#Zürich West

Der letzte Mohikaner

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Erschien am 27.09.2012 auf Westnetz.ch

Wie Zürich doch noch zu einem „Nagelhaus“ gekommen ist

Eine funktionierende Wohlstandsgesellschaft braucht immer auch ein bisschen Widerspenstigkeit, damit sie „gesund“ bleibt. Und dafür sorgen unter anderem auch junge Künstler, die im urbanen Raum arbeiten. Einer von ihnen ist Navid Tschopp. Wenn er in den öffentlichen Raum interveniert, ist sein Ziel Interessen, und Widersprüche im öffentlichen Raum aufzuzeigen. So auch bei seiner neusten Aktion „Résistance“ am Wohnhaus an der Turbinenstrasse im Trendviertel Zürich West.

Im Kontext von Art and the City und einer Ausstellung im K3 Project Space hatte er eine Intervention an der Fassade der Restmauer der Hausnummer 10 angebracht. Mit grossen Lettern steht nun seit vergangener Woche RESISTANCE. Der Schriftzug ist grafisch dem jenem des benachbarten Hotel Renaissance nachempfunden. Der Hotelbesitzer Peter Schickling zeigte sich gegenüber der Presse (TA vom 19.9.2012) kulant, ihn störe die Schrift nicht, aber das Haus selbst allerdings schon, weil es die Zufahrt auch zu seinem Hotel erschwere. Die Aktion weist sehr deutlich auf einen Territorialkampf, der die Umgestaltung von Zürich West mit sich führt.

Das Haus an der Turbinenstrasse ist ein letzter Mohikaner im knallharten Immobilienmarkt der Stadt. Das Haus mit Baujahr 1893 hätte eigentlich längst abgerissen werden sollen, denn es blockiert die ungestörte Zufahrt zum Maag Areal. Doch die Besitzer weigern sich zu verkaufen. Navid Tschopp hat im Rahmen seiner Arbeit den ältesten Bewohner des Hauses befragt. Das aufgezeichnete Gespräch war in der Ausstellung im K3 zu hören. Der ältere Herr wehrt sich gegen die Argumentation der Baulöwen, dass eine Beseitigung des Hauses im Interesse der Öffentlichkeit geschehen würde. Er meint nicht ohne Schalk, es sei doch eher so, dass eben dieser Kontrast im öffentlichen Interesse stünde. Regelmässig kämen Passanten, Touristen und sogar Hotelgäste des Renaissance, um das Symbol des Widerstands zu fotografieren.

Das Arbeiterhaus gehört wie die Original Fabrikgebäude oder die Schrebergärten zu den letzten Überreste einer anderen Zeit, als die Arbeiterklasse das Quartier besiedelte. Nicht mehr viel erinnert daran, geschmeidige Glasbauten, Hochhäuser und betonierte Plätze sind der Rauheit gewichen. Keine Kieswege mehr, wenig natürlich gewachsene Vegetation sind um das Areal Escherwyss Maag und Förrlibuck geblieben. Bis auf dieses kleine Mehrfamilienhaus an der Turbinenstrasse. Und da steht es nun, ein wild wucherndes Biotop inmitten der durch designten Umgebung.

Freiheit versus Regulierung

Tschopp begleitet mit seiner Kunst die Umgestaltung von Zürich West in eine Hochburg der Dienstleistung. Tschopps Interventionen im öffentlichen Raum operieren bewusst in Gegensätzen und reagieren damit auf die Tendenz der Regulierung im öffentlichen Leben. „Wir sind keine trivialen Maschinen, wir brauchen Freiheit“, meint er, und diese beginnt im Kopf. Mit seinen Interventionen möchte er gegen die Selbstzensur in unseren Köpfen reagieren und Handlungs- und Denkmöglichkeiten aufzeigen, deren wir uns schon nicht mehr bewusst sind. Mittels witzigen Eingriffen im öffentlichen Raum hinterfragt Tschopp Konventionen und Normen und führt diese in den gesellschaftlichen Diskurs. Er plädiert für mehr Rechte des Einzelnen im urbanen Raum, für mehr eigenständiges Denken und Kulanz gegenüber dem Ungewohntem und Fremden.

Das Nagelhaus als Symbol des Widerstands

Tschopp verweist mit der „Résistance“ unter anderem auf eine Kontroverse der städtischen Kunstpolitik aus dem Jahr 2010. Damals lehnte das Stimmvolk einen Kredit für das Projekt „Nagelhaus“ am neu gestalteten Escher Wyssplatz ab. Der Hybrid von Architektur und Kunst war als Kiosk-Toilette gedacht und stammte vom Londoner Architekten Caruso St John und dem Berliner Künstler Thomas Demand. Die SVP hatte das Referendum gegen das geplante „Nagelhaus“ ergriffen mit der Parole „5.9 Millione für e Schiissi“. Dabei verdeutlichte dieses Nagelhaus nach einem Vorbild aus China auf die radikalen städtebaulichen Massnahmen, wie die Hardbrücke, die einen Stadtteil brutal zerschneidet. Somit ist es ein Symbol des Widerstands. Nun hätte Zürich West sogar ein Original-Nagelhaus, und dieses stehe an der Turbinenstrasse, meint Tschopp mit einem Schmunzeln.

„Der öffentliche Raum soll demokratisch bleiben“

Wegen der demografischen Entwicklung und der abnehmenden kulturellen (sozialen) und architektonischen Durchmischung bietet Zürich West immer weniger reizvolle Gelegenheiten für künstlerische Interventionen. Es sei sehr schwierig in diesem ‚öffentlichen‘ Raum zu operieren und ein Werk zu gestalten. Stadtteile mit grosser kultureller und sozialer Durchmischung bieten Navid Tschopp mehr Inspiration und Möglichkeit neue Kunstwerke zu realisieren.

Und tatsächlich fällt auf, wie viele Überwachungskameras die Neugestaltung von Zürich West mit sich gebracht hat. Soll der öffentliche Raum nach demokratischen Grundsätzen folgen, ist bereits das Schwinden von unüberwachtem Raum eine Einschränkung für die Freiheit eines Individuums.

foto: navid tschopp

Webseite des Künstlers Navid Tschopp

Schreibt mein Kunstwerk voll!

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Artikel erschien am 1. Juli 2013 bei Westnetz.ch

Die Klagemauer des Bahnhof Hardbrücke

Wände zuschmieren ist in Zürich-West unerwünscht. Ausser aktuell unter dem Bahnhof Hardbrücke. Der Künstler Carlo Zanni lädt dort Passanten ein, frisch von der Leber weg auf seine Plakatkunst zu kritzeln. Ein Moralapostel im guten Sinn.

Seit Donnerstag prangt in der Fussgängerpassage zu den Gleisen des Bahnhof Hardbrücke Plakatkunst vom norditalienischen Künstler Carlo Zanni aus Sepia. Siebzehn Meter lang und zwei Meterhoch. Mit der Plakatgestaltung des 38 jährigen Zanni endet das Kooperationsprojekt „17ZWEI goes International“ zwischen der Deutschen Bank und der Zürcher Hochschule der Künste. In dessen Rahmen ein Jahr lang alle sechs Wochen ein neues Kunstwerk gezeigt worden ist. (Westnetz berichtete).

Zannis künstlerische Mittel sind konkret und schlicht. Auf einer grossen weissen Fläche steht in übergrossen Lettern die simulierte Fehlermeldung aus dem Internet „404 NOT FOUND“. Passanten sind ausserdem gebeten, in den kommenden sechs Wochen auf das Werk zu kritzeln, malen und mitzuteilen, was ihnen im Leben wichtig ist.

ICH SUCHE, ALSO BIN ICH

Der Künstler stellt sich selbst und dem Publikum anhand seiner Konzeptarbeit die Frage: Welchen moralischen Werten folgen wir, um unseren Alltag zu meistern? Unter der Fehlermeldung „404 Not Found“ stehen vier Zeilen, die Wertbegriffe enthalten, die Zanni wichtig sind: Transparency/ Honesty/ Foolishness. Und diese imitieren einen Pfad im World Wide Web, auf dem der ein bestimmtes Bild (me_BIG.jpg) auf einem spezifischen Server – eben dem Localhost – gefunden werden soll. Localhost nennt man in der Websprache der lokale Rechner, wo eine URL Adresse aufgerufen wird.Was aber nicht gelingt, sondern eben die Standard Fehlermeldung 404 erscheint.

Carlo Zanni vor seinem Werk

Vom Technischen ins Philosophische übersetzt, heisst das soviel wie: Ich versuche durch die moralischen Werte Transparenz, Ehrlichkeit und Albernheit mich selbst in einer bestimmten Umgebung zu finden, oder wieder zuerkennen. So Zanni: „Wenn du als Mensch dein Leben nach bestimmten moralischen Werten führen willst, musst du oft mit dir selbst ringen.“ Zanni will seine Arbeit nicht als spezifische Kritik am digitalen Zeitalter sehen. Der simulierte Suchvorgang im Internet sei eine Metapher. Rechts neben der Fehlermeldung stehen zwei Rechtecke. In deren Zentrum ein Fragezeichen. Das eine ist gekennzeichnet als „Zurich City“, das andere als „EU“. Die Rechtecke stellen wiederum ein Konfigurationsproblem im Web dar. So sieht die Meldung eines Browsers aus, wenn eine Bilddatei beschädigt ist. In diesem Fall Verweise auf die Stadt Zürich und die Eruopäische Union.

MORALAPOSTEL DIESER WELT, GREIFT ZU STIFT UND KAMERA!

Die Fussgängerunterführung ist der meist frequentierte Ort in Zürich-West. Tausende Pendler strömen dort zur Stosszeit durch die Passage zu den Gleisen. Es ist nicht einfach sich dort mit einem Kunstwerk Aufmerksamkeit zu verschaffen. Die Leute sind zielgerichtet unterwegs und der Ort lädt nicht zum Verweilen ein.Der Vorteil ist hier der Umfang der Plakatwand. Zanni lockte die Vorstellung eine siebzehn Meter lange Passage zu bespielen, in der die Menschen keine andere Wahl hätten, als das Werk zu betrachten. Das passiere einem Künstler nicht sehr oft. Hier gibt es für die Passanten kein Entrinnen vor seiner Kunst. Ein Setting, das ihn reizte: Der Künstler wünscht sich, dass die Betrachter selbst die leer gelassenen Lücken im Plakat mit moralischen Leitmotiven füllen. Andere Werte sollen seine eigenen Glaubensvokabeln Fairness, Transparenz oder die Torheit, ergänzen. So greift das Vernissage Grüppchen bereits zu Stift und beschriftet das Plakat mit „Love“ oder „Dissatisfaction“.

Kurator und Künstler David Siepert beschreibt das Werk mit…

seinem Wert „Dissatisfaction“ (Missfallen)

Ich habe dem Künstler versprochen, die Entwicklung des Werkes fotografisch zu dokumentieren. Zanni liess absichtlich in der Struktur Lücken frei. Die Leute sind aufgefordert, in diese ihre eigenen Wortmeldungen niederzuschreiben. Bereits zwei Tage später haben Passanten die Wand beschriftet. „Müsliburg“ oder der beliebt und berüchtigte FCZ haben bereits ihren Platz gefunden. Ernst gemeinte Parolen sind bisher nicht auszumachen. Platz ist ausreichend vorhanden. Liebe Leserinnen und Leser, teilt uns mit, welche Werte euch wichtig sind, und schickt uns die Fotos. Die schönsten werden hier publiziert.

„DIE EINZIGE UNION, DIE WIR IN EUROPA HABEN, HEISST EURO“

Es stellt sich die Fragen, was es mit den beiden Fehlermeldungen „Bild nicht gefunden“ für die Bilddateien namens „EU“ und „City of Zurich“ auf sich hat. Zanni ist Italiener und pendelt wie die meisten Künstler seiner Generation zwischen verschiedenen Wohnsitzen. Bei ihm sind das Mailand und New York. Ist die Nebeneinanderstellung der Fehlermeldung „Europäische Union“ und „City of Zurich“ ein beabsichtigter Kommentar zum Verhältnis zwischen der Schweiz und der EU? Der Künstler verneint. Allerdings räumt er ein, dass zumindest ein Kommentar zur gescheiterten Mission „Vereinigtes Europa“ Absicht sei: „Die Europäische Union basiert auf seltsamen Werten“, wie der Künstler feststellt. „Es sind mehrheitlich Business Werte. Diese haben die europäische Wirtschaftskrise verursacht.“ Mit diesem Fazit reiht sich Zanni in die wachsende Gilde der EU-Kritiker ein. Die Währungsunion wird von vielen Philosophen, Ökonomen und Politikern als gescheitert betrachtet. Die Länder Südeuropas ersticken in Schulden und Arbeitslosigkeit, in Deutschland und Frankreich breitet sich EU-Müdigkeit aus. In Deutschland gibt es inzwischen bereits eine Partei der EU-Gegner. Die Grundidee eines Vereinten Europas war das Friedensprojekt, das aus dem Grauen des Zweiten Weltkriegs hervorgegangen war. Ist diese Vision nun gescheitert, weil die Währungsunion nicht den erhofften Erfolg gebracht hat? Das Problem sei, dass offenbar wirtschaftliche Motive in den Vordergrund gerückt seien, und nicht mehr die Erhaltung des Friedens in Europa, so Zanni. Deshalb glauben vielleicht die Leute nicht mehr daran.

Zanni erklärt der Reporterin sein Werk

ALBERNHEIT EIN MORALISCHER WERT?

Carlo Zanni präsentiert mit „Localhost“ eine Spielart des Selbstporträts im digitalen Zeitalter. Und verweist damit auf sich selbst als Mensch und Künstler: “Mein Werk simuliert eine Internet Fehlkonfigurationsmeldung für das Bild „me_BIG“, womit ich auf mich selbst verweise.“ Zanni trifft damit den Kern eines grossen Widerspruchs der menschlichen Existenz, die er selbst bestens kennt: „Der Suchpfad ist direkt nach den Werten benannt, an die ich persönlich glaube, die zu befolgen mir aber im Alltag bislang schwer fällt. Im Alltag öffnet sich manchmal ein Graben zwischen meinen moralischen Wertvorstellungen einerseits und andererseits meinem Handeln und meinen Aussagen. Unsere persönlichen moralischen Werte müssen wir immer wieder neu mit uns selbst und unserer Umgebung verhandeln.“

„Localhost“ lädt zur Alberei

Kann aber Foolishness, also Albernheit oder Torheit überhaupt als moralischer Wert gelten? Ja, meint Zanni, „unsere Torheit bringt oft eine Wende in unserem Handeln, Denken oder in unserer Interaktion mit anderen mit sich. Albern zu sein, helfe uns, uns zu verändern oder weiter zu entwickeln. Zanni möchte auch die Passanten zu spontanen albernen Tags ermuntern. Es sei eine Form von Graffiti. Mit dem Unterschied, dass das Überschreiben erwünscht ist, und „taggen“ das Werk erweitern. Wenn für Zanni Fairness oder Ehrlichkeit wichtige moralische Pfeiler sind, können für jemand anderen ganz andere Werte an erster Stelle kommen. Das zeichnet unsere Zeit aus: Es gibt keine allgemein gültigen, verbindlichen Moralvorstellungen mehr. Jeder muss sich selbst die seinen suchen. Diese Freiheit bedeutet aber auch Verlorenheit – da knüpft das Werk an.

Diva als Lebenshaltung?

Ironie des Schicksals könnte man es bezeichnen, wenn die Googlesuche zum Werk an zweiter Stelle unter der Homepage des Künstlers den Link von Schweiz Tourismus zeigt: Mit dem Titel „Vernissage Localhost von Carlo Zanni“. Will man auf die Seite zugreifen, kommt prompt die Meldung: „ Entschuldigung. Wir bitten Sie die gesuchte Veranstaltung direkt auf der Seite „Veranstaltungen“ mit Hilfe des Filters auf der rechten Seite zu suchen.“ Dort ist dann aber das Werk nicht aufgelistet, weder unter Städteevents noch bei. Das Werk aber lebt und wir sind gespannt, wie es sich in den kommenden Wochen verändern wird.

Alles neu im Löwenbräu mit Radio 24

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Alltagskultur zieht in den Tempel der Kunst

Artikel erschien am 11. April 2013 bei Westnetz.ch

Mit dem Umzug ins Löwenbräu schlägt Radio 24 ein neues Kapitel bewegter Radiogeschichte auf. Der Weg zum Radio der Zukunft beginnt mit einem komplett modernisierten System.

Radio 24 ist umgezogen. Am 8. April um sieben Uhr früh trägt Ufsteller Moderator Dominik Widmer den symbolischen Sendekoffer in den dritten Stock des Löwenbräu-Areals. Um Viertel nach sieben ertönt der erste Song aus dem neuen Studio 1 im ehemaligen Blauen Saal. Das Radiohaus bei der Tramstation Quellenstrasse ist hiermit endgültig Geschichte.

Der Umzug von Radio24 ist gross inszeniert. So wurde eigens für dieses Ereignis ein Zügelsong produziert, der die Zeit überbrückt, während das Signal live gezügelt wird. Auf der Strecke zwischen Quellenstrasse und Escherwyssplatz verkehrt ein kostenloses Radio24 Tram. Die Moderatoren animieren die Fahrgäste und verteilen Cupcakes.

Technisch zügelt man so ein Radio Signal natürlich nicht in einem Koffer, erklärt Geschäftsleiterin und Chefredaktorin Karin Müller. Das läuft über Leitungen vom alten ins neue Studio und dann über die bewährte Distribution. Radio 24 wollte den historischen Schritt in ein neues Studio zur Primetime in der Livesendung umsetzen. Damit Moderator und Crew Zeit haben, das Studio zu wechseln, läuft im Anschluss an die 7 Uhr News eine Produktion mit historischen Sendemomenten und eben dem Zügelsong.

„DIE NEUE HEILIGE HALLE VOM NUMMERE 1 VO ZÜRI“

In den letzten Wochen hätte sie und ihre Mitarbeiter eigentlich non-stop gearbeitet, sagt Müller. Mit dem Umzug wechselt die Radio24 Crew nicht nur den Arbeitsplatz, sondern die gesamte Studio Software und Produktionstechnik. Das ist eine grosse Herausforderung, und so sind an diesem historischen Zügeltag auch Spezialisten vor Ort, die den Radiomachern bei auftretenden Problemen zur Seite stehen. Wer den Telefonregler nicht mehr findet oder unsicher ist beider Faderbelegung ist in der Anfangszeit betreut. Die „Nummer 1 vo Züri“ kann sich schliesslich einen pannenbedingten Unterbruch nicht leisten. Radio24 ist das erfolgreichste Privatradio der Deutschschweiz und gehört seit 2012 zusammen mit TeleZüri zu den AZ Medien. Im Schnitt hören 300’000 Hörer am Tag Radio24 entweder über Lokalradiowelle oder digital.

Das neue Grossraumbüro

Die neuen Räumlichkeiten sind mit einem Hauptstudio und einem zweiten Studio für live Übertragungen ausgestattet. Gleich hinter den Studios eröffnet sich das Grossraumbüro, komplett weiss gestrichen und Licht durchflutet. An den Blauen Saal, den Off-Kunst-Space, der da einmal war, erinnern lediglich die original Oberlichtfenster aus blau gefärbtem Glas. Sie verweisen an die ursprüngliche Funktion des Saals: „Phänomenal dr blaui Saal, wo’sie s Bier händ küehlt dazumal“, erklärt auch der Zügelsong.

Der neue Standort im frisch renovierten Löwenbräu hat einige Vorteile: bessere Lüftung, Klimaanlage, sowie ein kompaktes Grossraumbüro auf einer Etage. „Die wichtigste Erneuerung ist das sogenannte integrierte Sendungs- und Produktionssystem “, sagt Geschäftsleiterin Karin Müller. Die Redaktoren haben keine fixen Arbeitsplätze, sondern sind im Redaktionsflügel entsprechend ihrer Aktualität im Sendeplan aufgereiht. Es gilt, wer näher am Studio 1 sitzt hat mehr mit der Sendung zu tun, die gerade on air ist. Dank dieser kompletten Umstellung Radio24 endlich auf den Weg ins „Radio der Zukunft“ machen kann.

Das neue Studio 1

Das Ziel ist, möglichst flexibel in Herstellung und Sendung von den drei Kompetenzfeldern Information, Unterhaltung und Musik zu sein. Mit der neuen Technik gehen alle aufbereiteten Inhalte zentralisiert in die Sendestrasse und können viel flexibler von mehreren Arbeitsplätzen am zentralen DJ Pult bedient werden. Die sendungsverantwortliche Person kann noch flexibler mit Inhalten jonglieren, diese herstellen oder produzieren, und das während laufendem Sendebetrieb. Auch lässt sich durch Vektorensplitting beispielsweise DAB+ und UKW verschieden bedienen.

„SOCIAL RADIO“

„Wir blicken auf ein hart umkämpftes Radiojahr 2012 zurück.“ sagt Karin Müller. Regional ist Ringier mit Radio Energy Zürich der grösste Konkurrent. In der gesamten Deutschschweiz ist aber der öffentlich rechtliche Sender SRF 3 der Sender mit Abstand am meisten Zuhörern. Da will sich Radio24 auch einiges einfallen lassen, um auf nationaler Ebene stärker zu werden. „Radio24 will auch 2013 die beste Musik und die wichtigsten News senden. Somit war die technische Umrüstung längst fällig“. Die jetzige Infrastruktur und Software entsprechen dem State of the Art der Radiotechnik. „Wir haben zwei Generationen des technologischen Fortschritts übersprungen. Jetzt sind wir auf dem allerneusten Stand“, so Müller.

„Nähe und Erlebnis, das ist Radio24“ so Müller. Vom neuen Studio aus soll auch die Hörerschaft stärker miteinbezogen werden. Vieles hat Müller, die seit 2008 die Geschäfte von Radio24 führt, bereits umgesetzt. Radio24 sendet seit 2011 bereits digital über DWB+ in die gesamte Deutschschweiz. Auf dem neuen Webauftritt ist das Prinzip der crossmedialen Kanäle über den Player auch bereits umgesetzt. Crossmediale oder die Strategie der Konvergenz bedeutet im Journalismus, Inhalte für die verschiedenen Medienkanäle aufzubereiten, Online, TV oder Hörfunk. So baut auch Radio24 sein Web-TV aus, um live von der stage24 oder aus dem Studio zu senden. Über das Web-TV will man auch näher an die Hörerschaft rücken:„Wir haben für den Dialog nicht nur Telefon, sondern auch den Social Media Strom am DJ-Pult. Wir wollen offen sein für die vielen Themen, die von aussen zu uns kommen. Es soll ein stetiger Dialog sein.“

Ufsteller Moderator Dominik Widmer

Unter der aktuellen Tendenz zur Konvergenz, stellt sich die Frage, inwiefern Tele Züri und Radio 24 in Zukunft näher zusammen rücken werden. „Ideen sind in Diskussion, das ist aber im Moment nicht unser Hauptfokus, weder bei Tele Züri, noch bei Radio 24.“

Das Popradio zieht in den Tempel der bildenden Kunst. „Wir verstehen uns als Kulturinstitution, wenn auch mehr als Lifestyle Produkt der Alltagskultur“, aber das Löwenbräu ist für uns ein sehr attraktives Umfeld, und ich hoffe, auch umgekehrt, dass wir das Haus beleben,“ sagt Karin Müller.

VOM PIRATENRADIO ZUM MARKTFÜHRER

Nicht mehr viel erinnert an die Anfänge von Radio 24. 1979 startete Medienpionier Roger Schawinski die Station als Piratenradio. Weil Privatradio in der Schweiz damals verboten war, sendete man vom norditalienischen Pizzo Groppera im Veltlin aus in den Raum Zürich. Schawinski organisierte sich die stärkste UKW Technik, die damals erhältlich war. Die Behörden setzten Schawinski stark unter Druck, den Sender zu schliessen. Er fand aber grosse Unterstützung aus der Zürcher Bevölkerung, so kam es im Winter 1980 zu Grosskundgebungen jenen legendären Szenen auf dem Bellevue. Nachdem die italienische Polizei den Sender mehrmals geschlossen hatte, kämpfte Schawinski für eine legale Sendekonzession in der Schweiz. 1983 ging schliesslich Radio 24 legal über ein Signal vom Uetliberg on air.

2001, einen Monat vor 9/11, verkaufte Schawinski das Radio für 90 Millionen Franken an Tamedia. Und im Mai 2011 verkaufte sie Radio 24 für die geschätzte Hälfte an den Verleger Peter Wanner, Eigentümer der BT Holding, die die AZ Medien besitzen. Es war lange klar, dass man aus dem alten Radiohaus raus musste. Unter der Tamedia wäre das Radio an die Werdstrasse gezogen. Mit diesem Verkauf musste auch ein neuer Standort für Radio 24 gefunden werden. Die Zeit drängte, ab Juli 2012 erst konnte man sich mit der Standortfrage verbindlich beschäftigen, da dann der Besitzerwechsel vollzogen war.

 

S NUMMERE EIS VO ZÜRI IN AARGAUER HAND

Peter Wanner, Besitzer der AZ Medien sagt „Löwenbräu steht für Aufbruch“. Der Verleger ist froh über diesen Umzug. Für ihn sei klares Ziel, dass das Radio 24 Nummer eins der deutschsprachigen Radiosender bleibe. Am Sonntag vor dem Umzug war er zu Gast bei „Giaccobo/Müller“ und stellte sich der spitzen Zunge von Viktor Giaccobo. Er sei ja nicht immer Verleger gewesen, sondern ein linker Chaib. Inzwischen sei er aber vernünftig geworden. Mit der Übernahme der Marken Radio24 und TeleZüri und TeleBärn ist der Alt-68er jetzt in die Gilde der mächtigsten Verleger aufgestiegen.

Radio24 sendet zwar nach wie vor aus seiner Homebase, dem Kreis 5. Das Ziel sei weiterhin nationaler zu werden, so Wanner. In einem Interview in der Bilanz sagt Wanner: „Mit Tele M1 verfügen wir über ein Bindeglied zwischen diesen beiden Sendern, das Tamedia fehlte. So können wir quasi eine Fernsehstrasse der A1 entlang von Zürich nach Bern legen.“ Das Radio 32 aus Solothurn musste er verkaufen, da ein Verlagshaus rechtlich höchstens zwei Privatradiostationen besitzen darf. Das AZ Imperium breitet sich aus. Auch im Grossraum Basel könnte Christoph Blochers BAZ Medien einen starkenKonkurrenten erhalten. Wir dürfen gespannt sein, wie sich Radio 24 in Peter Wanners Medienreich zum Radio der Zukunft entwickeln wird.

Titelfoto: Karin Müller und Dominik Widmer