ein Umdenken in der breiten Bevölkerung stattfindet. Davon ist auch Brander überzeugt. „Ich hoffe, dass Zürich das anders sieht. Dieses Jahr hat die Stadt ja zumindest Blumensaat gratis verteilt, und so das Guerilla Gardening behördlich legitimiert. Als eine Informationsveranstaltung über das von mir initiierte Projekt „Garte über de Gleis“ stattfand, kamen über hundert Interessierte, es wird sich zeigen, ob die 30 Kistli für alle reichen.“ Brander hat in ihrer politischen Karriere jedenfalls noch nie zuvor so viel positives Feedback aus der Bevölkerung erhalten. „Das liegt wohl daran, dass meine Forderung für alle greifbar ist und keine abstrakte Änderung in einer Verordnung. Ich habe Anrufe aus der ganzen Schweiz erhalten.“ Ob die Stadt Zürich bald auf diesen Trend aufspringt, dürfte sich in den kommenden zwei Jahren zeigen. Die Stadt wird es nun prüfen.

„Dieselcrème-Süppli“ bei Giacobbo/Müller Foto: SRF / Nici Jost

Für humoristische Einlagen sorgt übrigens die mediale Verwirrung um die städtische Gemüsepflanzung. Brander findet die Karikaturen in der Presse auch sehr lustig: weidende Kühe auf Verkehrsinseln oder Obstplantagen auf Flachdächern. Urban Farming hat selbst die komödiantische Presseschau von Mike Müller und Viktor Giacobbo aufs Korn genommen: Stangensellerie sei in Zürich weniger beliebt wegen dem Schattenwurf.

Der Traum einer essbaren Stadt wird gelebt und diskutiert. Wir sind gespannt, wann wir uns von selbstgezogenem Gemüse ernähren können.